„Besties 4 Ever“
Ein neuer Tag! Der Körper ist wieder fit, die Sorgen von gestern Abend erscheinen lächerlich klein und die Hoffnung verkündet die Möglichkeit, dass heute wieder etwas Tolles passieren könnte. Der Alltag der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft (Tom Holland) gleicht jedoch einem düsteren Hamsterrad. Nachdem alle seine Liebsten, wie auch bester Freund Ned (Jacob Batalon) und große Liebe MJ (Zendaya), die Existenz von Peter Parker im Finale von SPIDER-MAN: NO WAY HOME (2021) vergessen haben, lebt Peter nur noch fürs Heldengeschäft. New York scheint auch nach wie vor der Lieblingsplatz von Oberschurken wie Scorpion (Michael Mando) oder Tombstone (Marvin Jones III) zu sein. Die Standleitung zu Detective Jean DeWolff (Liza Colón-Zayas) und dem Polizeifunk macht aber kaum glücklich. Zum Glück hat Ned etwas Social-Media-Präsenz, so dass Peter indirekt am Leben seiner besten Freunde als anonymer Follower teilhaben kann. MJ und Ned haben erfolgreich die Universität abgeschlossen, ohne ihn. Es sollte die beste Zeit ihres Lebens nach der Highschool werden und jetzt muss sich Peter auf dunklen Dachböden verstecken.

Zudem plagen ihn enorme Kopfschmerzen und sein mutantisch frisierter Körper scheint eine ungeahnte Entwicklung durchzumachen. Er braucht Hilfe. Die findet er beim Professor Wut: Bruce Banner (Mark Ruffalo). Als ob das nicht schon genug Probleme wären, taucht jemand mit der Fähigkeit auf, der sein Bewusstsein von einem Körper zum nächsten transferieren kann. Spidey ist dagegen zum Glück immun, aber nicht seine Freunde, die nichtsahnend zu potenziellen Geiseln werden können.
So viel zur Handlung des neusten Spider-Man-Abenteuers SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY. Man kann immer recht trocken einen groben Überblick geben, denn bereits nach ein paar Minuten Film bewegt man sich schnell auf Spoiler-Territorium, das einen schnell in Punisher-Laune versetzen kann. Der spielt übrigens auch mit, verkörpert von Jon Bernthal.

Beste Besetzung
Irgendwie ist man doch froh, dass die Spider-Man-Filme mit Tom Holland keine Trilogie sind, sondern weitergehen. Dem MCU gehen auch eindeutig die sympathischen Figuren aus. Aber auch hier lässt es sich Marvel nicht nehmen, mit den genannten Gastauftritten zu punkten und sogar Yelena Belova/Black Widow (Florence Pugh) das Ganze aus einem Banja moderieren zu lassen. Wir leihen uns ihre Analogie: Die New Avengers hantieren mit den großen Kartoffeln und Spider-Man eben mit den kleinen. Die kleinen Kartoffeln schmecken nicht nur besser, sondern auch besser verdaulich. Zurück aus der Küche: Spider-Man und Peter Parker erlebt man im Kino einfach gern, weil sie nicht gleich mit dem Weltuntergang zu tun haben, ein recht durchschnittliches Privatleben führen und jung sind. Das junge Publikum ist im gleichen Lebensabschnitt und kann sich perfekt in den Helden und seine Freunde hineinversetzen und das ältere Publikum erinnert sich gern an die eigene Jugend.

Er wird nicht ohne Grund „Die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft“ genannt – er könnte ein Nachbar von uns allen sein. Und Tom Holland gelingt die sympathische Verkörperung perfekt: nicht arrogant, nicht mit dem silbernen Löffel im Mund geboren, okay superintelligent und mutierte Spinnen-DNA, aber manchmal auch etwas tollpatschig und naiv. Sein Freundeskreis bewegt sich auch in „durchschnittlichem Wohlstand“ aus WG-Leben, einfacher Kleidung und lebendiger Nachbarschaft. Dieses New York mag es vielleicht nur hier im Film geben, aber dieses Großstadtleben ohne Eigentumswohnung im 80. Stockwerk und Portier kommt verdammt bodenständig rüber.

Beste Zutaten
Neben diesem wichtigen Bestandteil eines nahbaren Helden – und kein Königssohn, sorry Black Panther – macht SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY noch ein paar andere Dinge genau richtig. Der Held macht eine Entwicklung durch, vom melancholischen Eremiten, der sich selbst kasteit, soziale Kontakte meidet und sein Leben der Superheldenkarriere unterordnet – ja ihr Bros da draußen, das geht nicht gut aus, ausschließlich ein Leben zwischen Job und Fitnessbude zu führen. Peter bekommt neue körperliche Probleme mit seinen Kräften, die er – so muss es sein – später in Stärke umwandelt. Sogar mit einem schönen moralischen Hinweis von MJ: Nein zur Biotechnologie und Ja zum eigenen Selbst. Eine weitere beliebte Filmzutat: Fast wie in einer Soap-Opera wurde dem Helden etwas genommen (seine sozialen Kontakte) mit Hilfe der Amnesie.

Die Freunde spielen hier wieder mit und wir kommen doch wieder näher an unseren Helden heran, den wir sehen: Er könnte auch mit uns befreundet sein. Wichtigste Zutat für diesen Genrevertreter ist der Schurke bzw. die Schurkin und SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY kommt sogar mit einem Doppel-Wumms um die Ecke. Zum einen gibt es eine düstere Regierungsbehörde, die sich Damage Control nennt, und zum anderen gibt es einen übermächtigen Gegenspieler, der nicht mit physikalischer Stärke agiert, sondern mit „übernatürlichen“ Fähigkeiten. So bekommen wir sogar ein Doppelfinale in diesem zuckersüßen Sommerkino. Die Dramatik und Geschwindigkeit fallen nach dem ersten Finale zwar zu Boden, wie die eigene Laune nach einer leeren Tüte Rainbow Pixel Sauer, kommt dann aber gelungen zurück, ohne Feuerwerk mit viel Menschlichkeit und Wohlfühldramatik. So etwas hatte man schon lange nicht mehr, dass man eigentlich schon seine Sachen packen wollte und dann noch einmal direkt in den Kinosessel gepresst wird und die Emotionen der Sitznachbarn hörbar werden.
Fazit
Es ist, wieder einmal, geglückt: SPIDER-MAN: BRAND NEW DAY macht Freude, ist auf Augenhöhe mit seinem Publikum und kann sogar wieder etwas Bock auf weitere Marvel-Superheldenfilme entfachen. Wer hätte das gedacht? Vielleicht liegt es aber auch an der liebenswerten Trio-Clique, mit der man einfach gerne Zeit verbringt, auch wenn sie nicht weiß, dass es uns gibt.
Chefredakteur
Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter


