SORCERER Atemlos vor Angst Review

#2 FLUXVergangenheitsblicke – SORCERER

SORCERER (dt. ATEMLOS VOR ANGST)

William Friedkins „bester Film“ (nach eigener Aussage des Machers) ist in der Tat eine der intensivsten Filmerfahrungen überhaupt und ohne Übertreibung ein Höhepunkt des US-amerikanischen Kinos der 1970er Jahre. Da dies mein Lieblingsjahrzehnt ist, rangiert SORCERER unter meinen ewigen Top 20. Grund genug, ihn nach nochmaliger Sichtung hier im Zuge meiner #FLUXVergangenheitsblicke hervorzuheben, zählt er überdies zu den am schlechtesten behandelten Klassikern, die man unbedingt einmal im Leben gesehen haben sollte.

SORCERER Atemlos vor Angst William Friedkin
Regisseur William Friedkin am Set © Universal/Paramount

SORCERER ist kein typisches Remake – in diesem Falle von Henri-Georges Clouzots LOHN DER ANGST (LE SALAIRE DE LA PEUR, 1953) – sondern vielmehr als Re-Vision von Henri Georges Girards gleichnamigem Buch (1950) zu betrachten. (Girard veröffentlichte auch unter seinem Pseudonym Georges Arnaud.) Und selbst wenn die Story in allen Varianten im Grunde die gleiche ist – vier Individuen unterschiedlicher Nationalität begeben sich im Auftrag einer südamerikanischen Ölfirma auf ein Himmelfahrtskommando, um den verheerenden Brand einer Ölquelle mithilfe einer Sprengstoff-Druckwelle zu „löschen“ – so hebt sich Friedkins Version in seiner Intensität von den ohnehin schon beeindruckenden Vorwerken noch einmal deutlich ab.

SORCERER Atemlos vor Angst Review
© Universal/Paramount

Man muss die beiden Franzosen jetzt gar nicht sehen bzw. lesen, sondern kann unmittelbar in Friedkins Adaption eintauchen. Eine Sichtung auf Blu-ray ist unumgänglich, mehr dazu am Schluss dieser Besprechung. Wer es genießen kann, dass in einigen der besten Filme kaum gesprochen wird, der kommt bei SORCERER vollends auf seine Kosten. Friedkins Magnum Opus erzählt fast ausschließlich über seine intensiven, immersiven Bilder, über das berauschende Sound Design sowie die punktuell eingesetzten musikalischen Klangkörper von Tangerine Dream. Nach gut 25 Minuten ist abgesteckt, wer sich warum im tiefsten Dschungeldickicht des südamerikanischen „Porvenir“ befindet, die Backgroundstorys um den mexikanischen Killer Nilo (Francisco Rabal), den palästinensischen Attentäter Kassem (Amidou), den französischen Geschäftsmann Victor (Bruno Cremer) und den irisch-US-amerikanischen Gangster Jackie (Roy Scheider) sind in der integralen Fassung (121 Min.) als einführende „Vignetten“ zu beobachten. Ab Minute 30 bis zum finalen Bild befinden wir uns schließlich für unvergessliche anderthalb Stunden in einer bisweilen surreal anmutenden Tropenwelt, wo es ausschließlich heißt: Mensch contra Natur.

SORCERER Atemlos vor Angst Review
© Universal/Paramount

Der Regen prasselt in diesem Film bereits ungleich schonungsloser, als er es später noch in Ansätzen in Michael Manns DER EINZELGÄNGER (THIEF, 1981) oder Ridley Scotts BLADE RUNNER (1982) vermochte. Tatsächlich reflektieren die ab Minute 30 folgenden Bilder von SORCERER den ungeheuren Aufwand, den unbarmherzigen Anspruch des Regisseurs, ausschließlich an Originalschauplätzen, in natürlichem Terrain zu drehen. Beständig führt uns die Kamera entlang höchst unwegsamer Waldpfade, Schlammgruben, Steilpässe und nicht zuletzt bedrohlich knackender (und brechender) Hängebrücken über ansteigenden Tropenflüssen. Diese geradezu naturgewaltigen Bilder versprühen eine Schonungslosigkeit und Authentizität, die ich so bisher nirgends gesehen und gespürt habe. In jeder Sekunde wird nicht nur die lebensbedrohliche Anspannung vermittelt, mit welcher die Figuren klarkommen müssen, sondern die schiere Ausweglosigkeit, dass am Ende – trotz aller fast schon übermenschlicher Anstrengungen – vielleicht gar kein Ziel mehr erreicht werden kann. SORCERER ist der perfekte Odyssee-Film, der nie langweilt, sondern absolut mitreißt und mich auch bei wiederholter Sichtung meine Fingernägel ganz tief in die Armlehnen des Fernsehsessels bohren lässt.

SORCERER Atemlos vor Angst Review
Roy Scheider als Jackie Scanlon/Juan Dominguez © Universal/Paramount
SORCERER Atemlos vor Angst
Französisches Mediabook von La Rabbia

Dass SORCERER so funktionieren kann, wie er es in seiner ungekürzten und unveränderten Fassung tut, ist nachdrücklich der Entscheidung seines Machers zu verdanken, hier ausschließlich über Bilder zu erzählen. Auch die Reise in der kompletten zweiten Hälfte wäre leicht in einem Satz zusammengefasst, doch soll es hier gerade nicht darum gehen, etwas rasterartig abzustecken, zu erklären und möglicherweise mit der Feststellung ob eines irgendwie doch recht dünnen Drehbuchs zu enden. SORCERER möchte als Film, dass der Zuschauer vollends in ihn eintaucht, ihn fühlt – etwas anderes erzählen die Bilder des Sprengstoff-Transports verteilt auf zwei Trucks und vier Fahrer nicht. SORCERER ist 200 Meilen Durchhaltekraft, millimetergenaue Justierung, oberste physische Schmerzgrenze und zuletzt das lebensnotwendige Vertrauen diesem einen Partner gegenüber, dessen persönlichen Hintergrund man eigentlich gar nicht zu kennen braucht. The goal is to survive. Zuletzt zählt reiner Wille und die Hoffnung, dass man nicht im tiefsten Dschungel hinter sich gelassen oder getötet wird, sondern die Mission erfüllen kann. Irgendwie. Daher ist und bleibt SORCERER für mich einer der menschlichsten Filme, in dem Sinne, dass er den Menschen zeigt, wie er wirklich ist: als kämpfendes Tier mit dem größten Willen von allen, ehrfürchtig, doch nicht gänzlich hilflos im Angesicht roher Naturgewalt. Wenn SORCERER auch nur eines schafft – und er schafft so vieles mehr – dann am Beispiel von nur zwei Händen und einer Seilwinde zu vermitteln, wie stark der menschliche Überlebensinstinkt überhaupt sein kann.

SORCERER Atemlos vor Angst Review
© Universal/Paramount

In SORCERER prasseln viele Elemente auf die Charaktere – und uns Zuschauer – ein: Feuer, Öl, Wasser, Sprengstoff, knirschendes und explodierendes Holz, zerfetzte und verkohlte Leiber. Die eindrücklichste Stelle noch vor dem motorisierten Urwald-Trip ist eine „Bestattungsszene“: durch die gewaltige Explosion der Bohrstation verbrennen zahlreiche Arbeiter binnen Sekunden in rasanten Feuerstürmen. Sobald die in Folie verpackten, kohlschwarzen Leichen den im Dorf ansässigen Angehörigen übergeben werden, setzt kurzzeitig völlige Stille ein. Die absolute Tragik und Ergriffenheit wird auch hier auf Bild- und Tonebene maßgeblich vermittelt: Wie arme Menschen von der Raffgier von Ölkonzernen bis zum Tod versklavt werden und den wuttrauernden Mitbürgern zuletzt noch Gewalt entgegengebracht wird. Einzig das Geld bleibt als (Ver-)Handlungsmittel, scheint die letzte gültige Einheit in diesem selbst errichteten Gefängnis der Menschen zu sein. Dass nicht einmal dies überdauert, sondern der letzte Überlebende ganz am Ende nach erfolgreicher Ausbezahlung erschossen wird (nur im Off zu hören), passt zu Friedkins harschem Pessimismus, der in keinem Film besser zur Geltung kommt als hier – und der ihn bei einem größeren Publikum immer unbeliebter machte. SORCERER ist der künstlerische Höhepunkt aber auch Wendepunkt in Friedkins Karriere, dessen Filme auch vielen Kritikern zu düster wurden.

SORCERER Atemlos vor Angst Review
© Universal/Paramount
SORCERER Atemlos vor Angst
Blu-ray Amaray (UK)

Vielen Filmen, gerade gegen Ende des New Hollywood, an dessen Scheideweg sich auch dieses Werk befindet, wird nachgesagt, STAR WARS hätte ihnen letztlich das Genick gebrochen. Bei SORCERER trifft dies tatsächlich datumsgenau zu, löste Friedkins erster Film nach vier Jahren zunächst für eine Woche George Lucas’ Weltraumoper in ein paar der größten Landeskinos ab – nur um eine Woche später hochkant gegen diesen wieder aus dem Programm zu fliegen. Seine Produktionskosten von knackigen 22 Mio. Dollar spielte SORCERER nie ein.

SORCERER Atemlos vor Angst
französische Ultimate Edition von La Rabbia

SORCERER wurde für den internationalen Markt schließlich um 29 (!) Minuten gekürzt, lief mit 92 Minuten völlig zerstückelt und innerhalb der Erzählung zusätzlich vertauscht. So sind die „Vignetten“ dort als (zensierte) Rückblenden während der Dschungelszenen zu sehen. 2014 wurde eine Restaurierung unter Bewilligung Friedkins produziert, die zumindest in den USA und seit kurzem auch in England als integrale Fassung auf Blu-ray veröffentlicht wurde. Das schmale Mediabook von Warner Bros. USA ist hinsichtlich Regionalcode universell abspielbar (code free) und hat im Booklet Ausschnitte aus Friedkins Autobiografie „The Friedkin Connection“ nebst gelungenen Szenenfotos abgedruckt. Dann gibt es noch die französische Collector’s Edition mit Blu-ray+DVD samt in Filmhüllenformat gestaltetem Nachdruck des Original-Drehbuchs, alles in einen schönen Schuber gepackt. Zusammen mit dem einflussreichen Score von Tangerine Dream und ggf. neuen audiovisuellen Extras ist eine sorgfältige VÖ von ATEMLOS VOR ANGST im deutschen Sprachraum das nächste ultimative Ziel. Hierzulande bleibt noch zu beachten, dass es zwei deutsche Synchronfassungen (1977 und 2014) gibt. Während die deutsche Original-Synchro letztlich auf die 92-Minuten-Fassung abgestimmt war und hierzulande ausschließlich auf VHS erhältlich ist, wurde der Film erstmals 2015 in voller Länge bei arte – mit der neuen Synchro – gezeigt. Die Rechtelage für Blu-ray-/DVD-Auswertungen in D scheint nach wie vor sehr schwierig. Dennoch und mit einem wiederholten Aufruf an alle Labels da draußen gilt: go for it!

Titel, Cast und Crew

Atemlos vor Angst (1977)
OT: Sorcerer

Poster

SORCERER Atemlos vor Angst

Kinostart

13.04.1978 (Westdeutschland)

Regisseur

William Friedkin

Trailer

Englisch

Sprecher

Roy Scheider (Jackie Scanlon/Juan Dominguez)
Bruno Cremer (Victor Manzon/Serrano)
Francisco Rabal (Nilo)
Amidou (Kassem/Martinez)
Ramon Bieri (Corlette)
Peter Capell (Lartigue)
Karl John (Marquez)

Drehbuch

Walon Green

Buchvorlage

Literaturvorlage ist „Lohn der Angst“ (Le Salaire de la Peur) von Georges Arnaud (Henri Georges Girard) aus dem Jahr 1950

Kamera

Dick Bush
John M. Stepehens

Musik

Tangerine Dream

Schnitt

Robert K. Lambert
Bud S. Smith

Filmlänge

121 Minuten

FSK

ab 16 Jahren
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20

Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen

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