Slaughter (1972) – Filmkritik

Manchmal will man kein 5-Gänge-Menü, kein Superfood, keine Gourmetküche oder ähnliches. Ab und zu ist es an der Zeit für die gute einfache Hausmannskost ohne großen Schnickschnack. SLAUGHTER ist genau der richtige Film, wenn man am Abend keine verkopften Metaphern, überlappende Zeitschleifen, filmhistorische Referenzen oder große Charakterrollen sehen will. Wie ein Schuss aus der Kanone fliegt Jim Brown als titelgebender Slaughter in einen südamerikanischen Verbrecherring. Er will Rache für den Mord an seinen Eltern. Dieser handfeste Blaxploitation-Prototyp ist aber in manchen Momenten viel mehr als ein B-Movie mit hauchdünner Analogie im James-Bond-Setting.

© Wicked-Vision Media

Handlung

Ein älteres Ehepaar steigt beschwingt vom Abend in seinen Mercedes, der sich innerhalb eines Wimpernschlags in einen Feuerball verwandelt. Es waren die Eltern des Vietnam-Veterans und Ex-Green-Beret-Captain Slaughter (Jim Brown). Er will Rache. Schnell stellt sich heraus, dass die kriminellen Geschäftspartner des Vaters dahinterstecken. Slaughter stellt die Ganoven bei ihrer Flucht auf dem Rollfeld mit ein paar Schüssen zur Rede. Der Boss entkommt. Es ist Dominic Hoffo (Rip Torn). Slaughter wird vom Finanzministerium (!) für den Mord an den Gangstern verhaftet. Er hat mit seinem eigenmächtigen Handeln eine monatelange Beweisführung gegen ein Syndikat zunichte gemacht. Price (Cameron Mitchell) gibt ihm die Chance, er soll nach Südamerika fliegen, den Oberboss stellen und den Standort eines geheimen Computers herausfinden. Slaughter stellt klar, er fliegt hin, aber nur nach seinen Regeln. Dort angekommen, muss er sich mit seinem neuen Partner Harry Bastoli (Don Gordon) arrangieren. Aber nach der ersten handfesten Diskussion kommen beide miteinander aus und Harry ist froh, dass es ab sofort nur noch in eine Richtung geht, nach vorn. Mit Hilfe der Geliebten des Schurken, die kleine, aber kurvenreiche Ann Cooper (Stella Stevens), verbindet Slaughter das Nützliche mit dem Schönen.

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Mr. Cool

Der ehemalige Footballspieler Jim Brown ist eine Erscheinung. Seine physische Präsenz allein lenkt schon das Augenmerk auf sich und sein minimales Mimenspiel fordert den Zuschauer geradezu heraus nach Emotionen zu suchen. Der Protagonist wie aus Titan gehauen lässt sich jedoch nicht in die Karten blicken. Er wirkt nie aufgesetzt oder amateurhaft, ihm wohnt eine angeborene Coolness inne und das verschafft SLAUGHTER auch seinen hohen Bekanntheitsgrad im Genre. Jeder wollte sein wie er und Anfang der 1970er Jahre befand sich die ethnische Gleichstellung noch in den Kinderschuhen. Natürlich gibt es jede Menge Actionszenen mit ihm, die sich auch nicht davor scheuen, ihr niedriges Budget zu verbergen. Aber es sind vor allem die kleinen Gesten und wenige Sätze, die dem Protagonisten Stil aneignen und nach dem Abspann im Gedächtnis verbleiben. Zum Beispiel, wenn kurz vom Finale Slaughter noch während der Wagen zum Anhalten driftet, bereits aus der Beifahrertür mit der doppelläufigen Schrotflinte emporsteigt und die ersten Schurken umpustet. Oder wenn Slaughter sein Geständnis unterschreibt, Price am Kragen über den Schreibtisch zerrt und deutlich klar macht, wer hier wem „gehört“.

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Die Frauen

In SLAUGHTER gibt es nur zwei weibliche Rollen. Das ist nicht sonderlich wenig, da der Cast überschaubar ist. Zum einen haben wir die anstrengende Kim (Marlene Clark), die kaum Rückgrat und zu wenig Profil zeigt. Dann ist da noch Ann, die sich ihrem Schicksal als Gangsterbraut schon ergeben hat, aber an Slaughter Gefallen gefunden hat. Doppelagentin hin oder her, diesen coolen Typen wird sie sich nicht entgehen lassen. Das geschieht schon auf einem fast verliebten Level, keine Unterdrückung des fast zwei Köpfe größeren Schwarzen, sondern leidenschaftliche Liebe, die sogar auf den Bettlaken sichtbar wird. Ein schwarzer Mann und eine weiße Frau im Liebesakt auf Celluloid? Vier Jahre vorher hätte das noch zum Skandal gereicht. Stella Stevens (DER VERRÜCKTE PROFESSOR, 1963) gelingt es locker mit ihrer Rolle umzugehen ohne ein Miststück zu werden. Wenn der Bösewicht am Ende auf sie einschlägt, ballt auch der Zuschauer seine Fäuste zur Rache.

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Inszenierung

Die Produktion findet mit Hilfe eines erkennbar niedrigen Budgets statt. Gedreht wurde in Mexiko, was aber auf Grund der staatlichen Sorge, Mexiko könne gewaltsam erscheinen, einfach im Drehbuch auf „Südamerika“ aufgerundet wurde. Dem aufmerksamen Betrachter wird nicht entgehen, dass selbst die Szenen in den USA zu Beginn auch in Mexiko gedreht wurden. Selbst das Finanzministerium hat denselben Innenputz wie das Hotel, aber dafür wurde nicht an coolen Outfits, glänzenden Schlitten und roter Farbe gespart. Typisch für die 1970er Jahre quellen grell rote Farbkleckse aus den Schusslöchern der Bösewichte. Dario Argento hätte seine Freude. Die Kamera hat zum größten Teil die Aufgabe nicht im Weg zu stehen, aber ab und zu verpasst auch sie dem Film einen visuellen Style. In einigen Kampfszenen wird das Bild zum starken Weitwinkel gestaucht und sogar ein paar Aufnahmen wissen mehr zu erzählen als die Handlung. Zum Beispiel, als Ann allein im Restaurant wartet und hinter Gitterstäben isoliert ist. Spätestens, wenn Slaughter nach getaner Arbeit einfach davonfährt, keine Happy-End-Küsschen verteilt und von Party keine Spur ist, weiß man, dass Quentin Tarantino SLAUGHTER sicherlich einige Male gesehen hat. Er dankt es dem Streifen in dem er den Titelsong von Billy Preston in INGLOURIOUS BASTERDS (2009) ertönen lässt.

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„They all got rhythm. “

Wie kommt man nun in den Genuss dieser geradlinigen Blaxploitation-Perle? Ende 2020 eröffnete Wicked Vision mit SLAUGHTER auf Blu-ray ihre Black Cinema Collection. Ein guter Start in die Reihe, der sicherlich vielen zusagen wird und auch als einer der ersten Wegbereiter gilt. Im Scanavo-Keepcase (eine hochwertige breiten 2-Disc-Hülle) gibt es SLAUGHTER auf Blu-ray und DVD. Beim Ton (2.0) kann man bei Deutsch zwischen gefilterter und ungefilterter Lichttonspur wählen. Aber nicht zu viel erwarten, denn selbst beim Ton in Original gibt es kleine Momente mit Nachsynchronisation. Vor allem bei Harry passiert es zwei Mal sehr auffällig. Diese Makel in der Filmproduktion machen aber das Genre aus und Fans lieben es dafür. Das HD-Bild ist sauber, aber nicht zu glattgebügelt. Es erinnert an die gute Qualität wie zum Beispiel bei den Kollegen der OFDb mit FRAUEN IN KETTEN (1973).

Zum Release gibt es noch ein kleines Booklet von Christoph N. Kellerbach. Bei den Extras auf der Scheibe befindet sich ein neu produzierter Audiokommentar von Dr. Gerd Naumann und Christopher Klaese, die sich leider sehr wenig auf das aktuelle Geschehen im Film beziehen, aber dafür jede Menge filmgeschichtliche Informationen bieten. Ein Featurette „Der Gangster als stilbewusster Antiheld“ ist mit seinen sehenswerten 24 Minuten das Highlight im gesamten Bonusmaterial. Diese gelungene Ehrerbietung der Coolness ist auf 1.500 Stück limitiert und kann sogar mit einem großen Leerschuber für alle zehn Titel direkt beim Label bestellt werden. Geschmeidiges Preis-Leistung-Verhältnis für 24,99 €.

Der nächste Titel in der Reihe ist ZEHN STUNDEN ZEIT FÜR VIRGIL TIBBS (1970) mit einem fantastischen Sidney Poitier.

Fazit

SLAUGHTER wird immer ein 007-Image zugesprochen, aber dafür ist dieser Antiheld einfach zu cool, um sich der Obrigkeit wie dem britischen Empire anzubiedern. Slaughter braucht keine Lizenz, er tötet einfach, Frauen behandelt er respektvoll und seinen Feinden schenkt er einen qualvollen Tod. Den damaligen Kinohit, der es sogar zum Sequel SLAUGHTER’S BIG RIP OFF (1973) brachte, kann man sich jetzt respektvoll ins Filmregal stellen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewSlaughter (1972)
Poster
RegisseurJack Starrett
Releaseseit dem 18.12.2020 auf Blu-ray in der Black-Cinema-Collection

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Trailer

Englisch
BesetzungJim Brown (Slaughter)
Stella Stevens (Ann)
Rip Torn (Dominic Hoffo)
Cameron Mitchell (A.W. Price)
Don Gordon (Harry)
Marlene Clark (Kim)
Robert Phillips (Frank)
Marion Brash (Jenny)
Norman Alfe (Mario Felice)
DrehbuchMark Hanna
Don Williams
FilmmusikLuchi De Jesus
KameraRosalío Solano
SchnittRenn Reynolds
Filmlänge92 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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