Skyfall (2012) – Filmkritik

Inhalt/Teaser

James Bond (Daniel Craig) erhält zusammen mit der MI6-Agentin Eve (Naomie Harris) den Auftrag, eine Festplatte mit geheimen Daten in der türkischen Hauptstadt Istanbul zu sichern. Die beiden jagen den aggressiven Widersacher Patrice (Ola Rapace), einen französischen Söldner. Beim letztmöglichen Versuch nach einer langen Aktionskette von Angriffen und Verfolgungen muss Eve einen tödlichen Schuss riskieren, um Patrice auszuschalten; dabei trifft sie aber nur 007, der in die Tiefe stürzt. Zusammen mit den Bildern der bewegungslos unter Wasser gleitenden Hauptfigur beginnen die Vorspanntitel, die ganz traditionell bereits diverse Motive von SKYFALL in einzelnen bildlichen Impressionen vorwegnehmen; hier sieht der Zuschauer bereits Elemente des Falls (Fall und Verfall einzelner Figuren), animierte Schatten, die als kaum zu treffende Zielobjekte erkennbar werden, sowie ein Schwarzweißbild von Bonds Elterngrab, der Familienname deutlich sichtbar.

Photo by Francois Duhamel – © 2012 – Danjaq, LLC, United Artists Corporation, Columbia Pictures Industries, Inc. All rights reserved.

Es stellt sich heraus, dass die Festplatte (nunmehr in den Händen der Gegner), geheime Details zu allen NATO-Agenten enthält, die gegenwärtig als verdeckte Ermittler innerhalb von Terrororganisationen ermitteln. Eine zunächst anonyme Nachricht wird direkt an M (Judi Dench) gerichtet, die wiederum in direktem Kontakt zum Vorsitzenden des Sicherheitsausschusses Gareth Mallory (Ralph Fiennes) steht. 007 selbst wird für tot erklärt, da keine Informationen über seinen weiteren Verbleib ausgemacht werden können; M verfasst dessen Nachruf persönlich in einem internen Brief. Unterdessen werden fünf der NATO-Geheimdienst-Identitäten im Internet preisgegeben, die folglich als Undercover-Agenten identifiziert und von den Feinden getötet werden. Mit der Aussicht auf weitere Verlautbarungen gerät M zunehmend unter Druck, zumal sie sich nun auch offiziell, also vollständig für die Öffentlichkeit sichtbar zu den Vorgängen und Vorfällen des MI6 bekennen soll, was sie aber zunächst ablehnt. Bond, der unterdessen sein Leben abseits der städtischen Zivilisation quasi im Exil fortführt, erfährt von einer Terror-Attacke auf das MI6-Hauptquartier und kehrt nach London zurück, wo er offiziell (aber keineswegs diensttauglich) seinen Status als Doppelnull-Agent zurückerhält und Jagd auf die Terroristen macht. Die Spur führt ihn schließlich zu seiner eigenen Vergangenheit ins Herz der schottischen Highlands.

Back to the roots

Im 23. offiziellen Kinoabenteuer mimt Daniel Craig zum dritten Mal in Folge den berühmten Geheimdienst-Agenten 007, nachdem er in CASINO ROYALE (R: Martin Campbell, 2006) und EIN QUANTUM TROST (QUANTUM OF SOLACE, R: Marc Forster, 2008) der Figur James Bond ein völlig neues Gesicht verleihen konnte. Diese beiden letzten Filme, die als erste in der Seriengeschichte einen direkten narrativen Zusammenhang aufweisen[1], machten mehr als deutlich, dass der postmoderne Zeitgeist, in welchem Agenten nun sogar im Kino oftmals keine Identität mehr besaßen bzw. ebendiese verlieren sollten[2], unmittelbar Einzug in unsere Populärkultur gehalten hatte. Zudem trat nicht zuletzt in actionarmen Genrevertretern wie DAME, KÖNIG, AS, SPION (TINKER TAILOR SOLDIER SPY, 2012) immer stärker ein realistisch anmutender Aspekt des Farblosen, des nüchtern-unterkühlten Alltagsgeschäfts innerhalb der Spionage zu Tage, das ganz beim Fundament auf gegenseitigem Misstrauen aufgebaut ist. Im Vergleichsdiskurs befindet man sich da sogleich beim Paranoia-Kino der 1970er Jahre, dessen Stilprägung bei 007 zeitgleich konsequent umgangen wurde (in der Roger-Moore-Ära). Bond, jene eskapistische, sexistische und abenteuerliebende Pathosfigur, deren Existenz scheinbar immer vom sich beständig steigernden, gleichzeitig auch mokierten Machtpotential gehalten wurde, setzte man mit Daniel Craig erstmals nach 20 Leinwand-Auftritten wieder auf Anfang. Casino Royale, Ian Flemings allererster Bond-Roman bot dazu die prädestinierte Vorlage. Der „Neue“ sollte nun keineswegs smarter als seine Vorgänger sein, aber entschieden schroffer, härter und auch glaubwürdiger. Die Filmemacher erzählten dem Publikum nun von jenem Doppelnull-Agenten der seine Lizenz zum Töten eben erst erlangt hatte, und der auch erst einmal lernen musste, richtig damit umzugehen. Diese Phase der Re-Etablierung der Figur James Bond darf nun mit dem aktuellen Teil, SKYFALL, als beinahe abgeschlossen gelten.

SKYFALL (2012)

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Unter der Regie von Sam Mendes gibt sich der abendfüllende Spielfilm mit der nach CASINO ROYALE bis dato längsten Laufzeit von 143 Minuten über weite Strecken dem Motto hin: „Back to the roots“ – Zeit- und Unzeitgemäßes finden hier zugleich Eingang. Aber dieser zunächst offensichtliche Gegensatz wird in SKYFALL mithilfe vieler bekannter Motive zu einem schlüssigen Ganzen verbunden und entgeht dadurch schon einmal der größten „Gefahr“, eben gar kein so typischer Bond zu sein, dessen kritischem Vorwurf sich gerade die zwei Vorgänger häufig aussetzen mussten.

Klassische Bilder

Zu nennen wäre zum einen das bekannte Motiv des Bond-Autos, hier wieder ein klassisch designter Aston Martin DB5, der seit GOLDFINGER (1964) als wohl berühmtestes – und auch beliebtestes – Gefährt der Serie gilt. Pierce Brosnan durfte ihn kurz fahren (in GOLDENEYE, 1995), nur um ihn nach einer obligatorischen Schonfrist zu verbraten und ihn gegen einen eher weniger standesgemäßen BMW Z3 einzutauschen. In SKYFALL erfüllt das Auto wieder eine größere Rolle, nicht zuletzt, wenn Bond und seine Vorgesetzte M (Judi Dench), mit SKYFALL insgesamt 18 Jahre in der Rolle der Geheimdienstchefin) gemeinsam darin fahren. Das Auto wird in seinem Stellenwert partout als reines Ikonenbild inszeniert: ein Musterbeispiel, wie sehr sich bewährte Motive innerhalb der Bond-Reihe recyceln lassen (müssen), sodass sich die Serie inmitten beständiger Modewandel selbst treu bleiben kann. Eine kurze, alarmierende Tonfolge untermalt auf akustischer Ebene den ersten Anblick des Gefährts. Als ultimatives Objekt visueller Begierde wird es auf der Leinwand wie ein prächtiges Geschenk präsentiert. Gleichwohl dient es funktional, als Waffe, als mit Gadgets ausgestattetes Fluchtauto, als mobile Taktik-Station, durch welche der britische Geheimdienst seine nötigsten Aufgaben erfüllen kann, die hier den persönlichen Rückzug beider Hauptfiguren (007 und M) beinhalten, die als Individuen die unausweichliche Gefahr nur hinauszögern. Mobilität stellt dabei in allen Bond-Filmen bekanntermaßen ein Schlüsselelement dar, sonst gäbe es nicht die beständigen Ortswechsel (hier: Istanbul, Shanghai, Schottland und immer wieder London), die dem Zuschauer zusätzlich zur Erzählung visuell-exotischen Reiz bieten. Und gemäß dem angesprochenen Aspekt des „Klassischen“ ist es auch bezeichnend, dass das Ziel des silbergrauen Aston Martins die nicht weniger grauen, nebligen Täler der schottischen Highlands sind, wo am Ende eines sehr facettenreichen Films ein willentlich rustikales Finale entstehen soll.

Ikonen v.l.n.r.: Schottische Highlands, M, Bond, Aston Martin DB5 // © 2012 – Danjaq, LLC, United Artists Corporation, Columbia Pictures Industries, Inc. All rights reserved.

In Bezug auf die Ausstattung hat sich auch die Garderobe von 007-Darsteller Craig denen seiner Vorgänger stärker angepasst. Zusätzlich zu den bewusst legeren Polohemden, Wheather Suits und Lederjacken, die eine ungeschliffene, immer auch von Resozialisierung bestimmte Persona des Agenten betonen sollen, hüllen darüber hinaus vermehrt maßgeschneiderte Anzüge in grau (bzw. schwarz) den trainierten Körper des Agenten-Mimen ein. Die Fliege, die in CASINO ROYALE noch entnervt vom Hals gezerrt wurde, die zynischen Anspielungen auf die Erwartungen in einem häufig von Fassadenhaftigkeit bestimmten Beruf – all dies gehört nun langsam aber sicher der Vergangenheit an. Craig trägt die Maske Bond bisweilen wie eine zweite Haut und schafft es zudem erneut, den Schmerz, all das entgegengebrachte Misstrauen gegenüber seiner filmischen Persona, die als Akteur im Schatten niemals zur Ruhe kommen darf, durch fein ausdifferenzierte Bewegungen seiner schmerzgetränkten Augen widerzuspiegeln. Trotz einer ansehnlichen Physis, die zu jedem James-Bond-Darsteller verpflichtend gehört, waren es seit jeher immer auch die Gedanken und der seelische Werdegang des Killer-Agenten, die den Zuschauer faszinieren und ihn mitfiebern lassen. Craig gilt nach Meinung vieler Kritiker mittlerweile als plausibelste Verkörperung der gesamten Serie – direkt nach dem großen Vorbild und Ur-Bond Sean Connery.

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Das Bild des Schattens durchzieht dabei den gesamten Film, angefangen bei den animierten Vorspanntiteln über die vollständig wortlose Verfolgungssequenz in einem Hochhaus in Shanghai bis hin zur beständigen Thematisierung durch M, die ihre Gegner und Verbündete, ihr gesamtes Arbeitsumfeld als „Figuren und Elemente im Schatten“ bezeichnet. Hier greift der Film erneut klassische Motive des Spionagefilms auf, zumal die Bezeichnung der Feindgruppe als „Phantom“ bzw. „Spectre“ (engl. „Schreckgespenst“) in den Connery-Bonds bereits systematisiert wurde. Nicht von ungefähr widmete SKYFALL-Regisseur Mendes drei Jahre später der SPECTRE-Organisation inkl. deren Anführer Blofeld im gleichnamigen Film eine ganze Geschichte – wonach sich alle bisherigen Widersacher der Craig-Bonds rückwirkend als „Spectre“-Mitglieder bzw. -Sub-Unternehmen herausstellten.

Das Böse kommt von innen

Der Antagonist nun, Raoul Silva (Javier Bardem), er gliedert sich ebenfalls in die Reihe traditioneller Schurken ein. Zum einen ist er markant gestaltet, die ausdrucksvolle Mimik des Spaniers ergänzt sich gut mit seiner Frisur, einem goldblondierten Mittellang-Haarschnitt, der dem Schauspieler nach seiner Oscar-prämierten Rolle als psychopatischer Mörder in NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007) erneut ein unverwechselbares Aussehen verleiht.

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Silva erinnert mit seiner blonden Haarpracht am stärksten an Bond-Widersacher Max Zorin (Christopher Walken, A VIEW TO A KILL, 1985), zugleich wird er aber auch als Ex-Agent beschrieben, wodurch starke Verweise zur Rachegeschichte aus GOLDENEYE hervortreten, in dem 007 den übergelaufenen 006 (Sean Bean) bekämpfen muss. Der physische Augenschein, der Silva zumindest äußerlich näher zu solch markanten Bösewicht-Exemplaren wie Emilio Largo (Adolfo Celi mit weiß-grauem Haar und Augenklappe, FEUERBALL, 1965) oder in jüngerer Zeit Le Chiffre (Mads Mikkelsen mit bluttränendem Auge, CASINO ROYALE, 2006) hinführt, täuscht über die Tatsache nicht hinweg, dass seine Motive überaus nüchtern beschrieben sind. Geld spielt für Silva keine Rolle, ebenso wenig Macht – gar die Weltherrschaft, die so viele Bond-Gegner vor ihm zu formulieren wagten – durch Monopolisierung von Gütern. Keine tiefergehende Pathologie also, sondern vorsätzliche Rache. War Dominic Greene (Mathieu Almaric) in direkten Vorgänger der bisher normalste Bösewicht der gesamten Serie, der im Auftrag der Verbrecherorganisation Quantum die Grundwasserversorgung eines lateinamerikanischen Landes privatisieren wollte, bleibt Bardems Figur nur zum Teil auf ähnlicher Ebene behaftet.

SKYFALL (2012)

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Die Infiltration der Geheimdienstorganisation selbst stellt für ihn das Maß der Dinge dar, das macht die Handlung relativ schnell klar. Auch passiert dies auf durchaus plausiblem Wege (eine U-Bahn wird entführt und zum Entgleisen gebracht; weniger virtuos, also für Actionfilme typisch unnahbar inszeniert, sondern vorrangig mit großer Sorgfalt für die Bewegungsrichtung der Figuren). Als Silva eingesperrt ist, wird er kurz und effektvoll zur monströsen Erscheinung stilisiert: er nimmt seine obere, nunmehr als Prothese erkennbare Zahnpartie heraus und sogleich verfällt ein Teil seiner rechten Gesichtshälfte zur muskellosen Hautmasse. Eine schmerzerfüllte Fratze blickt nun in die Kamera, ein nur durch künstliche Apparatur zusammengehaltenes Antlitz, das in nur wenigen Sekunden und einem eher nichtssagenden, dafür bewusst mystischen Satz das Leid des Schurken symbolisiert: „Siehst Du, was es mit Dir anstellt?“ Die Entwicklung der Nemesis erinnert in direkter Weise an Motive aus Christopher Nolans THE DARK KNIGHT (2008). Nicht nur das Antlitz des Bösen, auch die auf ein Grundgerüst reichende Aushöhlung einer Staats-Exekutive stellten bereits Hauptmotive dar. Der Konflikt betrifft hier wie dort jeden, der nicht das Zerstörerische, dabei vorrangig nüchtern Beschriebene mit erhöhter Kraft und Intelligenz beseitigen kann. Zudem werden Bezüge zum Psycho(Horror)-Thriller à la DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (THE SILENCE OF THE LAMBS, 1990) offensichtlich, wenn man Silva bereits hinter ausbruchssicherem Glas versperrt hat, er aber die Fäden des Terrors weiterhin ziehen kann. Andere haben dann seine Pläne bereits in die Tat umgesetzt, sein Ideal, sein angsteinflößendes Image repräsentiert ihn letztlich stärker als seine persönlichen Handlungen, die, wie die auf das Klassische Drama[3] bezogene Ermordung von Sévérine, vorrangig ein sentimentales Schüren von Skrupellosigkeit darstellen.

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Rekrutierung

Ähnlich genau könnte man auch drei weitere Bausteine von SKYFALL analysieren, worauf zugunsten einer kurzen Besprechung des Regisseurs an dieser Stelle verzichtet werden soll: das Bond-Girl (bzw. mehrere Bond-Girls), der Titelsong, sowie die Rekrutierung einer bekannten Nebenfigur, hier des Quartiermeisters Q. Letzterer wird – passend zur Bond-Figur innerhalb der letzten Jahre selbst – von Grund auf neu eingeführt. Ben Whishaw (DAS PARFUM, 2006) spielt den noch jungen Leiter der technischen Abteilung, der 007 immer mit den nötigen Hilfsmitteln versorgt. Ohne bewussten Fokus auf visuell attraktive Komponenten fürs Hochglanz-Actionkino bewahrt Regisseur Sam Mendes ein gehobenes Maß an Figurenzeichnung, an zwischenmenschlichen Bezügen. Fast scheint es, als hätte man Q nur deshalb wiedereingeführt, um die so unterhaltsamen Kalauer zwischen Bond und dem Waffenmeister-Genie endlich wieder dem Kinopublikum präsentieren zu dürfen – wenngleich in einem zeitgemäß-reflexiven Umgangston (Q: „Was haben Sie erwartet? Explodierende Kugelschreiber? So etwas machen wir eigentlich nicht mehr“).

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Eine Hommage, so scheint es zu Beginn, meistert der junge Ben Whishaw diese schließlich eigenständige Aufgabe mit Bravour, auch wenn er „nur“ eine Nebenrolle spielt: Desmond Llewelyn, der die Figur im Alleingang prägte, bleibt von 1963-1999 derjenige Schauspieler, der am längsten überhaupt im Bond-Universum auftrat. Sich dessen bewusst, führt Mendes seinen Quartiermeister erstmals in der Londoner Gallery vor die Kamera und vor die Augen der Zuschauer; zwei Ikonen, Bond und Q sitzen da also inmitten von ebenso ikonographischen Motiven. Auf visueller Ebene wurde die Metapher für die Unverkennbarkeit dieser beiden Figuren noch nie eindringlicher bewerkstelligt – 007 als Motiv der Kunst, was er ja auch ist. Die Bond-Girls, zwei an der Zahl, fallen eher wieder ins typische Reihenmuster zurück, wenn man die beiden Vorgänger-Darstellerinnen Eva Green (CASINO ROYALE) und Olga Kurylenko (EIN QUANTUM TROST) als durchaus positive Ausnahmefälle betrachtet. Mit Eve (Naomie Harris) erhält Bond charmante, wenngleich nur beruflich interessante Compliance, die den Umgang mit Waffengewalt nicht nur nicht scheut, sondern verinnerlicht hat.[4] Sévérine (Bérénice Marlohe) dagegen stellt die faszinierende Femme Fatale dar, die mit ihren optischen Reizen ebenso wenig geizt, wie mit messerscharfem Verstand. Es bleibt dazu vorrangig nur zu sagen, dass die Bond-Girls seit Ende der 1970er Jahre immer stärker von ihrer ursprünglich naiv-attraktiven Klischee losgelöst wurden, bis sie in den 1990ern bereits Agentinnen selbst darstellen, die in ihren Fähigkeiten immer näher an die Hauptfigur heranreichen. Der Titelsong nun, Skyfall, stellt das wohl originellste vokalische Thema seit Tina Turners GoldenEye dar, wirkt in seiner schwebend orchestrierten Essenz zugleich aber stark an die zeitlos-melodischen Beiträge von Shirley Bassey (Goldfinger, Diamonds Are Forever) und Nancy Sinatra (You Only Live Twice) angelehnt. Interpretiert von der (gegenwärtig) achtfachen Grammy-Preisträgerin Adele (Rolling In The Deep), ergänzt er sich perfekt zur klassisch angehauchten Note von Mendes’ Regiearbeit.

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Der Mendes-Touch

Mendes, der sich vorrangig abseits des Hollywood-Mainstreams einen Namen machen konnte, ist ein Filmemacher, der seit jeher besonderen Wert auf die Beziehungen und Charakteristika seiner Figuren legt. Das Oscar-prämierte Drama AMERICAN BEAUTY (1999) handelt von einer amerikanischen Durchschnittsfamilie, deren positive Werte und Lebensmoral bereits durchgehend von eskapistischem Wunschdenken durchzogen ist, um die herrschende Fadesse des Alltagslebens zu vergessen. Einzelne Elemente dieses Films, wie zum Beispiel die Emanzipation sowohl der Männer- als auch Frauenfiguren lassen sich leicht auch in der Multimillionen-Dollar-Produktion SKYFALL wiederfinden. Mendes greift dabei aber vorrangig Entwicklungen der Hauptfiguren seit dem Filmjahr 2006 auf, er erfindet sie nicht wirklich neu, auch wenn er neue Nuancen hinzuzufügen vermag. In JARHEAD (2005) beleuchtete er den Kriegsschauplatz im Nahen Osten als Entwicklungszone spätpubertärer, männlicher US-Soldaten, die den Mann in sich selbst suchen und dafür von ihren Vorgesetzten durch Sand und Dreck gezogen werden; selbstverständlich werden auch hier Parallelen zu SKYFALL deutlich, kurz genannt eben die Rolle des Deserteurs (wie auch in QUANTUM TROST), die De(kon)struktion von nur scheinbar intakten, im Auftrag des Staats operierenden Organisationen und natürlich Krieg per se, auch wenn er anders ausgerichtet ist. In seinem ebenfalls prämierten Mafia-Drama ROAD TO PERDITION (2002) zeichnet er präzise die inneren Beweggründe seiner Hauptfiguren nach, die sich in ihrer Welt nicht mehr zurechtfinden und ihre Ideale nur noch mit Gewalt vorantreiben können – worin sich die vielleicht deutlichsten Parallelen zum aktuellen Bond-Film erkennen lassen. Bereits eine Dekade früher arbeitete er mit Daniel Craig zusammen und der Bond-Mime selbst war es auch, der Mendes’ Interesse erfragte, einen 007-Film zu dirigieren. So ist es wenig überraschend, dass Mendes verstärkt wieder den inneren Konflikt von Bond und dem MI6 fokussiert, und dadurch eher Campbells als Forsters Inszenierungsweg folgt.

SKYFALL (2012)

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Die Länge des Films nutzt Mendes, wie kaum ein anderer vor ihm, zum Erzählen. In CASINO ROYALE wurde neben einer getreuen Umsetzung von Ian Flemings Roman-Vorlage eine geradezu epische Story aus den Anfangsjahren Bond erzählt – und dazu mit ausladenden, perfekt geschnittenen Actionsequenzen verfeinert. Mendes folgt lediglich einem Erzählstrang, dieser wirkt vielleicht weniger episch, aber nicht minder eindrucksvoller, da jede Sequenz in SKYFALL lückenlos auf die vorhergehende aufbaut; dadurch führt der Film den Zuschauer gleichzeitig so tief in das Bond-Universum – und auch die Filmgeschichte per se[5] –, wie kaum ein anderer Film zuvor. Zu nennen wäre hier erneut die Meeting-Szene zwischen Bond und M, die mit dem Aston Martin in die schottischen Highlands fahren. Nicht nur erzählt die Vorgesetzte mehr als üblich von den Plänen, der Arbeitsweise des britischen Geheimdiensts, wir erblicken mit Bond neben dem Grab seiner Eltern erstmals auch das Haus seiner Kindheit, in dem er sich kurz vor dem finalen Showdown verschanzt. Mendes macht spätestens an dieser Stelle mehr als deutlich, dass innere Bewegungen und äußere Aktivitäten Hand in Hand gehen und gibt am filmischen Höhepunkt der Identitätssuche von Geheimagenten, die ja gewissermaßen parallel zur immer noch aktuellen Superheldenwelle im Kino funktioniert, ausgerechnet dem berühmtesten von allen eine solche. In CASINO ROYALE erfuhr der Zuschauer lediglich, dass der Titelheld ein Waisenkind ist (im Dialog mit der klugen Vesper Lynd), in IN TÖDLICHER MISSION (FOR YOUR EYES ONLY, 1981) besucht Bond das Grab seiner ermordeten Gattin Teresa, die er in IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT (ON HER MAJESTY’S SECRET SERVICE, 1969) als einzige Frau der Reihe heiraten durfte. Über 30 Jahre war Schluss mit Privatleben im Hause Bond – bis jetzt. Ein bemerkenswerter Stilbruch, auch weil er einhergeht mit dem tatsächlichen Verschwinden, dem vorwandmäßigen Ausschalten des Agenten im Prolog, das bisher nur selten[6], niemals jedoch mit solcher Nachdrücklichkeit zum Thema gemacht wurde. Auf die Frage des Geheimdienstchef-Nachfolgers Gareth Mallory (Ralph Fiennes) „Why not stay dead, Mr Bond?“ passt am besten die Antwort von 007 im bilateralen Duell mit Silva: „My hobby is resurrection“ – Zynismus und reflexiver Kommentar auf die gesamte Figurengeschichte in einem.

SKYFALL (2012)

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Das System Mensch

Bond hatte in CASINO ROYALE seine Lektion gelernt, als dass er niemandem, nicht einmal jedem Angestellten des MI6 trauen durfte. Was M dort bereits in Gegenwart des Agenten formulierte, bildet das Hauptnarrativ von SKYFALL.
„Let the sky fall, when it crumbles we will stand tall“, singt Adele im Titelsong. Das System, das Obere (der Himmel) bricht also, schuld daran ist natürlich Silva, weil er es von innen – oder, um in der vertikal ausgerichteten Geografie des Films zu bleiben: von unten[7] – zu infiltrieren vermag, aber man muss auch dem internen Krieg standhalten können, um die Welt nach außen hin zu schützen. Der neue Bond, auch wenn er sich mittlerweile in seiner Eleganz angepasst haben mag, steht als Charakter symptomatisch für diese Entwicklung. Er kann die (vorläufige) Ordnung in diesem Chaos wiederherstellen, ganz einfach, weil er selbst die Muster des Chaos kennt, die für die „Normalos“ nicht zu entschlüsseln sind; visualisiert wird dies unter anderem in einer amüsanten Szene mit Q vor einem Wandmonitor, auf welchem die beiden schwer zu entschlüsselnde Daten eines selbstständig arbeitenden Codewandlungsprogramms betrachten – und ausgerechnet Bond als intellektuell scheinbar unterlegene Figur die Lösung findet.

Weniger das Perfekte und Schnörkellose besiegt hier den Terror, als das selbst Verwundete, zu großen Teilen Zerstörte im Inneren dieses Mannes. Aber der hat, wie es einem Agenten eben nicht erspart bleibt, mittlerweile gelernt, damit umzugehen, das Persönliche aus der Gleichung herauszustreichen, wie es seine Vorgesetzte abermals formuliert hat. Bond wird nun für immer zwei Gesichter haben und auf der Leinwand präsentieren: wir kennen ihn als schroffen und auch selbstzerstörerischen Haudrauf und den nunmehr (wieder) überaus professionellen Agenten. Diese Mischung tut beim Zusehen gut, weil sie nicht Partei für eine der beiden Seiten ergreift – alles gehört zusammen. Mit den Darstellungen der vorherigen Bond-Mimen kann man Craigs intensive Performance letztlich nur schwer vergleichen, sie ist in dieser Hinsicht wirklich einzigartig.

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Fazit

SKYFALL erschien zum 50. Jubiläum der Bond-Kinogeschichte, angefangen bei Terence Youngs JAMES BOND JAGT DR. NO (DR NO, 1962). Im Zuge dieses goldenen Halbjahrhunderts schaffte es die Produktionsfirma Broccoli Ltd./EON Productions zusammen mit ihrer Schwesterfirma MGM, die drei Jahre lang unter Insolvenzfolgen litt und erst wieder refinanziert werden musste, einmal mehr hohe Budgetgelder zu sichern und die Reihe fortbestehen zu lassen. Unterstützt von einer riesigen globalen Marketingkampagne entstand fast schon so etwas wie ein neues Bewusstsein für das „filmische Kulturerbe“ James Bond. Am Ende ist SKYFALL vor allem eine Verbeugung vor der Tradition, vor dem „Rezept Bond“. Als Judi Denchs Nachfolger wird mit Gareth Mallory/Ralph Fiennes wieder ein Augenbrauen hochziehender, männlicher Veteran zum Leiter des MI6 erhoben. Eve, die den Außendienst nunmehr quittiert hat, stellt sich als Monneypenny ebenfalls stark (zurück) in die Tradition. Die letzten Bilder zeigen Bond und M/Mallory in dessen Büro, das seit den frühen 1980er Jahren erstmals wieder die originären Raumeigenschaften aufweist: dunkle Massivholzmöbel, Eingangstür mit Zwischenraum und beide Protagonisten in Positionen entsprechend ihrer Hierarchie/Rollenverteilung: Bond stehend, M sitzend. Dazwischen der massive Schreibtisch, eine sicht- und spürbare Grenze. „Bereit für neue Aufgaben, 007?“ Bond grinst sichtlich selbstzufrieden. Das Franchise anno 2012 klammert sich in diesen letzten Einstellungen ganz fest an seine filmischen Ursprünge, betont die Ästhetik, die ganze Erscheinung der frühesten Filme, DR. NO und natürlich LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU (FROM RUSSIA WITH LOVE, 1963). SKYFALL ist sicherlich der nostalgieträchtigste Teil der ganzen Reihe. Auch der erfolgreichste. Der beste Craig-Bond ist er aber nicht.

© Stefan Jung

Quellen:

  • [1] EIN QUANTUM TROST beginnt weniger als eine Stunde nach den Ereignissen von CASINO ROYALE, knüpft also direkt an dessen Ende an.
  • [2] Siehe u. a. in den Filmen der BOURNE-Reihe (seit 2002).
  • [3] Der gefesselten Sévérine wird ein gefülltes Glas auf den Kopf gesetzt und James Bond soll es, von Silva befohlen, mit einem genauen Schuss treffen. Zitiert wird Schillers letztes Drama, Wilhelm Tell (1804).
  • [4] Aus Eve wird am Ende Eve Monneypenny, Ms Sekretärin. Diese Zuweisung, die im selben Jahr ganz ähnlich zur Figur des John Blake – eine Robin-Revision – in Christopher Nolans THE DARK KNIGHT RISES funktioniert, zeugt einmal mehr von der zwangsläufigen Motiv-Wiederkehr innerhalb populärer Franchises.
  • [5] SKYFALL weist zahlreiche, dabei stets sehr klare Verweise auf Klassiker der (Action-)Filmgeschichte auf. Neben einem Helikopter-Angriff mit Musikuntermalung, der sofort an APOCALYPSE NOW (1979) erinnert, werden auch konkrete Bildverweise auf SPEED (1995), INDIANA JONES: JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES (1981), STAR WARS (RÜCKKEHR DER JEDI-RITTER, 1983) oder BLADE RUNNER (1982) eingestreut.
  • [6] MAN LEBT NUR ZWEIMAL (YOU ONLY LIVE TWICE, 1967), STIRB AN EINEM ANDEREN TAG (DIE ANOTHER DAY, 2002).
  • [7] Gemäß dem Titel fällt die Figur zunächst, um, wie beschrieben, wieder aufzuerstehen. Das Motiv des Falls, die vertikal ausgerichtete Geografie – „oben“ und „unten“ – wird konsequent durchdekliniert. Vom Blick von einem Fahrstuhl aus, den Sturz des Widersachers Patrice vom Hochhaus im nächtlichen Shanghai über Bonds Kampfstürze im Prolog (zweimal von einer Brücke), im Hafencasino von Shanghai (in eine Waran-Grube), in Schottland (in einen gefrorenen Teich), über die Verlagerung des MI6-Hauptquartiers in unterirdische Kellergewölbe bis hin zur Verfolgungsjagd im U-Bahn-Schacht und dem von oben mittig ins Bild eintretende Auftreten des Schurken sowie den Katakomben unter der „Skyfall“-Residenz.
Titel, Cast und CrewSkyfall (2012)
Poster
RegisseurSam Mendes
Releaseab dem 27.02.2013 auf Blu-ray und DVD, ab dem 19.03.2020 auf UHD

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Trailer
BesetzungDaniel Craig (James Bond)
Judi Dench (M)
Javier Bardem (Silva)
Ralph Fiennes (Gareth Mallory)
Naomie Harris (Eve)
Bérénice Marlohe (Severine)
Albert Finney (Kincade)
Ben Whishaw (Q)
Rory Kinnear (Tanner)
Ola Rapace (Patrice)
Helen McCrory (Clair Dowar MP)
Nicholas Woodeson (Doctor Hall)
DrehbuchNeal Purvis
Robert Wade
John Logan
FilmmusikThomas Newman
KameraRoger Deakins
SchnittStuart Baird
Filmlänge143 Minuten
FSKAb 12 Jahren

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