Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021) – Filmkritik

Die Wiederbelebung des Marvel-Hype-Trains muss nun langsam mal in die Gänge kommen. Nach AVENGERS: ENDGAME (2019) ging es für einige Helden in Rente, für andere auf den Friedhof und für manche – vielleicht noch schlimmer – zum Seriendasein auf Disney+. Um wieder die Massen in die Kinos zu locken, die gespannt auf den nächsten großen Gegner oder Überhelden warten, braucht es ein paar neue Gesichter. Nachdem sich BLACK WIDOW (2021) eher wie ein vergessener Lückenfüller der Infinity-Saga anfühlte, kommen jetzt neue Kräfte und zwar aus dem alten Asien. Die chinesische Welt der Mythen und Legenden wird doch sicher einige starke und magische Akteure zu bieten haben. Mit SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS werden die Fans der bunten Heftverfilmungen nun ein neues Kapitel aufschlagen, leider ein ziemlich belangloses.

SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS (2021)

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Handlung

Bevor es über den Pazifik geht, sind wir erst einmal in San Francisco – man muss ja irgendwie begründen, warum hauptsächlich Englisch gesprochen wird: Hier leben die beiden Freunde Shawn (Simu Liu) und Katy (Awkwafina) ein Slacker-Dasein. Tagsüber Autos fürs Hotel einparken und nachts die Karaokebar unsicher machen. Eines Tages wird Shawn, der sich als Shang-Chi herausstellt, von ein paar dunklen Typen im Bus überfallen. Sie wollen den Anhänger, den er von seiner verstorbenen Mutter erhalten hat. Shang-Chi kann sich, zur Überraschung von Katy, sehr athletisch mit seinen Fäusten und Füßen wehren. Einige zerstörte Edelkarren und einen wilden Ritt mit dem Schlenkerbus über die welligen Straßen der Hafenstadt später, muss Shang-Chi gestehen, dass er ja eigentlich der Sohn von Wenwu (Tony Leung), Chef eines alten Geheimbunds ist, die immer wieder Regierungen integriert und Attentate auf wichtige Personen verübt und bla, bla, bla, die Bösewichte eben.

SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS (2021)

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Das mütterliche Erbstück ist trotz akrobatischer Verteidigung weg und deswegen fliegen die beiden nach China um Shang-Chi’s Schwester Xialing (Meng’er Zhang) zu warnen, denn sie hat auch so einen Anhänger. Xialing braucht aber wenig Hilfe, weil gleiche harte Ausbildung bei Killervater und Besitzerin eines übernatürlichen Fightclubs, wo es zwischen den beiden Geschwistern erstmal mächtig eins auf die Kinnleiste gibt. Doch dann steht Vater mit dem Killerkommando vor der Tür, der mit zehn magischen Ringen an seinen Unterarmen schon einige Jahrhunderte lebt und durch sie auch noch übermächtige Fähigkeiten besitzt. Er hört die Stimme der tot geglaubten Mutter und will in ihre Heimat, ein Dorf, was eigentlich nur eine Legende ist.

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Der Anfang vom Ende

Es ist schwierig schon im kurzen Handlungsgerüst der ersten 30 Minuten ernsthaft zu bleiben, weil einem allein beim Wiedergeben der Prämisse die Motivation verfliegt. Dabei ist die Idee der magischen Ringe eine clevere Referenz auf die sogenannten „Iron Rings“, die im Martial Arts für das Gewichtstraining genutzt werden. Muskeln, Haut und Knochen werden bei vielfacher Anwendung im Kampftraining durch die schweren Ringe abgehärtet. Besonders schön durch Gordon Liu in der Eröffnungssequenz von DIE 36 KAMMERN DER SHAOLIN (1978) vorgeführt. In SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS können sie aber noch fliegen, elektrische Ladungen schießen und taugen sicher für so manchen Kamehameha. Auch die Familiengeschichte, wie sich die Eltern „TIGER AND DRAGON“-artig verlieben, Wenwu zum guten Vater wird und die Tragödie, welche die Familie wieder verwirft, birgt einen guten Einstieg.

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Insgesamt alles schon einmal gesehen, aber für manch Zuschauer unverbrauchtes Storygelände, wäre da nicht diese unsägliche Disney-CGI-Knallbunt-Studio-Optik. Es ist im Szenenhintergrund immer digital unscharf und das, worin noch die Darsteller stehen, sieht aus wie der neuste Disney-Themenpark. Es gibt das typische Spiel mit den Kinoplakat-Lieblingsfarben Rot, Orange und Blau, aber es fehlt einfach an kreativen künstlerischen Sets. Die väterliche Burg, der ranzige Graffiti-Prügelschuppen, der Bambuswald und selbst das magische, geheimnisvolle Dorf sehen nicht aus, als ob hier Visionäre am Werk waren. Vor allem dem finalen Set sieht man die plastische Künstlichkeit förmlich an. Von den anwesenden digitalen Fabelwesen sprechen wir lieber nicht, wenn man bedenkt, dass Disney uns einmal die schönsten Tiercharaktere der Filmgeschichte an Herz legte.

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Die Besetzung

Was dem Look fehlt, können ein paar gute Schauspieler im Vordergrund verbergen. Der Hauptdarsteller wurde offensichtlich wegen Muskeln anstatt Schauspielerfahrung gecastet. Das geht schon in Ordnung, in Märchen werden die Helden auch kaum beschrieben, damit sie die perfekte Projektionsfläche für die Leser selbst sind. Simu Liu erfüllt die Blaupause. An seiner Seite gesellt sich die liebeswert quirlige Awkwafina (THE FAREWELL, CRAZY RICH ASIANS), die zum Glück für etwas Humor in diesem maschinellen Blockbusterchen sorgt – übrigens auch die einzige Sympathieträgerin, abgesehen vom verrücken Mimen Sir Ben Kingsley. Katy ist der typische, staunende Mensch im Supernatual-Movie. Sie kann nix, ist aber dabei, manch einer kann sich mit ihr identifizieren und am Ende hat auch sie einen kleinen Anteil am Triumph. In der zweiten Filmhälfte ist ihre Screen Time stark gedrosselt, denn Awkwafina ist einfach ein Goldstück von einem Showrunner. Meng’er Zhang als Schwester Xialing bleibt leider kaum in Erinnerung und könnte vor allem im Finale mehr Stärke beweisen. Aber man wird den bitteren Geschmack nicht los, dass Frauen im chinesischen Weltbild entweder (meist tote) Über-Mütter oder Randfiguren darstellen, die auch noch gerettet werden müssen. Ihre spätere Aufgabe kommt jedoch in der Hidden-Credit-Scene zum Vorschein, wer also nicht eingeschlafen oder erbost aus dem Kinosaal gestürmt ist, kann hier ein Auge riskieren.

SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS (2021)

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Apropos erbost, was jeden Cineasten das Filmherz bluten lässt, ist Tony Leung, genauer gesagt, was aus seinem Talent in SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS gequetscht wurde. Seine Aufgabe: einen bipolaren Bösewicht mit Verlust der großen Liebe, dem Wahnsinn langsam verfallend und dann noch irgendwie den einzigen Bösewicht spielen. Das ist selbst von der Wong-Kar-Wai-Dauerbesetzung (IN THE MOOD FOR LOVE, THE GRANDMASTER) zu viel gefordert.

© Marvel. Alle Rechte Vorbehalten

Fazit

Die gruseligste Szene, die den Untergang des Filmvergnügens förmlich einleitet, ist die Begegnung der Protagonisten mit einem kleinen flauschigen Vierbeiner, der kein Gesicht hat, aber dafür farbenprächtige Flügel auf dem Rücken, die jedoch für seine pummelige Art keinerlei Funktion bieten. Dieses Wesen ist die perfekte Metapher für SHANG-CHI AND THE LEGEND OF THE TEN RINGS: ein Zusammenschnitt bekannter Drehbuchschablonen, geschmückt mit schillernden Farben, aber ohne künstlerisches Eigenleben. Es fehlt einfach ein Gesicht, zumindest ein paar Augen, sonst will man es partout im Shop nicht kaufen. Es ist ein seelenloser Blockbuster, der sogar den Merchandise-Ansprüchen nicht gerecht wird. Immerhin vergingen die 133 Minuten wie im Flug.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewShang-Chi and the Legend of the Ten Rings (2021)
Poster
RegisseurDestin Daniel Cretton
ReleaseKinostart: 02.09.2021
Trailer
BesetzungSimu Liu (Shang-Chi)
Awkwafina (Katy)
Tony Chiu-Wai Leung (Wenwu)
Fala Chen (Jiang Li)
Meng'er Zhang (Xialing)
Michelle Yeoh (Ying Nan)
Ben Kingsley (Trevor Slattery)
Florian Munteanu (Razor Fist)
Benedict Wong (Wong)
Tim Roth (Abomination)
DrehbuchEmerald Fennell
FilmmusikJoel P. West
KameraBill Pope
SchnittElísabet Ronaldsdóttir
Nat Sanders
Harry Yoon
Filmlänge133 Minuten
FSKAb 12 Jahren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.