Shadow in the Cloud (2020) – Filmkritik

Hin und wieder wünsche ich mir zu meinen ersten filmischen Seherfahrungen zurückzukehren. Als man noch nicht den Kopf mit gesellschaftlichen Jas und Neins voll hatte, als man noch gänzlich unbefangen in jede Art von Film abtauchen konnte ohne sich schon irgendwelche Interpretationsgedanken zu machen und Begriffe wie Filmanalyse noch hüllenlose Wörter fürs Hauptstudium waren. Ab der zweiten Hälfte von SHADOW IN THE CLOUD hätte ich zu gern mein Hirn auf so eine Werkseinstellung zurückgesetzt, um mich nicht die ganze Zeit zu fragen: Was soll das Ganze? Zum Protokoll: Ich liebe verrückte Filme und sogenannte Trash-Filme, je weirder es wird, umso besser. Aber bei diesem Mischling aus Actionfilm, Kriegsfilm und Kreaturen-Streifen wollte sich mein Hirn einfach nicht mehr auf Durchzug/Spaß umstellen lassen. Verzweifelt suchte ich nach einer Metapher, einer Parabel und kleinsten Hinweisen darauf, dass eventuell nicht alles so ist wie es scheint. Vielleicht ist alles nur ein Traum? Fehlanzeige. Jetzt stehe ich allerdings vor der Herausforderung, euch lieben Lesern zu erklären, warum der Film für mich nicht funktioniert ohne ins Spoiler-Minenfeld zu geraten.

Shadow in the Cloud (2020)

© Capelight Pictures

Handlung

1943, eine neblige Landebahn irgendwo auf Neuseeland. Die junge Air-Force-Pilotin Maude Garrett (Chloë Grace Moretz) hat den Befehl an Bord der „Fool Errand“ eine Tasche mit streng geheimen Inhalt zu transportieren. Die rein männliche Crew ist nicht gerade erfreut über ihre neue Kameradin, schon gar nicht, weil niemand etwas von ihrer Ankunft wusste. Doch der schriftliche Befehl kommt von ganz oben und Maude sitzt schon im Flugzeug. Genauer gesagt wird sie auf den Kugelturm ausgelagert. Das ist eine kleine Kapsel am Rumpf der Propellermaschine, die mit zwei MGs gegen feindlichen Beschuss ausgestattet ist. Nach jeder Menge herablassender Sprüche über das weibliche Geschlecht durch den Funk sieht Maude während des Nachtflugs ein großes fledermausartiges Wesen an der Außenhaut, das munter die Tragfläche auseinandernimmt. Die Männer glauben ihr nicht und als sie versucht aus der Außengondel in das Flugzeuginnere zu gelangen, brechen die Zugangshebel ab. Für sie beginnt ein Kampf auf Leben und Tod, während sich die Männer fragen, was in der Tasche ist, die sie an Bord gebracht hat. Doch dann greifen auch noch japanische Flugzeuge an.

© Capelight Pictures

Was steckt dahinter?

Soweit die erste Hälfte, bei der ich ganz bewusst versucht habe, mich nicht von den sauberen Studioaufnahmen ablenken zu lassen. Nur so viel dazu: zu schicke, aber unrealistische Beleuchtung, zu viel Schärfe und zu wenig Gefühl für Isolation. Da es sich um die Arbeit der Regisseurin Roseanne Liang handelt, will ich zu gern im Szenario unserer Heldin etwas entdecken. Nachdem der wertvolle Inhalt der Tasche verraten wird, meine ich noch mehr Symbolik zu sehen: Die Paranoia von Gremlin sehenden Bordschützen; die isolierte Position als Frau an der Männer-Kriegsfront; die wahre Persönlichkeit hinter der Hauptfigur, die kurz davor ist auszubrechen. All das macht ungeheure Lust auf einen fantastischen Twist und spektakuläre Wendungen.

Shadow in the Cloud (2020)

© Capelight Pictures

Es gab jedoch nur eine Wendung, nämlich die der Kamera, als Maude auf einmal während des Flugs aus der Gondel steigt und kopfüber an der Außenhaut unter der Tragfläche klettert. Immer noch spreche ich mantra-artig zu mir selbst: Jetzt wird noch die menschliche Anatomie und die Gesetze der Physik aus ihren Hebeln gerissen. Hier sind wir auf dem Weg zu etwas Vielschichtigen, etwas Fantastischen. Mein Geist verkrampft sich aber schon so sehr, dass ich auch nicht mehr auf Trash-/Unterhaltungsmodus umschalten kann, den SHADOW IN THE CLOUD in seinem letzten Filmdrittel einfach abverlangt. Denn hier passiert einfach nur noch hohle, emotionslose Action und ein Monsterkampf, der einem nicht egaler sein könnte.

© Capelight Pictures

Zum Abspann hinterfragt man seine eigene Meinung, einen schlechten Film gesehen zu haben. Ob einem vielleicht als Mann einfach der weibliche Blick zum Inneren des Films verloren geht. Nein, mehrmaliges darüber Nachdenken machen den Film nicht besser ohne die Geschlechterfrage zu diskutieren. Es sind Zeilen im Dialog, die man schon dutzende Male gehört hat, unsinnige Wortgefechte werden geführt, wer denn jetzt das Sagen hat, die einem schon aus den Ohren quellen und selbst die trendy Cliff-Matinez-eske Score von Mahuia Bridgman-Cooper nervt nur noch. „Dark Dance Elektronic“ funktioniert in einem Weltkriegsdrama einfach nicht. SHADOW IN THE CLOUD wollte doch eigentlich ein existenzielles Kammerspiel mit Creature Feature sein?

© Capelight Pictures

Wenn man auf die Story-Konstruktion schaut, wundert es nicht, den Namen Max Landis, Sohn von John Landis, zu lesen. Aber Max Landis steht seit 2017 und nach insgesamt acht Anschuldigungen von Frauen wegen sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigung auf der schwarzen #meToo-Liste. Und gerade hier hätte es besonders unter diesem Aspekt, wer das Konzept geschrieben hat (Mann) und wer es nun weiterentwickelt (Frau), spannend werden können, um diesen Heldinnenfilm auf unsere Gegenwart verweisen zu lassen. Jedoch entwickelt sich das Ansehen der Protagonistin anhand von bekannten Filmmustern bei ihren männlichen Kollegen von einer sexuellen Neandertaler-Projektionsfläche hin zu einer Heilligen, in 83 Minuten ohne dass man es wirklich nachvollziehen kann.

Shadow in the Cloud (2020)

© Capelight Pictures

Fazit

„Man muss kontinuierlich Filme drehen, um besser zu werden, an sich zu arbeiten, bei Misserfolgen sollten einem die eigenen Arbeiten trotzdem nicht peinlich sein.“ sagt die Regisseurin in einem Interview mit der Deadline. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen, dass sie über SHADOW IN THE CLOUD einen großen Schritt hinwegmacht. Im Grundgefüge sind so viele spannende Aspekte enthalten, wie zum Beispiel Soldatinnen im Zweiten Weltkrieg und persönlichkeitsspaltende Kriegstraumata. Doch leider wurde die Story nur zu einer Oberfläche, durch die man nicht durchzudringen vermag. Der stärkste Kreativbeitrag ist der Abspannsong „Hounds of Love“ von Kate Bush. Wer gern einen stimmigen, cineastischen Blick für eine Heldin in einer Männerdomäne sehen möchte, sollte zu PROXIMA (2019) mit Eva Green greifen. SHADOW IN THE CLOUD ist leider nur ein Schatten am Filmhimmel.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewShadow in the Cloud (2020)
Poster
RegisseurRoseanne Liang
Releaseab dem 30.04.2021 auf Blu-ray und DVD, sowie im UHD-Mediabook

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Trailer
BesetzungChloë Grace Moretz (Maude Garrett)
Nick Robinson (Stu Beckell)
Beulah Koale (Anton Williams)
Taylor John Smith (Walter Quaid)
Callan Mulvey (John Reeves)
Benedict Wall (Tommy Dorn)
DrehbuchMax Landis
Roseanne Liang
KameraKit Fraser
FilmmusikMahuia Bridgman-Cooper
SchnittTom Eagles
Filmlänge83 Minuten
FSKab 16 Jahren

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