Scorpio, der Killer (1972) – Filmkritik

Die Handlung

Der schon in die Jahre gekommen CIA Agent Cross (Burt Lancaster) ist Spezialist für verdeckte Attentatsoperationen rund um den Globus. So hat er freie Hand bei der Wahl seiner Methoden und Mitarbeiter. Zu Anfang des Films arbeitet er in Paris erneut mit dem französischen Berufskiller Scorpio (Alain Delon) zusammen, zu dem er eine väterliche Freundschaft pflegt. Nach der erfolgreichen Liquidierung eines afrikanischen Machthabers reisen sie gemeinsam nach Washington. Dort treffen sie jeweils die Frauen an ihrer Seite. Während Cross mit seiner großen Liebe Sarah (Joanne Linville) schon seit dem zweiten Weltkrieg verheiratet ist, pflegt Scorpio zu der Lehrerin Susan (Gayle Hunnicutt) eine eher abenteuerliche Beziehung auf Distanz. Seine eigentliche Liebe gilt eher Katzen. Doch mit einer romantischen Auszeit vom dreckigen Agentenbusiness des Kalten Krieges ist es nicht lange her. Cross scheint bei seinen eigenen Leuten in Ungnade gefallen zu sein. Sein Vorgesetzter Mc Leod (John Colicos) beauftragt ausgerechnet Scorpio mit der Beseitigung seines Mentors und Freundes. Doch Cross bekommt rechtzeitig Wind von seinem geplanten Abschuss und fädelt eine komplizierte Flucht ein, die ihn nach Wien führt. An einem geheimen Ort trifft er auf seinen russischen Gegenpart Sergei Zharkov (Paul Scofield, Oscar für EIN MANN ZU JEDER JAHRESZEIT, 1967), dem er ebenfalls freundschaftlich verbunden ist. Will er überlaufen und schafft es Scorpio ihn zu stellen? In einem dichten Netz aus Fallen, geheimen Hintertüren und eiskalt rücksichtslosen Manövern entspinnt sich eine gnadenlose Jagd bei der es keine Gewinner geben kann. Burt Lancasters Figur sagt am Ende in etwa:

„Wir spielen ein Spiel, in dem es nicht darum geht zu gewinnen, sondern darum nicht zu verlieren“.

Dieser fast schon nihilistische Schlusssatz fasst den Film so perfekt zusammen.

© Koch Films

Die Themen

Es geht um ein System welches einen Menschen dafür bestraft, wenn er an Werten wie Loyalität und dem Gefühl wahrer Liebe festhält. Im späteren Meisterwerk HEAT(1996) von Michael Mann sagt Robert de Niros Figur den analytisch illusionslosen Satz: „Häng Dich an nichts was Du nicht problemlos in 30 Sekunden hinter Dir lassen kannst, nachdem DU gemerkt hast, dass Dir der Boden zu heiß wird“. Besser kann man die Situation der beiden Hauptfiguren in SCORPIO nicht thematisieren. Beide Männer beweisen durch ihre Loyalität zueinander und der Liebe zu ihren Frauen (und Katzen), dass ihre eigenen Werte zwar über denen eines rein machtbewahrenden Systems stehen, aber eben dadurch diesem auch am Ende unterlegen sind. Gefühle haben in dieser Welt keine Chance. Besonders die Menschen um sie herum, bekommen diese brutale Wahrheit zu spüren. Menschen, die als Agenten oder Killer arbeiten, haben besser keine Freunde und Familie.

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Die Schauwerte

An Originalschauplätzen, von den Darstellern bis in die kleinsten Gesten mitfühlend und in den Actionszenen fast doublefrei gespielt, ist der Film schnörkellos effektiv inszeniert. Besonders Delon beeindruckt mit seiner Physis. Doch auch Lancaster beweist hier seine Herkunft als Zirkusartist. Mit seinen authentischen Bildern von Kameramann Robert Paynter (u.a. Michael Jacksons Jahrhundert Video THRILLER), die gerade in Wien klug subtil DER DRITTE MANN (Carol Reed, 1949) zitieren, zieht uns der Film mitten hinein in die raue Agentenwelt des Kalten Krieges. Mit Jerry Fielding (THE WILD BUNCH, DER TEXANER) ist die Filmmusik von einem der talentiertesten und spannendsten Komponisten seiner Zeit. Durch seinen souveränen Spagat zwischen Jazz und einer breiten Klassikpalette atmet auch dieser Film die besonderen Noten eines außerordentlichen Musikers. Gerade durch die perfekte Zusammenarbeit großer Filmkünstler ist so ein überdurchschnittlicher Vertreter des Agententhriller Genres entstanden.

© Koch Films

Vereinte Künstler

SCORPIO, DER KILLER ist das perfekte filmische Beispiel einer United-Artist-Produktion. 1919 von den damaligen Filmgiganten Charlie Chaplin, Douglas Fairbanks und Mary Pickford als unabhängiger Vertrieb gegen die schon damals erdrückende Allmacht großer Filmstudios gegründet, entwickelte sich der Verbund unabhängiger Filmschaffender ab den 50er Jahren zu einem eigenen erfolgreichen Studio. Der freie Geist seiner Gründer, sollte immer die oberste Maxime dieser Anlaufstelle für Filmkünstler aus der ganzen Welt sein. Bis zu seinem finanziellen Waterloo mit HEAVEN´S GATE (Michael Cimino, 1979) waren gerade die 70er Jahre eine besonders fruchtbare Ära für United Artist. Vor diesem Hintergrund lässt sich die besondere Qualität von SCORPIO, DER KILLER vielleicht noch besser fühlen. Mit Walter Mirisch, einem der erfolgreichsten Produzenten Hollywoods und mit seiner eigenen Filmfirma Mirisch Corporation unternehmerischer Partner der United Artists, steht diesem Film ein unabhängiger Macher vor. Mit so unterschiedlichen Produktionen wie DIE GLORREICHEN SIEBEN (John Sturges, 1960), WEST SIDE STORY (Robert Wise, 1961), oder IN DER HITZE DER NACHT (Norman Jewison, 1967) war er jemand, der an gute Drehbücher glaubte und seinen Regisseuren vertraute.

Burt Lancaster, Michael Winner und Alain Delon beim Dreh

Das gnadenlos pessimistische und klug geschriebene Drehbuch von David W. Rintels und Gerald Wilson (CHATOS LAND), in dem trotz großer humanistischer Gesten der einzelnen Charaktere, dennoch ein System obsiegt, was auf Einzelschicksale keine Rücksicht nimmt, wäre aus heutiger Sicht bei einem großen Studio nur schwer umsetzbar. Doch im New Hollywood der späten 60er und 70er Jahre, welches sich auch durch den starken Einfluss des europäischen Kinos immer mehr vom alten Hollywood emanzipierte, machten gerade unbequeme Themen und scheiternde Helden einen Großteil damaliger Erfolge aus. Mit dem englischen Regisseur Michael Winner (KALTER HAUCH, 1972, EIN MANN SIEHT ROT, 1974), erhielt das Projekt den richtigen Mann für beinharte Thriller ohne Happy End. Sein sehr naturalistischer Stil und sein enorm handwerkliches Können heben ihn aus meiner Sicht auf die gleiche Ebene eines Don Siegel, oder William Friedkin. Wie seine populäreren Kollegen war er ein „Harte Männer“ Regisseur. Seine häufigen Projekte mit Charles Bronson und Oliver Reed beweisen sein Talent große Alpha-Männchen actionreich und dennoch als vielschichtige Charaktere in Szene zu setzen.

Cross (Burt Lancaster) // © Koch Films

Die Darsteller

Mit Burt Lancaster und Alain Delon treffen zwei besondere Leading Men aufeinander. Hollywoods Filmgigant gegen den eiskalten Engel aus Europa in der fruchtbaren Schnittmenge zwischen gewinnorientiertem US-Kino und künstlerischer Nouvelle Vague. Zwei Vertreter unterschiedlicher Filmwelten und sich doch in ihrem Wirken gar nicht mal so unähnlich. Beide vereint ihre starke sexuelle Präsenz, eine beeindruckend sportliche Körperlichkeit und ein enormes Gespür für die kreativen Strömungen der Gattung Film. Der gelernte Zirkusartist Burt Lancaster, dessen enorme körperlichen Fähigkeiten ihm gerade bei seinen vielen actionlastigen Rollen zugute kamen, war nicht nur einer der ganz großen Schauspieler und Stars der amerikanischen Kinos. Beginnend kurz nach dem zweiten Weltkrieg mit THE KILLERS (1946), wurde er früh als einer der ganz wenigen auch Produzent und Gründer einer eigenen Filmproduktionsfirma. Bei DER ROTE KORSAR (1952) spielte und produzierte er bereits in Doppelfunktion. In ganz unterschiedlichen Rollen, wie in VERDAMMT IN ALLE EWIGKEIT (1953), VERA CRUZ (1954), ELMER GANTRY (Oscar, 1960), oder DER GEFANGENE VON ALCATRAZ (1962) prägte er über 3 Jahrzehnte ein künstlerisch anspruchsvolles Hollywood-Kino. Mit Luchino Viscontis DER LEOPARD (1963) betrat er, äußerst selten für einen amerikanischen Superstar, auch das europäische Kino. So ist sein Cross in SCORPIO auch ganz viel von diesem beeindruckenden Freigeist Hollywoods, der auch mit über 60 noch durch die engen Gassen Wiens sprintet, von Mauern hechtet und sich auf einer echten Baustelle mit waghalsigen Klimmzügen an wackeligen Geländern in schwindelerregende Höhen zieht. Doch wirkliche Größe zeigt er in den intimen Dialogszenen mit seinen Partnern Alain Delon, Paul Scofield und besonders berührend mit Shmuel Rodensky, als einem alten jüdischen Freund aus dunklen KZ-Zeiten, der Cross bei seiner Flucht in Wien behilflich ist. Da reicht ein Blick und wir spüren Mitgefühl, Respekt und ein wahrhaftiges Wissen, um die menschliche Natur in den Gesichtern seiner Gegenüber.

Scorpio (Alain Delon) // © Koch Films

Mit Alain Delon erhält er den perfekten Gegner. Hier erweitert er seinen ikonischen Tom Ripley in NUR DIE SONNE WAR ZEUGE (Rene Clement, 1960) und den asketischen Jef Costello in DER EISKALTE ENGEL (Jean Pierre Melville, 1967) um den charmant, gefährlichen Jean Paul in DER SWIMMINGPOOL (Jacques Deray, 1969). Und wie schon in dem multikulturellen Western RIVALEN UNTER ROTER SONNE (Terence Young) fügt er sich perfekt in einen internationalen Cast ein. Doch sein Scorpio ist hier noch mehr als verführerischer Killer und kalt berechnender Einzelgänger. Unter seiner kantigen Schale lässt er einen Mann mit Prinzipien und echter Loyalität erkennen. Das wirkt bei ihm oft sehr unterkühlt und lässt ihn wie in vielen seiner Filme als einen eher emotionslosen Charakter erscheinen. Doch in SCORPIO ist er ein Mensch mit vielen Facetten und seinem großen Gegenüber Burt Lancaster an Souverintät und Austrahlung fast ebenbürtig. Mit Paul Scofield als hohem KGB-Agenten erhält der Film eine dritte spannende Figur. Sein Zharkov wirkt fast wie ein aristokratischer Künstler mit viel Liebe für die schönen Dinge des Lebens. Doch wenn die Situation es erfordert, kann auch er urplötzlich zu einem kompromisslosen Killer werden. Auch er glaubt an die eigentliche Idee seines Staates, nicht aber an die Führer, die diese Ideen für ihre persönlichen Machterhaltungsspiele missbrauchen. In dem Punkt sind er und Cross sehr ähnlich. Überhaupt begegnen sie sich wie wahre Freunde jenseits eines menschenverachtenden Kalten Krieges. In diesen beiden Figuren zeigt der Film seine humanistische Haltung gegenüber einem zutiefst verabscheuenswürdigen Konflikt, der auf beiden Seiten keine Moral zu kennen scheint.

© Koch Films

Das alles geschieht ohne Pathos und aufgezwungene Sentimentalität. Auch hier zeigt Michael Winner seine ganze Stärke als Regisseur. Auch wenn es ein eindeutiger Männerfilm ist, werden die Frauen an ihrer Seite von ihm nicht als hilflos schöne Stichwortgeberinnen inszeniert. Läge der Fokus auf ihnen, hätte der Film mit Joanne Linville und Gayle Hunnicutt zwei sehr starke und vielschichtige weibliche Hauptfiguren. Leider darf besonders Gayle Hunnicuts Figur, als Delons Geliebte, nicht ihr komplettes Potential entfalten. Gerade ihr Hintergrund wird am Schluss ein wenig zu schnell abgehandelt. Und doch bleiben einem beide nachhaltig in Erinnerung.

Die Blu-ray

Die Blu-ray von © Koch Films

Das Bild ist gerade bei totaleren, dunklen Innenaufnahmen sehr grobkörnig, während es bei Nahaufnahmen jedoch glasklar erscheint. Die Außenaufnahmen wirken durchgehend scharf und lassen die 70er sehr lebendig wieder auferstehen. Insgesamt ein guter Transfer und definitiv die beste Art diesen Agentenklassiker neu zu entdecken.

Die Extras

Ein schönes Highlight ist eine separate Tonspur für die Filmmusik. Zwar wirkt die bereits in der Endmischung sehr präsent, kommt so aber noch einmal besonders konzentriert daher. Eine sehr schöne Würdigung für eine exquisite Partitur eines besonderen Künstlers. Da die Musik von Jerry Fielding jedoch sehr sparsam eingesetzt ist, sehen wir so sehr lange einen komplett stummen Film. Eine Konzentration auf die Szenen mit Musik fände ich da persönlich sinnvoller. Es zeigt aber auch den dramaturgischen Einsatz von Filmmusik über den gesamten Film. Dann gibt es eine weitere Tonspur mit Off-Kommentaren aus heutiger Sicht u.a. mit Lem Dobbs (Drehbuchautor von Steven Soderbergh´s THE LIMEY). Zusammen mit zwei Filmexperten für die 70er Jahre spricht er sehr offen über die Wirkung des Films. Schön zu hören, dass sie alle das Ouvre von Regisseur Michael Winner heute besser würdigen können als noch zur Zeit seines Wirkens. Trailer und eine Bildergallerie mit Filmpostern aus unterschiedlichen Ländern rundet diese Koch-Films-Veröffentlichung ab. Das ist an Extras insgesamt etwas spartanisch. Eine Doku zum Film oder zumindest über einen der Mitwirkenden im Zusammenhang mit dem Film wäre schön gewesen. So verlassen wir uns auf unser eigenes Urteil, welches ja letztendlich immer noch das ausschlaggebende ist.

Fazit

Sehr gelungene Veröffentlichung eines sehr sehenswerten Films, der so in seiner bewusst kantigen und kompromisslos pessimistischen Ausrichtung heute kaum noch realisierbar wäre.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewScorpio, der Killer (1972)
OT: Scorpio

Poster

Release
ab dem 11.04.2019 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen
RegisseurMichael Winner
Trailer
DarstellerBurt Lancaster (Cross)
Alain Delon (Jean 'Scorpio' Laurier)
Paul Scofield (Zharkov)
John Colicos (McLeod)
Joanne Linville (Sarah)
Gayle Hunnicutt (Susan)
J.D. Cannon (Filchock)
DrehbuchDavid W. Rintels
Gerald Wilson
MusikJerry Fielding
KameraRobert Paynter
SchnittMichael Winner
Filmlänge110 Minuten
FSKab 16 Jahren

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