Schlappschuss (1977) – Filmkritik

Sportfans sind ein Schlag für sich. Aber immer wieder hört man, dass selbst in dieser verrückten Bande eine Sorte alle anderen in den Schatten stellt: die Eishockeyfans. Vielleicht liegt es am kalten Austragungsort, so dass die Zuschauer sich mit Gesängen, Tanzen, Toben und Brüllen warmhalten müssen. Es liegt sicher auch am körperbetonten Sport, bei dem gern mal die Handschuhe ausgezogen werden und Differenzen direkt auf dem Eis geklärt werden. Mit SCHLAPPSCHUSS drehte George Roy Hill (BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID) eine Sportsatire genau von diesem Schlag. Mit Paul Newman in Höchstform geht es durch die Welt der kanadischen Eishockey-Liga, genauer gesagt, der 5. Liga, in der keine Visage unverschont bleibt.

© Koch Films

Handlung

Die Charlestown Chiefs werden von ihren eigenen Fans am meisten beleidigt. Eine Bande von Verlierern, die eher nach dem Spiel in Bars zur Höchstform auflaufen als auf dem Eis. Das kanadische Charlestown ist tief in den Bergen vergraben, die meisten Einwohner arbeiten in Fabriken. Das größte Werk soll bald geschlossen werden, was auch das Aus für den Eishockey-Club bedeutet. Spieler-Trainer Reggie Dunlop (Paul Newman) hat schon einige Jahre hinter sich, will sich aber mit dem drohenden Ende nicht abfinden. Er streut bei der Presse das Gerücht, dass sich kalifornische Investoren für die Chiefs interessieren. Außerdem sorgt er bei den nächsten Spielen für jede Menge Publicity in Form von Schlägereien. Den Mannschaftsport scheint in dieser Liga keinen zu interessieren, es muss Blut fließen. Ob die Taktik aufgeht?

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Eishockey-Rules

Auch SCHLAPPSCHUSS reiht sich in die Liste der seltsamen deutschen Filmtitel ein. Aus dem originalen SLAP SHOT hat man den Titel hierzulande einfach eingedeutscht, obwohl die korrekte Übersetzung im Eishockey der Schlagschuss ist. Das ist eine Schusstechnik, die den Puck bis auf 175 Stundenkilometer beschleunigt. Der Schuss ist schnell, hart, aber wenig präzise, was gut die Siegertaktik der Charlestown Chiefs zusammenfasst. Ein Trupp Schläger, der eher schnell und hart austeilt als Tore zu schießen.

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Die Grobiane sind jedoch gar nicht unsympathisch. Zu Beginn erklärt der Torwart der Chiefs Denis (Yvon Barrette) – Synchronsprecher ist der ehrenwerte Arne Elsholtz (u. a. Bill Murray, Tom Hanks) mit zuckersüßem französischem Akzent – dem Zuschauer die Spielregeln oder vielmehr was nicht erlaubt ist. Das klingt alles äußerst brutal und ist schwer in einer Sportart vorstellbar, aber Eishockey ist eben anders. Spätestens, wenn die Hanson-Brüder Jeff, Jake und Steve von der Ersatzbank-Leine gelassen werden, gleicht das Eis einem Schlachtfeld. Die Hansons sind mit ihrer durchgeknallten Art – vor, nach und beim Spiel – am Kultstatus von SCHLAPPSCHUSS beteiligt. Man vergisst diese Typen nach dem Film definitiv nicht, eine wilde Mischung aus Bill & Ted und den Jungs aus WAYNE’S WORLD (1992). Übrigens sind wir in den 1970ern, da trugen nur Weicheier auf dem Spielfeld einen Helm. Als bei einem Auswärtsspiel die erste Prügelei schon vor dem Anpfiff losgeht, ist es pure Comedy, wenn man die verdroschenen Gesichter zum Gesang der Nationalhymne erblicken darf. Aber von den Hansons soll nicht zu viel verraten werden, denn Spieler Nummer eins ist und bleib Paul Newman als Reggie Dunlop.

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Ein Newman bleibt sich treu

Paul Newman hat so einige Dinge im Kino für seine Person perfektioniert. Vor allem ein sympathisches Scheusal zu sein, zeichnete seine Rollen aus. Aber das ist schon einigen vor ihm gelungen. Wenn man als Zuschauer mit Paul Newman in einen unbekannten Film startet, ist das immer wie mit einem älteren Bruder oder Cousin irgendwohin mitgenommen zu werden, wo man sonst nicht reinkommt. Mit Newman kommt man in die Hinterzimmer, die Bars und sogar in die Gesellschaft von hübschen, verheirateten Frauen. Er kommt auch noch unter deren Bettdecke, aber wie es ihm gelingt bleibt sein Geheimnis. Es kann nicht nur am charmanten Grinsen und den stahlblauen Augen liegen. So brauchen wir auch in SCHLAPPSCHUSS an der Seite unseres Protagonisten nie etwas befürchten. Ganz nebenbei spielt Newman als Spieler-Trainer Reggie seine kleinen Taktiken aus und sorgt für ordentlich Testosteron auf dem Spielfeld. Da steckt selbst er einen Kinnhaken ein.

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SCHLAPPSCHUSS vergisst aber nicht die Frauen. Die meisten Spielerfrauen ergehen ihrem passiven Schicksal auf der Tribüne im Suff, für zwei von ihnen reicht es in dieser Komödie allerdings auch zu mehr Profil. Reggies baldige Ex-Frau Francine (Jennifer Warren) ist die Starke in dieser Beziehung. Während Reggie eigentlich all sein Handeln darauf ausrichtet wieder ein Held in den Augen seiner Frau zu werden, ist Francine bereits auf Long Island und lässt ihr Leben in diesem Kaff hinter sich. Das Schöne hierbei ist, dass alles ganz ohne Drama auskommt. Beide kennen die Verrücktheiten ds anderen und wollen sie schon gar nicht mehr ändern. Spielerfrau Lily (Lindsay Crouse) des Topstürmers Ned Braden (Michael Ontkean) hat noch hart mit ihrem Los im kanadischen Nirgendwo zu kämpfen. Beide stecken in einer streitsüchtigen, jungen Beziehung, wo jeder versucht dem anderen mit egoistischem Verhalten mehr zu schaden. Bei ihnen versteckt sich das größere Happy End als das der Chiefs im Endspiel zu sein.

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Unvergessliche Momente

Besagten Kultstatus erlangt SCHLAPPSCHUSS nicht nur der Hornbrillen-Hansons wegen, sondern der Komik auf Augenhöhe ganz ohne verkappten Intellekt. Da wird Killer Carlson (Jerry Houser) die Unterlippe noch direkt auf der Ersatzbank genäht und dieser springt gleich schon wieder auf, um weiter auszuteilen. Selbst das geläuterte Besinnen auf „das gute alte Eishockey“ scheitert kläglich, wenn die gegnerische Mannschafft nur aus Straftätern besteht. Zum Ende gewinnt das Entertainment, nicht nur vor lauter Filmspaß, sondern auch mit Eishockey als Showbühne. Mehr kann man von der 5. Liga vielleicht auch gar nicht verlangen. Für eine endlose Siegerparade durch die Stadt reicht es allemal.

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Fazit

70er-Jahre Kult der Extraklasse. Die deutsche Synchronisation vollendet diesen Spaß der Oberliga in der untersten Liga des Eishockeys. Die Kanadier bekommen so manch Klischee übergebügelt und selbst Paul Newman trägt die scheußlichsten Klamotten, die man in dieser Zeit kaufen konnte. Steigt mit ein paar Büchsen Bier in den Mannschaftsbus der Charlestown Chiefs und kommt mit heiler Visage und Bauchmuskelkater vor lauter Lachen gut durch den Abend.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewSchlappschuss (1977)
OT: Slap Shot
Poster
RegisseurGeorge Roy Hill
Releaseseit dem 28.05.2015 auf Blu-ray

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Trailer
BesetzungPaul Newman (Reggie Dunlop)
Strother Martin (McGrath)
Michael Ontkean (Ned Braden)
Jennifer Warren (Francine)
Lindsay Crouse (Lily)
Jerry Houser (Killer Carlson)
Andrew Duncan (Jim Carr)
Jeff Carlson (Jeff Hanson)
Steve Carlson (Steve Hanson)
David Hanson (Jack Hanson)
Yvon Barrette (Denis)
DrehbuchNancy Dowd
KameraVictor J. Kemper
SchnittDede Allen
Filmlänge123 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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