Santa Sangre (1989) – Filmkritik

Mit dem häufig als surrealen Horrorfilm bezeichneten SANTA SANGRE (1989) präsentiert uns Koch Films, auf dieser Blu-ray-Veröffentlichung, nun diesen sehenswerten, fellinesken Genregrenzgänger zwischen traumatischem Familiendrama, ödipalem Giallo und märchenhafter Freakshow: Kunst auf Leinwand.

Die Handlung

Nach einer kurzen Einleitung in einer Anstalt, deren Handlung später an ähnlicher Stelle weitergeführt wird, fliegen wir zusammen mit einem Adler und der Kamera über ein Vorstadtviertel in Mexico City auf ein Zirkuszelt zu. Mit ihr tauchen wir nun gemeinsam in das eingeschworene Reich der Artisten, Gaukler, Gangster und Prostituierten am Rande der Gesellschaft ein. Dort befinden wir uns nun, wie in einer übergroßen Seifenblase inmitten der realen Welt, die fast losgelöst von ihr zu existieren scheint. Sämtliche Orte, die wir ab jetzt besuchen, haben diese eigenartige, raue, poetische Andersartigkeit. Eine Welt der Träume, des Glaubens und der Lust.

© Koch Films

In diesem bunten Kaleidoskop menschlicher Naturen begegnen wir dem 8-jährigen Fenix (Adan Jodorowsky). Er ist der Sohn des trinkfesten, amerikanischen Zirkusdirektors Orgo (Guy Stockwell, Bruder des etwas bekannteren Dean Stockwell) und der bigotten Trapezkünstlerin Concha (Blanca Guerra). Sie ist zugleich Hohepriesterin der von ihr selbst gegründeten Glaubensgemeinschaft Santa Sangre (heiliges Blut), mit eigener Wellblechkirche in direkter Nachbarschaft zum Zirkus. In ihr preisen die überwiegend sozial schwachen Gläubigen das Blut eines vor Jahren grausam misshandelten und abgeschlachteten Mädchens als Märtyrerin, dessen angebliches Blut nun eine Art Pool inmitten der Kirche füllt. Durch ihren Kampf um Anerkennung und Erhaltung ihres Glaubens hat sich Conche bereits stark von ihrem Sohn entfremdet. Auch Fenix Vater hat wenig herzliche Liebe für ihn übrig. Stattdessen verpasst er ihm ein blutiges Tattoo, einen Adler, auf seiner Brust, um ihn zum Mann werden zu lassen. Lediglich in der taubstummen Alma, einem Elefanten und dem kleinwüchsigen Aladin findet er so etwas wie Liebe. Blut und der Wunsch nach einer intakten, liebevollen Familie werden immer weiter zu ständigen Begleitern des jungen Fenix. Die leidenschaftliche Affäre seines Vaters mit Almas Ziehmutter, der „tätowierten Frau“ (Thelma Tixou), endet schließlich in einer blutigen Familientragödie, in der nur Fenix zurückbleibt. Dies ist zugleich auch sein Abschied, vom Zirkus, von Alma und seiner Kindheit.

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Jahre später findet sich Fenix (Axel Jodorowsky) in einer geschlossenen Heilanstalt wieder. Völlig entrückt empfindet er sich dort als Adler, der Figur auf seiner tätowierten Brust. Sein behandelnder Arzt (Brontis Jodorowsky) findet eine sehr liebevolle Methode Fenix mit seinen zumeist am Down Syndrom erkrankten Mitinsassen nach und nach zusammen zu bringen. Für sie wird er zu einer Art Messias, dem sie ihre ganze Liebe schenken. So wird das vordergründige Gefängnis zu einem friedvollen Paradies der Verstoßenen und Verlorenen. Doch wie es sich für Paradiese gehört, wird es von Fenix verlassen. Durch ein Zellenfenster erblickt er seine verstorben geglaubte Mutter, die ihn auffordert, ihr nun zu folgen. Durch sie kehrt er langsam in seine alte Künstlerwelt mit alten Bekannten zurück. Doch die Heimkehr wird von blutigen Frauenmorden und der sich immer schwieriger gestaltenden Beziehung zu seiner Mutter begleitet. Bis zu einem schockierend überraschenden Finale folgen wir Fenix nun auf seiner Reise ins Wunderland der Abseitigkeiten. Mehr über die Handlung und konkrete Szenen zu schreiben, wäre wie die Vorwegnahme aller Geschenke an Weihnachten, Ostern, sowie der erzählerischen Geheimnisse in THE SIXTH SENSE und THE CRYING GAME zusammen. Doch viel mehr noch ist dieser kunstvoll verschachtelte Film ein spannender Zugang in das faszinierend verstörende Filmschaffen eines radikal, freigeistigen Künstlers: Alejandro Jodorowsky.

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Der Künstler Alejandro Jodorowsky

Ein fast schon mythisch aufgeladener Name aus einem anderen Kinouniversum, der tatsächlich nur ganz wenige Male auf unseren weltlichen Kinoleinwänden erscheinen konnte: Alejandro Jodorowsky. Ein wahrer Künstler, der laut eigener Aussage mit keinem seiner Ausflüge ins Filmschaffen nur einen Cent verdient habe, sondern mit seinen Werken eine „Party für Freunde“ schmiss, als Offenlegung seiner Seele und Geschenk an die Welt. Ein chilenischer Jude, dessen anarchistische Natur ihn ein Philosophiestudium schmeißen und Mitte der 50er Jahre nach Paris gehen ließ. Dort wurde er zu einem Zirkusartisten (wie sein Vater), Pantomimen (u.a. neben dem weltberühmten Marcel Marceau), Theaterregisseur und einem damals schon einflussreichen Comicautor.

Alejandro Jodorowsky
Alejandro Jodorowsky in POESÍA SIN FIN (2016)

Sein erster Spielfilm, FANDO Y LIS (1968) war ein verstörender Liebesfilm zwischen einer querschnittsgelähmten Frau und einem geistig zurückgebliebenen Mann auf einer meditativen Reise durch eine nicht näher definierte, postapokalyptischen Landschaft. Dieser mit vielen als blasphemisch interpretierbaren Szenen beseelte Film, löste im zutiefst religiösen Mexiko einen Skandal aus und soll Jodorowsky sogar Morddrohungen eingebracht haben. Angeblich hat ihm ein gewisser Roman Polanski (später ebenfalls „skandalverfolgt“) nach der Vorführung, während eines Filmfestivals in Acapulco, in seinem Auto zur Flucht verholfen.

Die Filme des Künstlers

Hier zeigen sich bereits die Grundmotive in Jodorowskys Filmschaffen. Menschen mit körperlichen, wie geistigen Behinderungen, Ausgestoßene, fahrende Künstler, orgiastische Happenings, religiöser Symbolismus, surrealistisch theatralische Szenerien an von der Realität losgelöst wirkenden Orten, fast unschuldig dargestellte sexuelle Perversionen, sowie bewusst abstoßend zur Schau gestellte Handlungen und immer wieder Tiere bilden bei Jodorowsky eine ganz eigene Ästhetik. Die Ästhetik eines gepriesenen „anders Seins“.

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Die Themen des Künstlers

Doch sein Hauptthema geht tiefer als vordergründig empfundene Provokationen. Bei Jodorowsky geht es in erster Linie um die Kraft der Liebe. Um Liebe in all ihren möglichen Formen und Variationen. Liebe als universale Kraft, die auch die Grenzen des Todes überwindet und so die Schätze unserer kreativen Natur freisetzen kann. Für Jodorowsky hat der Tod insofern am Ende keine bedrohlich einschränkende Bedeutung, da durch ihn immer etwas Neues entsteht. Ein ewiger Kreislauf des Lebens. Vielleicht ist dies seine Interpretation von ewigem Leben. Ist er am Ende vielleicht doch, ohne es zu wollen, zutiefst religiös, weil er die Grenzen unseres Blickes auf Formen dieser Ewigkeit erweitert? Er selbst weiß nicht woher seine Bilder kommen, die ihn zu immer neuen Werken inspirieren. So haben seine Filme immer auch etwas Prophetisches. Durch sie spricht eine nicht immer schöne, aber höhere Wahrheit über das Mysterium des Lebens.

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Erfolge und Scheitern

War bei seinem Erstling kein wirkliches Genre als Rahmen für seine filmische Entsprechung von Antonin Artauds „Theaters der Grausamkeit“ erkennbar, folgte sein wohl bekanntester Film den Pfaden des Italo-Westerns, um sie darin dann wieder radikal zu zertreten. EL TOPO wurde ab 1970 zum ersten wirklichen Midnight-Movie-Wunder New Yorks. Midnight Movies waren Filme ohne den Verleih durch große Studios, die sich durch extrem lange Laufzeiten nach dem regulären Filmprogramm nach Mitternacht, zu kultisch verehrten Kunststreifen im Dunst Marihuana verhangener Programmkinos entwickelten und so ihre oft mühsam selbst finanzierten Budgets langsam wieder einspielen konnten. PINK FLAMINGOS (1972) von John Waters und ERASERHEAD (1977) von David Lynch waren weitere Vertreter dieser fast anarchischen Bewegung abseits von Hollywood. Einen besseren Vertreter, sich so ein echtes Publikum zu erobern, konnte diese Guerillaform des Kinos kaum erhalten. Noch heute gilt EL TOPO als der (!) Kultfilm und hatte in John Lennon nicht nur einen seiner größten Fans, sondern einen äußerst prominenten Influencer durch den der Film noch weitere Kreise schlagen konnte. Doch seine sperrige, sämtliche Sehgewohnheiten attackierende Form schreckte im Vorfeld auch einen Großteil potenzieller Kinogänger ab. Ein Revolverheld (Alejandro Jodorowski) mit einem nackten Jungen (Vater und Sohn auch im echten Leben) an seiner Seite und weiteren, immer neuen, verschreckenden Handlungswendungen, machte ihn nicht gerade zu einem Kinomagneten für die breite Masse.

EL TOPO (1970)

Mit MONTANA SACRE – DER HEILIGE BERG (1974), einem phantasmagorischen Fantasyfilm flog er visuell und erzählerisch noch einmal einige Sphären weiter in sein ganz eigenes Filmuniversum, dem kaum noch einer folgen konnte. Den größten Nachhall erzeugte sein Name durch sein nächstes Filmprojekt, das er tatsächlich aber nie realisieren konnte: DUNE – DER WÜSTENPLANET, die Verfilmung des als unverfilmbar geltenden Romanmonsters von Frank Herbert.  Mit gigantischen Visionen von fernen Welten, ihrer Mythen und Technologien, der Beteiligung übergroßer Namen wie Dali und Orson Welles, sowie progressiver Künstler wie H.R. Giger, Jean „Moebius“ Giraud, oder Pink Floyd sollte ein gigantisches Fantasy-Science-Fiction-Werk ab 1975 entstehen, welches schließlich wohl an der Begrenztheit Hollywoods zerschellen musste. Doch was allein an Ideen und Skizzen aus seiner Planungsphase entstand, wurde für folgende Filmschaffende zu einem immensen Einfluss ihrer eigenen Werke. STAR WARS hätte vielleicht nicht die Fülle unterschiedlichster Planetenszenerien, ALIEN nicht sein Aussehen durch H.R. Giger und BLADE RUNNER nicht den Look der Comic-Welten aus DER INCAL von Moebius und Jodorowsky selbst. Dies alles zeigt im Übrigen die wunderbare Dokumentation JODOROWSKY´S DUNE (2016).

Alejandro Jodorowsky
JODOROWSKY´S DUNE // © 2014 Sony Pictures Classics

By the way

Ironischerweise folgte der filmisch vielen doch noch greifbarere David Lynch, Jodorowsky nach seiner Midnight Movie Episode auch hier. Er drehte einige Jahre später dann seine DUNE-Version. Lynch selbst, Jodorowsky, Kritiker und ein Großteil des damaligen Publikums sahen darin eher ein Scheitern in Schönheit, als eine adäquate Umsetzung des Mammutstoffes. Ob die Neuauflage durch Dennis Villeneuve 2020 dem Geist dieses Werks und vielleicht den Visionen Jodorowskys folgen, vielleicht sogar entsprechen kann, wird sich zeigen.

Allen filmischen Projekten von Jodorowsky ist gemein, dass sie die meisten Cineasten überfordern und somit den Blick in das Werk eines wahrhaft aus sich selbst heraus inspirierten Künstlers verstellen.

Sante Sangre – ein erfrischend emotionales Alterswerk

Für alle diejenigen, die den Künstler Jodorowsky bisher nicht verstanden haben, nicht sehen wollten, oder konnten und die anderen, die sich an seiner Sicht auf die Natur des Menschen nicht satt sehen können, kam 1989 mit SANTE SANGRE, eine Art gemäßigtes Spätwerk in die Kinos. Ein Film wie ein Schlüssel in ein endlich entdecktes Schloss, welches sich bisher hinter einem schwer durchdringlichen Dschungel aus Mystik, Symbolik und bewusster Andersartigkeit versteckt hielt. Durch seine recht klar erkennbare Handlung lassen sich Jodorowskys Themen und Motive nun deutlicher erkennen. Fast ein wenig altersweise, aber nicht weniger aggressiv und nachwirkend. Jodorowsky bezeichnet SANTA SANGRE als seinen Lieblingsfilm, da er hier zum ersten Mal wahrhaftige Emotionen in den Mittelpunkt seines vielfach provozierenden Oeuvres stellen konnte. Darüber hinaus konnte er hier mit all seinen Söhnen zusammenarbeiten.

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Und doch hat dieser Film alles was diesen leidenschaftlich surrealistischen Künstler ausmacht: die umfassende Betrachtung von Menschen am Rande der Gesellschaft in immer wieder äußerst verstörenden Szenen, die sich tief an unser Unterbewusstsein heften. Einen besonderen Schwerpunkt verwebt er hier sehr nachhaltig poetisch mit seiner eigenen Zirkus- und Pantomimenvergangenheit in diesen oft kakophonischen Teppich aus theatralem Spektakel und psychologischer Alptraumsitzung.

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Hintergründe und Symbolik

Auslöser für seine emotional kunstvolle Geschichte um das Verarbeiten eines Traumas und der Erlösung von einer fluchartigen Psychose, war Jodorowskys Begegnung mit Goyo Cardenas, einem echten, mehrfachen Frauenmörder, der nach vielen Jahren in der Psychiatrie als geheilt entlassen wurde und nun ein scheinbar normales Leben führte. Dessen Geschichte faszinierte Jodorowosky. Nahezu zeitgleich schrieb Roberto Leoni ein Drehbuch über genau diesen mexikanischen Serienkiller. So kamen sie schließlich über Claudio Argento (Bruder von Dario Argento) zusammen und erarbeiteten zu dritt ein faszinierend kunstvoll verstörendes Drehbuch, aus dem Jodorowsky als Regisseur ein meisterhaftes Gruselkabinett auf die Kinoleinwände malte. Mit fast schon bacchantischer Kraft schafft er es, zusammen mit Kameramann Daniele Nanuzzi, komplexeste Phänomene in allegorische Bilder zu übersetzen. Jede Szene ist ein Kunstwerk symbolischer Mehrdeutigkeiten, die sich einfachen Erklärungen leidenschaftlich entziehen.

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Die Inszenierung

Ein meisterhaftes Beispiel dafür ist ein Trauerzug zu Ehren eines gestorbenen Elefanten (dem Seelentier von Jodorowsky) in einem übergroßen Sarg, der schließlich in der Bestattung auf einer Müllhalde und der zombieartigen Weiterverwertung des toten Tieres durch die angrenzenden Slumbewohner endet. Dies ist eins von unzähligen, lang nachklingenden Bildern in diesem filmischen Kunstwerk. Sie alle interpretieren zu wollen, würde ein ganzes Buch füllen und doch nur subjektiven Empfindungen folgen. Kunst ist die Sprache des Unaussprechlichen. Fände man Worte für das was man durch sie erzählen wollte, bräuchte man sie nicht mehr.

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Die Besetzung

Ein wirklich genialer Schachzug ist die Besetzung des Fenix durch Jodorowskys Söhne Adnan (als Junge) und Alex. Ihre unglaubliche Ähnlichkeit bei 14 Jahren Altersunterschied bewirkt, man sähe ein und denselben Darsteller mit einer Unterbrechung der Drehzeit um genau diese 14 Jahre. Alex Jodorowsky ging wie sein Vater den Weg zu Marcel Marceaus Theaterakademie nach Frankreich, übertraf ihn jedoch an Brillanz und Talent in Sachen Pantomime. So ist sein Spiel von einer meisterhaften Körperlichkeit und seine Mimik zugleich von einer Expressivität, die an große Vertreter der Stummfilmzeit erinnern. Genau diese theatrale Spielweise zeichnet auch die übrigen Hauptdarsteller, allen voran Blanca Guerra als Fenix Übermutter, aus.

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Mit Teo Jodorowsky (leider früh nach dem Film durch einen Unfall verstorben) spielt in genau dieser Form auch der vierte Sohn des Regisseurs, die Rolle eines schmierigen, tanzenden Zuhälters. So treffen wir unbewusst immer wieder auf das Gesicht von Fenix in anderen Personen, denn auch dieser Bruder könnte aufgrund der großen Ähnlichkeit der gleiche Darsteller sein. Der behandelnde Anstaltsarzt, der in Brontis Jodorowsky (der nackte Junge aus EL TOPO) mit dem ältesten der vier Brüder aufwartet, wirkt fast wie die ältere Version der Hauptfigur. Ihn als möglichen Zeitreisenden, der sich am Ende selbst als Patienten behandelt und ihm/sich selbst den Weg zu seiner eigenen Befreiung ermöglicht, ist dann vielleicht doch etwas weit hergeholt und handlungstechnisch kaum gestützt, entspräche aber dem genial kreativen Unterbewusstsein von Alejandro Jodorowsky und seiner surreal, expressiven Kunst. In Kombination mit der Vielzahl an Laienschauspielern ergibt sich so ein bewusster Verfremdungseffekt brechtscher Schule. Das was wir sehen, ist zum einen bewusst künstlich und im nächsten Augenblick wieder schmerzhaft real. So schafft Jodorowsky ein wirkliches Spektakel, welches sich unbescheiden niemals zurücknimmt. Subtilität ist nicht der Pinsel dieses Meisters.

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Die Blu-ray in der Special Edition

Neben einem sehr farbintensiven Bild, welches den groben 80er-Jahre-Filmlook sehr gut ins heutige, digital abgetastete Filmerleben transferiert, präsentiert Koch Films dieses Werk in einer recht umfangreichen Special-Edition mit einer Soundtrack CD (lag für diese Rezension leider nicht vor) und drei zusätzlichen DVDs, von denen zwei wirklich sehr sehenswertes Zusatzmaterial über Jodorowsky enthalten. In vielen Interviewsituationen plaudert Jodorowsky aus seinem unschätzbaren Fundus als Künstler und gibt wertvolle Einblicke in die Art seiner Arbeit. Leider ist ein Special nicht Deutsch untertitelt, welches einem schon sehr viel Konzentration abverlangt sein akzentdurchflutetes Spanglish zu verstehen. Doch die Mühe lohnt sich. Was dieser Mann, der heute als Comicautor und anerkannter Psychomagier arbeitet, so alles mit zwinkernden Augen, wie ein 20-jähriger im Körper eines 70-jährigen, von sich preisgibt, ist für jeden Kunstliebhaber ein Fundus an erlebter und erarbeiteter Inspiration. Ferner erfahren wir von einigen Darstellern sehr viel über die oft nicht gerade angenehme Zusammenarbeit mit Jodorowsky, der genau das jedoch mit altersweiser Einsicht immer wieder charmant bestätigend und zugleich erläuternd kontert:

„Ich habe durch diesen Film meinen eigenen Narzissmus überwunden.“

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Wir erfahren auch einiges über die musikalische Konzeption des Films. Jodorowsky, der bei seinen früheren Filmen, neben Drehbuch, Hauptrolle, Produktion und der Regie ebenfalls die Originalmusik selbst übernahm (häufig unter einem Pseudonym), ergänzte beim Soundtrack zu SANTA SANGRE eine Vielzahl von mexikanischen Straßen- und Zirkusstücken, sowie folkloristischer Songs mit dem Score von Simon Boswell (LORD OF ILLUSIONS). Der vielfach, zusammen mit der italienischen Elektronik- und Progrockband Goblin, für einige herausragende Dario Argento Filme, wie PHENOMENA, verantwortlich war, gab dem Film durch seinen bewusst einfach gehaltenen Synthiesound eine zusätzliche tonale Künstlichkeit. So entstand eine bewusst omnipräsente Musikspur als eigenständiges Erzählelement. Sein, im Klang einer Spieluhr, eingespieltes Hauptthema erinnert darüber hinaus stark an das lyrisch sentimentale Thema aus DER ELEFANTENMENSCH (David Lynch) von John Morris, was nicht die schlechteste Referenz für eine Filmmusik ist. Eine weitere interessante Kurz-Doku bringt uns Goyo Cardenas näher, den Frauenmörder, der zwei unterschiedliche Filmemacher zu SANTA SANGRE inspirierte und so kongenial zusammenbrachte.

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Fazit

Für eine (Neu)Entdeckung des (auch) filmemachenden Künstlers Alejandro Jodorowsky ist diese Veröffentlichung von Koch Films wirklich zu empfehlen. Auch wenn viele Szenen in ihrer ausufernden Form verstören und einige in die Breite inszenierte Momente als überlang empfunden werden können, hat dieses Werk so viele unglaublich starke Momente, dass daraus mehrere Filme entstehen könnten. Mit SANTA SANGRE können wir uns auf einen Film einlassen, der mit der Zeit an Qualität und Renommee stetig zu wachsen scheint. Zusammen mit den sehr informativen Extras, ergibt sich so ein rundes Bild eines großen, charismatischen Künstlers, der immer wieder betont, wie sehr er HOLLYWOOD hasst.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewSanta Sangre (1989)
Poster
Releaseab dem 25.04.2019 in einer Special-Edition (1 BD + 3 DVDs +1 CD)
Bei Amazon bestellen:
RegisseurAlejandro Jodorowsky
Trailer
BesetzungAxel Jodorowsky (Fenix)
Blanca Guerra (Concha)
Guy Stockwell (Orgo)
Thelma Tixou (tätowierte Frau)
Sabrina Dennison (Alma)
Adan Jodorowsky (junger Fenix)
Faviola Elenka Tapia (junge Alma)
DrehbuchAlejandro Jodorowsky
Roberto Leoni
Claudio Argento
KameraDaniele Nannuzzi
MusikSimon Boswell
SchnittMauro Bonanni
Filmlänge123 Minuten
FSKab 16 Jahren

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