Rocco und seine Brüder (1960) – Filmkritik

„Die Stadt zerstört die Familie“

Städte haben die besondere Anziehungskraft unerschöpflicher Möglichkeiten. 1960 strahlten auch italienische Metropolen die Erfüllung jeder Art von Wünschen aus. ROCCO UND SEINE BRÜDER, ein Klassiker des italienischen Neorealismus, portraitiert die Menschen, die voll Glaube auf ein besseres Leben wegen großer Armut aus dem Süden Italiens in den bevölkerungsreichen Norden ziehen. Ihre Felder gehören meist Großgrundbesitzern und die Bauern dürfen sie nur für einen Hungerlohn bestellen. Der Traum von einem besseren Leben und einem warmen, trockenen Zuhause zieht die großen Familien, wie auch die Parondis, in diesem Familien-Epos aus dem Süden in die nördlichen Städte: Rom, Turin, Bologna und wie in dieser Geschichte: Mailand. Arbeit gibt es genug in der schnell wachsenden Metropole, aber leider auch Sünden, von denen die einfachen Menschen vom Land nichts wissen und ihnen nur zu gern verfallen. Ein Belastungstest für das Heiligste der Italiener: die Familie.

Rocco und seine Brüder (1960)
© Arthaus/Studiocanal

Handlung

Die Hochzeit des Sohnes Vincenzo (Spiros Focas) lässt die Familie Parondi aus Lukanien, dem Süden Italiens, nach Mailand reisen. Der Vater ist kürzlich verstorben, somit haben sie nichts mehr zu verlieren und steigen mit der Hoffnung dort leben zu können in den Zug. Doch für die Eltern der zukünftigen Braut Ginetta (Claudia Cardinale) ist die fünfköpfige Familie ihres Verlobten zu viel. Ein Streit bricht zwischen ihnen aus und die Hochzeit ist abgesagt. Vincenzo, der auch nur dank seiner Verlobten ein Zimmer hatte, muss eine Wohnung für seine Mutter und Brüder finden. Sie ziehen erst einmal in eine feuchte Kellerwohnung, um dort, nach nicht gezahlter Miete, den Räumungsbefehl zu bekommen. Die Stadt Mailand versorgt aber alle armen Familien mit einer Sozialwohnung, die meist wesentlich besser ist. Währenddessen versuchen sich die Söhne, allesamt gutaussehende Burschen, ein paar Taler dazu zu verdienen. Vincenzo beginnt mit dem Boxen, Simone (Renato Salvatori) tritt schnell in die Fußstapfen seines großen Bruders. Rocco (Alain Delon) tritt nach einem Job in der Wäscherei den Militärdienst an und Ciro (Max Cartier) geht zur Abendschule und beginnt als Mechaniker bei Alfa Romeo. Der kleinste der fünf Brüder, Luca (Rocco Vidolazzi), macht Botengänge und bleibt meist bei Mutter Rosaria (Katina Paxinou). Der ausbeuterische Boxsport und die Prostituierte Nadja (Annie Girardot) bringen Simone auf die dunklen Gassen Mailands und der Familie fällt es schwer, das zu verhindern.

© Arthaus/Studiocanal

Visuelles Familien-Überdrama

Der Titel ROCCO UND SEINE BRÜDER führt etwas in die Irre, weil jeder der fünf Brüder ausreichend Platz in dieser Familiensaga erhält. Der dreistündige Film wird perspektivisch den Brüdern nach in Kapitel gegliedert: Vincenzo, Simone, Rocco, Ciro und Luca. Rocco, was dem Schauspieler Alain Delon zu verdanken ist, der hier auch seinen Aufstieg in den Schauspiel-Olymp feiert, ist die charismatischste wie auch tragischste Figur in diesem Spiel aus verschiedensten Interessen. Sein moralisches Verhalten, die starke Bindung zur Familie, für die er sogar seine große Liebe Nadja opfert, machen ihn zu einer biblisch-tragischen Figur. Zu Beginn noch ganz schüchtern im Hintergrund, spielt er sich Stück für Stück in den Vordergrund. Von einem zurückhaltenden Spiel kann insgesamt jedoch kaum die Rede sein. Die Italiener lieben das exzessive Drama, wie auch ihre Opern. Somit werden für ruhige Zuschauer die Streitereien, Liebesschwüre und dramatischen Momente völlig übertrieben sein. Aber das ist auch eine der Stärken der italienischen Kultur, dass sie immer ihr Herz auf der Zunge trägt und sich selten völlig verstellt, schon gar nicht in der Familie. Denn hier kann jeder sein, wie er ist. Dennoch sei eine Warnung ausgesprochen, dass manche Momente des Leids und der Leidenschaft zu sehr in Richtung Theater – Visconti war auch Theaterregisseur – mit altbackenen Ansätzen von Beziehungen einhergehen. Es ist kaum nachzuvollziehen, warum Rocco seine Liebe zu Nadja beendet, nachdem sie von seinem Bruder Simone in einem dreckigen Hinterhof vergewaltigt wird. Auch wenn darauf eine minutenlange Schlägerei zwischen den Brüdern folgt, wird sich keiner mit diesem Rückzieher Roccos identifizieren können. Der Kampf zwischen den Brüdern wird durch die Pfiffe der Lokomotiven wie der Rundengong beim Boxen begleitet.

© Arthaus/Studiocanal

Monochrome Gemäldeschau

Was Regisseur Luchino Visconti und Kameramann Giuseppe Rotunno auf die Netzhaut der Zuschauer erstrahlen lässt, ist ein ganz großes visuelles Meisterwerk. Natürlich muss man auch der Restauration von 2015 danken, die einen perfekten HD-Transfer aus den Original-Negativen zur Originalfassung (179 min) zusammensetzten. Die Empfehlung der Blu-ray von Studiocanal ist hiermit an jeden Filmsammler ausgesprochen. Immer wieder lehnt man sich entspannt zurück und genießt die Schwarzweiß-Szenerien, die teilweise an die Straßenfotografie der berühmten Magnum-Agentur erinnert, aber auch an die wunderschöne Modefotografie der 60er-Jahre. Designernamen wie Gucci und Chanel kommen einem in den Sinn, obwohl man oft abgetragene Kleidung der Arbeiterklasse, dreckige Straßen und enge, schimmligen Räume zu sehen bekommt. Die Bilder arbeiten auch ganz geschickt mit Strukturen und Mustern. Vor allem im finalen, tödlichen Aufeinandertreffen von Nadja und Simone zeigen verschiedene Schichten, wie die zerfurchte Rinde des Baums, der weiche Pelz an Nadjas Schulter und der öde, schlammige Hintergrund des Flussufers im Hintergrund, dass die Spannung visuell greifbar ist. Die Filmmusik von Nino Rota bringt diese Szene zu einer der besten, die das italienische Kino je hervorgebracht hat. Die grandiose, sichere und stabile Fotografie ist ein angenehmer Kontrapunkt zu den stark übertriebenen Emotionen der Protagonisten.

Rocco und seine Brüder (1960)
© Arthaus/Studiocanal

Filmgeschichtliche Einflüsse

Bei Luchino Visconti fallen einem meist die Filmtitel DER LEOPARD (1963), DIE VERDAMMTEN (1969) oder TOD IN VENEDIG (1971) ein. ROCCO UND SEINE BRÜDER sollte man nicht unterschätzen, denn dessen Einfluss auf spätere Regisseure ist enorm und hält immer noch an. Wenn die Familie Parondi in ihrer kalten Kellerwohnung festsitzt und der Schnee vor dem Fenster die Chance auf Arbeit verheißt, ist man ganz stark an PARASITE (2019) erinnert. Aber auch der Einfluss auf die Filme von Martin Scorsese ist nicht zu übersehen. Die Themen von Familie, Religion, Sucht und selbstzerstörerischer Liebe sind wiederholt in Scorseses großen Epen über italienische Einwanderer und die Mafia vertreten. Auch der Boxsport erinnert an Scorseses ersten großen Durchbruch mit WIE EIN WILDER STIER (1980). In armen Verhältnissen geboren, wird Jake La Motta (Robert De Niro) durchs Boxen ein erfolgreicher Mann, aber damit wachsen auch die moralischen Schwächen und der Untergang steht bevor. Auch hier gibt es zwischen Brüdern den Kampf um dieselbe Frau, wohingegen bei Scorsese eher mit Eifersucht der Bruch entsteht. Scorsese nutzt visuell stärker den Kampf im Ring, wobei Visconti die Kämpfe aus großer Distanz ohne jede Dramaturgie filmt. Sie sind vor allem wegen der großen Anzahl an Statisten nicht weniger beeindruckend.

Rocco und seine Brüder (1960)
© Arthaus/Studiocanal

Fazit

Drei Stunden in Schwarzweiß, die trotz ihres hohen Alters zu keiner Minute langweilig werden. ROCCO UND SEINE BRÜDER ist ein in großartigen Bildern erzähltes Familienepos mit beeindruckenden Schauspielern belebt und ein Zeitdokument Italiens, was es so nicht mehr gibt. Auch wenn das Temperament der Italiener stets mit theatralischer Übertreibung manchen Nerv strapaziert, bleibt die Handlung spannend. Die Familie, die wegen unterschiedlicher Interessen der Söhne auseinandergerissen wird, ist als Thema immer noch unverbraucht. Millionen Menschen sind auch heute noch täglich auf der Reise in ein besseres Leben und müssen ihre Heimat hinter sich lassen. Nicht nur für Filmgeschichts-Querdenker ein Tipp.

Gesehen im Zuge meiner Filmchallenge #FLUXScorseseMasterclass

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewRocco und seine Brüder (1960)
OT: Rocco e i suoi fratelli
Poster
RegisseurLuchino Visconti
Releaseseit dem 18.08.2016 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungAlain Delon (Rocco Parondi)
Renato Salvatori (Simone Parondi)
Annie Girardot (Nadia)
Katina Paxinou (Rosaria Parondi)
Spyros Fokas (Vincenzo Parondi)
Max Cartier (Ciro Parondi)
Rocco Vidolazzi (Luca Parondi)
Roger Hanin (Morini)
Claudia Cardinale (Ginetta)
Paolo Stoppa (Cerri)
Suzy Delair (Luisa)
Alessandra Panaro (Ciros Verlobte)
Corrado Pani (Ivo)
Buchvorlagebasiert auf Personen und Motiven des Buchs IL PONTE DELLA GHISOLFA von Giovanni Testori
DrehbuchSuso Cecchi D'Amico
Pasquale Festa Campanile
Massimo Franciosa
Enrico Medioli
Luchino Visconti
KameraGiuseppe Rotunno
FilmmusikNino Rota
SchnittMario Serandrei
Filmlänge179 Minuten
FSKab 16 Jahren

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