Paul Verhoevens US-Debüt ROBOCOP (1987) setzte Maßstäbe und gilt als Höhepunkt filmischer Science-Fiction der Reagan-Ära. Die Geschichte um den neuen Kollegen im Detroiter Polizeirevier Alex Murphy (Peter Weller), der gleich beim ersten großen Einsatz der ganzen Brutalität der Stadt zum Opfer fällt und fortan nur als Mensch-Maschine-Hybrid der Firma OCP weiterexistieren kann, begeistert das Publikum bis heute. Der erste ROBOCOP verband zynische Gewalt, pointierte Medien- und Konsumkritik sowie ein erschreckend präzises Großstadtbild zu einem filmischen Abenteuer (für Erwachsene). Verhoeven selbst hält ihn für seinen besten Film, und das obwohl er anfangs das Drehbuch nicht ernstnehmen konnte. Nach Fortsetzungen, Trickfilm- und Comic-Ablegern und einem Remake dürfen wir nun vier Jahrzehnte später endlich die ultimative Dokumentation über den Original ROBOCOP erleben. Die Macher Eastwood Allen und Christopher Griffiths versammelten hierfür über 60 Beteiligte vor der Kamera und bieten in ganzen fünf (!) Stunden einen beispiellosen Deep Dive zu einem der größten Science-Fiction-Filme aller Zeiten. Vorhang auf für ROBODOC: THE CREATION OF ROBOCOP.
Doku-Monster
Es gibt verschiedene Formen von Filmdokus: die kompakten Featurettes, die sich meist mit einem bestimmten Aspekt der Entstehung oder einem erzählerischen Thema des Films beschäftigen; dann die verschiedenen Interview- und Audiokommentar-Formate mit Beteiligten und/oder Experten; schließlich die einstündigen oder spielfilmlangen Dokumentationen zur umfassenden Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte, die je nach Anzahl der Beteiligten anwachsen. Die hier besprochene Dokumentation ROBODOC darf als denkbares Maximum der Filmdokus über ein einzelnes Werk gelten. Die Schöpfer Eastwood Allen (*1987) und Christopher Griffiths (*1988), die seit Kindheitstagen mit ROBOCOP aufgewachsen sind, hatten zunächst eine etwa anderthalbstündige Doku im Sinn, die die faszinierenden Aspekte der Entstehungsgeschichte mit der zeitlosen Relevanz von Verhoevens Klassiker verbindet. Doch das Doku-Monster wurde immer größer: Da insbesondere in Hollywood jeder jeden kennt, vermittelten sich die Interviewpartner teils selbst, riefen ihre alten Freunde an, und so hatten Allen und Griffiths am Ende über 60 Personen vor der Kamera, vom Superstar bis zum kuriosen Nebendarsteller, vom Regisseur bis zum Assistenten der Stop-Motion-Abteilung. ROBODOC wurde zur vierteiligen Doku-Miniserie mit insgesamt fünf Stunden Laufzeit.

Der Aufbau der Doku, die jeden Fan des Films von Beginn an in den Bann zieht, ist dabei streng chronologisch (größtenteils auch entlang der Erzählchronologie des Films) gestaltet. Wir beginnen mit den Drehbuchautoren Ed Neumeier und Michael Miner, die bereits Anfang 1984 die erste Hälfte des Drehbuchs geschrieben hatten, bevor James Camerons TERMINATOR in die Kinos kam und die Öffentlichkeit über Cyborgs nachdenken ließ. Wir kommen zum Studio Orion, das in den Achtzigern maßgeblich war für kreative Filmschaffende, die ihre Vision ohne Einmischung der Major Studios umsetzen wollten. Paul M. Sammon als damaliger Executive bei Orion (und Publizisten-Koryphäe über Science-Fiction generell) gibt hier interessante Einblicke. Und das bringt uns schließlich zu Produzent Jon Davison, dem bis heute 50 Prozent des Films gehören (und der immer noch freudig Schecks an Beteiligte verschickt).
Die Entstehung von ROBOCOP vom ersten Konzept Neumeiers 1982 – er holte sich seine Inspiration am Set von BLADE RUNNER – über fünf Jahre bis zur Veröffentlichung im Sommer 1987 war dabei alles andere als einfach. Über diese intensive Entstehungsphase erzählt ROBODOC im Detail: von den Ablehnungen des Skripts und vor allem des Titels (der sich aber bis zuletzt durchsetzen konnte), von der Findung des Hauptdarstellers und des Regisseurs, von Verhoevens Vision, aus ROBOCOP einen europäisch-kritischen Blick auf das technokratische Amerika zu machen, von all den Herausforderungen und Pannen beim Dreh und schließlich von den schier übermenschlichen Leistungen der Kamera- und Effektleute. Ausschnittsweise seien hier der deutsche Kameramann Jost Vacano (DAS BOOT, 1981) und die Spezialeffektkünstler Rob Bottin (DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT, 1982) und Phil Tippett (DAS IMPERIUM SCHLÄGT ZURÜCK, 1980) zu nennen.

Aber ROBODOC wäre nicht das Doku-Monster, wenn man nicht auch die weniger offensichtlichen Aspekte berücksichtigt hätte. Alle Darsteller der Boddicker-Gang holte man vor die Kamera, ließ sie von ihren prägnanten Erfahrungen beim Dreh berichten, selbst die beiden Call-Girls in der Szene mit Bob Morton (Miguel Ferrer), der einen der schönsten Filmtode stirbt, ließ man ausführlich über die Zusammenarbeit mit Paul Verhoeven berichten. Diese Vernetzung, von klein zu groß, vom einzelnen Akteur innerhalb der Crew zum Dirigenten, wird in ROBODOC auf viele Abteilungen ausgeweitet. Warum funktionierte Robos Rüstung anfangs nicht und welche entscheidende Rolle spielte Bewegungscoach Moni Yakim? Welche Freiheiten ließ Verhoeven seinen Darstellern und wann benahm er sich wie ein Diktator? Welches Konzept eines futuristischen Detroits (gedreht in Dallas) wurde mit welchen künstlerischen Mitteln umgesetzt? Warum hebt Basil Poledouris’ Score den Film noch einmal auf ein höheres Level? Und natürlich: Welchen Zensurfragen musste sich ROBOCOP stellen? Welcher Erfolg war dem Werk final beschert? Auf all diese Fragen hat ROBODOC ausführliche, interessante Antworten, die bisher teilweise in einzelnen Features an die Öffentlichkeit gelangten, aber niemals in dieser umfassenden, aktualisierten Form. Tatsächlich bietet die Doku Einiges an neuen Informationen und Expertenwissen, das so noch nicht veröffentlicht wurde. Dieser Mehrwert und die gesamtheitliche konzeptionelle Ernsthaftigkeit sind letztlich die ausschlaggebenden Punkte für diese High-End-Dokumentation, die bei IMDb aktuell einen Durchschnittscore von 8,7 hält.

Das heißt natürlich nicht, dass die bisherigen Bonusfeatures zu ROBOCOP überflüssig wären. In meiner Besprechung zum 4K-Mediabook via capelight weise ich auf das bewährte Material (auch von ausländischen Veröffentlichungen) hin. Insbesondere der Audiokommentar mit Paul Verhoeven ist unersetzlich, ebenso wie einzelne präzise Features mit Beteiligten und Analysten. Aber ROBODOC ist das Sahnehäubchen an umfassenden Filmdokumentationen, lässt eine eigene Erzähldynamik entlang der vielfältigen Hintergründe entstehen und fesselt den Zuschauer wie es manch gute Serie nicht besser vermag. Aufgrund von lizenzrechtlichen Gründen wird sie als separates Werk ausgewertet und ist – leider – nicht Bestandteil einer möglichen Ultimate Edition von ROBOCOP.
Um der massiven Dimension gerecht zu werden, wurde ROBODOC zunächst ans Fernsehen als Doku-Vierteiler verkauft. Es wurde eigene Musik komponiert (inkl. Titelthema), zahlreiche weitere Musik teillizenziert, man hat eigene Motion Graphics animiert und eine aufwendige Vorspannsequenz gestaltet. Allein die Montagearbeit aus zig Stunden neuem Interviewmaterial plus aussagekräftigem Archivmaterial muss Monate gedauert haben. ROBODOC wurde vor Ort in Los Angeles, Berkeley, Dallas und New York sowie in München und im englischen Luton gefilmt.

Zuletzt unterstreicht die Doku die thematische Vision von Verhoevens ROBOCOP und zieht direkte Bezüge zu unserer heutigen Gegenwart. Insbesondere im vierten und letzten Teil der Doku wird dies diskutiert. Paul M. Sammon: „[Der Film] sagte die Militarisierung der Polizei voraus, die Ausstattung mit diesen Schutzwesten und diese massive militärische Präsenz. Die Gewalt nimmt zu, die Bürger sind schutzlos, die Unternehmen korrupt. Menschen bauen Produkte, die nicht funktionieren. Heute übernehmen Roboter alle Arten von Jobs, es ist Realität geworden. All das ist jetzt leider eine feste Größe in unserer Gesellschaft. Das ist prophetisch.“ Oder: „Wir haben einen Witz über die menschliche Natur, über Politik und Gesellschaft gemacht. Es war eine Art Schnappschuss.“ (Ed Neumeier). Peter Weller führt weiter aus: „Es geht um die amerikanische Tragödie. Das ist das Vermächtnis des Klassikers. Darum geht es auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick geht es um etwas Tieferes.“ Und er meint damit echte Freundschaft und Menschlichkeit und wie der menschliche Geist immer wieder durch die Maschine dringt.
Das Mediabook von FreeWind Media
ROBODOC hat eine Laufzeit von 298 Minuten und ist in vier Episoden unterteilt:
- Episode 1: DESTINATION DELTA CITY (68 Min.)
- Episode 2: VERHOEVENS VISION (OT: VERHOEVEN’S MANTRA; 78 Min.)
- Episode 3: BLUT, SCHWEISS UND STAHL (BLOOD, SWEAT & STEEL; 69 Min.)
- Episode 4: MURPHY UND DIE MASCHINE (MURPHY & THE MACHINE; 83 Min.)

Diese vier Episoden werden in einer Aufteilung 2 mal 2 Episoden auf zwei Blu-rays präsentiert in knackig-scharfem HD. Die Motion Graphics und das rot-blau-stählerne Hintergrund-Design der Doku wurden State of the Art produziert, der von Eastwood Allen verantwortete Schnitt ist hochprofessionell. Für den hiesigen Markt wurde die Dokumentation komplett synchronisiert, das heißt man kann die Doku entweder im englischen Original, wahlweise mit deutschen Untertiteln, oder eben in der aufwendig synchronisierten Sprachfassung genießen. Verantwortlich für die deutsche Fassung zeichnet die Studio Hamburg Synchron GmbH, die unter der Dialogregie von Christine Hegeler mit etlichen bekannten Sprecherinnen und Sprechern aufwartet. Diese aufwendige Synchronisation für den hiesigen Markt ist mit ein Grund für den stolzen Preis des 2-Disc-Sets in Höhe von UVP 49,99 EUR – für Fans und Sammler kein Kaufhindernis, aber wohl doch die Höchstgrenze, was man hierfür verlangen kann. (Frei abgeändert nach dem Motto: „Ich glaub’ das kauf’ ich für ’n Dollar.“) Die Tonformate Englisch und Deutsch sind dabei jeweils sowohl in Mehrkanal-Sound 5.1 als auch in Stereo 2.0 anwählbar.

Doch es bleibt nicht bei den fünf Stunden Material der Hauptdokumentation. Eine ganze Stunde Extra findet sich, verteilt über beide Discs, an zusätzlichen Interviews mit Beteiligten des Kinofilms sowie der Doku selbst. So gibt es ein eigenes kompaktes Feature über das „Roboteam“, die Effektkünstler und Anzugbauer, die sich speziell um Murphys Robo-Outfit gekümmert haben (ca. 12 Minuten), oder in sehr spannenden 10 Minuten über die Macher der Doku selbst, Allen und Griffiths, die man natürlich als erstes nach dem Hauptfeature schauen sollte. Die zusätzlichen Features wurden nicht noch einmal extra synchronisiert und liegen im Tonformat Englisch 2.0 mit optionalen deutschen Untertiteln vor, die beim Auswählen im Extras-Menü auch automatisch mit eingeblendet werden.
Zuletzt rundet ein 12-seitiges Booklet mit einem Text von Kathrin Horster die Mediabook-Edition ab (die sich zusätzlich in einem J-Card-Schuber befindet). Beim Text fallen Parallelen zum Essay der Autorin im aktuellen ROBOCOP-Mediabook via capelight auf. Das dort auf den finalen Seiten angesprochene Thema der „menschlichen Faszination für humanoide Automaten“ wird hier als eigener ganzer Text erweitert. Am Ende ergänzt Horster diesen Text bewusst um ein 3.500 Zeichen langes KI-gestütztes Experiment, das sie selbst im Kontext kommentiert und was angesichts des von ihr gewählten Themas als spielerisch-sinnvolle Ergänzung gesehen werden darf. Zum Text bleibt jedoch zu sagen, dass er sich mit einem speziellen philosophischen Aspekt des Films beschäftigt und in keiner Weise mit der hier präsentierten Dokumentation. Auch in Anbetracht ihres bereits breit publizierten Essays im ROBOCOP-Mediabook wäre hier eventuell ein alternativer Ansatz von einer/einem anderen Autorin/Autoren überlegenswert gewesen.

Die ganze Aufmachung des Mediabooks darf abschließend als gut bezeichnet werden. Das Design ist stilsicher, die Informationsangabe auf der Umverpackung übersichtlich und vollständig (auch hinsichtlich der Extras), jedoch wirkt das Mediabook-Case etwas durchschnittlich hinsichtlich Materialstärke und Finishing, was Käufer und Sammler, die vielleicht nicht sofort die hohen Lizenzkosten (und Synchronisations-Kosten) im Hinterkopf haben, beim ersten Anblick etwas enttäuscht. Wer Geld sparen möchte, bekommt die englische Version der Doku auf 2 Blu-rays für ca. 20 EUR. Aber letztlich spricht doch Einiges für die wertig aufbereitete deutsche Version dieser großartigen Doku, sodass man das Label hier durchaus unterstützen darf. Und als kleiner Teaser: Auch die mehrstündige Doku ALIENS EXPANDED (2024) von Ian Nathan wird aktuell vom Label in gleicher Aufmachung angeboten.
Fazit
Mit ROBODOC: THE CREATION OF ROBOCOP liegt endlich auch hierzulande eine der besten Filmdokumentationen überhaupt vor. Die Macher Eastwood Allen und Christopher Griffiths haben mit über 60 Beteiligten vor der Kamera – und vielen hunderten dahinter – ein ultimatives Making-of geschaffen, das der bedeutungsvollen Hinterlassenschaft von Paul Verhoevens Kult-Klassiker gerecht wird. Für Fans und alle halbwegs ernsthaft Filminteressierten ist diese Dokumentation Pflichtprogramm.
© Stefan Jung
| Titel, Cast und Crew | RoboDoc (2023) |
|---|---|
| Poster | ![]() |
| Release | seit dem 20.08.2026 im 2-Disc Mediabook (2x Blu-ray) erhältlich. Direkt bei Alive bestellen. |
| Trailer | |
| Regie | Eastwood Allen Christopher Griffiths |
| Besetzung | Paul Verhoeven Edward Neumeier Michael Miner Peter Kuran Peter Weller Paul Sammon Jon Davison Nancy Allen Ronny Cox Arne Schmidt Jost Vacano Charles Newirth |
| Drehbuch | Eastwood Allen Christopher Griffiths |
| Musik | Sean Schafer Hennessy |
| Kamera | Christopher Griffiths Jerrold Ridenour |
| Schnitt | Eastwood Allen |
| Filmlänge | 298 Minuten |
| FSK | ab 16 Jahren |
Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen


