Ring (1998) vs. Ring (2002)

Ring – Das Original (1998)

Die japanische Geschichte ist voll von mysteriösen Gestalten und bösartigen Monstern, die unserer westlichen Zivilisation mehr als nur fremd sind. An diesem unerschöpflichen Vorrat an alten Sagen, Legenden und Mythen bedienen sich auch immer wieder gerne die kreativen Filmemacher dieses kleinen, exotischen Landes. Zusammen mit dem weltweit bekannten Hollywood-Horror-Stil entstand eine ganz neue Art von Horrorerlebnis, dass seine Geburtsstunde zum Ende des letzten Jahrtausends feierte. Einer der bekanntesten Filme, die für diesen neuen Horror stehen, dürfte zweifelsohne RING (1998) sein, auch bekannt als RINGU, von Regisseur Hideo Nakata. Nakata inszenierte ebenfalls die Fortsetzung RING 2 (RINGU 2, 1999), wie auch die Fortsetzung des US-Remakes RING 2 (THE RING TWO, 2005). Ein weiterer großartiger Horrorschocker entstand ebenfalls unter seiner Regie vier Jahre später, DARK WATER – BESUCH AUS DEM JENSEITS (HONOGURAI MIZU NO SOKO KARA, 2002) sowie den spannenden Thriller CHATROOM (2010). RINGU ist übrigens die lateinische Umschrift des in Katakana (japanische Silbenschrift) geschriebenen Originaltitels RING. Das Drehbuch basiert auf dem Roman des Autors Kôji Suzuki, verfasst wurde es von Hiroshi Takahashi, der bei den Fortsetzungen ebenfalls beteiligt war.

© Sony Pictures Home Entertainment

Der Fluch und sein Medium

Der Fluch der Sadako ist wie ein Virus, der die ganze Welt heimsucht. Ein Virus, der durch ihren unbändigen Hass gegen alle Lebenden genährt wird und sich unaufhaltsam weiter und weiter ausbreitet. Wie schon in THE CALL (CHAKUSHIN ARI, 2003), dort wandert der Tod mithilfe der gespeicherten Telefonnummern im Handy der Opfer voran, benutzt er hier eine einfache Videokassette, um sich auf die Fernsehgeräte direkt ins traute Heim zu projizieren. Wenn die Zeit der Abrechnung gekommen ist, benutzt Sadako die Technik erneut, diesmal allerdings als Transportmittel und durchschreitet so die letzte Barriere.

Sie durchbricht diese letzte Grenze, die uns vor den bösartigen Killern und Monstern schützt, die unsere Kinoleinwände und TV-Geräte rund um den Globus beherrschen. Eine funktionale Verwandtschaft mit den heutigen Computerviren fällt sofort ins Auge, denn auch sie infizieren die Geräte erst durch einen Blick in eine E-Mail oder auf ein angehängtes Bild und in der Regel ist auch diese Infektion tödlich (für den jeweiligen Computer). Hier sind wir wieder bei dem Punkt, den ich schon bei JU-ON: THE GRUDGE (JU-ON, 2002) angesprochen habe: Die asiatischen Geister und Dämonen spielen die Klaviatur des Grauens perfekt auf den technischen Spielereien unserer Zivilisation. Das perfide daran ist, dass gerade die neuen Kommunikationsmittel wie das Smartphone oder auch der PC für einen Großteil der Menschheit nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken ist. Auch Sadako beherrscht diese Instrumente meisterlich.

© Sony Pictures Home Entertainment

Zudem ist das Videoband, das den Fluch transportiert, auch der Versuch eines Kontaktes mit der Welt, die sie vor langer Zeit auf grauenhafte Weise verlassen musste. Er enthält Hinweise auf das Schicksal ihrer Mutter Shizuko und ihr eigenes. Gleichzeitig ist es ein Ausdruck dessen, dass Sadako ihre Gegner mit den gleichen Instrumenten angreift und schlussendlich vernichtet, die vor langer Zeit schon ihre Mutter in den Tod getrieben haben (Massenmedien > Reporter).

Terror für die Ohren

Der unheimliche und zum Teil schon kranke Soundtrack von Kenji Kawai passt perfekt zu den schrecklichen Bildern des Films. Kawai ist nicht nur in Japan ein gefragter Mann und hat schon viele große Projekte mit seinem unvergleichlichen Soundtrack bereichert, unter anderem GHOST IN THE SHELL (KOKAKU KIDÔTAI, 1995), DEATH NOTE (2006) oder IP MAN (YIP MAN, 2008). Jedoch erst in Verbindung mit dem unheimlichen Klangteppich, den die Geräusche des Filmes produzieren, entfaltet sich der ganze Terror gegen die Ohren des Betrachters. Trotz allem ist Kawais Komposition zurückhaltend und niemals aufdringlich.

© Sony Pictures Home Entertainment

Kontrastiert, stilistisch wie auch erzählerisch, wird die sehr ruhige Erzählung von kurzen Rückblicken in Sadakos Vergangenheit. Immer wieder verstören diese kurzen Momente, die in schönem Schwarz-Weiß gedreht wurden und legen einen Blick frei auf eine aus einer anderen Dimension zu stammender Zeit und Welt. Eine Dimension, in der Terror und Schmerz an der Tagesordnung sind. Eine Welt, die wir uns nur in unseren schlimmsten Alpträumen und in der dunkelsten Nacht vorstellen können. Das ominöse Video im Film ist sehr kurz, aber umso beängstigender. Kranke, zerstörerische Bilder verankern sich im Kopf des Zuschauers wie auch der Akteure im Film und lassen niemanden mehr los. In der Vorlage von Kôji Suzuki ist das Video dagegen knapp 15 Minuten lang, doch es gibt noch einige weitere Änderungen im Vergleich zum Buch, die wir hier aber nicht aufführen wollen, dass würde den Rahmen sprengen.

© Sony Pictures Home Entertainment

„Die Kobolde verstehen dich, wenn du das salzige Wasser verstehst.“

Die unheimliche Atmosphäre von RING ist von der ersten Minute an präsent, und die Spannungskurve kennt nur einen Weg, immer weiter nach oben. Die Eröffnung zeigt uns die beiden Teenager Tomoko (Yûko Takeuchi) und Masami (Hitomi Satô), wie sie über ein geheimnisvolles Videoband sprechen. Trotz der Verspieltheit zwischen den beiden Mädchen und der leichten sexuellen Spannung, die hier herrscht, ist deutlich die drohende Gefahr spürbar. Etwas Böses ist im Begriff die beiden Teenager zu besuchen. Gerade zu Beginn passiert noch vieles im off der Kamera, doch im Nachhinein gibt es immer wieder kleine, schnelle Einblendungen, die den Zuschauer zutiefst schockieren. Auch wenn die Kamera das Geschehen lediglich sehr zurückhaltend begleitet, sitzen die wenigen unheimlichen Momente perfekt. Die dezenten Schockeffekte, die den Film begleiten, werden nur sehr sparsam eingesetzt, doch je öfter sie auftauchen, umso mehr verunsichern sie den Zuschauer, und die Spannung potenziert sich um ein Vielfaches.

© Sony Pictures Home Entertainment

Die Farbstimmung wird von einer leichten Blautönung bestimmt, die eine gewisse Kälte zur bedrohlichen Atmosphäre hinzufügt. Diese Verfärbung hat mehrere Bedeutungen, zum einen soll sie die Kälte der urbanen Umgebung verstärken. Weiterhin begleitet sie auch die sehr kühl agierenden Charaktere, wie auch deren zersplitterte Familienverhältnisse Reiko > Ryuji > Yôichi, es gibt keine starke Familie im Hintergrund, die alles zusammenhält. Ebenso verhält es sich ja auch in Sadakos Familie, die viele Parallelen zu den Protagonisten hat, unter anderem auch, dass die Asakawas ebenfalls über leichte parapsychologische Kräfte verfügen. Natürlich steht die Kälte auch für den Fluch, der einfach nicht aufzuhalten ist und der überall zuschlagen kann, jederzeit.

© Sony Pictures Home Entertainment

Trotz allem bleibt Hideo Nakata seinem sehr subtilen Einsatz von Sadako treu. Aber je weiter der Film voranschreitet, desto öfter taucht Sadako irgendwo auf. Mit diesem überraschenden Auftauchen verunsichert sie nicht nur den Zuschauer und die Spannung steigert sich fast schon ins unnatürliche. Wenn dann der Moment erreicht ist und Sadako endlich aus dem Brunnen kriecht, gibt es nichts Gleichwertiges, keinen Ersatz für diesen schrecklichen Moment, der das Grauen auch nur annähernd beschreiben könnte. Die abgerissenen Fingernägel, die über den Boden schaben und kratzen, die Haare vor ihrem Gesicht und diese wahnsinnigen Augen. In ihrem tödlichen Blick liegt alles, nur keine Erlösung. Ihr unbändiger Hass auf die Menschen überdauert selbst die Zeit.

Die Natur, der Brunnen und diese Haare

Nakata setzt hier ganz bewusst den harten Kontrast zur wilden, ungezähmten Natur (Stadt, Vulkan, Meer) und ihren jeweiligen Bewohnern. Aus dieser Wildheit, die sich keinen Gesetzen unterwirft, ziehen die beiden Frauen Shizuko und Sadako ihre Kräfte. Beide pflegen zudem eine intensive Beziehung zur Natur, die sich bei Shizuko auch dadurch ausdrückt, dass sie in einer fremden Sprache mit dem Meer kommuniziert. Gleichzeitig werden die beiden durch ihre Fähigkeiten zu Außenseitern der Gesellschaft abgestempelt. Es gibt einen kleinen Hinweis darauf, dass Sadako kein menschliches Wesen sei, sondern das Kind eines furchtbaren Meeresungeheuers. Ein Hinweis, der wiederum auf die Nähe zur Natur der beiden Frauen deutet und die ganze Story einen Schritt in Richtung H.P. Lovecraft und seinen „Cthulhu-Mythos“ befördert.

© Sony Pictures Home Entertainment

Das zentrale Motiv der ganzen Story um Sadako ist aber der Brunnen, der in Japan als eine Art Tunnel oder Korridor zur anderen Welt dient. Doch auch in unseren westlichen Überlieferungen und Geschichten ist der Brunnen nichts anderes als der direkte Weg in die Hölle. Er dient ebenso als Symbol für Sadakos Verbannung aus der Gesellschaft, sowie auch als Aufbewahrungsort ihrer Leiche. Denn eine reguläre Bestattung wurde Sadako verweigert, somit auch die Möglichkeit zu einem friedlichen Übergang in die andere Welt. Das und die Tatsache, dass ihr das Leben als Frau genommen wurde, verstärkt ihren unbarmherzigen Hass.

Die Haare der beiden Frauen haben nicht nur eine künstlerische Bedeutung, sondern auch eine geschichtliche. Bei den Schamaninnen waren sie das Zeichen für eine Verbindung in das Totenreich und dienten als eine Art Antenne, mit deren Hilfe sie unbekannte Kräfte von der anderen Seite bezogen. Auf dem Videoband ist Shizuko für wenige Sekunden zu sehen, wie sie behutsam ihr Haar kämmt.

© Sony Pictures Home Entertainment

Ein kleiner, historischer Blick auf die Yûrei

Ich hatte ja schon bei JU-ON erklärt, dass die Art der Darstellung der weiblichen japanischen Geister (Totengeister), den sogenannten yûrei, bis in das traditionelle Kabucki-Theater zurückreichen, darüber hinaus aber auch in vielen anderen japanischen Künsten zu Hause sind. Ihre Hochphase hatten die Yûrei in der Edo-Zeit (1603-1868), in jenen Jahren der Abschottung Japans vom Rest der Welt entstand der Prototyp der Yûrei, der bis in unsere Zeit ihre Gültigkeit behalten hat: Weiße Kleidung, eine schlaffe Körperhaltung, lange schwarze Haare und einen unstillbaren Rachedurst. Der einzige Unterschied zum Film-yûrei besteht darin, dass die Geister im Film ihren Unterleib behalten durften. In den klassischen Künsten haben die Yûrei jedoch seit jeher ab der Hüfte keine feste Gestalt mehr.

Sehr großen Einfluss auf die Ikonografie der Yûrei hatten auch die chinesischen Künste in dieser Zeit, die ebenfalls diese weiblichen Totengeister in vielfältigen Formen kennen. Die bevorzugt weiblichen Geister wurden durch das Patriarchat im Land noch vermehrt und breiteten sich aus, ähnlich dem Fluch der Sadako. Wer mehr darüber wissen möchte, oder einfach nur neugierig ist, dem sei das spannende Buch von Elisabeth Scherer [1] ans Herz legen. Mit wissenschaftlicher Präzision wird dort den historischen Hintergründen auf den Grund gegangen, anhand einer ausführlichen Zusammenfassung der Geschichte, wie auch von vier Filmen, in dem unterschiedliche Totengeister eine wichtige Rolle spielen, darunter auch RING.

© Sony Pictures Home Entertainment

Fortsetzungen

Die Fortsetzung RING 2 (RINGU 2, 1999) knüpft direkt an das Original an. Im Jahre 2000 erschien ein weiterer Teil mit RING 0 – BIRTHDAY (RINGU 0: BÂSUDEI, 2000), der uns mehr von Sadakos Vorgeschichte und ihrer Familie enthüllt. Gleichzeitig mit RING wurde die Verfilmung RASEN, auch unter dem Titel RING-SPIRAL bekannt, veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um eine ähnliche Verfilmung des zweiten Bandes von Kôji Suzuki „The Ring II – Spiral“. Da dieser Verfilmung keine größeren Erfolge für sich verbuchen konnte, ignorierte man diesen Weg und setzte ein Jahr später mit dem oben erwähnten zweiten Teil die Reihe um Sadako fort. Zudem gibt es noch einige Fernsehserien zum Ring-Universum wie auch ein koreanisches Remake Namens THE RING-VIRUS (RING, 1999). Dieses frühe Remake hat einiges zu bieten und ist wesentlich näher am Original wie auch dem Roman. Einige Jahre später startete ein neuer Ableger zum Thema mit

SADAKO 3D (2012): Sadakos Geist ist noch immer aktiv. Mithilfe eines irren Internetkünstlers und einem neuen Video, will sich Sadako einen lebenden Körper besorgen. Ein weiteres Jahr darauf gab es gleich eine Fortsetzung mit SADAKO 3D 2 und kurz danach ein Crossover: SADAKO VS. KAYAKO (2016) in dem die beiden bekannten Bösewichte aus RING und JU-ON aufeinandertreffen, ganz im Stile eines FREDDY VS. JASON (2003). Aber auch Hideo Nakata versuchte einen Neuanfang unter dem gleichen Titel mit SADAKO (2019). Bis auf den ersten SADAKO von 2012, ist bisher keiner der nachfolgenden Filme bei uns mit einer deutschen Synchro erhältlich.

Titel, Cast und CrewRing - Das Original (1998)
OT: Ringu
PosterFilm Poster
Kinostart/
Veröffentlichung
31.01.1998 (Japan)

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurHideo Nakata
Trailer
BesetzungNanako Matsushima (Reiko Asakawa)
Sanada Hiroyuki (Ryuji Takayama)
Miki Nakatani (Mai Takano)
Yuko Takeuchi (Tomoko Ôishi)
Hitomi Satô (Masami)
Rikiya Ôtaka (Yôichi Asakawa)
Yôichi Numata (Takashi Yamamura)
Masako (Shizuko Yamamura)
Rie Ino‘o (Sadako Yamamura)
DrehbuchHiroshi Takahashi
RomanvorlageKôji Suzuki
KameraJun‘ichirô Hayashi
MusikKenji Kawai
SchnittNobuyuki Takahashi
Filmlänge95 Minuten
FSKab 16 Jahren

 

Ring (2002)

Die Eröffnungsszene mit den beiden Mädchen ist hier zwar fast identisch gestaltet, aber ungleich langweiliger. Zum einen sind die beiden Teenager, Katie (Amber Tamblyn) und Becca (Rachael Bella), die für Hollywood typischen Jugendlichen. Sie haben offensichtlich reiche Eltern, sind gutaussehend und einfach nur gelangweilt vom Leben. Die eine hasst das Fernsehen, glotzt aber laufend in dieses hinein, während die andere nur daran interessiert ist, was ihre Freundin für sexuelle Abenteuer wieder einmal hatte. Zum anderen geht die verspielte sexuelle Spannung, die im Original zwischen den beiden japanischen Mädchen herrschte, den US-Girls vollkommen ab. Hier gibt es nur Langeweile und Stumpfsinn.

© 2002 DreamWorks LLC

Warum die US-Version gut zwanzig Minuten mehr braucht, um ihre Story zu erzählen ist schnell geklärt. Die Lösung präsentiert sich sehr ausladend nach gut fünfundvierzig Minuten Laufzeit, die ähnlich dem Original ablaufen: Verpackt in einer quälend langen Story um die Familie Morgan, ihrer Pferdezucht und der angeblichen Tochter Samara, das Pendant zu Sadako, versucht dieser Abschnitt dem Zuschauer alles bis ins kleinste Detail zu erklären. Erst im Finale nähern wir uns langsam der Version von Hideo Nakata wieder an, doch da ist es längst zu spät.

© 2002 – DreamWorks LLC

Es gibt so einige, seltsame Momente im Film, wo man sich unwillkürlich fragt, welcher Wahnsinnige hat sich das nur ausgedacht? Beispielsweise die Szene mit dem Pferd auf der Fähre. Rachel (Naomi Watts) streckt ihre Hand in das Innere des Anhängers, in dem das Pferd untergebracht ist. Schon beim ersten Mal spürt sie die plötzliche Unruhe, die das Tier befällt, als sie sich ihm nähert. Doch anstatt einfach weiter zu gehen, streckt Rachel immer und immer wieder die Hand zu dem nervösen Pferd aus. Das Ganze geht so lange, bis das arme Tier dermaßen verängstigt ist, dass es schlussendlich ausbricht und über Bord springt.

© 2002 DreamWorks LLC

Eine weitere sehr kuriose Szene, gleich zu Beginn: Rachel holt ihren Sohn Aidan (David Dorfman) von der Schule ab. Scheinbar zum wiederholten Male viel zu spät, wie man an den Reaktionen der Beteiligten gut ablesen kann. Aidans Lehrerin (Sandra Thigpen) fordert Rachel auf, noch einen Moment zu bleiben, da sie ein paar Punkte mit ihr besprechen will, während Aidan draußen auf sie wartet. Jetzt kommt das Spannende: die Lehrerin setzt sich „auf“ den Stuhl und Rachel „auf“ den Tisch. Das Besondere an der Szene; die Lehrerin ist eine Afroamerikanerin. Somit stellt sich hier die Frage, was will uns Verbinski damit sagen? Fühlt sich Rachel der Lehrerin überlegen oder sogar der Afroamerikaner? Will uns Verbinski zeigen wie arrogant und überheblich Rachel gegenüber anderen Personen zu Beginn des Filmes ist oder hat der Regisseur hier einen großen Schluck aus der Rassismus Flasche genommen? Wie auch immer, jedenfalls ist diese Szene mehr als nur unglücklich, denn ein ungutes Gefühl bleibt Bestehen.

Die amerikanische Familie

Das amerikanische Ideal von Familie ist für alle erstrebenswert und die totale Erfüllung. Ein kleines Häuschen mit einem netten Garten, erfolgreiche Eltern und ganz entzückenden Kindern. Der amerikanische Traum, das einzig erstrebenswerte Ziel im Leben, zumindest wenn es nach Meinung von Hollywood geht. In der perfekten amerikanischen Familie kann es somit auch nichts Böses geben. Daher ist es nur logisch, dass alles Böse von außen kommt, um das idyllische Familienleben zu unterwandern oder noch schlimmer, es zu zerstören.

© 2002 DreamWorks LLC

Somit landen wir genau dort, wo wir schon so oft waren, denn Samara (Daveigh Chase) ist nicht das leibhaftige Kind der Morgans, sie wurde adoptiert. Der erfahrene Filmfreund wird nun aufhorchen und sich ganz sicher an so einige adoptierte Waisenkinder in der langen Filmgeschichte erinnern, die zusätzlich noch jede Menge Böses im Gepäck hatten. Spontan kommt einem gleich das wohl berühmteste Kind aus den 1970er in den Sinn: Damian aus DAS OMEN (THE OMEN, 1976), oder wie wäre es mit Esther aus dem Film ORPHAN – DAS WAISENKIND (ORPHAN, 2009)? Im weiteren Verlauf des Filmes erfahren wir außerdem noch, dass Samara irgendwo aus dem Osten kommt. Somit eröffnet sich gleich der nächste politische Konflikt: Ost gegen West, Amerika gegen Russland, Kapitalismus gegen Kommunismus? Der Osten infiltriert die westliche Familie, um sie zu schwächen und das Land in den Abgrund zu stürzen.

© 2002 DreamWorks LLC

Verbinski fährt ein Standard-Motiv nach dem anderen auf und verliert sich in unsinnigen Behauptungen und Verflechtungen, die seine Story unnötig verwässern und ausdehnen. Wie wir bei Nakatas Version gesehen haben, ist weniger mehr. Manchmal genügen auch nur zarte Andeutungen oder kleine Hinweise. Noch ein Wort zu Anna Morgan (Shannon Cochran), der angeblichen Mutter von Samara. Da Anna nicht sehr asiatisch von ihrem Äußeren daherkommt, ist mir bis heute unverständlich, warum in ihrer Krankenakte, die Noah (Martin Henderson) durchwühlt, ein Blatt mit japanischen Schriftzeichen zu finden ist? Wir haben hier einen amerikanischen Film mit amerikanischen Schauspielern für amerikanische Zuschauer, also was soll das?

© 2002 DreamWorks LLC

… der Rest

Sadakos Mutter hatte im Original starke parapsychologische Fähigkeiten, wie wir in den Rückblicken erfahren haben. Doch erst durch die Bloßstellung ihrer Mutter durch die anwesende Presse und der Hass, der ihr bei der Vorführung entgegenschlug, fing Sadako mit dem Töten an. Das Video ist lediglich der Ausdruck von Sadakos Hass gegen die gesamte Menschheit. Genau dieser unbändige Hass fehlt dem Remake komplett. Ebenso verhält es sich mit der schwachen Darstellung der Samara (Daveigh Chase), die weder beängstigend noch auf irgendeine Weise schockierend wirkt. Weder ihr Erscheinen noch ihre Motivation erzeugen irgendwelche Emotionen bei der Sichtung. Bei Sadako genügte es, nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit zu haben, um eine Gänsehaut beim Betrachter zu erzeugen. Samara hingegen erinnert eher an ein gelangweiltes Kind, dass nichts mit sich anzufangen weiß und der Meinung ist, dass niemand sie liebt.

© 2002 – DreamWorks LLC

Aber auch die Darstellung des Aidan (David Dorfman), im Original Yôichi, erzeugt eher ein müdes Gähnen als einen Schauer des Mysteriösen. Regisseur Gore Verbinski hat Aidan zwar wie eine Mischung aus Damian und Cole aus THE SIXTH SENSE (1999) angelegt, aber das Unheimliche, das Andersartige fehlt der Figur komplett. Ebenso ergeht es auch Noah (Martin Henderson) der nur ein schwaches Abziehbild von Ryuji ist. Wobei der eigentliche Konflikt der ehemaligen Familie gar nicht so richtig zur Geltung kommt, denn schon nach wenigen Minuten nähern sich Rachel und Noah wieder an, trotz aller Probleme, die es zwischen den beiden wohl einmal gegeben haben muss.

Zum ganzen unglaubwürdigen Theater passt der pomadige Score von Hans Zimmer. An einigen Stellen ist er mir etwas zu aufdringlich, eigentlich das komplette Gegenteil von Kenji Kawais Komposition, die das Grauen auch für die Ohren erfahrbar macht. Zimmer, der an so bekannte Soundtracks wie GLADIATOR (2000), INCEPTION (2010), INTERSTELLAR (2014) oder DUNKIRK (2017) beteiligt war, enttäuscht hier mit seinem Beitrag.

© 2002 DreamWorks LLC

Eine besondere Auffälligkeit hat Verbinskis RING-Version noch zu bieten: die Rede ist von dem überall vorhandenen extremen Grünstich. Grün ist in seinem Film die vorherrschende Farbe, vor allem im urbanen Umfeld. Eine mögliche Interpretation wäre hier, dass das ganze Umfeld von Rachel vergiftet ist und dass der Fluch sie überall zu erreichen vermag. Also im Grunde die gleiche Symbolik, die der leichte Blaustich bei Nakata hatte, nur eben viel intensiver.

Die Fortsetzung

Das bei der Fortsetzung, RING 2 (THE RING TWO, 2005), Hideo Nakata für die Regie gewonnen werden konnte, hat spürbare Verbesserungen bei der Inszenierung zur Folge gehabt. Teil zwei erscheint um einiges atmosphärischer und unheimlicher, auch wenn die eigentliche Story eher durchschnittlich bleibt. Eine weitere durchwachsene Fortsetzung gab es bei Samara ebenfalls und zwar mit dem Film RINGS aus dem Jahr 2017. Regie führte nun F. Javier Gutiérrez, der, wie schon seine Vorgänger, mit einem schwachen Drehbuch und einer misslungenen Inszenierung zu kämpfen hat. Das Ganze wurde diesmal mit austauschbaren Teenies vermischt, die gut und gerne einem Slasherfilm entsprungen sein könnten. Um das ganze Durcheinander der Vorgänger noch zu überbieten, wurde die Herkunftsgeschichte der Samara noch einmal generalüberholt und auf den Kopf gestellt.

© 2002 – DreamWorks LLC

Fazit

Selbst mit dem mittlerweile recht bekannten Gore Verbinski als Regisseur bleibt das Remake eine Enttäuschung. Genau jener Verbinski, der unter anderem FLUCH DER KARIBIK (PIRATES OF THE CARIBBEAN: THE CURSE OF THE BLACK PEARL, 2003) oder 2016 den fantastischen A CURE FOR WELLNESS gedreht hat, der mit einer unglaublichen Atmosphäre, fantastischen Bildern und einer spannenden Story punkten kann. Verbinskis Film kann in keiner Weise dem Original das Wasser reichen. Zum einen lässt die 2002er Version alles vermissen, was Hideo Nakata so sorgfältig aufgebaut hat, zum anderen ist Verbinskis Story zu überladen mit unnützen Wendungen, schwachen Erklärungen und Motiven aus der Mottenkiste, die nur wenig mit der Handlung zu schaffen haben.

Verbinskis Versuch einer Neuinterpretation, ganz nach den Mustern der bekannten und vielfach längst überholten Hollywood-Konventionen, erinnert eher an die Nachmittagsunterhaltung im Kinderprogramm. Mag sein, dass die Neuauflage für unerfahrene Zuschauer erschreckend ist, aber das Original ist um Längen spannender, schockierender und vor allem faszinierender. Nakatas anspruchsvolles Werk ist ein Meilenstein des Horrorfilms und einmalig in seiner Inszenierung.

Gesehen im Zuge meiner #FluxHorrorfilmRemakes-Filmchallenge

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewRing (2002)
OT: The Ring
Poster
Releaseab dem 07.02.2019 auf Blu-ray

Ihr wollt den Film bei Amazon kaufen?
Dann geht über unseren Treibstoff-Link:
RegisseurGore Verbinski
Trailer
BesetzungNaomi Watts (Rachel)
Martin Henderson (Noah)
David Dorfman (Aidan)
Brian Cox (Richard Morgan)
Shannon Cochran (Anna Morgan)
Daveigh Chase (Samara)
DrehbuchEhren Kruger
Kôji Suzuki
Hiroshi Takahashi
MusikHans Zimmer
KameraBojan Bazelli
SchnittCraig Wood
Filmlänge115 Minuten
FSKab 16 Jahren

Quellen

[1] Scherer, Elisabeth (2011). Spuk der Frauenseele: Weibliche Geister im japanischen Film und ihre kulturhistorischen Ursprünge. transcript Verlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.