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Rheingold (2022) – Filmkritik

„Alles oder Nix“

Wenn es jemals das Genre des deutschen Rapfilmes gab, dann ist es sehr begrenzt und temporär sehr genau in den ausgehenden 2000ern zu verorten. Der mit viel Tamtam und Eichinger-Geldern gesegnete Bushido-Film ZEITEN ÄNDERN DICH (2010) ist auch heute noch als einer der transgressivsten Entgleisungen der deutschen Kulturindustrie. Nicht nur, weil Bushido selbst nicht in der Lage war, sein eigenes Leben glaubhaft zu spielen. Schon etwas besser trafen es Sido und B-Tight als die BLUTZBRÜDAZ (2011), vielleicht auch, weil der Film sich selbst und seine Sujets nicht völlig ernstnahm.

© Warner Bros. Entertainment Inc.

Die Idee eines Xatar-Biopics, der sich selbst gerne als einen der wenigen deutschen Rapper mit echter street cred gibt, inszeniert von Fatih Akin, einem der wenigen deutschen Regisseure, die mal so etwas wie street cred hatten, ist vielleicht keine schlechte. Xatar, bürgerlich Giwar Hajabi, bringt als Figur schon eine spannende Dualität mit sich: Da ist der Gangsterrapper voller Selbstglorifizierung und genretypischen Idiomen auf der einen Seite, auf der anderen Seite aber eben auch der Sohn eines berühmten Komponisten und dahingehend auch jemand, der eine im wahrsten Sinne des Wortes klassische Bildung genoss. Nirgendwo konnte man das wohl unterhaltsamer, und auch die deutsche vorurteilsbehaftete Spießertrance besser entlarvend sehen, als in der legendär gescheiterten RTL II Show DER BLUFF. Hajabi glänzte hier mit Fachwissen zu Antonín Dvořák; natürlich wurde die nicht gescriptete Szene dieser Show, in der Hajabi seinem Zögling durch den Verweis auf den klassischen Komponisten aus einem kreativen Nirvana half, nie gesendet. Marcus Saiger fasste das damals treffend zusammen: „[Die Aufnahmen] würden nicht ins Bild passen. […] Xatar ist doch der harte Gangster. DAS wollen die Leute sehen. Die wollen doch keinen Ausländer sehen, der irgendwas von Antonín Dvořák erzählt. Glaubt doch kein Mensch.“ [1]

„Glaubt doch kein Mensch“, das klingt wie die ideale Rahmenbedingung eines mitreißenden Filmes. Ein desaströser erster Trailer und die absolute Nichtbeachtung des Filmes der etablierten Festivals, die sonst Standardabnehmer für Akins Stoffes sind (etwa der Debütfilm KURZ UND SCHMERZLOS in Locarno, GEGEN DIE WAND und DER GOLDENE HANDSCHUH auf der Berlinale, AUS DEM NICHTS in Cannes) stimmten stutzig. Die immerhin stark umjubelte Premiere mit geradezu ausgelassener Stimmung auf dem weniger prestigeträchtigen Filmfest Hamburg ließ am 01. Oktober 2022 zumindest momentär aufatmen. Aber was ist RHEINGOLD nun für ein Film geworden und kann er dem viel beackerten und eigentlich auserzählten Stoff des Gangsterfilms etwas Neues abgewinnen?

RHEINGOLD (2022)

© Warner Bros. Entertainment Inc.

Nein, kann er nicht. Will er augenscheinlich auch nicht. Akin erzählt die Adoleszenzjahre Hajabis (Emilio Sakraya) klar geschult an den filmischen Texten Martin Scorseses. Mehr als eine unterhaltsame Pastiche gelingt ihm aber nicht.

Interessant sind die kleinen Momente, die immer wieder über das Altbekannte hinausweisen. Viel Zeit räumt Akin den Eltern Hajabis ein und erzählt von der iranischen Revolution im Jahre 1979, von der Zeit der Eltern als kurdische Widerstandskämpfer:innen und der Folter, die sie im Gefängnis erleiden mussten. „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind an das Gefängnis“, eröffnet Giware den Film und als Leitmotiv wird eben jenes Gefängnis auch durch den Film führen. Von den Aufenthalten im Jugendknast wegen kleinerer Drogenvergehen bis hin zum Hybrismoment in der JVA Rheinbach, das Gefängnis bestimmt Hajabis Leben. Auf den Spielplätzen der Jugend sind die Gitterstäbe ebenso präsent, wie sie metaphorisch die klaren Regeln des späteren Lebens im organisierten Verbrechen umreißen. Nur leider stellt Akin diese Motive einfach hin, er behauptet sie, aber erzählt nicht mit ihnen. Genauso willkürlich platziert wird das Wagnerische Rheingold als Titelgebung des Filmes, welches natürlich seine filmische Entsprechung als das beim legendären Goldtransporterüberfall finden wird. Akin definiert es zu Beginn des Filmes aus als das Gold, das jeder besitzen möchte, das letztendlich aber den Untergang eben jenes Besitzers bedeutet. Nur erzählt der Film von keinem Untergang. Das Gold, das Giware raubt, bedeutet seine endgültige Zementierung als Lichtgestalt, nicht seinen Untergang.

RHEINGOLD (2022)

© Warner Bros. Entertainment Inc.

Der definierende Hypotext von RHEINGOLD ist unverkennbar GOODFELLAS. Die dreier Clique um Giware, Samy und Sheik lernt sich in der Jugend kennen, dreht allerhand krummer Dinger, gründet ein Musiklabel und muss im Zuge eines missglückten Kokaindeals den legendären Goldraub durchführen. Untermalt vom genretypischen Offkommentar, der sich erst im Schluss des Filmes rechtfertigt. Zudem arbeitet RHEINGOLD immer wieder mit einigen interessanten ästhetischen Brüchen, etwa Formatwechseln oder mit der sowohl inhaltlich wie auch stilistisch als Zäsur dienenden Überfallsequenz, unverkennbar wieder eine GOODFELLAS-Homage an Henry Hills Tag der Festnahme.

© Warner Bros. Entertainment Inc.

Akin beweist in den 140 Minuten des Filmes zweifelsohne, dass er sein Handwerk versteht und durchaus in der Lage ist, die Erzählweisen des Italo-Amerikaners in deutsche Bilder zu übersetzen. Was Akin jedoch versäumt, ist es eine Position zu seinem Protagonisten zu beziehen. Zwar klingen in der Erzählung hier und da auch kritische Töne an, etwa wenn Hajabis Tochter in der Schule ob der ehemals kriminellen Laufbahn ihres Vaters gehänselt wird. Dies waren die Momente, die in Scorseses IRISHMAN als Novum auftraten. Und die funktionierten, wie Scorsese selbst, wie bereits erwähnt, auf eine lange Gangsterregisseur-Karriere zurückblicken konnte und mit diesen Momenten auch explizit sein eigenes Werk kommentierte. Akin hat diese Tradition natürlich nicht und so wirken diese Zwischentöne im sonst sehr simplen Film eher wie kleinere Vorsichtsmaßnamen, ob dass man ihm nicht vorwerfen könne, seine doch in der Öffentlichkeit kritisch rezipierte Hauptfigur nicht überzuglorifizieren. Diesem Vorwurf muss sich der Film aber doch gefallen lassen. Der RHEINGOLD-Giwar-Hajabi ist stets im Recht, sei es bei brutalen (und überaus intensiv inszenierten) Schlägereien auf dem Pausenhof, vor Clubtüren oder beim Goldtransporterüberfall. Wir müssen ihn a priori als Held der Geschichte begreifen, ohne dass Akins Erzählung ihn dazu wachsen lassen würde. Das Kino muss keine moralische Schaubühne sein, bei Weitem nicht, aber wenn man seinen Helden als doch eher flache Figur anlegt, funktionieren die kritischen Einschübe eben auch nicht.

RHEINGOLD (2022)

© Warner Bros. Entertainment Inc.

Also, was ist RHEINGOLD für ein Film geworden? Ein weitestgehend schnörkelloser Gangsterfilm, mit einer von Sakraya einnehmend verkörperten Hauptfigur, der gerne über sich selbst hinaus verweisen würde, aber unter seinem Ballast an nicht zu Ende gedachten Motiven und Ansätzen unnötig ins Stocken gerät. Fatih Akins bester Film seit SOUL KITCHEN (2009).

© Fynn

[1] Staiger, Marcus: „Als er zu dem asozialen Kanacken wurde, den sie von ihm erwarteten“. – Staiger über Xatar. Online verfügbar unter: https://www.vice.com/de/article/4wxkaq/ein-kanacke-der-antonn-dvok-kennt–staiger-ber-seine-zeit-mit-xatar

Titel, Cast und CrewRheingold (2022)
Poster
RegieFatih Akin
ReleaseKinostart: 27.10.2022
Trailer
BesetzungEmilio Sakraya (Xatar / Giwar Hajabi)
Mona Pirzad (Rasal Hajabi)
Ilyes Raoul (junger Giwar Hajabi)
Sogol Faghani (Shirin)
Ensar „Eno“ Albayrak (SSIO)
DrehbuchFatih Akin
KameraRainer Klausmann
MusikGiwar Hajabi
SchnittAndrew Bird
Filmlänge140 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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