Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review

Rendezvous mit einer Leiche – Filmkritik & Review der Blu-ray

Rendezvous mit einer Leiche – Appointment with Death (1988)

Auf den ersten Blick bringt diese Produktion alles mit, um seinem neugierigen Zuschauer einen kurzweiligen bis unvergessenen Filmabend zu bescheren.
Da sind drei vorangegangene Filme, einer fast schon Filmserie, um den schrulligen Privatdetektiv Hercule „Belgier!!!“ Poirot. Einer mit Albert Finney (zurecht Oscar nominiert in MURDER ON THE ORIENT EXPRESS) und zwei mit dem nicht weniger beeindruckenden Sir Peter Ustinov in der Hauptrolle. Eigentlich verbinden wir gerade mit ihm diesen Genussmenschen mit Superhirn im Kreise weltreisender Aristokraten auf der Suche nach dem Mörder.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Da kommen wir auch gleich zu den nächsten spezifischen Glanzpunkten der bisherigen Filme. Ein groß aufspielendes Schauspielensemble aus überwiegend namhaften Darstellern (Ingrid Bergmann, Sean Connery, Vanessa Redgrave, Sir John Gielgud, Lauren Bacall, Michael York, Bette Davis, George Kennedy, Angela Lansbury, Jack Warden, Diana Rigg, Mia Farrow, Sam Wamamker, Jane Birkin, und, und, und), exotische Schauplätze, edle Kostüme (Oscar nominiert und prämiert) in ebensolcher Ausstattung. Auch hinter der Kamera fanden sich namhafte Filmschaffende ein. Sidney Lumet fuhr den „Orient Express“, John Guillermin kreuzte tödlich „…auf dem Nil“ und Guy Hamilton brachte ein wenig Swing unter die Sonne des Mittelmeeres. Ihre Kunstfertigkeit als Regisseur verschaffte uns einen Blick hinter edle Vorhänge und eine leicht verklärende Welt kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Und während wir dem „Belgier“ bei der Entschlüsselung eines ausgeklügelten Mordes begleiten durften, begleitete uns, kontrastreich zu Tod und Schicksalsschlägen, spätromantische Musik aus gekonnter Komponistenfeder wie der von Richard Rodney Bennet („Orient Express“), Nino Rota („Tod auf dem Nil“), oder Cole Porters Melodien für klassisches Orchester wunderbar arrangiert von John Lanchbery in („Das Böse unter der Sonne“).

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© Koch Films

Nun also der (inoffiziell) vierte Teil der Agatha Christie´s Hercule Poirot-Reihe. Mit großer Vorfreude tauchen wir in die späten 30er Jahre ein und gehen schon bald auf die Reise durch London, Italien, übers Meer nach Palästina. Unsere Gäste auf der Reise sind auch hier einige bekannte und hochtalentierte Darsteller. Allen voran natürlich wieder Sir Peter Ustinov. Dann erneut mit an Bord (in anderen Rollen): Lauren Bacall und Sir John Gielgud. Dazu gesellen sich eine Reihe Darsteller eher aus der zweiten Reihe mit Piper Laurie (die bigotte Mutter aus CARRIE), Carrie Fisher (zwar große Film-Serie, dennoch nie eine der ganz Großen geworden), David Soul (Hutch aus STARSKY & HUTCH)  und die leider viel zu wenig in Filmen gesehene und somit fast schon vergessene Jenny Seagrove (LOCAL HERO). Ich nehme mal etwas vorweg: sie ist noch die interessanteste Figur und macht am meisten aus ihrer Rolle. Tapfer spielt sie gegen ein erschreckend schwaches Drehbuch an. Dabei schafft sie es noch, nicht nur wie die etwas hübschere Schwester von Karen Allen (Marion aus RAIDERS OF THE LOST ARK) auszusehen, sondern auch eine Art von Ambivalenz in ihrer Figur erkennen zu lassen. Sieht man die übrigen Darsteller muss man schon sehr an der Lust des Regisseurs diesen Film drehen zu wollen zweifeln. Wie sie größtenteils wild chargierend, oder eher teilnahmslos durch die Szenen wandeln als habe man sie gerade in ihr Kostüm gesteckt und „Action“ gerufen, ohne auch nur einmal mit ihnen über ihre Rollen gesprochen zu haben, grenzt schon an Arbeitsverweigerung von Seiten der Regie. Apropos Regie. Hier hat eigentlich jemand das Kommando, sogar noch als Produzent und Editor, der es schon mal besser gemacht hat: Michael Winner.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Mit THE BLUE MAX,  einigen richtig guten Charles Bronson-Filmen wie THE MECHANIC und CHATOS LAND, (an DEATH WISH I-III darf man sich gerne reiben), sowie SCORPIO mit Burt Lancaster und Alain Delon hat er sein handwerkliches Gespür für Charaktere, Action und Atmosphäre, gerade für europäische Szenerien bewiesen.

Doch was wir hier in diesem Film vorgeführt bekommen, kann man nur als grandioses Scheitern einer großen Mannschaft bezeichnen. Hier passt fast nichts zusammen. Malträtiert von einen unsäglichen Musik-Score der jeden Fahrstuhlfahrer die Treppe nehmen ließe. Eine Filmmusik die mehr von einer billigen „Love Boat“ Episode hat, als von CARRIE, DRESSED TO KILL, oder BODY DOUBLE. Denn der Komponist ist jeweils der selbe: Pino Donnagio. Ähnlich wie Michel Legrand zum Bond Witz NEVER SAY NEVER AGAIN einen völligen Totalausfall hingelegt hat, kann man auch hier nicht fassen, was ein poppiges Saxophon im Venedig der 30er Jahre verloren hat. Auch hier lässt einen das Gefühl nicht los, dass hier so wirklich niemand Lust auf diesen Film zu haben schien.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Schon von der ersten Minute an fragt man sich die ganze Zeit wie so viel Talent so unsäglich vor die Leinwand laufen konnte. Keine einzige Szene hat eine visuell klare Linie. Neben ein paar Hitchcock-Reminiszenzen aus unheilvollen Weitwinkel, kombiniert mit extremen Nahaufnahmen aus untersichtigen Perspektiven, fällt dem Regisseur nichts wirklich auch nur annähernd Interessantes ein. Er löst jede Szene aus gefühlt 10 nahezu identischen Bildausschnitten auf, um sie später noch unmotivierter, hektisch und ohne Vertrauen in seine eigenes Regiekönnen, zusammen zu schneiden. Dass er statt aufwändigerer Kamerafahrten nahezu komplett auf Zooms setzt, sehe ich ihm hier mal nach. Denn das kann ein bewusstes Stilmittel sein, was auch Geschmackssache ist.

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© Koch Films

Denn an schönen, fast dokumentarischen Bildern hat der Film eigentlich jede Menge zu bieten. Winner und sein Kameramann David Gurfinkel (SAHARA) fangen sehr authentische Szenerien ein, die einen wirklich in eine Zeit versetzen in der nicht schreiend grelle Touristenheere die Kanäle von Venedig, die frühchristlichen Straßen der Levante Region und der arabischen Wüste überrannten. In dem Wissen, dass in diesem Film kein CGI eingesetzt wurde, um evtl. moderne Anzeichen aus den beeindruckenden Panoramaaufnahmen wegzuretuschieren, oder sie gar komplett digital zu verändern, macht diese Aufnahmen zu einem wahren Schatz klassischer Filmarbeit. Solche Aufnahmen hätte ich mir auch im Remake von MORD IM ORIENT EXPRESS von Kenneth Branagh gewünscht, der leider seit THOR dem Digitalfieber verfallen zu sein scheint. Doch diese Freude gönnt uns Winner leider viel zu selten, indem er viel zu früh schneidet, um so Dynamik zu suggerieren, die der Film eigentlich gar nicht braucht.
Die Stärke von DEATH ON THE NILE war gerade das Aushalten weiter Blicke auf das unberührte Gizeh oder langsam dahinfließender Nil-Impressionen. Das verweigert uns dieser Film leider fast komplett.

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© Koch Films

Kurz zur Handlung

Ja, eine Handlung hat der Film natürlich auch. Hier mal ein kurzer Anriss:
Amerika, Neueingland, 1937. Die Witwe Emily Boynton (Piper Laurie) ehemalige Aufseherin im Gefängnis ihres wohlhabenden Mannes, bringt den Familienanwalt (David Soul) durch eine Erpressung dazu ein zweites Testament ihres Mannes zu verbrennen und so dass vorige wieder zur Geltung zu bringen, welches sie klar gegenüber ihren erwachsenen Stiefkindern bevorteilt. Um ihrer Familie vorzuspielen ihr läge was an ihnen, lädt sie alle auf eine Europareise ein. Unter ihnen auch eine durchtriebene Schwiegertochter (Carrie Fisher), die eine Affäre mit eben diesem Anwalt hat, der der Familie aus bestimmten Gründen auch nachreist. Auf ihrer Reise begegnen sie u.a. einer Dr. Sarah King (Jenny Seagrove), aus England, die sich etwas sehr schnell für den jüngsten Sohn (John Terlesky) der Witwe zu interessieren scheint, einer sehr mondänen, neureichen Lady Westholme (Lauren Bacall) und natürlich Hercule Poirot. Auf der Überfahrt nach Palästina treffen die unterschiedlichen Charaktere schnell in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander. Hier wird geflirtet, dort integriert und sogar schon einmal versucht einen Mord durchzuführen.
Zu einem solchen kommt es dann etwas später in der Wüste von Qumran an einer anderen Zielperson. Mehr verrate ich hier mal nicht.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Danach beginnt die Poirot typische Aufklärungsarbeit, bis zu einer Auflösung, die alle Figuren irgendwie miteinander in Verbindung bringt. Das ist in Ansätzen sogar hin und wieder sogar recht interessant erzählt. Es bleibt aber ein stets bemühter Abklatsch der vorherigen Filme

Piper Laurie als Familienmonster agiert hier so dermaßen eindimensional unsympathisch, dass ihre zwei Jahre später zum Leben erweckte TWIN PEAKS-Figur der Mrs. Martell fast schon wie eine liebevolle Symphatieträgerin erscheint. Vielleicht hat David Lynch in diesem Filmauftritt das Potential der Darstellerin für sein Mystery-Universum erkannt und sie dann eben in seinem TV-Meisterwerk wieder zu schauspielerischer Größe führen können.

Getoppt wird ihr einseitiges Spiel nur noch von der erschreckend überchargierenden Lauren Bacall, als undurchsichtige Lady Westholme. Fast jeder Wimpernschlag erinnert bei ihr eher an schlechtestes Provinzschmierentheater, als an eine der ganz großen Filmstars der 40er und 50er Jahre. Krasser könnte der Unterschied zwischen ihren Leistungen zwischen der in Orient Express und hier nicht sein.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Dass ein Darsteller für eine Szene erst einmal übertreibt, um in ein bestimmtes Grundgefühl zu kommen, ist ein gängiger Einstieg sich eine Rolle zu erarbeiten: vom Außen zum Innen. Nur dass es dann dabei nicht bleiben sollte. Spätestens dann sollte ein Regisseur mit seinen Darstellern auch mal ein bisschen proben und ihr Spiel auch der jeweiligen Einstellungsgröße des Kamerabildes anpassen. Ein Close Up braucht eben weniger Aktionismus als eine Totale. Bacall agiert, bis auf ihre allerletzte Szene, den kompletten Film so als spiele sie in einem 50.000 Zuschauer fassenden Freilichttheater für die obersten Ränge.

Hier zeigt sich am deutlichsten wie sehr der Regisseur seine Darsteller mit sich und ihren Figuren allein gelassen hat. Sogar Peter Ustinov wirkt hier nicht mehr so souverän wie noch in den vorigen Filmen. Die ein oder andere Geste scheint aufgesetzt und wenig beseelt. Insgesamt wirkt er hier eher wie eine Karikatur des „Belgiers“. Zusammen mit seiner lustlosen Schauspielführung und dem fehlenden Gespür für die besondere Atmosphäre der Schauplätze, die in vorigen Filmen immer auch eine besondere und erotisch brodelnde Grundstimmung erzeugen konnten, machen RENDEVOUZ MIT EINER LEICHE zu einem Paradebeispiel vertaner Chancen.

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
© Koch Films

Ständig drängt sich einem auf, was man aus den einzelnen Szenen hätte herausholen können. Denn es stecken jede Menge politische, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Brisanz in der Anlage der Handlung. Gerade die eher behaupteten Romanze zwischen der Figur der Dr. King und dem verwöhnten Witwensohn hätte jede Menge Stoff für eine sich spannend entwickelnde Nebenhandlung geboten. Ebenso die anderen Figurenkonstellationen hätten noch weitere Subebenen der Handlung offenlegen können. Doch so bleibt vieles einfach dahingestellt und nicht wirklich abgeholt. Schade, sehr schade.

So bleiben am Schluss einige sehr schöne Panoramaaufnahmen, wenige wirklich schöne Close-Ups der Darsteller(innen) und die Erkenntnis wie toll gemacht doch die vorigen Filme waren. Durch diesen Film bekommt man Lust diese noch einmal sehen zu wollen. Leider sind diese nicht bei Koch Films erschienen, was in sich eine gewisse Tragik birgt. Denn man fragt sich die ganze Zeit, warum es zu dieser Neuauflage auf Blu-ray gekommen ist.

Zum Blu-ray-Release

Rendezvous mit einer Leiche (1988) Review
Das Blu-ray-Cover © Koch Films

Das Bild ist wirklich exzellent. Gerade bei den Nahaufnahmen der Gesichter bereichert die digitale Frischzellenkur den Film und macht diesen wenigstens in der Klarheit der Filmbilder doch noch hin und wieder sehenswert. Die Extras konzentrieren sich auf eine Trailer- und Bildergallerie. Das ist Understatement! Wobei man beim Anschauen des Trailers lobend anerkennen muss, wie toll der Digitaltransfer geworden ist. Denn der Trailer bedient sich scheinbar einer alten VHS, oder Filmkopie und macht so den eigentlichen Film nur noch wertiger, so sollten ältere Filme aussehen. Unter diesem Aspekt lohnt sich diese Blu-ray fast wieder oder man kann eben nicht genug von Poirot und dem Agatha Christie-Universum bekommen, dann gehört er natürlich in jeder Sammlung.

Doch genug kritisiert. Wer den Film als Teil einer Serie ansieht und sich an einigen wirklich sehr schönen Aufnahmen erfreuen kann, ist hier richtig. Ebenso derjenige, der auch das nicht Perfekte schätzen kann, denn wir alle haben mal einen schlechten Tag. So sind wir also nachsichtig mit einem Film, den wir ja eigentlich gern haben wollen.

Titel, Cast und Crew

Rendezvous mit einer Leiche (1988)
OT: Appointment with Death

Poster


Release

Ab dem 06.12.2018 remastered auf Blu-ray erhältlich.
auf Amazon kaufen kaufen (Affiliate Link)

Regisseur

Michael Winner

Trailer

Darsteller

Peter Ustinov (Hercule Poirot)
Lauren Becall (Lady Westholme)
Carrie Fisher (Nadine Boynton)
John Gielgud (Colonel Carbury)
Piper Laurie (Emily Boyton)
Hayley Mills (Miss Quinton)
Jenny Seagrove (Dr. Sarah King)
David Soul (Jefferson Cope)
Nicholas Guest (Lennox)

Drehbuch

Anthony Shaffer
Peter Buckman
Michael Winner

Musik

Pino Donaggio

Kamera

David Gurfinkel

Schnitt

Michael Winner (als Arnold Crust)

Filmlänge

102 Minuten

FSK

ab 12 Jahren
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20

Studierter Theater- und Filmregisseur in Wartestellung im echten Leben. Mit Worten zu Filmen bereite ich mich auf meine Rückkehr zur Kunst vor.

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