Relic (2020) – Filmkritik

Selten gelingt es einem Horrorfilm seinen Zuschauern etwas über das echte Leben zu erzählen. Doch die japanisch-australische Regisseurin Natalie Erika James schafft genau das mit ihrem neusten Film RELIC spielend. Sie nimmt sich des unangenehmen und komplexen Themas Demenz an und verpackt alles in unheimliche, teils verstörende Bilder. Die junge Natalie Erika James lebt in Melbourne, Australien und war bisher als Autorin, Regisseurin und auch Produzentin tätig. Vor ihrem Debütfilm RELIC arbeitete sie hauptsächlich an Werbespots und Musikvideos sowie einigen zum Teil preisgekrönten Kurzfilmen. Den Ausschlag zur Idee von RELIC gab ihre an Alzheimer (eine Unterart der Demenz) erkrankte Großmutter, wie James in einem Interview verrät. In jungen Jahren pendelte sie oft zwischen Japan, China und Australien, so verwundert es nicht, dass sie besonders der japanische Horrorfilm beeindruckte, was in RELIC deutlich zu erkennen ist. Vor allem aber waren es die langen Sommer in Japan, in dem dunklen, unheimlichen Haus ihrer Großmutter, das sie als Kind so furchtbar ängstigte und einen bleibenden Eindruck hinterließen. Hinzu kam das bittere Erlebnis, dass ihre Großmutter sie aufgrund ihrer Krankheit plötzlich nicht mehr wiedererkannte.

© LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Handlung

Eines Tages verschwindet die verwitwete Edna (Robyn Nevin) spurlos aus ihrem abgelegenen Landhaus. Sofort eilen ihre Tochter Kay (Emily Mortimer) und Enkelin Sam (Bella Heathcote) herbei, um bei der umfangreichen Suche zu helfen. In und um das Haus finden sich zahllose Hinweise auf Ednas zunehmende Demenz, doch von ihr selbst fehlt jede Spur. Tage später erscheint Edna wieder auf ebenso rätselhafte Weise, wie sie zuvor verschwand. Schnell wird Kay klar, dass ihre Mutter nicht mehr die Frau aus ihrer Erinnerung ist. Kay und Sam vermuten, dass etwas Böses in das Haus eingedrungen ist und nun versucht, Macht über Edna zu erlangen.

Relic (2020)
© LEONINE DISTRIBUTION GMBH

Treffen der Generationen

Es ist nicht nur ein Treffen der Generationen, sondern auch das Abbild einer Frau in verschiedenen Phasen des Älterwerdens anhand der drei Protagonistinnen. Das Leben ist ein unendlicher Kreislauf, der sich immer wiederholt: Geburt und Pflege, heranwachsen, älter werden und wieder Pflege, die den unvermeidlichen letzten Gang, den Tod, im Schlepptau hat. In James ungewöhnlichem Film sind nicht nur Kay, Ednas Tochter und Sam als Enkelin gezwungen, über sich hinaus zu wachsen, auch der Zuschauer muss sich an diesem schmerzhaften Prozess beteiligen. Die Erkenntnis, wie sehr sich ein Mensch verändert, er doch immer noch derselbe ist, den wir gekannt haben und den wir noch immer lieben.

Ältere Menschen werden manchmal merkwürdig oder gar fremd, sie nehmen seltsame Angewohnheiten an, sie erkennen von einem auf den anderen Tag Freunde und Verwandte nicht mehr. Sie scheinen Dinge zu sehen, die sonst niemand wahrnehmen kann und zeitweise leben sie in ihrer eigenen Welt. Vor allem jedoch ist es die Angst vor dem Vergessenwerden und dem eigenen Vergessen, die Angst vor dem allein sein und vor dem einsamen Sterben. Über all dem schwebt das Damoklesschwert Demenz: Eine Krankheit, die sich wie ein böser Fluch über Generationen verteilt und alles auslöscht, was ihr über den Weg läuft.

Relic (2020)
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Finstere Symbole

Regisseurin Natalie Erika James erschafft ein dunkles und bedrohliches Australien, wie es dem geneigten Filmfreund nur selten unterkommt. Ihre Bilder haben nichts mit den Postkartenmotiven von Sonne, Strand und braun gebrannten Körpern gemeinsam, die wir von Down Under alle im Kopf haben. Selbst tagsüber ist es grau und lebensfeindlich. James benutzt konsequent das Wetter als Sinnbild der inneren Konflikte und Seelenlage ihrer Protagonisten. Doch sie geht noch weiter: Gemeinsam mit ihrem Kameramann Charlie Sarroff verpackt sie ihre komplette Symbolik in einfachen, aber wirkungsvollen Metaphern. Der Schlüssel für ein tieferes Verständnis von RELIC liegt in deren Deutung.

Da wäre vor allem der schwarze Pilz, der sich überall im Haus ausbreitet. Er dient als Symbol für die Demenz in Ednas Körper. Das Haus selbst ist ein Zeugnis auf bessere, glücklichere Zeiten in ihrem Leben, die nach und nach ausgelöscht werden. Das Labyrinth im Wandschrank steht für Ednas verwirrtes und sterbendes Gehirn. Ein Großteil an Logik und Erinnerung haben sich darin aufgelöst, was übrigbleibt, ist Chaos, Angst, Klaustrophobie und ein endloses, finsteres Labyrinth. Das alte Fenster in der Tür ist ihre Verbindung in die Vergangenheit, das sich mehr und mehr auflöst. Es scheint gerade so, als wären A TALE OF TWO SISTERS (JANGHWA, HONGRYEON, 2003) und JU-ON: THE GRUDGE (JU-ON, 2002) eine bösartige Verbindung eingegangen.

Relic (2020)
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Dreh und Angelpunkt sind vor allem drei sehr erfahrene Schauspielerinnen Emily Mortimer (MATCH POINT (2005), MARY POPPINS‘ RÜCKKEHR (MARY POPPINS RETURNS, 2018)), Robyn Nevin (MATRIX RELOADED (2003), TOP OF THE LAKE (2013-2017)) und Bella Heathcote (IN TIME – DEINE ZEIT LÄUFT AB (2011), THE NEON DEMON (2016)), deren virtuoses Spiel von einer kraftvollen Intensität geprägt ist, so dass es dem Betrachter mehr als einmal eiskalt über den Rücken läuft. Einen großen Beitrag zum Gelingen von RELIC gebührt auch dem minimalistischen Score von Brian Reitzell. Düster und äußerst bedrohlich fügt er sich in den vorhandenen Klangteppich ein. Bewusst unterstreicht er die Veränderungen, die sich in Ednas Körper abspielen. Das und die bedrückenden Bilder erzeugen eine unheimliche und verstörende Atmosphäre, wie sie nur äußerst selten zu finden ist.

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Fazit

Ich muss mich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich sage, dass RELIC nicht sehr viele Freunde finden wird. Was sehr schade ist, den die Kombination von Demenz und Horror funktioniert. RELIC ist eine Wucht, ein Schlag in die Magengrube und beeindruckt von Beginn an. Ich hoffe sehr, Natalie Erika James bleibt dem Genre treu, denn sie hat das Gespür und das Auge, was für einen außergewöhnlichen Film essenziell ist.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewRelic (2020)
Poster
RegisseurNatalie Erika James
Releaseab dem 30.10.2020 auf Blu-ray und DVD

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Trailer
BesetzungEmily Mortimer (Kay)
Robyn Nevin (Edna)
Bella Heathcote (Sam)
Steve Rodgers (Constable Mike Adler)
Chris Bunton (Jamie)
DrehbuchNatalie Erika James
Christian White
KameraCharlie Sarroff
FilmmusikBrian Reitzell
SchnittDenise Haratzis
Sean Lahiff
Filmlänge89 Minuten
FSKab 16 Jahren

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