Rampage – Anklage Massenmord (1987) | Filmkritik

Paul Bateson trat 1973 in einer kleinen Nebenrolle als radiologischer Techniker im EXORZIST (THE EXORCIST) auf. 1979 wurde Bateson verurteilt, weil er den Filmjournalisten Addison Verrill nach sexuellen Handlungen erstochen hatte. Mitgefangenen soll er gesagt haben, dass er mehrere homosexuelle Männer getötet und deren zerstückelte Leichname im Hudson River versenkt habe. Diese Taten konnten ihm aber nie nachgewiesen werden. Der als „Bag Murders“ in die amerikanische Kriminalgeschichte eingegangene, bis heute ungeklärte Serienmord übte einen gewissen Einfluss auf CRUISING (1980) aus. Auch RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD basiert auf einem authentischen Kriminalfall. Die drei genannten, teils kontrovers diskutierten Spielfilme wurden von William Friedkin inszeniert und man kann sie als Trilogie betrachten – über Religion, über Gewalt oder über das Böse im Allgemeinen. RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD erschien in Deutschland bisher nur auf VHS. Tatsächlich existieren auch zwei unterschiedliche Fassungen, da Friedkin zum Director’s Cut 1992 seine Ansicht zur Todesstrafe änderte. Die Rezension bezieht sich auf die VHS und die – sehr selten gezeigte – Fernsehfassung.

Handlung

Der Soundtrack von Ennio Morricone ähnelt dem Ticken einer Uhr. Man hört Schritte, die Kamera fährt über grüne Felder, schließlich saust sie wie ein Raubvogel herab und ein Mann mit roter Windjacke auf einen einsamen Feldweg kommt ins Bild. Ein schneller Schritt und ein amerikanischer Vorort in der Weihnachtszeit werden gezeigt. Die meisten Türen sind mit Kränzen geschmückt und in einem Garten stehen Krippenfiguren. In gewisser Weise wirkt dies als Kontrast zu den Naturaufnahmen, aber auch die Straßen sind fast menschenleer. Man fühlt Stille an einem angenehmen Wintermorgen. Von dem Spaziergänger – er heißt Charles Reece (Alex McArthur) – geht eine seltsame Bedrohung aus, ohne dass bisher etwas geschehen ist und er äußerlich normal wirkt. Schließlich klingelt er an einer Tür, erschießt drei Menschen und fügt ihnen mit einem Küchenmesser Verstümmelungen zu. Kurze Zeit später. Eine Familie unterhält sich beim Frühstück. Gene Tippetts (Royce D. Applegate) vermutet, dass Reece seinen Hund getötet haben könnte und geht anschließend mit seinem Sohn (Whit Hertford) zum Zahnarzt.

Seine Frau und ein weiteres gemeinsames Kind werden daraufhin von Charles Reece getötet. Als Tippetts nach Hause kommt, findet er in einem der intensivsten Momente des Films einen furchtbar ausgeweideten Leichnam. Die entsetzten Ermittler hätten noch nie so etwas Schreckliches gesehen. Aufgrund von Zeugenaussagen wird der bei einer Tankstelle arbeitende Charles Reece bald als Täter überführt. Der zuständige Staatsanwalt Anthony Fraser (Michael Biehn), ein erklärter Gegner der Todesstrafe, der selbst mit dem Verlust eines Kindes zu kämpfen hat, bereitet die Anklageschrift vor. Da Reece geltend macht, sich vom Blut seiner Opfer zu ernähren, fordert sein Verteidiger sogar, dass er wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen wird. Schließlich gelingt Reece die Flucht. Nachts dringt er in eine Kirche ein, tötet einen Priester und trinkt dessen Blut. Später begeht der zum Tode verurteilte Reece in seiner Zelle Suizid. Die letzten Momente zeigen Tippetts und seinen Sohn auf einen Jahrmarkt. Das Trauma werden sie, so deutet das Ende an, nie verarbeiten.

Einordnung

RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD ist „einer der komplexesten, intelligentesten Versuche einer Annäherung an das Phänomen Serienkiller“.[1] William Friedkin verfasste selbst das Drehbuch nach einem Roman von William P. Wood, der wiederum auf den als „Vampir von Sacramento“ bekannten Fall des mehrfachen Mörders Richard Chase zurückgeht. Chase tötete sechs Menschen, darunter einen Säugling, um deren Blut zu trinken, da er befürchtete ansonsten „auszutrocknen“. Der Originaltitel (RAMPAGE bedeutet Amoklauf) und der Verleihtitel deuten es an, wie schwierig es ist, solche Taten kriminologisch überhaupt einzuordnen: man kann diskutieren, ob Reece ein Serienmörder, ein Amokläufer oder ein Massenmörder ist.

Hans Schifferle hat richtigerweise RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD auch als verstörende Skizze zu DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER (THE SILENCE OF THE LAMBS) von Jonathan Demme interpretiert.[2] Eine der verstörendsten Szenen bei Friedkin – in Reeces Keller finden die Ermittler Organe in Gläsern, Tierkadaver sowie Bilder aus dem Dritten Reich – wird von Demme mit der bizarren Einrichtung des Hauses von Buffalo Bill zitiert. Bei seiner Flucht tötet Reece zwei Wärter – ebenso wie der Psychiater und Kannibale Hannibal Lector im SCHWEIGEN DER LÄMMER. Friedkin hat seinen Film auch explizit als Psychiatriekritik bezeichnet. Ihm ist vor allem ein interdisziplinäres Meisterwerk gelungen: knapp die Hälfte des Films spielt im Gerichtssaal, es wird um die Schuldfähigkeit diskutiert und ein idealistischer Staatsanwalt spricht sich schließlich mit dem Leid der Angehörigen konfrontiert für die Todesstrafe aus. Bei diesem ethischen Dilemma bleiben auch für den Zuschauer „ungelöste Fragen und eisiges Schweigen“[3] zurück. Zugleich ist es ein Familiendrama: die im Grunde unfassbare Situation der Hinterbliebenen und auch die Ehekrise des Staatsanwalts werden glaubhaft und ohne Effekthascherei dargestellt. Außerdem bewegt sich RAMPAGE auch im Subgenre des Vampirfilms ohne Vampir. Er ist ein psychisch kranker Mensch, der unvorstellbares Leid anrichtet. In einzelnen Traumsequenzen halluziniert Reece, er säße blutüberströmt in einem Tigerkäfig.

Der Beginn des Films erinnert mich an einen anderen, vergessenen Klassiker des Psychothrillers: am Anfang von STIEFEL, DIE DEN TOD BEDEUTEN (SEE NO EVIL) von Richard Fleischer, zieht ein junger Mann nach einem Kinobesuch ziellos durch die Straßen. Für die Morde, die er im weiteren Verlauf begeht, gibt es keine Erklärung.

Christian Fuchs hat RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD als perfekten, aber nicht leicht konsumierbaren Thriller bezeichnet. Es wäre wichtig, die Aktualität dieses Films zu entdecken – für ethische Diskussionen und sogar für den Religionsunterricht. Ich hoffe, dass es bald eine DVD- und/oder Blu-Ray-Veröffentlichung mit ausführlichen Bonus-Material gibt. Denn im Werk von William Friedkin sehe ich RAMPAGE – ANKLAGE MASSENMORD gleichrangig mit dem EXORZIST und CRUISING.

© Stefan Preis

Quellen:

  • [1]Fuchs, Christian (1995): Psycho-Killer – Mörder im Film. Wien. S. 83.
  • [2]Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horrorfilme. München. S. 90.
  • [3]Fuchs, Christian (1995): Psycho-Killer – Mörder im Film. Wien. S. 83.
Titel, Cast und CrewRampage - Anklage Massenmord (1987)
Poster
RegisseurWilliam Friedkin
ReleaseVideopremiere in Deutschland am 26.11.1990
Trailer

Englisch
BesetzungMichael Biehn (Anthony Fraser)
Alex McArthur (Charlie Reece)
Nicholas Campbell (Albert Morse)
Deborah Van Valkenburgh (Kate Fraser)
John Harkins (Dr. Keddie)
Art LaFleur (Mel Sanderson)
Billy Green Bush (Judge McKinsey)
Royce D. Applegate (Gene Tippetts)
Grace Zabriskie (Naomi Reece)
DrehbuchWilliam Friedkin
KameraRobert D. Yeoman
FilmmusikEnnio Morricone
SchnittJere Huggins
Filmlänge97 Minuten
FSKungeprüft

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