Psycho-Pass – Staffel 2 | Serienkritik

„Die Evolution des Rechtssystems“

Nach einer sensationellen ersten Staffel, die ein Universum erschaffen hat, das noch lange beim Animefan nachklingt, brauchte man erst einmal eine Pause. Nicht nur im Produktionsstudio Production I.G, sondern auch als Zuschauer. Nach einiger Zeit wurde man aber doch neugierig, was aus der Inspektorin Akane Tsunemori und ihrem flüchtigen Vollstrecker-Partner Shinya Kogami geworden ist. PSYCHO-PASS Staffel 2 zeigt sich gegen alle Erwartungen kalt und bieder. Vor allem die Abstinenz vom sympathischen Shinya Kogami über die komplette zweite Staffel ist ein harter Verlust. Fast mit Gewalt wird der Charakter von Inspektorin Akane Tsunemori in den Mittelpunkt gestellt und durch einen neuen Antagonisten auf eine harte Probe gestellt. Kann man den Psycho-Pass der Inspektorin überhaupt trüben?

Psycho-Pass Staffel 2
© PSYCHO-PASS Committee

Handlung

Ein paar Monate sind nach dem Vorfall mit Shogo Makishima vergangen und das Leben unter der Kontrolle des Sybil Systems geht wieder seinen Gang. Nach einer Explosion am helllichten Tag wird das Amt für öffentliche Sicherheit eingeschaltet. Einheit eins um die Inspektorinnen Akane Tsunemori, Mizue Shisui und die neue Kollegin Mika Shimotsuki wird aber nur in eine Falle gelockt. Der mysteriöse Kirito Kamui wird vom Sybil System nicht erkannt und kann somit nicht durch den Dominator außer Gefecht gesetzt werden. Ihm gelingt es mit Medikamenten und Gehirnwäsche eine treue Gruppe Helfer um sich herum aufzubauen. Ihnen ist es sogar möglich, ihren Psycho-Pass nach einer Erhöhung wieder zu senken. Kamui entführt Inspektorin Mizue Shisui, um an ihre Waffe, den Dominator, heranzukommen. Dies ist aber nur der Anfang, denn die Jagd auf die Inspektoren und ihre Waffen hat erst begonnen.

Psycho-Pass Staffel 2
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Zäher Start

Nach den ersten Folgen wird schnell klar, dass es niemanden gibt an den man sein Herz hängen kann. Es fehlt die Sympathiefigur. Der Fokus liegt auf Akane Tsunemori, die nun ihre eigene Abteilung leitet und der Arbeit als Inspektorin nachgeht. Ihr wurden aber kaum neue Facetten ihrer Persönlichkeiten verliehen. Sie wirkt noch roboterhafter, fast schon gebrochen, nachdem sie ihren Partner verloren hat. In wenigen Szenen schwört sie ihn wie einen Geist herbei, um ihre Gedanken mit ihm zu besprechen. Das wirkt aber eher wie ein linkischer Versuch Informationen in die Fährte des Gesuchten zu streuen. Fast autistisch streift sie durch diese elf Folgen. Uns Zuschauern bleibt nur Joji Saiga, der Professor, der mit seinen Lehren die Psycho-Pässe seiner Studierenden verdunkelte. Er sitzt im Gefängnis und wurde von Akane für die Zeugenbefragung auf kurze Zeit befreit. Sein scharfer Geist und vor allem der Aspekt, dass er bei vielen offenen Fragen, Licht ins Dunkel bringt, macht ihn für Psycho-Pass Staffel 2 unverzichtbar.

Psycho-Pass Staffel 2
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Neue Themenkomplexe

Dieser Fall teilt jede Menge Wendungen aus und stellt immer wieder in Frage, wer nun der Gegenspieler überhaupt ist. Es war bereits in der ersten Staffel zu erkennen, dass das Sybil System auch nicht gerade die perfekte Lösung ist. Die Geschichte bekommt um den geheimnisvollen Kirito Kamui noch ein paar Themenkomplexe, die auch in unserer Gegenwart diskutiert werden, hinzu: Der Organhandel, die Macht der Politik, die Frage nach der Verantwortung bei einem Unfall und was einen Menschen dazu bringt zu einem Widerstandskämpfer zu werden. Vor allem bei dem Thema Verschwörungstheorie klingeln die Ohren. Den Wunsch zu wissen, wie „das Geheimnis ist, wie die Welt funktioniert“ lässt auch in unserer Zeit viele Menschen aus der Gesellschaft ins Aus treten. Es ist verführerisch etwas zu wissen, was die anderen nicht kennen, der einzige zu sein, der alle Zusammenhänge versteht. Nicht nur das eigene Ego wird hierdurch gestärkt, sondern eben auch die eigene Individualität: Ich weiß mehr als alle anderen, die kopflos dem System folgen. Aber diese Themen werden nur sehr zaghaft von dem anspruchsvollen Drehbuch angeschnitten, denn im Zentrum steht immer noch die Frage: Wer entscheidet richtig über Gerechtigkeit?

Psycho-Pass Staffel 2
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Die Anomalie im Komplex

In der ersten Staffel haben wir erfahren, dass das Sybil System keine K.I. ist, sondern von künstlich am Leben gehaltenen Gehirnen im Kollektiv gesteuert wird. Dadurch ist überhaupt diese Rechenleistung möglich. Die Gehirne entscheiden, wie der psychische Zustand der Menschen in diesem zukünftigen Japan ist und verdeutlichen es mit einer Zahl bzw. Farbe. Die Personen, deren Persönlichkeit in dieses System eingepflegt wurden, werden zu einer sogenannten selbst begnadeten Konstitution. Eine Volksvertretung, die bestimmt was Gerechtigkeit ist. Wie der Prozess vor einer Jury, nur dass hier meistens bereits vor dem Verbrechen über den Schuldigen geurteilt wird. Dieses System funktioniert durch das enorme technische Level an Werkzeugen: Kameras, Drohnen und die Dominatoren, was Sybil auf ein gottesgleiches Niveau hebt.

© PSYCHO-PASS Committee

Und bei Folge acht wird man in PSYCHO-PASS mit dem Allmachtsparadoxon philosophisch so richtig  durchgeschüttelt. Kann Gott einen Stein so schwer machen, dass er ihn nicht einmal selbst hochheben kann? Beide Antworten, ja oder nein, würden die Existenz des Gotts in Frage stellen. Mit dieser philosophischen Frage stellt Kirito Kamui, der Mensch ohne Farbe, ohne Psycho-Pass, ein von der Gesellschaft Ausgeschlossener, das System in Frage. Ihn dürfte es gar nicht geben, obwohl er vom System erschaffen wurde. So führt diese Staffel zur am häufigsten diskutierten Gewichtung der japanischen Kultur: Was ist wichtiger, das Individuum oder das Kollektiv? Eine Diskussion, der selbst wir uns im Frühjahr 2020 durch den COVID-19-Virus gegenübersahen. Soll ich mein Recht auf Entfaltung der eigenen Persönlichkeit zurückstellen, um andere zu schützen?

© PSYCHO-PASS Committee

Gutes im Schlechten

Man merkt dem Schreiber dieser Worte an: PSYCHO-PASS Staffel 2 regt wieder zum Nachdenken an, das diesem Franchise stets gelingt. Jedoch ist der Weg dorthin ziemlich zäh. Vor allem die ersten Folgen kommen kaum in Schwung und in den letzten vier Folgen wird alles im Eiltempo verhandelt. Ein paar Momente der Ruhe oder Wiederholung der neuen Informationen wären sinnvoll gewesen und so schrammt das Ende knapp an einem zu überambitionierten Finale vorbei. Es fehlt auch ganz einfach Licht in dieser Staffel, sei es mit Helligkeit oder schönen Momenten. Immer wieder wird die Funktion der Dominatoren auf besonders grausame Weise gezeigt. Auch das Universum erhält keine neuen Ebenen des Lebens in dieser Zukunft hinzu. Was essen die Menschen? Was tun sie in ihrer Freizeit? Was bedeutet Unterhaltung im Jahr 2144? Deswegen wird manch Aufmerksamkeit auf der Strecke dieser elf Folgen zurückbleiben. So bleibt die Hoffnung auf Staffel 3, aber vorher sollte man noch den Film PSYCHO-PASS: THE MOVIE sehen.

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Fazit

Ein philosophisches Füllhorn von Aspekten auf die Gesellschaft als solches – erzählt mit Hilfe einer Kriminalgeschichte. Aber leider fehlt Psycho-Pass Staffel 2 das Gespür für ihre Figuren. Alles wirkt düster und gefühlsarm. Wenn nicht bald etwas in dieser Serie auftaucht, für das es sich zu kämpfen lohnt, wird auch den Zuschauern die Motivation fehlen weiterzuschauen. Insgesamt eine kleine Enttäuschung, aber mit der Hoffnung nach mehr Vielfalt und Qualität ihrer Bestandteile, denn diese machen ein gutes System aus.

© Christoph Müller

TitelPsycho-Pass (2012-2019)
CreatorTow Ubukata
Poster
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PSYCHO PASS: SINNERS OF THE SYSTEM
Trailer




DrehbuchJared Hedges
Gen Urobuchi
Makoto Fukami
Art DirectorYusuke Takeda
MusikYûgo Kanno
SchnittYoshinori Murakami
UmfangStaffel 1: 22 Folgen mit je ca. 23 Minuten
Staffel 2: 11 Folgen mit je ca. 23 Minuten
Psycho-Pass: The Movie 113 min
Staffel 3: 8 Folgen mit je ca. 23 Minuten
AltersfreigabeAb 16 Jahren freigegeben

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