Projekt: Antarktis (2018) – Filmkritik

Wir alle haben den alltäglichen Trott satt. Endlich mal nicht von einem Termin zum nächsten hetzen und nicht ständig dieselben Wege bestreiten. Einfach mal abhauen, neue Landschaften sehen, andere Menschen kennenlernen, neue Perspektiven entdecken. Urlaub machen ist da vielleicht zu wenig, man soll auch mal an seine Grenzen gehen und der heimischen Komfortzone entfliehen. Das dachten sich drei Studenten aus Bremerhaven und wollten unbedingt einmal in die Antarktis, das Studium lief eh nur noch so nebenbei. Sie packten ihr Ziel bei den Hörnern, machten zwei Jahre blau und stürzten sich in das Zeit und Geld verschlingende PROJEKT: ANTARKTIS. Resultat sollte ein Kinofilm über ihre Reise werden. Aber reicht diese junge, stürmische Motivation für einen guten Dokumentarfilm aus? Leider nein, aber so etwas weiß man ja nicht vorher.

© Studio Hamburg

Inhalt

Tim, Michael und Dennis kennen sich seit der Schulzeit und haben ihren Traumberuf des Fotografen, Kameramanns und Künstlers nie aufgegeben. Aber das Leben und der Alltag drängelt sich dazwischen. Um noch einmal etwas zu riskieren, bevor die Fesseln des Erwachsenendaseins an ihren Knöcheln liegen, wollen sie zur Antarktis. Einen Film darüber zu drehen, wäre eine spannende Herausforderung. Gesagt, getan: Michael hat durch seine Expeditionserfahrung Kontakt zu einem Forschungsschiff, Dennis ist leidenschaftlicher Kameramann und Tim strebt nach dem perfekten Foto. Was kann da noch schiefgehen?

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Mission: Check

Nach einem flotten Intro und einer Vorstellung der smarten und sympathischen Jungs aus dem Norden geht es sofort los. Aber warum gerade in die Antarktis? Diese Frage kreist zu lange im Raum und neben schicken Phrasen wie „Die Reise unseres Lebens“ erfährt man einfach nicht, warum sie es tun. Versteht mich nicht falsch, in die Antarktis möchte ich sehr gern auch einmal und ich würde garantiert nicht zu denen gehören, die so eine Reise für verrückt halten, aber warum muss ein Film darüber entstehen? Egal, warum nicht, kann ja interessant sein, um herauszufinden wie man so eine Reise organisiert. Vor allem, weil man nicht einfach mal so seinen Fuß auf dieses neutrale Stück Land setzen darf. Ohne Genehmigung oder viel Geld, geht da nämlich gar nichts. Man erkennt zur Filmmitte auch, was für Glück die Jungs haben, dass sie dank Michaels Kontakten überhaupt Plätze auf dem Forschungsschiff Ortelius ergattern konnten. Aber bis dahin müssen sie sich  erstmal mit dem argentinischen Zoll herumärgern und leider auch die Zuschauer für eine viertel Stunde Filmzeit quälen. Klar, ist das unfair, dass die argentinischen Beamten hier ihre Privilegien ausspielen und das Kameraequipment einziehen, aber in einem Dokumentarfilm ist die bürokratische Strandung einfach zu lang. Außer sie wollten eine Reportage über die Korruption in Südamerika machen, denn am Ende wandert dann doch viel Geld von A nach B und die teure Technik ist freigekauft.

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Forschungsschiff: Check

Die drei sind happy ihr Schiff dann doch noch zu bekommen und wir sind es auch, denn endlich geht es in die Natur und auf die hohe See. Außerdem erkennt man nun, dass die teure Technik in geübten Händen liegt, denn Dennis und Tim verstehen ihren Job. Aber das Bedürfnis nach Selbstdarstellung ist stark in den jungen Menschen von heute und so kommen wir immer wieder zu gegenseitigen Interviews, was nun gerade anliegt, der vorhandene Erzähler scheint nicht auszureichen. Unerwartet wacht das PROJEKT: ANTARKTIS dann doch noch aus seinem Instagram-Story-Modus auf, als Michael eine ehrliche und berührende Antwort gibt, was ihn an der Antarktis reizt.

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Gejammer: Check

Es läuft weiterhin nicht wie geplant: Die 65.000-Euro-U-Boot-Kamera wird nicht pünktlich geliefert, Technik geht kaputt und das Immunsystem macht schlapp. Von dem speiüblen Leben auf einem Schiff mit Seegang ganz zu schweigen. Zwischendrin gibt es immer wieder Erklärungen, wie was gefilmt werden soll. Was eigentlich? Ach, Kaiserpinguine. Und das gelingt den dreien mit den besten Bildern, die die aktuelle Videotechnik einzufangen vermag. Chapeau, hier liegt die Stärke des Films, im Handwerk als Kameramann. Leider geht es dann wieder mal hin und her, der jugendliche Selbstzweifel wird bekämpft und Wasser ist im Kameradisplay. Den Beweis einer Abenteuerreise bleiben sie bis zum Ende schuldig. Wenn man aber ein paar Wochen auf einem Schiff zubringt, versteht man dann doch noch das Leben und das sind eben die Menschen. Endlich öffnet sich die Perspektive der drei Protagonisten und man lernt auch den Rest des Schiffes kennen, erfährt, was jene in der Eiswüste wollen. Aber dann ist es schon wieder vorbei, es geht zurück nach Hause und die Werbetrommel muss für einen leider recht inhaltsschwachen Film getrommelt werden.

© Studio Hamburg

Fazit

Eindrucksvoll ist der Tatendrang der drei Filmemacher hinter dem PROJEKT: ANTARKTIS. Es ist schön zu sehen, dass man Abschlussarbeiten auch am anderen Ende der Welt anstelle der Universitätsbibliothek schreiben kann. Inhaltlich ist leider viel zu wenig vorhanden und wird künstlich aufgeblasen. Beim Schnitt um jede gefilmte Minute zu kämpfen ist hart, aber von vielen irrelevanten Aufnahmen muss man sich eben trennen. Schade, dass das perfekte Gefühl für Reisen in eine unmenschliche Welt im Blu-ray-Bonusmaterial versteckt ist – Stichwort: Timelapse. PROJEKT: ANTARKTIS scheitert an den Erwartungen des Zuschauers für einen informativen oder berührenden Film.

Aber was soll man ihnen vorwerfen, am Ende wollen Sponsoren eben ein Produkt haben. Einen 15-Minuten-Zusammenschnitt für das Outdoor Filmfestival können sie qualitativ allemal bestreiten und auf das technische Können in so jungen Jahren kann man nur neidisch hinaufschauen. Hoffen wir, dass ihnen bewegende Geschichten begegnen, denn dann werden sie hinter der Kamera kaum aufzuhalten sein.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewProjekt: Antarktis (2018)
Die Reise unseres Lebens
Poster
Releaseab dem 06.03.2020 auf Blu-ray und DVD erhältlich

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RegisseurMichael Ginzburg
Tim David Mueller-Zitzke
Dennis Vogt
Trailer
DrehbuchMichael Ginzburg
Tim David Mueller-Zitzke
Dennis Vogt
KameraMichael Ginzburg
Tim David Mueller-Zitzke
FilmmusikBernhard Blix
SchnittNils Fricke
Dennis Vogt
Filmlänge97 Minuten
FSKab 0 Jahren

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