Project Power (2020) – Filmkritik

„New X-Orleans“

Die Hafenstadt New Orleans am Mississippi ist eine verhältnismäßig kleine Metropole in den USA. Mit knapp 400.000 Einwohner (Stand 2018) brachte sie es aber vor allem durch ihre kulturelle Vielfalt zur Weltbekanntheit. New Orleans war schon früh ein Schmelztiegel von Einwanderern, was sich zwar immer wieder in Unruhen entlud, aber auch eine unvergleichbare kulturelle Vielfalt hervorbrachte. Ohne die Stadt würde es zum Beispiel den Jazz wohl kaum geben. New Orleans ist aber auch ein Paradebeispiel für die gesellschaftlichen Probleme in den USA. Ein hoher Anteil der schwarzen Bevölkerung lebt in extrem bescheidenen Verhältnissen. 2005 legte der Hurrikan Katrina den Finger in diese Wunde und überschwemmte die Stadt. Die meist einfachen Häuser in den Armenvierteln wurden hinweggefegt. Die Arbeiterklasse konnte kaum auf finanzielle Reserven zurückgreifen und eine Versicherung, die Wetterkatastrophen abdeckt, hatten die wenigsten. Es wurden selbst Stimmen laut, die Stadt nach der Katastrophe sogar aufgeben zu wollen, aber die Einwohner haben ein Kämpferherz. Wegen seiner Geschichte und dieser starken Energie ihrer Bewohner gibt New Orleans auch einen vitalen Drehort für einige großartige Filme her. Man denke nur einmal an ANGEL HEART (1987) und LOVESONG FOR BOBBY LONG (2004). Nun bringt die Netflix-Produktion PROJECT POWER die Stadt zum Leuchten und deren Einwohner ein paar Evolutionsstufen nach oben.

© Netflix

Handlung

Eine neue Droge erreicht New Orleans. Sie verändert aber nicht die Wahrnehmung der Person, die sie einnimmt, sondern lässt die eigene DNA für fünf Minuten mutieren. In dieser Zeit kann man ungeahnte Kräfte erlangen, aber auch sterben. Keiner weiß, was die Kapsel in einem auslöst, bis man sie genommen hat. Vielen verleiht sie für kurze Zeit Superkräfte wie Unsichtbarkeit oder eine kugelsichere Haut und anderen explodiert einfach der Schädel.

PROJECT POWER (2020)
© Netflix

In diesem Chaos versucht der Cop Frank (Joseph Gordon-Levitt) mit superstarken Kleinkriminellen zurecht zu kommen. Vielleicht braucht auch er ein Upgrade. Auf der anderen Seite des Gesetzes kämpft sich Art (Jamie Foxx) auf die harte Tour von den Dealern immer weiter nach oben, um die Strippenzieher hinter dem Superstoff zu finden. In dem Kräftemessen vertickt die Schülerin Robin (Dominique Fishback), die Power-Kapseln auf der Straße. Ihre Mutter benötigt dringend tausende Euro für eine medizinische Behandlung.

PROJECT POWER (2020)
© Netflix

Was ist deine Power?

Das grobe Handlungsgerüst ist nicht unbekannt, aber vor allem der Überraschungseffekt, wer welche Fähigkeiten nach dem Pilleneinwurf zeigt, macht PROJECT POWER in dem jetzigen Superhelden-Filmzirkus von Marvel und DC spannend. Da können schon einmal die Finger am Boden festfrieren oder die Wohnung abfackeln, wenn die erste Kapsel geschluckt wird. Alles ist möglich. Leider ist dies auch der einzige Nerv, der beim Zuschauer gezogen wird, denn der Rest verläuft zu sehr nach bekannten Mustern. Aber diese Mutanten-Lotterie ist nicht die große Stärke von PROJECT POWER, sondern seine offensichtliche Moral, die vor allem durch gute Schauspieler echt wirkt.

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Bad Ass Jamie Foxx geht hier wie ein Vorschlaghammer durch die Reihen seiner Gegner, aber immer mit Köpfchen. Joseph Gordon-Levitt nimmt man den Gesetzesvertreter trotz seines jungen Gesichts ab. Talententdeckung ist die junge Dominique Fishback, die scheinbar aus der Highschool auf dieses Filmset gestolpert ist. Sie trifft genau den Punkt eines schüchternen Teenies, der sich langsam weiterentwickelt ohne synthetische Superpillen einzuwerfen oder permanent mit dem Smartphone anzugeben. Meist sind die Teenager in den letzten Filmjahren nur eine Knutschmund-Selfie-Stafette, hier bringt Dominique Fishback echte Teenagerness rüber.

PROJECT POWER (2020)
© Netflix

Besiege das System

In einem kurzen Dialog zwischen Art und Robin kommt die ganze Ungerechtigkeit in dem gesellschaftlichen Gefüge der USA auf den Punkt. Man kann die Schwachstelle in diesem unterdrückenden System besiegen, in dem man das tut, was man am besten kann. Die Kraft der Pille wird nur zu einem kurzen Energieschub, aber wahres Talent hält viel länger an. Klingt vielleicht abgedroschen, aber dieser Tage wird immer mehr klar, wie Einschränkungen die schwarze Bevölkerung immer wieder unterdrücken und ausnutzen. New Orleans ist die perfekte Leinwand für diese jahrzehntelange Ungerechtigkeit. Leider spielen die meisten Szenen bei Nacht und so richtige Eye Catcher der City finden nie den Weg in PROJECT POWER. Die Optik kommt äußerst digital daher und die Effekte erfüllen ihren Zweck, erfinden jedoch kaum das Rad neu. Aber das sind die Netflix-Streamer von Hausproduktionen wie THE OLD GUARD (2020) oder BRIGHT (2017) bereits gewohnt.

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Fazit

Es bleibt am Ende das Gefühl zurück, gut unterhalten worden zu sein, ganz nach der You-Get-What-You-Give-Attitüde. Gute Schauspieler bringen eine nicht allzu wendungsreiche Handlung auf die heimischen Geräte, die vor allem von ihrer unverbrauchten Idee lebt. On top gibt es noch ein bisschen Gesellschaftskritik für den aufmerksamen Zuschauer. Man möchte schon sagen: gute Fernsehproduktion, aber das geht ja bei Netflix nicht mehr. Vielleicht lieber guter Abo-Inklusiv-Film?

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewProject Power (2020)
Poster
Releaseab dem 14.08.2020 im Stream auf Netflix
RegisseurHenry Joost
Ariel Schulman
Trailer
BesetzungJamie Foxx (Art)
Joseph Gordon-Levitt (Frank)
Dominique Fishback (Robin)
Rodrigo Santoro (Biggie)
Courtney B. Vance (Captain Craine)
Amy Landecker (Gardner)
Machine Gun Kelly (Newt)
Tait Fletcher (Wallace)
DrehbuchMattson Tomlin
KameraMichael Simmonds
FilmmusikJoseph Trapanese
SchnittJeff McEvoy
Filmlänge113 Minuten
FSKab 16 Jahren

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