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Prey (2022) – Filmkritik

„Die Jagd beginnt – von Neuem“

Nachdem Disney im Jahr 2019 den Katalog von 20th Century Fox (seit 2020: 20th Century Studios) mit einkaufte, bangen vor allem die Fans der etwas härteren Genre-Gangart um ihre monströsen Idole, allen voran natürlich das Alien und den Predator, die es 2004 und 2007 im Kino gar zu zwei Crossover-Spielereien gebracht hatten. Der letzte Beitrag, im Original schlicht THE PREDATOR genannt, spaltete dann selbst den härtesten Fanblock – zu unentschlossen und orientierungslos manövrierte er seine Figuren durch das bereits zur Genüge etablierte Monsterverse. Zeit für einen Neuanfang, ausgerechnet unter Disney. Meine Erwartungen waren gedämpft.

Vorab: Es darf generell Aufatmen verkündet werden, nachdem nun der jüngste Beitrag, mit dem schlichten Titel PREY, offiziell erschienen ist. Leider nicht im Kino, sondern nur auf dem hauseigenen Streaming-Portal sowie auf Hulu – das ist durchaus schmerzvoll, denn die beeindruckenden Naturbilder und epischen Breitbildaufnahmen dieser filmischen Jagd hätten auf der großen Leinwand gehörig Eindruck gemacht. Wir leben aber immer mehr in einer Streaming-Welt.

© Disney

Regisseur Dan Trachtenberg (10 CLOVERFIELD LANE), der 2019 aus dem Realfilmprojekt UNCHARTED (2022) ausstieg, hält sich mit PREY an drei von vier Grundregeln des PREDATOR-Franchise bzw. der Originalfilme Ende der 1980er: er gibt der Handlung genügend Zeit und Raum und konzentriert sich dabei auf einen monströsen Jäger und Schauplatz, er liefert blutige Bilder, blendet die dem Thema inhärente Gewalt wahrlich nicht aus – ein Disneyfilm mit einem knackigen R-rating – und er dringt mit genügend Tiefe in den Mythos der Jagd selbst vor, liefert einen zugleich traditionellen wie auch frischen Ansatz. PREY funktioniert dabei als Prequel zu allen bisherigen PREDATOR-Storylines, spielt im Jahr 1719 in den weiten Wäldern Nordamerikas (Northern Great Plains; gedreht wurde in Kanada). Die vierte Regel war aus dem testosterongeladenen Actionkino der 1980er geboren und wird hier einmal mehr gebrochen, wenn die junge Komantschin Naru (Amber Midthunder) als menschliche Hauptrivalin des Predator in Erscheinung tritt.

Atmosphäre und Action

Besonders den ersten Film, den ich in meiner – berechtigterweise – sehr lobenden Besprechung als den besten Film all seiner Beteiligten bezeichnete, schaffte zunächst vor allem eines: Atmosphäre. Wir folgten Dutch (Arnold Schwarzenegger) und seiner modernen Wild Bunch-Söldnertruppe in die Dschungeltiefen Mittelamerikas. Regie und Kameraarbeit vermittelten uns ab der ersten Sekunde nach dem Abseilen in das Grüne Dickicht einen beklemmenden, später ausweglosen Kampf der muskelbepackten Männer, die dem perfekt für Jagd geeigneten Terrain des Regenwalds bald nichts mehr entgegensetzen können. Mensch contra Natur. Lange dauerte es, bis hier das titelgebende Monster überhaupt zu sehen war.

© Disney

Diese Prämisse lässt sich direkt auf den neuen Film, PREY als Prequel und Reboot in einem, übertragen. Die grundlegende Struktur von Topographie und Handlung ist der des ersten PREDATOR sehr ähnlich. Bedächtig verwendet die Kamera genügend Zeit darauf, das filmische Terrain zu erkunden, ja, in variierenden Licht- und Schattenspielen sowie Soundeffekten förmlich zu zelebrieren (Soundmix: Dolby Atmos). Auch hier dient der Wald als Jagdterrain, wobei die in der kanadischen Provinz Alberta liegende Fauna natürlich ein breiteres Format vorweist als der klaustrophobisch dichte mittelamerikanische Dschungel. Die Figuren, allen voran der Predator, haben hier von Beginn an mehr Raum. Das mag weniger beklemmend wirken wie in den ersten beiden Filmen (auch die dort allgegenwärtige, unerträgliche Hitze fehlt hier nun gen Norden), das sieht aber in den beeindruckenden Breitbildaufnahmen alles viel zu gut für den immer noch recht kleinen Bildschirm zuhause aus. Wie gesagt: sehr schade, dass er nicht im Kino läuft.

© Disney

Wer nun Angst hat, dass Disney einen allgemein „leichteren“ Zugang zum Stoff gewählt hat, der täuscht sich glücklicherweise: der Film kann mit seinem R-Rating recht gut mit den Vorgängern mithalten, wobei hier jedoch anzumerken ist, dass das sehr häufig eingesetzte CGI-Blut – und allgemein die streckenweise mediokren CGI-Effekte bei Kämpfen, Stunts und animierten Lebewesen – einfach nicht so überzeugen können wie einst die haptischen, plastischen Effekte. Das Jagdthema wird auf menschlicher Ebene gelungen durchdekliniert, im Laufe der Handlung entsteht mehr als einmal der Eindruck, dass immer noch der Mensch des Menschen ärgster Feind ist und auch bleiben wird. Der Predator indes, wenngleich hier gerade gegen Ende äußerst blutdurstig, jagt stets nach einem Codex; er gibt keinen Schwachen, Gefangenen oder durch Andere außer ihm Verwundeten den tödlichen Rest, sondern macht, wie der High Concept-Titel verlautbart, eben seine eigene Beute. Er sammelt Trophäen, will bei der Jagd die Stärke des Gegners am eigenen Leib erfahren. Trachtenberg und die (ausführenden) Produzenten John Davis und Lawrence Gordon, die sich bereits für den ersten Teil verantwortlich zeichneten, bleiben hier der ursprünglichen filmischen Welt des Predators treu, nicht zuletzt auch an der Mitwirkung der Original-Drehbuchschreiber und geistigen Väter der Saga, die Brüder Jim und John Thomas, zu erkennen, die hier ebenfalls als ausführende Produzenten mit an Bord sind.

PREY (2022)

© Disney

Der Kameraarbeit des neuen Films kann man wie erwähnt die prächtigen Naturaufnahmen und sorgsame bildliche Aufarbeitung des topographischen Umfelds zugutehalten, kritisieren sollte man hier aber auch die häufig statische Kameraführung – mehr Dynamik bzw. Mobilität hätte hier gutgetan, um sich häufiger mittendrin statt nur dabei zu fühlen. Das schlägt sich dann leider auch in den Actionszenen nieder, die zwar (computergeneriert) blutig sind und auch mit ein paar fies-hübschen Props aufwarten können, jedoch im Gegensatz zu den ersten Filmen immer wieder seltsam distanziert wirken, hier und da mangelhaft choreografiert sind, unmotiviert geframt und montiert. Also Zwischenmeldung: für einen wirklich virtuosen, überzeugenden Action-Thriller reichen in PREY die Atmosphäre, die Bilder und das ernsthafte Interesse am Thema nicht ganz aus, wenn dann immer wieder die Action hinkt – so imposant und stimmungsvoll der Predator zumeist auch ins Bild gerückt sein mag. Aber wir haben ja auch nicht ernsthaft erwartet, dass PREY die ersten beiden Teile schlagen wird, oder? Einem Actionvirtuosen wie John McTiernan, der nur ein Jahr später STIRB LANGSAM (1988) drehte, kann ein Dan Trachtenberg nun wahrlich nicht das Wasser reichen. Diese einst vollständig analoge, bis heute auf der eigenen Haut unmittelbar spürbare Form des (Action-)Kinos, die Bilder in perfekten Einklang brachte, ist nun wirklich ein ganzes Stück von dem entfernt, was Disney oder Marvel uns in den letzten Jahren vorgesetzt haben. Fair play: PREY ist nun aber eindeutig einer der besseren Vertreter des jüngeren Mainstreamkinos.

© Disney

Warrior Woman

Manche Puristen dürften kritisieren, dass mit der nun jungen weiblichen Hauptfigur der maskuline Faktor der Originalfilme endgültig dahin sei, aber diese oben erwähnte „vierte Regel“ ist nun wahrlich nicht mehr zeitgemäß. Wir erinnern uns: bereits in Paul W. S. Andersons Crossover-Adaption AVP (ALIEN VS. PREDATOR, 2004) führte die auf arktische Regionen spezialisierte Umwelttechnikerin Alexa Woods (Sanaa Lathan) eine Forschungsgruppe an, konnte sich bis zum Schluss durch ihren Mut und ihre Moral behaupten und bekam am Ende als Zeichen des Respekts sogar einen Kampfspeer von einem der Predatoren überreicht, der sie als würdige Kämpferin sah. Das Thema, eine integre weibliche Kämpfernatur dem Chaos gegenüberzustellen, ist also nicht neu. Naru fügt sich in PREY ganz überzeugend ein als kriegerische Frau, als Warrior Woman, die aber im Laufe der Handlung erst zu einer solchen wird und deren Motivation wir stets klar nachvollziehen können.

PREY (2022)

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Zunächst tritt sie als junge Kämpfernatur in Erscheinung, die im Schatten der männlichen Mitstreiter ihres Clans regelmäßig zu kurz kommt, die jedoch niemals aufgibt, mithilfe ihrer sehr guten Skills eine formidable Kämpferin zu werden, während die anderen Frauen sich traditionell auf Ernte, häusliche Arbeit und Pflege der Kinder verstehen. Ihr älterer Bruder Taabe (Dakota Beavers) fungiert hier gleichermaßen als Verbündeter wie auch als Rivale, wie ein paar angenehm unvorhersehbare Dialogzeilen belegen, wodurch regelmäßig auch etwas frischer Wind in die nur scheinbar eindeutige Figurenzeichnung kommt. „Du hast Recht, wir haben es nicht geschafft… ich habe es geschafft“, sagt er plötzlich zu ihr, woraufhin wir deutlich ihre Enttäuschung und Verärgerung darüber spüren können. Egoismus, Eifersucht und Kurzsichtigkeit sind in PREY immer wieder Thema, ebenso wie gewalttätige Rachsucht und Zerstörungswut. Mit dem Predator hat eine Gruppe französischer Siedler etwa gemein, dass sie aus Spaß töten, ihre Opfer häuten und Trophäen sammeln – jedoch ohne den Codex des Jägermonsters, die eigenen Kräfte im Kampf (mehr oder weniger) fair zu messen. Letzteres ist ganz Naru vorbehalten, die zudem ihren Clan beschützen will vor „dem da draußen“, das größer ist als ein Löwe und ein Bär und dessen Herkunft niemand versteht.

© Disney

Der Predator gerät in diesem Film, so stark wie seit dem Originalfilm nicht mehr, zum ultimativen mythischen Symbol für die Jagd an sich. Das Monster, es steht für den ewigen Kreislauf des Lebens, fressen und gefressen werden, für den Überlebenskampf seit Anbeginn der Schöpfung. Zunächst in der Sprache der Komantschen, anschließend synchronisiert, vernehmen wir: „Vor langer Zeit, so wird erzählt, kam ein Monster hierher.“ Wenn dies in PREY noch vor den allerersten Naturaufnahmen vor Schwarzbild und aus dem Off in unsere Ohren dringt, dann reflektiert das von Beginn an stimmungsvoll den Mythos selbst, der am Beispiel des Predators vom Ungreifbaren und Gefährlichen (in) der Natur an sich handelt. Unerklärlich, unsichtbar, unbezwingbar. Im Originalfilm sprach die Gefangene Anna (Elpidia Carrillo) als einzige Frau inmitten lauter Männer davon, dass der „Teufel aus dem Schatten“, der „Dämon, der aus den Männern Trophäen macht“ nur in den besonders heißen Jahren erscheint. Noch knapp 20 Jahre später, in ALIEN VS. PREDATOR, wird ein eindrucksvoller Vollmond als „Hunter’s Moon“ bezeichnet, der ja bereits im ersten Teil zu sehen war. Natur und Symbol, Mythos und Jagd – in den besten Momenten des Predator-Franchise gelangt alles zu stimmungsvoller Einheit. In PREY wird das Motiv bzw. das Ritual der Jagd am Beispiel von Naru und ihrem Volk zur Vollendung gebracht. Hier machen vor allem die Details Freude, sofern man sich zumindest etwas für das Thema interessiert.

PREY (2022)

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Während die Motivation des Predator (außer der Jagd an sich) in diesem Film wieder ganz wunderbar im Verborgenen gelassen wird, wenn man ihn die erste Filmhälfte über, wie im Original, kaum zu Gesicht bekommt und lediglich seine Präsenz als Teil der Natur erahnt, so wird uns Naru als junge weibliche Figur mit einer klar psychologisierten Entwicklung präsentiert. Permanent arbeitet sie an sich, trainiert für die Jagd, für ihr „Khata mia“, den entscheidenden Kampf auf der Schwelle zum angesehenen Jäger. Mit ihren bereits gut ausgereiften, doch immer noch verbesserungswürdigen Skills und vor allem mit ihren stets wachen Augen ist sie als Kämpfernatur ebenso wie der Predator ein Teil der natürlichen Umgebung. Wie schon in PREDATOR 2 gilt auch hier der Heimvorteil, Naru hat sich die Topographie ihres Lebens- und Jagdterrains verinnerlicht, während der Predator wie stets nur „zu Gast“ auf unserem Planeten ist. Eine der schönsten Ideen des Films ist die besondere Wirkungskraft einer Heilpflanze, durch die das menschliche Blut heruntergekühlt wird, um bei Verletzten ein allzu schnelles Verbluten zu verhindern. Predator-Fans ahnen natürlich bereits, was daraus folgen kann.

PREY (2022)

© Disney

Naru ist die vielleicht menschlichste Kämpferin im nunmehr fünf Filme umspannenden (plus zwei Crossover) Predator-Monsterverse. Ihre alltäglichen Herausforderungen, zwischenmenschlichen Konflikte, Versagen, Wiederaufraffen – all das spiegelt sich in der Jagd. Und es macht trotz der zuvor angesprochenen Mängel (Choreografie, manche Effekte, fehlende Dynamik) wirklich Freude, ihr dabei zuzusehen. Der Predator schließlich erhält in PREY seine Würde zurück, die ihm im Kino in den letzten Jahren regelmäßig abhandengekommen war. Auch seine Skills, einschließlich der vielfältigen Waffen, die Genreherzen höherschlagen lassen, werden hier ebenso virtuos zelebriert. Wenn bei einem potenziellen nächsten Film dann noch die Action und Effekte optimiert werden, könnte das eine sehr spannende Weiterführung werden, die ich dem nun neu verantwortlichen Studio ehrlichgesagt nicht zugetraut hätte.

Fazit

PREY ist nach den ersten beiden PREDATOR-Filmen zweifellos der gelungenste Beitrag im Monsterverse, das einst aus dem von Männern dominierten Actionkino geboren wurde. Amber Midthunder verkörpert als junge Komantschin Naru inmitten von nicht immer überzeugenden Action- und Effektszenen die wohl menschlichste Kämpferin im ungleichen und doch auch ähnlichen Konflikt mit dem Monster aus einer anderen Welt. PREY zelebriert den Mythos der Jagd in gelungenen Motiven von Mensch und Natur. Unter allen PREDATOR-Varianten und -Reboots der letzten zwei Jahrzehnte ist PREY zweifellos die gelungenste. Umso bedauerlicher, dass uns das nicht im Kino gezeigt wird.

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewPrey (2022)
Poster
RegieDan Trachtenberg
Releaseim Stream auf Disney+ (STAR)
Trailer
BesetzungAmber Midthunder (Naru)
Dakota Beavers (Taabe)
Dane DiLiegro (Predator)
Stormee Kipp (Wasape)
Michelle Thrush (Aruka)
Julian Black Antelope (Chief Kehetu)
Stefany Mathias (Sumu)
Bennett Taylor (Raphael)
Mike Paterson (Big Beard)
DrehbuchPatrick Aison
KameraJeff Cutter
FilmmusikSarah Schachner
SchnittClaudia Castello
Angela M. Catanzaro
Filmlänge99 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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