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Possessor (2020) – Filmkritik

Bei der Erwähnung von Bodyhorror denken wir sofort an den Vater dieses Genres, an den Kanadier David Cronenberg. Wie kaum ein anderer ist sein Name mit diesem speziellen Sub-Genre verbunden, kein Wunder, wenn wir einen kleinen Blick auf seine umfangreiche Filmografie werfen: PARASITEN-MÖRDER (SHIVERS, 1975), RABID (1977), DIE BRUT (THE BROOD, 1979), VIDEODROME (1983), DIE FLIEGE (THE FLY, 1986) oder EXISTENZ (1999) untermauern diese Verbindung eindrucksvoll. Nun schickt sich sein Sohn Brandon Cronenberg an, in diese großen Fußstapfen zu treten. Der erster Spielfilm unter seiner Führung hört auf den Namen ANTIVIRAL und stammt aus dem Jahre 2012, stieß jedoch nur auf mäßige Begeisterung. Mit POSSESSOR folgt sein neustes Werk, das wiederum schon lange vor seiner Kinoauswertung für Begeisterungsstürme in der Filmwelt sorgte. Mit der nun erfolgten Heimkinoauswertung setzt sich diese Erfolgswelle ungebrochen fort. Schauen wir uns seinen hochgelobten Beitrag etwas genauer an.

© Turbine Medien

Handlung

Tasya Vos (Andrea Riseborough) gehört zur Elite der Auftragskiller in einer nahen Zukunft. Über neuartige Gehirnimplantate dringt sie in das Bewusstsein von ausgewählten Personen ein und übernimmt deren Körper für die Zeit des Attentats. Nach Erledigung des Jobs verlässt sie den Gastkörper, zuvor wird dieser ebenfalls getötet. Bei aller Professionalität, die Tasya an den Tag legt, hinterlässt dieser ständige Wechsel von Körpern, Geschlechtern und Identitäten seine Spuren in ihrer Psyche, was auf die Dauer ungeahnte Folgen hat. Trotz ihrer schon deutlichen Probleme nimmt sie auch den nächsten wichtigen Auftrag an: Im Körper von Colin (Christopher Abbott) soll sie seine Verlobte Ava (Tuppence Middleton) sowie deren Vater, Technologie-Unternehmer John Parse (Sean Bean), umbringen. Doch was zunächst wie ein Routineauftrag klingt, droht schon bald Tasyas eigene Identität auszulöschen.

© Turbine Medien

Wer bin ich?

Wie schon erwähnt, zielt David Cronenberg in seinen Filmen mehr auf die Verformung und Zerstörung des menschlichen Körpers, sein Sohn hingegen legt das Augenmerk auf die Psyche seiner Protagonisten. Doch auch das Körperliche soll hier keineswegs zu kurz kommen. Neben dem Parasitären, das wir so gut aus Davids Filmen kennen, finden wir noch weitere Bezüge zu seinen bekannten Werken. Dabei versteht es Brandon Cronenberg geschickt, seinen neusten Film mit den Ideen seines Vaters zu verbinden. All das packt der Filius bewusst in seine Handlung und kombiniert es mit teilweise extremer grafischer Gewalt und dem Kampf um Individualität, Persönlichkeit und Bewusstsein in einen wilden Zyklon aus Farben, Mustern und Symbolen. POSSESSOR mag ein irritierender Bilderrausch sein, der mit seinen diversen Versatzstücken aus Science-Fiction, Thriller und Bodyhorror etwas ganz Neues erschafft, etwas Eigenständiges, das sich nicht ohne weiteres in bekannte Schubladen einfügen lässt. Kein Wunder, wenn der Rezipient während der Begutachtung das Gefühl entwickelt, regelrecht überrollt zu werden von dem, was sich da vor ihm auf der Leinwand abspielt. Daher ist es zwingend erforderlich, einen zweiten oder dritten Durchlauf einzuplanen, um auch wirklich alle Feinheiten zu entdecken.

© Turbine Medien

Während der Sichtung von POSSESSOR überkam mich mehrfach das Gefühl, eine Fortsetzung von Anthony Scott Burns Film STRANGE DREAMS (COME TRUE, 2020) zu verfolgen. Beide Handlungen spielen in einer Welt, die unserer verblüffend ähnlich scheint. Eine Parallelwelt, ein Spiegelbild, das jedoch nicht zu 100% deckungsgleich ist. Es scheint fast so, als wenn die Filmwelten an einem bestimmten Punkt ihrer Entwicklung einen anderen Weg verfolgt haben als unsere reale Welt. Bei ihnen gibt es moderne Gebäude, futuristische Technik und vieles mehr. Doch dann tauchen immer wieder unzeitgemäße Bauten, Retro-Technik oder auch Autos auf, die bei uns schon seit Jahren als veraltet gelten.

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Und gerade diese Mischung ist es, die diese Parallelwelten auszeichnet und von unserer so sehr unterscheidet. Dabei scheinen STRANGE DREAMS und POSSESSOR inhaltlich nur einige Jahre voneinander getrennt zu sein. Wer noch intensiver in POSSESSOR eintauchen möchte, dem empfehle ich, eines der fantastischen Mediabooks von Turbine Medien zu erwerben. Das 68-seitige Booklet meines Kollegen Stefan Jung führt den Leser mit seiner herausragenden Analyse durch das aufregende Labyrinth aus Bildern, Farben und Formen, die dieser ungewöhnliche Genre-Hybrid zu bieten hat.

© Turbine Medien

Fazit

POSSESSOR ist ein verwirrendes Schauspiel im Kampf um den Verstand, Identität und unseren Körper. Faszinierend und komplex, der vom Rezipienten einiges verlangt, während und vor allem nach der Sichtung. Ein Ausrufezeichen in der noch jungen Karriere des Brandon Cronenberg, das Lust auf mehr macht und neugierig auf das, was da noch kommen könnte.

© Stefan F.

 

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