Point Blank (1967) – Filmkritik

„Der neue Film Noir und die Geister der Vergangenheit“

Die Geschichte, in der Raum und Zeit keine Bedeutung mehr zu haben scheinen, beginnt und endet in den Ruinen der Gefängnisinsel Alcatraz und spielt im sonnendurchfluteten Kalifornien. POINT BLANK (1967) ist nicht mehr dunkel, sondern grell gefilmt in einer „expressiven Farbästhetik“[1], was ihn zum Wegbereiter des Neo-Film-Noir werden ließ. Die Originalvorlage THE HUNTER stammt von Donald E. Westlake, „einem Meister des amerikanischen Kriminalromans“.[2] Die Hauptfigur trägt bei ihm allerdings den Namen Parker und nicht Walker und ist als Serienheld konzipiert. Optisch dachte Westlake an den Schauspieler Jack Palance.

© Warner Bros.

Walker (Lee Marvin) wird von seinem vermeintlichen Freund Mal Reese (John Vernon) zu einem Raubüberfall überredet. Sie erbeuten 93.000 $, die Mal nutzen möchte, um in sich in ein Verbrechersyndikat einkaufen. Walker wird von Mal, den heimlichen Geliebten seiner Frau Lynne (Sharon Acker), niedergeschossen. Unterstützt von dem geheimnisvollen Yost (Keenan Wynn) macht er sich auf die Suche nach Lynne und Mal und schließlich nach den Hintermännern der Organisation, von denen er „sein“ Geld zurückverlangt. „Keiner darf überleben“ lautete der deutsche Verleihtitel. Am Ende, als das Syndikat bereits wesentlich dezimiert ist, stellt sich heraus, dass Yost deren Anführer gewesen ist.

POINT BLANK (1967)

© Warner Bros.

Die Filme von John Boorman zeigen „(d)ie Konfrontation des Archaischen mit der Zivilisation“.[3] Insbesondere sind immer Elemente des Märchens zu erkennen: Walker, dieser „roboterhafte Todesengel“ tritt als „archaische Urgewalt in der hypermodernen Metropole“ auf.[4] Diese Grundthematik verweist bereits auf Boormans spätere Werke DELIVERANCE (1972) ZARDOZ (1973) und vor allem THE EMERALD FOREST (1985). 1969, zwei Jahre nach den Dreharbeiten zu POINT BLANK, sollte Alcatraz zum Schauplatz einer Protestaktion der Red-Power-Bewegung werden.

Immer wieder wird die Handlung von Gedanken, Erinnerungen oder möglicherweise Träumen unterbrochen. In einer bemerkenswerten Sequenz läuft Walker einen Gang entlang, seine Schritte sind für den Zuschauer noch dann hörbar, als bereits der Verlauf der weiteren Handlung einsetzt. Zwei Frauen kreuzen seine Wege, die ungleichen Schwestern Lynne und Chris, ‚Hure’ und ‚Heilige’. Während Lynnes Name einen Drachen (‚Lindwurm’) verkörpert steht deren Schwester für die Leiden einer christlichen Märtyrerin. Chris wird „flachgelegt, ausgenutzt und dann fallengelassen“.[5]

POINT BLANK (1967)

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Reeses Vorname ‚Mal’ deutet bereits auf eine Stigmatisierung des Bösen hin, während Walkers Vornamen weder Reese noch sonst jemanden bekannt ist. Walker und Reese sind Rivalen wie Humbert Humbert und Clare Quilty in Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ und dessen filmische Adaptionen durch Stanley Kubrick und Adrian Lyne. Folgerichtig feuert Walker mehrmals auch auf das Bett, worin er Reese vermutet.[6] Wie sein intellektuelles Pendant trifft Walker seinen Gegner Reese im Morgenmantel an und bedroht ihn mit einem Revolver. Anders als Quilty stirbt Reese allerdings nicht im Kugelhagel, sondern beim selbstverschuldeten Sturz von einem Balkon.

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Unterstützt wird Walker von Lynnes Schwester Chris. „Der lange Moment, in dem sie Reese für Walkers Rache verführt, bleibt eine quälende und perverse Liebesszene, erotisch, aber zutiefst abstoßend“.[7] Lynne begeht Selbstmord und wird nicht wie Reese gegenüber seinem Vorgesetzten Carter behauptet, von Walker ermordet. Walker selbst tötet niemanden. Über weite Strecken des Films ist unklar, „(w)er erzählt, träumt, halluziniert und imaginiert (…) wer ist noch am Leben, wer längst tot?“[8] Dieser „Noir-Geisterfilm“ assoziiert, dass es sich um Phantasien eines Sterbenden handeln könnten. Diese Deutung wurde von Boorman selbst in einem Interview mit Michael Ciment vorgeschlagen.[9] Die Geschichte der drei Männer, denen die Flucht aus Alcatraz am 11.06.1962 gelang, die dabei aber wahrscheinlich ertranken, wird explizit am Anfang des Films erwähnt, als Yost Walker fragt, ob er sich auch mittels Teelöffeln befreit habe.

POINT BLANK (1967)

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Die Grundlage findet sich in Ernest Hemingways „The Snows of Kilimanjaro“ sowie Ambrose Bierces Erzählung „An Occurrence at Owl Creek Bridge“ und den hiervon inspirierten „Carnival of Souls“ von Herk Harvey.[10] Adrian Lyne griff dieses Konzept wieder für seinen Horrorfilm JACOB’S LADDER (1990) auf, der während des Vietnamkrieges (also in der gleichen historischen Einordnung wie POINT BLANK) die Geschichte Jacob Singers erzählt. Singer halluziniert während seiner Agonie von dämonischen Wesen, während er „seine Erinnerungen und Bindungen verbrennt, damit die Seele frei werden kann“.[11]

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POINT BLANK zeigt tatsächlich eine Unterwelt des organisierten Verbrechens, in der das Monopol physischer Gewaltsamkeit des Staates (nach Max Weber) keine Beachtung findet und auch faktisch nicht zu bestehen scheint. Bereits THE KILLERS (1964) von Don Siegel, ebenfalls mit Lee Marvin in der Hauptrolle, dessen Rahmenhandlung lose auf einer Kurzgeschichte von Ernest Hemingway beruht, verweist auf die Tendenz, dass Polizeiaufgaben selbst auf die Akteure verlagert werden, die gegen die gesetzten Normen verstoßen: zwei Auftragsmörder ergründen selbst das Motiv für die Tötung eines früheren Rennfahrers. Insofern lehnt sich der Film sogar an die klassische Detektivgeschichte an – auch Walker recherchiert ähnlich den private eyes der Schwarzen Serie und fungiert stellenweise wie eine moralische Instanz. Ermittlungsbehörden sind in beiden Filmen permanent abwesend.

Am hoffnungslosesten erscheint aber POINT BLANK. Es ist die verzweifelt pessimistische Geschichte des Hemingwayschen Helden Walker, der sein Leben und privates Glück verliert in einer Welt, die in Kriminalität und Korruption versinkt.

© Stefan Preis

Quellen

  • [1] Stiglegger, Marcus: Point Blank. In: Grob, Norbert (Hrsg.): Filmgenres Film Noir. Leipzig 2008. S. 243.
  • [2] Schifferle, Hans: Die 100 besten Horrorfilme. München 1994.S. 88.
  • [3] Gruteser, Michael und Daniel Schössler: The Creator Had a Masterplan. Die Filme des John Boorman. In: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino. Mainz. S. 181ff.
  • [4] Stiglegger, Marcus: Point Blank. In: Grob, Norbert (Hrsg.): Filmgenres Film Noir. Leipzig 2008. S. 243. S. 245f.
  • [5] Schneider, Steven (Hrsg): 1001 Filme, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Zürich 2003. S. 472.
  • [6] Gruteser, Michael und Daniel Schössler: The Creator Had a Masterplan. Die Filme des John Boorman. In: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino. Mainz. S. 183.
  • [7] Schneider, Steven (Hrsg): 1001 Filme, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Zürich 2003. S. 472.
  • [8] Gruteser, Michael und Daniel Schössler: The Creator Had a Masterplan. Die Filme des John Boorman. In: Stiglegger, Marcus (Hrsg.): Splitter im Gewebe. Filmemacher zwischen Autorenfilm und Mainstreamkino. Mainz. S. 185.
  • [9] Stiglegger, Marcus: Point Blank. In: Grob, Norbert (Hrsg.): Filmgenres Film Noir. Leipzig 2008.
  • [10] Schifferle, Hans: Die 100 besten Horrorfilme. München 1994. S. 34.
  • [11] Schneider, Steven (Hrsg): 1001 Filme, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist. Zürich 2003. S. 785.
Titel, Cast und CrewPoint Blank (1967)
Poster
RegisseurJohn Boorman
Releaseseit dem 31.07.2014 auf Blu-ray und DVD

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Trailer

Englisch
BesetzungLee Marvin (Walker)
Angie Dickinson (Chris)
Keenan Wynn (Yost)
Carroll O'Connor (Brewster)
Lloyd Bochner (Frederick Carter)
Michael Strong (Stegman)
John Vernon (Mal Reese)
Sharon Acker (Lynne)
DrehbuchAlexander Jacobs
David Newhouse
Rafe Newhouse
FilmmusikJohnny Mandel
KameraPhilip H. Lathrop
SchnittHenry Berman
Filmlänge92 Minuten
FSKab 16 Jahren

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