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Ploey – Du fliegst niemals allein (2018) | Filmkritik

Liebe Fluggäste der Iceland Air – PLOEY 2018. Ihre Fluxkompensator Crew heißt Sie herzlich willkommen auf einem weiteren Flug Richtung Süden! Wie Sie in vorangeflogenen Bordfilmen GANS IM GLÜCK (USA, China) und ÜBERFLIEGER – KLEINE VÖGEL – GROSSES GEKLAPPER (Deutschland, Belgien, Luxemburg, Norwegen) vielleicht schon sehen konnten, besteht auch hier akute Gefahr diesen Zugvogelflug zu verpassen. Der bevorstehende Winter hat bereits einen selbstverliebten Gänserich und einen Sperling, der sich für einen Storch hält, von seiner Flugfamilie getrennt und diese ohne die beiden in wärmere Gefilde davonziehen lassen. Diese Thematik scheint an Aktualität nicht verloren zu haben, denn auch auf unserem heutigen Flug geht uns ein junger Held im Federkleid verloren. Diesmal ein kleiner Goldregenpfeifer namens Ploey.

Unsere Kinderbordbetreuung hat sich ausgiebig mit dem aktuellen Fall befasst. Hier nun ein paar wichtige Flugtipps an unsere Eltern an Bord.

© Koch Films

Die Handlung

Prolog:

Ein in mehreren akkuraten Formationen fliegender Schwarm verschiedener Seevogelarten befindet sich im Landeanflug auf eine kleine Insel irgendwo im nördlichen Atlantik. Sie kehren aus ihrem Winterquartier zurück. Darunter auch eine Gruppe Goldregenpfeifer, die von einem verantwortungsvollen Anführer aus den Wolken zurück aufs Festland delegiert werden. Denn bevor alle landen können, müssen Sie sich vor dem gnadenlosen Falken Shadow in Acht nehmen, der nur darauf wartet einen der Vögel im Flug zu reißen. Mit geschickten Ablenkungsmanövern versucht er seine Gruppe auf sicheren Boden zu führen. Doch es gelingt ihm nicht. Shadow kann einen aus dem Zug erwischen.

© GunHil / Cyborn

Mit diesem dramatischen Anfang tauchen wir in eine recht raue und gefährliche Welt ein. In diese wird nun unser Held Ploey geboren. Er ist der einzige Sohn des mutigen Anführers und seiner Frau. Sie präsentieren sich als liebevolle Eltern. Besonders der Vater versucht sehr verständnisvoll seinen Sohn auf diese Welt und den nächsten Flug Richtung Süden vorzubereiten. Grundvoraussetzung dafür ist jedoch die Kunst des Fliegens. Doch damit hat der junge Held so seine Schwierigkeiten. Auch seine junge Freundin Ploveria, die loyal gegen sämtliche Anfeindungen der anderen Vogelkinder zu ihm hält, kann ihn nicht vor seinem nun folgenden, großen Abenteuer bewahren.

© GunHil / Cyborn

Durch eine Verkettung dramatischer Ereignisse bleibt Ploey auf der Insel zurück, während die anderen Vögel dem herannahenden Winter wieder Richtung Süden entfliehen. Ganz auf sich allein gestellt macht er sich zu Fuß auf einen langen Weg Richtung eines legendären Tals, welches auch im härtesten Winter frei von Schnee und den Gefahren des Winters sein soll. Dieses Paradise Valley verspricht Zuflucht für all jene Tiere, die den Anschluss zu ihren Gruppen verloren haben. Doch bis er dies erreicht, ist er auf die Hilfe verschiedener Tiere angewiesen.

© Koch Films

Der Film

Die Passion Ploey?

Bis zum ersten Turning Point des Films, ab dem sich Ploey auf den Weg macht, ist schon eine Menge dramatisches und gerade für Kinder nicht leicht verdauliches passiert. Eine sehr wichtige Figur stirbt recht brutal durch die Krallen Shadows, eine bösartige Katze will Ploey ans Gefieder und das Zurücklassen des kleinen Helden durch seine Familie, die ihn für tot hält, verlangt gerade den kleinen Zuschauern schon eine Menge Tapferkeit ab. Bei meiner 7jährigen Tochter sind hier schon bittere Tränchen geflossen. Und spätestens ab jetzt wird aus dem Abenteuer ein richtiges Martyrium für den kleinen Vogel und seine kindlichen Zuschauer. Zwar begegnen uns zwischendurch immer wieder sehr liebevoll gezeichnete Charaktere in skurril komischen Szenen. Diese können aber das Ungleichgewicht zwischen echtem Drama und Komödie, gerade bis zum letzten Drittel des Films, nur punktuell ausgleichen. Das ist ein bisschen schade. Denn gerade die Nebenfiguren haben echtes Buddy Movie Potential.

© Koch Films

Die Charaktere

Da ist z.B. Herr Maus, ein kleiner Nager mit italienischem (?) Akzent, der sich für Ploeys Hilfe unterwegs, zusammen mit seiner Gang, als recht nützlich erweist. Weiter eine pummelig faule Gang Ammern, recht gechillte Singvögel, die durchaus sogar das Potential für einen eigenen Film hätten. Neben vielen weiteren Tieren, wie einem Schwan, einem Schaf, einem sehr wichtigen Rentier und einem wirklich beängstigenden Fuchs mit Sternekoch Ambitionen, gefallen vor allem drei eher gebrochene und tragische Nebenfiguren. Da ist zum einen der feige opportunistische Gehilfe Shadows, eine Art Sturmkrähe, der von dem Erzschurken so lange wie ein Sklave in einem Käfig gehalten wird, bis er als Lockvogel für die ankommenden Zugvögel freigelassen wird. Er leidet unter seiner ihm zugewiesenen Rolle und warnt bei Freigang sogar die Zugvögel vor bevorstehenden Angriffen seines Herrn. Er berichtet auch von dem gelobten Tal, welches für Ploey zum Ziel seiner harten Reise werden soll.

© GunHil / Cyborn

Der spannendste Charakter ist Geiron, ein einäugiger Schneehahn, der einsam in den schneebedeckten Bergen lebt und von Rache getrieben nur ein Ziel hat: Shadows Tod. Warum das so ist, hat mit einem für ihn sehr schmerzlichen Verlust zu tun. Er wird für Ploey, ähnlich wie im Westernklassiker MEIN GROSSER FREUND SHANE (1953), nicht nur zu einem Ersatzvater auf dessen beschwerlichem Weg durch die immer gefährlicher werdende Bergwelt, sondern auch zum heimlichen Helden dieses Vogel-Dramas aus Island. In einer der berührendsten Szene des Films mit dem wunderschönen Song „You Never Fly Alone“, der durchaus die Qualität eines „Bright Eyes“ (von Mike Batt und Art Garfunkel) haben könnte, wäre er nicht so kurz, zeigt sich die ganze Kraft ihrer Beziehung zueinander.

Dann ist da natürlich noch der alles überfliegende Erzschurke Shadow, der im Laufe des Films immer psychopathischere Züge annimmt. In einer sehr originellen Szene offenbart er seinen abgründigen und im Kern ebenfalls tragischen Charakter.

© Koch Films

Die Machart

In sehr schön animierten Landschaftsbildern beweist die isländische Crew rund um Regisseur Árni Ásgeirsson, dass sich auch ein so kleines Land wie Island auf der großen Bühne der Animationsfilme nicht verstecken muss. Besonders die Musik von Atli Örvasson sticht hier besonders hervor, gerade weil er sich hier erfreulicherweise ein wenig von den Soundfängen seines Hollywood Ziehpaten Hans Zimmer entfernt. Sein sehr melodischer Orchesterscore erreicht zwar nicht die Qualität eines Elmer Bernstein (TARAN UND DER ZAUBERKESSEL, HEAVY METAL), James Horner (FEIVEL DER MAUSWANDERER, IN EINEM LAND VOR UNSERER ZEIT, BALTO) oder Jerry Goldsmith (MRS. BRISBY, MULAN), dennoch schafft er eine sehr angenehm stimmige und oft sehr berührende Musikdramaturgie.

© GunHil / Cyborn

Auch einige wirklich originelle Szenen, die teilweise an HERR DER RINGE, DJANGO UNCHAINED, TITANIC aber auch SUSI UND STROLCH und sogar HOSTEL (!) erinnern und ein wirklich spannendes Finale können größtenteils überzeugen.
Warum es der Film dennoch nicht auf internationale Leinwände geschafft hat, liegt vielleicht auch an der schon erwähnten, nicht ganz ausgewogenen Struktur der Handlung. Es fehlt ein bisschen das finale Gespür für einen wirklich stimmigen Film im Stil der großen Animationsschmieden PIXAR, Dreamworks, oder gar Studio Ghibli. Das liegt weniger an deren technischen Brillanz, denn da kann PLOEY durchaus mithalten, als an deren Meisterschaft in Sachen Storytelling und dramaturgisch ausgewogener Charakterzeichnung.

© GunHil / Cyborn

Fazit

Wer als Erwachsener hin und wieder einen Animationsfilm sehen möchte, um das innere Kind am Leben zu erhalten, ist bei diesem Film durchaus gut aufgehoben. Wer als Eltern mit den Kleinen einen entspannten Sonntagnachmittag verleben möchte, sollte entweder bereits erfahrene kleine Filmliebhaber neben sich auf der Couch wissen oder sich größerer Tröstungspausen bewusst sein. Wer noch nie einen Film mit dem Nachwuchs geschaut hat, sollte vielleicht lieber mit etwas weniger Dramatischem in die spannende Welt des (Heim)-Kinos starten.

© GunHil / Cyborn

Liebe Fluggäste wir befinden uns im Landeanflug auf Ihren DVD Player.

Die DVD

© Koch Films

Die Version auf dem deutlich schwächeren Medium gegenüber der Blu-ray bietet neben vier verschiedenen Trailern, wobei es eigentlich nur zwei sind, einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch, keine Extras. Das Bild ist bei den Nahaufnahmen erfahrungsgemäß bei Animationsfilmen recht klar und scharf. Lediglich bei den Einstellungen mit vielen unterschiedlichen, kleinen Details, also meistens den Panoramaaufnahmen, fehlt es ganz einfach an Brillanz gegenüber der Blu-ray. Doch der günstigere Preis für das ein- bis zweimaliges Anschauen, kann den Kauf der DVD dennoch rechtfertigen.

© Andreas Ullrich

Titel, Cast und CrewPloey - Du fliegst niemals allein (2018)
OT: Lói: Þú Flýgur Aldrei Einn
Poster

Release
ab dem 22.02.2019 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen
RegisseurÁrni Ásgeirsson
Trailer
DrehbuchAssaf Bernstein
MusikAtli Örvarsson
SchnittJon Stefansson
Filmlänge83 Minuten
FSKab 0 Jahren

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