Pickup on South Street (1953) – Filmkritik

Noirvember

Im Zuge unserer Reihe #Noirvember wird hier und heute ein besonderer Klassiker-Vertreter vorgestellt, der ganze zwölf Monate in den heimischen Regelreihen originalverpackt vor sich hin reifte, um nach Jahren der Erstsichtung nun auf Blu-ray erstrahlen zu können. Die Rede ist von Samuel Fullers berühmtem PICKUP ON SOUTH STREET, der im deutschen die Titel POLIZEI GREIFT EIN (Kino) sowie LANGE FINGER – HARTE FÄUSTE (alternativ) trägt. Dabei sei noch angemerkt, dass die beiden englischsprachigen Referenz-Veröffentlichungen auf DVD (Criterion, 2004) und Blu-ray (Eureka!, 2016) die Basis der folgenden Besprechung bilden, und nicht etwa die deutsche Heimkinoveröffentlichung, die es aber ebenfalls, zumindest auf DVD, seit 2004 (von Koch Media) gibt.

Ein später Film noir

Der klassische amerikanische Film noir gliedert sich zumeist in drei Zeitfenster, die wiederholt – u. a. sehr treffend von (Drehbuch-)Autor/Regisseur Paul Schrader (TAXI DRIVER) im Jahr 1972 – beschrieben wurden. Marcus Stiglegger fasst filmhistorisch und -analytisch zusammen:

„Die frühen Film noirs sind Produkte einer politischen Instabilität. Sie entstanden während des Zweiten Weltkriegs, der in die manifeste und latente Bedrohung des Kalten Krieges überging.“[i]

Die erste Phase (ca. 1941-1945) des Film noir lässt die Protagonisten vorwiegend in Studio-Kulissen, in geschlossenen Räumen agieren; Prototyp des selbstbestimmten, unterkühlten Einzelgängers inmitten dieser künstlichen Umgebung ist Humphrey Bogart als Sam Spade in DIE SPUR DES FALKEN (THE MALTESE FALCON, 1941), das Werk wird von den meisten Filmhistorikern als stilistischer Auftakt des Film noir benannt. Die zweite Phase (1945-1949) verschiebt die Aktionen der Figuren zunehmend in authentischere (Außen-)Kulissen, porträtiert immer stärker das Leben auf der Straße, zumeist in (Groß-)Städten; Vermischungen und Überschneidungen sind üblich. Die dritte und finale klassische Phase (1949-1953), die noch deutlich vor dem letzten offiziellen Vertreter des Film noir, Orson Welles’ IM ZEICHEN DES BÖSEN (TOUCH OF EVIL, 1958), endet, entwickelt Figuren und Stil konsequent weiter und führt zu zwei markanten Merkmalen: zum einen die Verdichtung der Licht-Schattenspiel-Ästhetik hin zum Chiaroscuro („Hell-Dunkel-Malerei“, ursprünglich aus Grafik und Malerei), was eine spezifische, stark kontrastierte Beleuchtungsweise bzw. Bildgestaltung beschreibt, sowie – und auch das ist ein Charakteristikum einiger später Film Noirs – die bewusste Abkehr von diesen markanten, artifiziellen Stilismen.

PICKUP ON SOUTH STREET (1953)
© Twentieth Century Fox

Samuel Fullers PICKUP ON SOUTH STREET mit seinem Erscheinungsjahr 1953 zählt definitiv zur zweiten Variante, auch wenn ihm zahlreiche klassische Eigenschaften des Film noir innewohnen. Hauptunterschied zu den meisten amerikanischen Vertretern dieser Zunft, ist seine beinahe schon europäisch anmutende, tiefgehende Dramaturgie und lange, entschleunigte Einstellungen, die die Individuen stark in den Vordergrund rücken. So merkte Barry Gifford, Drehbuchautor für David Lynch und Film-Noir-Spezialist an: Der Film, „gedreht in schweißtriefendem, körnigem Schwarzweiß“, sei „wirklich sehr europäisch mit seinen langen Einstellungen, seiner Musik, seiner blassen Annäherung an das Leben.“[ii] Auf der anderen Seite wurde aber, ergänzend zu Fullers ernsthafter Aufarbeitung der persönlichen Geschichte der Figuren, auch der für den Film noir typische, dynamische Erzählstil beobachtet. Dabei werden physische Aktion und Gewalt hier vorrangig als etwas spürbar Reelles inszeniert, deutlich entfernt vom cartoonesken Charisma anderer Vertreter der Stilrichtung. Als Vorfazit kann man festhalten: Fullers PICKUP ON SOUTH STREET ist ein effektiver Hybrid der späteren Phase des Film noir, der Film vereint stilsichere Schwarzweiß-Fotografie mit reifer, figurenpsychologisch weiterentwickelter Dramaturgie.

© Twentieth Century Fox

Pickpocket

Samuel Fuller bringt in den meisten seiner Filme seine ganz persönlichen Erfahrungen, seine private Hintergrundgeschichte, mit ein. 1929 war er mit gerade einmal 17 Jahren der damals jüngste Kriminalreporter New Yorks. Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Soldat mehrfach ausgezeichnet und arbeitete zudem als Kriegsberichterstatter, mit einer 16mm-Kamera fest im Anschlag. Es wundert also nicht, dass Kriminalgeschichten und harte, direkte Gewalt Kernelemente von Fullers Geschichten bilden. Im 100 Jahre umspannenden Bertelsmann-Filmlexikon wird PICKUP ON SOUTH STREET / POLIZEI GREIFT EIN kurz und knapp als „spannender und harter Actionreißer“ kategorisiert. Bei so etwas wird aber die Feinfühligkeit, die nicht zuletzt in der verletzlichen Seele und den „weichen Händen“ (Zitat Film) der männlichen Hauptfigur innewohnt, völlig außen vor gelassen.

Skip McCoy (Richard Widmark), kleptomanischer Taschendieb und permanenter Spieler mit dem eigenen Schicksal, steht stellvertretend für eine verlorene Generation nach dem Krieg, wenn er keinen Platz in seinem Umfeld findet, sondern sich als Außenseiter immer wieder an den Rand der Existenz bringt. So wird für ihn der zu Beginn erfolgreiche Diebstahl einer Damenhandtasche letztlich zum schwerwiegenden Problem: der Gegenstand enthält einen geheimen Mikrofilm, den eine Agentenorganisation außer Landes bringen will. McCoy gerät zwischen die Fronten von Kriminellen und Polizei, die bei den Agenten einen schwerwiegenderen Hintergrund vermutet. Widerwillig entschließt er sich, mit den Behörden zusammenzuarbeiten. Als Lohn für seine Mithilfe bei der Verbrechensbekämpfung sollen ihm sämtliche Vorstrafen erlassen werden. Nicht auf der Rechnung jedoch hatte er die schöne und verletzliche Candy (Jean Peters), die ihn als Femme Fatale immer wieder mit Gefühlen konfrontiert.

© Twentieth Century Fox

Hinter der Kriminal- bzw. verkappten Agentengeschichte verbirgt sich in PICKUP ON SOUTH STREET eine sehr direkte, persönliche Geschichte um Außenseitertum, (Existenz-)Ängste und tödliche Versprechen im eigenen Land, das den amerikanischen Protagonisten gar nicht mehr so vertraut erscheint. PICKUP ON SOUTH STREET sollte nach Fuller übrigens tatsächlich einfach „Pickpocket“ heißen und sich noch stärker auf das Wesen der Hauptfigur konzentrieren, doch klang dies dem US-Markt „zu europäisch“ und wurde abgelehnt.

Erzählerisch stark, feinste filmische Qualitäten

Warum nun sollte man PICKUP ON SOUTH STREET unbedingt wiederentdecken, wieso darf dieser Film noir in keiner filmhistorisch bewussten Sammlung fehlen? Samuel Fuller schafft hier etwas ganz Grundsätzliches, nämlich den Zuschauer durch filmischen Stil und entlang der Figuren absolut wundervoll zu vereinnahmen. Und er lässt uns eine Entwicklung, dramaturgisch und an den Figuren selbst, nachspüren. Lässt uns mitfiebern. So setzt Fuller das einführend schelmisch-coole Auftreten von Richard Widmark (NIGHT AND THE CITY, 1950) als noch junger, frecher Skip McCoy einem zunehmend – zuletzt brachial – ernsthaften Plot entgegen, in dem es um grundsätzliche, ethische und lebensnahe Fragen geht. Aus dem noch augenzwinkernden, abenteuerlichen Krimi-Ganoven wird ein zutiefst tragischer Charakter. Vertrauen, wahre Liebe und manipulative, politische Gewalt sind die Themen, die in das Leben der immer stärker als Gezeichnete erkennbaren Figuren einwirken. Hinter der stilsicher-kühlen Fassade des Film noir schält Fuller einen fruchtbaren Kern heraus, der universale Fragen beinhaltet. Das Erstgenannte, das Vertrauen, dominiert das gemeinsame Spiel von Widmark und seiner weiblichen Gegenüber, der unglaublich stark aufspielenden Jean Peters. Ihr Filmname „Candy“ irritiert bei weiterer Beobachtung und wirkt, wie das anfänglich Schelmische von Skip McCoy, als anfänglich Geste, ein telling name, hinter dem sich alsbald viel mehr verbirgt. In Wahrheit spielt Peters – manche hielten dies für ihre allerbeste Darbietung – eine der facettenreichsten, gehaltvollsten Femme Fatales in der Geschichte des (US-amerikanischen) Film noir. Körperlich wie seelisch ergründet sie faszinierende (Un-)Tiefen, das Licht-Schattenspiel der Stilrichtung findet in ihrer Rolle ihre menschliche Entsprechung.

© Twentieth Century Fox

Bei Erscheinen gerade hierzulande als reißerischer, actionreicher Vertreter der „Schwarzen Serie“ kategorisiert, verschließt sich diese zu schnelle Einordnung vor den vielschichtigen Qualitäten des Films. Fuller, der immer wieder den hysterischen Anti-Kommunismus seines Landes kritisierte (höchst eindrucksvoll in SHOCK CORRIDOR, 1963, hierzulande nur als schlechte DVD), ging lange der Ruf des handwerklich soliden, aber wenig gehaltvollen Filmemachers voraus, dem es an Vision mangelte. Seit zwei Jahrzehnten jedoch erfahren viele seiner Werke erhöhtes Ansehen durch Publikum und Filmkritiker weltweit. Sie werden wiederentdeckt, wiederveröffentlicht und vorbildlich aufbereitet neu zugänglich gemacht. Und sie werden diskutiert. Werke wie HELL AND HIGH WATER (1954, ebenfalls mit Widmark), UNDERWORLD U.S.A. (1961), THE BIG RED ONE (1980, Rekonstruktion 2004) oder der kleinere, aber sehr persönliche WHITE DOG (1982) zeigen nachhaltig Fullers Gespür für emblematische Bilder, seine virtuose Inszenierung packender Geschichten und ethische wie politische Subtexte. Neben seiner handwerklichen Raffinesse ist er jedoch auch ein Regisseur, der besonders gut mit Schauspielern arbeiten kann, das Beste aus Ihnen herausholt.

PICKUP ON SOUTH STREET (1953)
© Twentieth Century Fox

Die Schauplätze von PICKUP ON SOUTH STREET spiegeln dabei das innere Seelenleben der Figuren wider und treiben gleichzeitig die Dynamik der Handlung voran. Fuller wechselt gekonnt zwischen Innerem und Äußerem. Das anfangs angesprochene konsequente Weiterentwickeln und Zusammenführen von Studioaufnahmen und Originalschauplätzen beim Film noir kommt in PICKUP ON SOUTH STREET just im Jahr 1953 in der späteren Phase zu inszenatorischer Vollendung. Auffällig ist dabei die konsequent enge Kadrierung, d. h. die Kamera fängt (bei Bildformat 1,37:1, Vollbild, „Academic“) Gesichter und Körperpartien der Protagonisten in geradezu intimer Nähe ein und der Bildaufbau wird durch die Konstellation nur weniger, zumeist zweier Filmfiguren bestimmt. Durch diese intime Nähe sind wir ganz nah bei den Figuren und fiebern ununterbrochen mit ihnen mit. Wir verpassen keinen (Augen-)Blick, keine Geste: wir stehen quasi mit Skip McCoy in der Straßenbahn – direkt neben ihm – und dürfen bzw. sollen ihm dabei aus nächster Nähe zusehen, wie er ein ums andere Mal seine Freiheit aufs Spiel setzt und wiederholt Taschendiebstahl begeht. Zum Bildaufbau kommt selbstredend die virtuose Montage hinzu, alles zusammen ergibt feinstes filmisches Handwerk, mehr noch: Kunst. PICKUP ON SOUTH STREET schafft in geradlinig erzähltem, mitreißendem Schwarzweiß den Status des Spielfilms als Kunstform ganz hoch zu halten. Jede Einstellung erfüllt einen Zweck und ist verführerisch und faszinierend zugleich. Zusammen mit den Figuren begeben wir uns auf eine Achterbahn der Gefühle. Ganz großes (Heim-)Kino!

PICKUP ON SOUTH STREET (1953)
© Twentieth Century Fox

Verschiedene Fassungen

Als der Film damals in die deutschen Kinos kam, wurde er um 2-3 Minuten geschnitten und im Sinn verändert (ebenso in der französischen Kinoversion). Der politische Aspekt des Kalten Krieges, der – siehe Ausführungen zu Beginn dieser Besprechung – essenziell für den US-amerikanischen Film noir ist, wird im Original durch die Spionage-Geschichte entlang des Mikrofilms auf den Punkt gebracht. Aus den „Reds“, also (auch amerikanischen) Kommunisten, die eine latente Bedrohung und Paranoia versprühen, wurden gewöhnlichere Drogenhändler. Nicht mehr der Code für eine atomare (!) Formel, sondern ein Rauschgift-Rezept war durch die geänderten Dialoge auf dem Filmstreifen. Eine Verhörszene im letzten Drittel musste ganz weichen, ebenso eine relativ drastische Verprügelungsszene an einer Frau plus weitere Gewaltspitzen. Das Körperliche, das Unmittelbare, das Fullers Film so unbeschönigt wirken lässt, wurde ausgerechnet im kunstfertigen Europa teils ausgeblendet. Demnach gibt es bis heute keine vollständige Synchronfassung dieses Klassikers, vielleicht mit ein Grund, warum seine Wiederveröffentlichung hierzulande noch immer auf sich warten lässt.

© Twentieth Century Fox

Im englischsprachigen Bereich hingegen hat er längst den Heimkinostatus erfahren, der ihm gebührt. Sowohl die US-DVD (Region 1) von The Criterion Collection aus dem Jahr 2004, als auch die Dual-Format-Edition (Blu-ray/DVD) aus UK via Eureka! bieten vollumfängliche und würdige Aufbereitungen des Films. Beide Edition haben für das jeweilige Format und das Erscheinungsjahr Referenz-Qualitäten zu bieten. Heute greift man natürlich zum HD-Transfer der Blu-ray, für den eine sehr sorgfältige Restauration des Original-Filmmaterials (35mm-Filmnegativ) die Grundlage bildet. Auch die originale Mono-Tonspur (Englisch) wurde von Grund auf restauriert und klingt in Anbetracht ihres Alters sehr klar und dynamisch. US- und UK-Edition bieten des Weiteren sehr interessante Video-Interviews (u. a. mit Filmkritiker Kent Jones und Literatur- und Filmhistoriker François Guérif), ein Archiv-Interview mit Fuller sowie hervorragend kuratierte, aussagekräftige Booklets von namhaften Autoren, inklusive einem Text von Fuller. Aktuell bekommt man für nur 15 Euro die hochqualitative Blu-ray aus UK, die vor einiger Zeit Teil eines imposanten Box-Sets mit fünf Filmen („Fuller at Fox“, 1951-1957) war, das aber schon länger vergriffen ist.

© Twentieth Century Fox

Fazit

Wer im grauen Noirvember ein schwarzweiß funkelndes Juwel des Film noir (wieder-)entdecken möchte, dem sei PICKUP ON SOUTH STREET von 1953 wärmstens ans Herz gelegt. Ein mitreißender, zeitloser Klassiker des US-amerikanischen Kinos, der heute noch genauso viel zu sagen hat, wie damals. Verrat, Vertrauen und das intime Porträt zweier Außenseiter, die im Großstadtmoloch unter widrigen Umständen aufeinander treffen werden in perfekt weiterentwickelten Bildern der späteren Film noir-Phase eingefangen. Wahrhaftiges Klassiker-Kino! Bestellen, anschauen, genießen. Von Eurem Fluxkompensator zu 100% empfohlen.

© Stefan Jung

Quellen:

  • [i]     Marcus Stiglegger: Film noir, in: Thomas Koebner (Hrsg.) Reclams Sachlexikon des Films, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007, S. 224.
  • [ii]    Barry Gifford: Out of the Past – Adventures in Film noir. University Press of Mississippi, Jackson 2001, S. 133.
Titel, Cast und CrewPolizei greift ein (1953)
Lange Finger - Harte Fäuste (Alternativtitel)
OT: Pickup on South Street
Poster
RegisseurSamuel Fuller
ReleaseKinostart: 11.12.1953
restauriert auf Blu-ray von Eureka (Englisch, Region B)

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Trailer
BesetzungRichard Widmark (Skip McCoy)
Jean Peters (Candy)
Thelma Ritter (Moe Williams)
Murvyn Vye (Police Captain Dan Tiger)
Richard Kiley (Joey)
Willis Bouchey (Zara)
Milburn Stone (Detective Winoki)
DrehbuchSamuel Fuller
FilmmusikLeigh Harline
KameraJoseph MacDonald
SchnittNick DeMaggio
Filmlänge113 Minuten
FSKAb 16 Jahren

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