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Past Lives (2023) – Filmkritik

„In einem anderen Leben“

Mit einem dezent voyeuristischen Blick fängt es an – es ist klar, dass es sich um einen Vorgriff auf eine spätere Szene handelt. Wir – die Kamera, andere Gäste, das Publikum – beobachten drei Personen an einer Bar, eine Frau zwischen zwei Männern. Worüber unterhalten sie sich? Sind sie beruflich oder privat unterwegs? Wer ist hier mit wem zusammen?

Nach diesem spielerischen Einstieg folgt strenge Struktur: Der Film gliedert sich in drei Kapitel, die Protagonisten im Alter von zwölf, 24 bzw. 36 Jahren. Im ersten Kapitel gehen das Mädchen und der Junge in Südkorea zusammen zur Schule. Kindliche Zuneigung am Übergang zur ersten Verliebtheit, heile Welt, aber bereits Hemmungen bei der Kommunikation. Es endet abrupt, als ihre Familie nach Kanada auswandert. (Danach verschwinden ihre Eltern übrigens aus dem Film.)

© Twenty Years Rights LLC

Im zweiten Kapitel sehen sie sich wieder, wenn auch nur online. Jetzt finden sie auch die Worte, entwickeln Gefühle füreinander, aber die halbe Welt liegt zwischen ihnen. Er, Hae Sung (Teo Yoo), ist auf dem Weg in die brave Karriere, ein wenig unzufrieden mit seiner Vorhersagbarkeit, aber ohne rebellische Züge. Sie nennt sich nun Nora (Greta Lee) und ist ein zweites Mal ausgewandert, um in New York die ungewisse Laufbahn als Künstlerin zu verfolgen, als Dramatikerin, in einer fremden Sprache. Es sieht aber schon recht vielversprechend aus, sie ist sehr zielstrebig und wohnt in keiner Bruchbude. Weil sie stattdessen aber jetzt „nachts im Internet nach Flügen nach Seoul sucht“, wie sie als Begründung nennt, ist sie es auch, die die unausgesprochene Fernbeziehung wieder beendet.

© Twenty Years Rights LLC

Da dieser Teil auch zwölf Jahre vor unserer Gegenwart spielt, ergeben sich beim Ansehen leicht sentimentale Momente, etwa bei alten Skype-Systemtönen. Die Autorin und Regisseurin Celine Song ertränkt die Szenen aber erfreulicherweise nicht in einem Overkill an zeitgenössischer Ausstattung. Zwar haben die beiden hin und wieder mit Verbindungsproblemen zu kämpfen, aber offensichtlich konnte man vor zwölf Jahren in Südkorea bereits im Bus skypen. Auch das Südkorea vor 24 Jahren dürfte stimmig eingefangen worden sein.

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Im dritten Kapitel schließlich, man mag es geahnt haben, kommt es zum erneuten leibhaftigen Aufeinandertreffen. Hier nimmt der Film nach bislang etwas langsamen Verlauf auch Fahrt auf. Hae Sung beucht Nora in New York. Nora ist inzwischen mit Arthur verheiratet, einem sympathischen, sensiblen, etwas neurotischen Mann. Was wird also geschehen? Worüber würde man sich als Zuschauer freuen? Endlich! Endlich mal wieder ein Film mit einem echten Konflikt, nicht gut gegen böse, sondern unlösbar. Und dann findet der Film auch noch zu einem guten Ende.

© Twenty Years Rights LLC

Wenn sich die aktuelle Begeisterung für auf Spielfilmlänge gedehnte Werbung für einen Spielzeugkonzern wieder etwas gelegt hat, finden hoffentlich viele Menschen auch hierfür den Weg ins Kino. Tatsächlich weist PAST LIVES – IN EINEM ANDEREN LEBEN einige frappierende Ähnlichkeiten mit EVERYTHING EVERYWHERE ALL AT ONCE auf, dem ganz großen Überraschungserfolg des letzten Jahres. Stilistisch könnten die beiden Filme unterschiedlicher nicht sein, aber auch dieser erinnert stark an die mittelgroßen Hollywood-Filme aus früheren Zeiten (vor den Superhelden), nur eben mit asiatischem Einschlag, und erneut geht es um die Frage, wie das eigene Leben auch anders hätte verlaufen können.

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Man könnte PAST LIVES denn auch ein wenig despektierlich „Hätte, hätte, Fahrradkette – Der Film“ nennen, und es mindert die Freude über seine Kunstfertigkeit leider etwas, wenn man erfährt, wie extrem autobiographisch Celine Song ihr Debut geformt hat, bis hin zur Ursprungsidee während des echten Abends in der Bar. Aber sei’s drum. Die Produktionsfirma A24 hat schon wieder zugeschlagen und ist inzwischen ein solches Versprechen auf besondere Filme wie Miramax in den Neunzigern. Greta Lee und Teo Yoo (den man gerade in DIE FRAU IM NEBEL sehen konnte) spielen die beiden Protagonisten im Alter von 24 und von 36 Jahren, als Arthur gesellt sich John Magaro (FIRST COW) dazu. Kameramann Shabier Kirchner arbeitete zuvor für den britischen Regisseur Steve McQueen, Cutter ist Keith Fraase, der auch den außergewöhnlichen Schnitt von Terrence Malicks TREE OF LIFE, TO THE WONDER und KNIGHT OF CUPS übernommen hat.

© Twenty Years Rights LLC

Sehr ruhig ist PAST LIVES. Man wird nicht im Kinosessel durchgeschüttelt, sondern leise angerührt. Die Figuren führen viele Dialoge über das Leben; ein klein wenig zu viele vielleicht, aber am Ende fügen sie sich zusammen, wenn Nora doch wieder weint, weil es nicht mehr keinen interessiert.

© Franz Indra

Titel, Cast und CrewPast Lives (2023)
Poster
ReleaseKinostart: 17.08.2023
RegieCeline Song
Trailer
BesetzungGreta Lee (Nora /Young Na)
Teo Yoo (Hae Sung)
John Magaro (Arthur)
Moon Seung-ah (Young Na als Kind)
Leem Seung-min (Hae Sung als Kind)
DrehbuchCeline Song
KameraShabier Kirchner
MusikChristopher Bear
Daniel Rossen
SchnittKeith Fraase
Filmlänge106 Minuten
FSKab 0 Jahren

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