Outrage Mediabook Capelight Takeshi Kitano

Outrage – Filmkritik & Review zum Mediabook

Das Verbrechen genießt einen besonderen geschichtlichen Reiz im Medium Film. Noch interessanter wird es, wenn es sich um das organisierte Verbrechen handelt. Die Welt der Mafia hat vor allem mit den Filmen von Martin Scorsese (CASINO, GOODFELLAS) einen ironischen, aber auch gnadenlosen Einblick in die Strukturen der italienischen Gangster-Familien erhalten. Man darf natürlich das filmgeschichtliche Monument von Francis Ford Coppola DER PATE I-III in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Die Mafia ist aber kein rein italienisches Phänomen. In der Kinowelt wurde das Thema bereits international verarbeitet: Die russische Version in TÖDLICHE VERSPRECHEN, die chinesische Mafia als Triade in A BETTER TOMORROW, die mexikanischen Kartelle in SICARIO und nicht zu vergessen die japanischen Syndikate, die Yakuza. Was hierzulande bereits eine Klamottenmarke für Fitness-Proleten ist, ist in Japan ein komplexes System von Familien mit jahrhundertealter Tradition. Die sogenannten „Wertlosen“, wenn man es indirekt übersetzt (WIKIPEDIA), haben das organisierte Verbrechen in Japan unter ihrer Kontrolle, aber auch über die Landesgrenzen hinaus. Es gibt bereits einige Filme, die sich mit den Yakuza auseinandergesetzt haben wie die Hollywood-Version BLACK RAIN von Tony Scott oder die Comicadaption CRYING FREEMAN. Wenn man aber das reine filmischen Konzentrat der Yakuza sehen will, kommt man an Takeshi Kitano (HANA-BI, SONATINE) nicht vorbei und schon gar nicht an seiner OUTRAGE-Trilogie. Aber beginnen wir beim Anfang:

OUTRAGE Takeshi Kitano Filmkritik
Ôtomo (Beat Takeshi) // © capelight

Inhalt „Outrage“

Ich bin mir sicher, wenn man hier eine umfassende Inhaltsangabe zu OUTRAGE schreiben möchte, wird die Wortzahl bequem die 2.000-Marke knacken. Deswegen ein Versuch in kurzen Worten:
Der Kaicho (Soichiro Kitamaura), das Clan-Operhaupt der Yakuza im Großraum Tokio, hat zum Treffen und gemeinsamen Speisen seiner untergebenen Familien geladen. Nach dem Treffen wird Ikemoto (Jun Kunimura), Chef des gleichnamigen Clans, befohlen seine Geschäfte mit Murase (Renji Ishibashi) zu unterlassen. Murase, ein alter und etwas schrulliger Clan-Boss, ist dem Kaicho ein Dorn im Auge. Das Problem ist jedoch, dass Ikemoto und Murase sich im Gefängnis Bruderschaft geschworen haben. Deswegen kommen die Untergebenen von Ikemoto, der Otomo-Clan ins Spiel. Na, seid ihr noch im Bilde? Man muss zugeben, es ist wirklich verwirrend, aber ein paar Sätze müsst ihr mir in dieser Inhaltsangabe erlauben, denn jetzt kommt endlich die Hauptfigur ins Spiel. Der Otomo-Clan, angeführt von Otomo, gespielt vom Regisseur selbst unter seinem Schauspielnamen Beat Takeshi (JOHNNY MNEMONIC), ist für die Drecksarbeit zuständig und soll dem alten Murase empfindlich in die Geschäfte funken. Das klappt natürlich nicht, weil jeder in diesem Marionettenspiel den Launen und der Sucht nach Intrigen des alten Kaicho ausgeliefert ist.


© capelight

Komplex, aber dennoch simpel erzählt

Man sollte schon etwas Erfahrung in der asiatischen Filmlandschaft besitzen, um bei OUTRAGE mitzuhalten zu können. Ich selbst muss mir bei dem ein oder anderen Namen immer aktiv ins Gedächtnis rufen, welches Gesicht sich dahinter verbirgt, aber das Booklet des Mediabooks hilft Unerfahrenen hierbei weiter, aber später mehr dazu. Was OUTRAGE aus der Feder von Takeshi Kitano auszeichnet, sind die Bilder – immer schlicht in ihrer Optik, aber dafür unglaublich effektiv – für die Geschichte. So ist zum Beispiel der Anfang, als die schwarzen Limousinen vom Hof des Kaicho rollen, optisch auch ein Hinweis auf die Handlung. Die ersten Autos fahren dicht hintereinander wie bei einem Staatsempfang und ein paar Sekunden später rollen erst die Fahrzeuge des Ikemoto- und Otomo-Clans hinterher. Ein Hinweis, dass diese beiden Familien aus der Reihe tanzen und die Außenseiter des Clans werden. Wie auch Scorsese einen ironischen Blick auf die italienische Mafia geworfen hat mit ihren Jogging-Anzügen, dicken Bäuchen und ihrer Schwäche für gutes Essen, schafft auch Kitano diese witzigen Untertöne.


© capelight

Bei OUTRAGE wird nicht nur gepöbelt was das Zeug hält, sondern auch auf besonders schmerzhafte Art Gewalt ausübt. Nur so zeigt man als Yakuza, wer der Boss ist. Aber das ist alles sehr überzeichnet inszeniert. Da werden Ess-Stäbchen in Ohren gerammt, auf Untertanen im Bildrand eingeprügelt oder mit einer Python in der Badewanne Diplomaten erpresst. Die japanische Gestik und Mimik verstärkt einem als Zuschauer das Grinsen beim Beiwohnen der alltäglichen Yakuza Rituale: Rauchen, Rumstehen, Pöbeln, Drohen und Verbeugen. Manche Szenen sind aber auch durch die Situation unglaublich komisch: Da wird zum Beispiel einem Nintendo-Gamer die Schale Ramen gereicht, in der zwei Fingerkuppen schwimmen. Die Vergangenheit als Komiker Kitanos zeigt sich auch in diesem knochenharten Streifen, der aus gutem Grund erst ab 18 Jahren freigegeben ist.

Das Mediabook

Outrage Mediabook Cover
Cover des Mediabooks // © capelight

Die OUTRAGE-Trilogie ist in Deutschland bei capelight in den richtigen Händen gelandet. Auch wenn mich die deutsche Synchronisation nicht gänzlich überzeugt hat, tut es auf jeden Fall die Qualität des Mediabooks. Nicht wie aktuell üblich, gibt es keinen filmwissenschaftlichen Text zum Film im Booklet, sondern eine Übersicht zum Inhalt, der Produktion und den Filmrollen. Vor allem die Übersicht der Charaktere ist für Anfänger in diesem Genre Gold wert. Außerdem gibt es noch Texte von Kitano selbst. Aber auch die audiovisuellen Extras auf der Blu-ray sind mit über zwei Stunden sehr umfangreich ausgefallen. Das Cover ist mein persönlicher Liebling aus der Reihe und die Rückseite ist leider wie früher üblich mit den Daten des Releases bedruckt. Ein Grund, auf die Suche im Gebrauchthandel nach dieser bereits ausverkauften 3-Disc Limited Collector’s Edition zu gehen, ist der Extra-Film: DAS MEER WAR RUHIG (1991). Dieser Bonus-Film auf DVD ist ebenfalls unter der Regie Kitanos entstanden und zeigt die ruhige und philosophische Sicht auf die Welt des Regisseurs. Der Film ist in Deutschland nicht einzeln auf DVD erschienen und liegt im Mediabook im japanischen Original mit deutschen Untertiteln vor.

Fazit

Dieser emotionslose und äußerst gewalttätige Trilogie-Auftakt ist wie ein hochkonzentriertes Substrat eines Yakuza-Films und deswegen keine leichte Filmkost. Für mich macht jedoch kein anderer Yakuza-Streifen OUTRAGE den Thron streitig. Im Hinblick auf die Fortsetzung der Geschichte mit OUTRAGE BEYOND (2012) und OUTRAGE CODA (2017), wachsen die Filme zu einer einzigartigen Trilogie zusammen. In OUTRAGE lernen wir aber erst einmal:

„Manchmal ist Karriere noch wichtiger als Geld“ – Kataoka (Fumiyo Koshinata)

Das Beitragsbild wurde im SAKE KONTOR, Berlins Adresse Nr. 1, wenn um Sake geht, aufgenommen. Abgebildet ist eine Flasche YOSHINOGAWA TOKUBETSU JUNMAI GOKUJO -> hier geht es zum Online-Shop des SAKE KONTORS

 

Titel, Cast und Crew

Outrage (2010)
OT: Autoreiji

Poster

Outrage japanisches Kinoposter


Release

Blu-ray auf Amazon kaufen (Affiliate Link)

Regisseur

Takeshi Kitano

Trailer

Besetzung

Beat Takeshi (Ôtomol)
Kippei Shîna (Mizuno)
Ryo Kase (Ishihara)
Fumiyo Kohinata (Kataoka)
Sôichirô Kitamura (Kan'nai)
Tadashi Sakata (Okazaki)
Kenji Morinaga (Abe)

Drehbuch

Takeshi Kitano

Kamera

Katsumi Yanagijima

Musik

Keiichi Suzuki

Schnitt

Yoshinori Ohta
Takeshi Kitano

Filmlänge

109 Minuten

FSK

ab 18 Jahren
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20

Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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