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Operation Walküre (2008) – Filmkritik

„Das Stauffenberg-Attentat“

Einen Zweiten-Weltkriegs-Film zu sehen, ist immer etwas schwierig. Nicht nur, dass man mit Klischees leben muss, anscheinend spielen solche Filme nur in Bayern oder Berlin, sondern die Deutschen werden meist als fanatische Monster dargestellt. Viele waren in der Zeit des Dritten Reiches auch welche, vor allem in den Kreisen des Reichsheeres, der SS und der NSDAP. Aber es fehlen die Nuancen, welche die viele Persönlichkeiten, seien sie noch so unmenschlich, ausmachen. Anfang des 21. Jahrhunderts fiel den Produzenten Bryan Singer und Christopher McQuarrie die Geschichte des Attentäters Oberst Stauffenberg in die Hände. Die perfekte Gelegenheit für Hollywood in der grausamen Epoche eine Heldengeschichte über einen deutschen Offizier zu erzählen. Stauffenberg will mit einer kleinen Gruppe Adolf Hitler töten, die Regierung ersetzen und den Alliierten einen Waffenstillstand anbieten, bevor Europa verwüstet wird. In OPERATION WALKÜRE (VALKYRIE) sind die Beweggründe der Charaktere so undifferenziert wie man es von einer solchen Produktion erwartet, aber vielleicht sollte man den Film als das sehen, was er in seinen Grundfesten ist: ein klug geschriebener und spannender Thriller.

Bill Nighy als General Friedrich Olbricht und Christian Berkel  als Oberst Mertz von Quirnheim // © Capelight Pictures

Handlung

Der Zweite Weltkrieg verläuft immer schlechter für das Deutsche Reich, zu viele Fronten und zu viele Feinde. Im Nordafrikakrieg muss Oberst Claus von Stauffenberg (Tom Cruise) einen Kampf führen, den er nicht gewinnen kann. Er wurde in die Wüste versetzt, weil er zu oft seine Meinung gegen den Fanatismus und die Machtgier Adolf Hitlers (David Bamber) geäußert hat. Hitler opfert das Wohl des deutschen Volkes für seine Weltherrschaft, so Stauffenbergs Worte in seinem Tagebuch. Nach einem Fliegerangriff verliert Stauffenberg seine rechte Hand, zwei Finger und ein Auge. Er wird zurück nach Berlin beordert, um organisatorische Aufgaben innerhalb des Heeres zu übernehmen. Doch dort wird er von einer konspirierenden Gruppe um General Friedrich Olbricht (Bill Nighy), Generalmajor Henning von Tresckow (Kenneth Branagh), Generaloberst Friedrich Fromm (Tom Wilkinson) und Generaloberst Ludwig Beck (Terence Stamp) angeworben. Stauffenberg scheint mit ausreichend Durchsetzungsvermögen der Richtig zu sein, um Adolf Hitler zu töten und „Unternehmen Walküre“ – eine Art militärischer Putsch – auszuführen. Doch wir wissen, wie die Geschichte endet.

Kenneth Branagh als Major-General Henning von Tresckow // © Capelight Pictures

15 Jahre später

Es ist verdammt schwer sich OPERATION WALKÜRE heute noch wertefrei anzusehen. Bereits im Jahr seiner Produktion gab es jede Menge Gegenwind den voll im Sektenstrudel von Scientology gefangenen Tom Cruise als ein Attentäter von Adolf Hitler zu besetzen. Man hatte Sorge vor einer unangemessenen Aufarbeitung des Attentats und versteckter Propaganda für die umstrittene Sekte. Aber wer Hollywood in sein Haus lässt, es wurde viel in Deutschland gedreht, muss mit solchen Dingen rechnen. Außerdem ist das Aushängeschild Tom Cruise ein Magnet an den Kinokassen, das auch für solide Gewinne beim Studio United Artist – von dem Cruise damals sogar Teilhaber war – sorgte. Ein anderer Aspekt sind die seit 2017 bekanntgewordenen Klagen wegen sexuellen Missbrauchs von 17-Jährigen gegen den Regisseur Bryan Singer.

Terence Stamp als Ludwig Beck // © Capelight Pictures

Es ist ein gesellschaftspolitisches Minenfeld heute über OPERATION WALKÜRE zu schreiben. Wir reden hier aber über Filme und deren Einflüsse, nicht über juristische Prozesse und vom Verfassungsschutz überwachte Organisationen. Die Aufgabe liegt in anderen Händen. Deswegen ist der erste Knackpunkt für unsere Kritik die Besetzung.

Besetzung

Tom Cruise kann auf der Leinwand alles spielen. Mit viel Charisma (TOP GUN), Mut zu schwierigen Rollen (VANILLA SKY) und schierer körperlicher Physis (MISSION IMPOSSIBLE) ist er eine sichere Bank auf der Besetzungsliste. Als Oberst Stauffenberg gibt er mit genug Pathos seine Sichtweisen gegen das politische Verhalten des Deutschen Reichs zum Besten. Jedoch nicht aus faschistischen Gründen, sondern aus Liebe zu seinem Vaterland. Man kauft es ihm ab, seinen militärischen Schwur zu brechen und ein Attentäter zu werden, egal wie hoch die Kollateralschäden sein mögen. Mit einer Familie begibt er sich zusätzlich in die Gefahr, dass der Einsatz höher als sein eigenes Leben ist. Mit wenigen zielgerichteten Sätzen, dank des effizienten Drehbuchs von Christopher McQuarrie und Nathan Alexander und einem durchdringenden Blick – wohlgemerkt nur mit einem Auge – transzendiert er förmlich seine Gedanken. Wir steigen ohne Problem ins Genre des Verschwörungsthriller ab.

Thomas Kretschmann als Major Otto Ernst Remer // © Capelight Pictures

Der restliche Stab der Putschisten ist hauptsächlich aus britischen Schauspielern besetzt, denen man den arischen Rang nicht so recht abkaufen mag, aber dafür das Aufständische innerhalb des Systems. Deren Leistung ist weit über dem Durschnitt, aber man wird besonders im Vergleich zu den deutschen Darstellern wie Thomas Kretschmann als Major Otto Ernst Remer und Christian Berkel als Oberst Albrecht von Mertz das Gefühl nicht los, dass etwas mehr deutsche Quote besser gewesen wäre. Die Filmförderungs-Einsätze von Matthias Schweighöfer und Wotan Wilke Möhring wollen wir hiermit nur kurz nennen und ihre Auftritte sofort wieder vergessen. Das Ensemble hätte differenzierter sein können, aber das ist nun fast schon die einzige Kritik, die man üben kann.

Tom Cruise als Oberst Claus von Stauffenberg und Carice van Houten als Nina von Stauffenberg // © Capelight Pictures

Wo ist die Aktentasche?

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie es Regisseur Bryan Singer gelingt uns so schnell in diese spannende Mission hineinzuziehen. Wir wissen welche Gräueltaten Hitler begangen hat und wollen zu gern, dass die Mission gelingt und alles in eine Parallelwelt weitererzählt wird. Auch erste Möglichkeiten schwirren durch unsere Köpfe, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn Stauffenberg erfolgreich gewesen wäre. Aber die Gedanken lassen sich während OPERATION WALKÜRE schlecht ordnen, denn die militärische Maschine rollt. Das System Militär scheint mit wenigen Personen und den richtigen Befugnissen leicht zu überrumpeln. Mehrere Attentatsversuche werden erzählt, die mit ihren kleinen Details und Misserfolgen die Spannungskurve noch weiter nach oben treiben. Es gibt sogar etwas Humor, wenn man so will, wenn der Kommandant des Bereitschaftsheeres, einmal beim Schwimmen und einmal beim Friseur mit dem Befehl der Mobilmachung „gestört“ wird. In dynamischen Fahrten, mit schnellen Schnitten und in exponierten Kamerawinkeln – ein Comicverfilmungs-Regisseur ist am Werk – ist es ein Thriller im Eilschritt.

© Capelight Pictures

Zumal bekommt die Theorie der Doppelgänger Adolf Hitlers etwas Interpretationsraum. Stauffenberg lässt sich noch zu Beginn seine geänderte Version von Operation Walküre vom Führer persönlich abzeichnen. Kurz bevor er zur Lagebesprechung an der Wolfschanze seine tickende Aktentasche unter den Tisch stellt, scheint Hitler ihn nicht wieder zu erkennen. Vielleicht ein Hinweis über den immer weiter fortschreitenden Wahn des Diktators oder aber eben die Möglichkeit, dass hier ein anderer Adolf Hitler am Tisch der Ostfront steht.

Tom Wilkinson als General Friedrich Fromm und Tom Cruise als Oberst Claus von Stauffenberg // © Capelight Pictures

Das Mediabook von Capelight Pictures

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OPERATION WALKÜRE gab es bereits auf Blu-ray und DVD. In diesem Aspekt keine Neuerung, aber da der Markt von diesen Exemplaren leergefegt ist, hat die Neuauflage von Capelight Pictures durchaus ihre Berechtigung. Bild und Ton auf der Blu-ray sind ohne Makel und besonders das Mediabook macht bei solch geschichtsträchtigen Stoffen wegen der Extras neugierig. Eine Bonus-Blu-ray enthält diverse Making-Of-Clips (zwischen 7 und 15 Min.) und ein 38-mütiges Q&A mit Cruise und Singer. Besondere Empfehlung liegt auf der Dokumentation „Das Vermächtnis des deutschen Widerstands“ mit knapp zwei Stunden Laufzeit, die sich nicht nur auf geschichtliche Fakten beruft, sondern auch die bereits umgesetzte Filmgeschichte zum Thema Stauffenberg aufgreift. Enttäuschend ist jedoch das Booklet von Carsten Baumgardt. Die Hoffnung die gleiche Qualität wie beim Mediabook von DIE BRÜCKE VON REMAGEN zu lesen, wurde nicht erfüllt. Wer jedoch Medien wie Filmstarts.de oder Focus Online für lesenswert empfindet, wird vielleicht nicht nur durchblättern. Für meinen Geschmack ist der Text für diese Thematik zu reißerisch und nur ein aufgeblähter Wikipedia-Artikel. Aber das soll jeder für sich selbst entscheiden.

© Capelight Pictures

Fazit

OPERATION WALKÜRE ist ein spannender Thriller, dem man immer wieder wünscht, nicht den wahren Ereignissen folgen zu müssen. Tarantino hätte hier knallhart die Geschichte geändert, aber Singer und seine Drehbuchautoren bleiben bei ihren Recherchen. Auch wenn die Besetzung zu sehr von Hollywood gewollt ist, kann die authentische Produktion, der Dreh an manchen Originalschauplätzen und ein effizientes Drehbuch überzeugen. Die Hysterie vor der Filmproduktion in den deutschen Medien wurde vom positiven Feuilleton beim Kinostart zu keiner Zeit untermauert. Dem kann man sich auch heute noch anschließen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewOperation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat (2008)
OT: Valkyrie
Poster
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RegisseurBryan Singer
Trailer

Englisch
BesetzungTom Cruise (Oberst Claus von Stauffenberg)
Kenneth Branagh (Major-General Henning von Tresckow)
Bill Nighy (General Friedrich Olbricht)
Tom Wilkinson (General Friedrich Fromm)
Carice van Houten (Nina von Stauffenberg)
Thomas Kretschmann (Major Otto Ernst Remer)
Terence Stamp (Ludwig Beck)
Eddie Izzard (General Erich Fellgiebel)
Kevin McNally (Dr. Carl Goerdeler)
Christian Berkel (Oberst Mertz von Quirnheim)
Jamie Parker (Lieutenant Werner von Haeften)
David Bamber (Adolf Hitler)
Tom Hollander (Colonel Heinz Brandt)
David Schofield (Erwin von Witzleben)
DrehbuchChristopher McQuarrie
Nathan Alexander
KameraNewton Thomas Sigel
MusikJohn Ottman
SchnittJohn Ottman
Filmlänge121 Minuten
FSKab 12 Jahren

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