Operation Red Sea (2018) Film

Operation Red Sea (2018) – Filmkritik

„Dantes Inferno”

Pazifismus ist einer der Grundpfeiler meiner Weltanschauung. Im starken Kontrast dazu habe ich eine gewisse Affinität für das Militär oder genauer dessen mediale Darstellung. Letzteres führe ich auf meine Faszination für Professionalität, perfekte körperliche und geistige Ausbildung und Hochtechnologie zurück und sicherlich auch auf meine Liebe für Actionfilme. Mir ist bewusst, dass dieses Bild nicht der Realität entspricht und Krieg kein aufregender Abenteuerspielplatz ist und Soldaten keine dauerballernden Superhelden sind, die das Böse bekämpfen. Wenn Kriegsfilme oder -spiele zudem einseitig mit Hurra-Patriotismus und dumm-prolliger „Wir werden ihnen verdammt nochmal den Arsch aufreißen.”-Mentalität versuchen das gewalttätige Vorgehen des Militärs zu glorifizieren, weil alle Alternativen nur für naive Pussies sind, rollen sich mir die Fingernägel bis zur hochgezogenen Augenbraue. (Hallo, CALL OF DUTY!)

Operation Red Sea (2018) Film

Inwieweit diese Einstellungen nicht absolut widersprüchlich sind und ob Krieg als Thema im Unterhaltungsbereich überhaupt zu rechtfertigen ist, wäre sicher ganze Abhandlungen wert, die womöglich bereits geschrieben wurden. Ich wollte sie hier nur erwähnen, um im Folgenden verständlicher zu machen, warum OPERATION RED SEA, trotz einiger, von denkenden Menschen sicher wenigstens als kontrovers zu bezeichnenden Faktoren, für mich einer der besten Actionfilme der letzten Jahre ist.

Operation Red Sea (2018) Film

Relativ früh in Dante Lams geistigem Nachfolger zu seinem, bei uns leider nicht offiziell erschienenem Turbo-Reißer OPERATION MEKONG gibt es eine Szene in dem Soldaten der chinesischen Marine hunderte Landsleute und Ausländer aus dem kriegsgebeuteltem Jemen auf ein Kriegsschiff evakuieren, wo die erleichterten Zivilisten freudestrahlend und mit kleinen Flaggen der Volksrepublik winkend in der Bordkantine mit Nahrung versorgt werden. Was wie eine dick aufgetragenes Werbevideo für das Militär wirkt, ist zumindest so ähnlich 2015 tatsächlich passiert. Inwieweit die chinesischen Medien bereits zu dieser Zeit das internationale Bild dieses Einsatzes vielleicht noch etwas aufgehübscht haben könnten, würde hier ins Reich naheliegender, doch haltloser Vermutungen vordringen. In OPERATION RED SEA sind die Propaganda-Qualitäten dieser Szenen jedoch kaum wegzureden.

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Auch die am Ende des Film ziemlich kontextlos angehangene, äußerst nachträgliche Ansage, man möge doch bitte die chinesischen Hoheitsgewässer verlassen, nachdem man soeben zwei Stunden lang „dokumentarisch aufbereitet” die erstaunliche Kampfkraft der chinesischen Marine bezeugen durfte, wirkt wie eine unprovozierte Bedrohung an ahnungslose Nicht-Chinesen, die hier eigentlich nur einen guten Film sehen wollten. (Ich habe gelesen, dass die im Bild zu sehenden Kriegsschiffe, denen diese Durchsage gilt, zum US-Militär gehören. Mir fehlt da jedoch komplett das Wissen, um das zu bestätigen oder als Falschaussage zu deklarieren.) Darauf folgt im Abspann die authentische Textinformation, dass sich alle chinesischen Staatsbürger, egal wo sie sich gerade auf der Welt befinden, in einer Krisensituation über eine bestimmte Hotline Hilfe und Schutz durch das Außenministerium und die Botschaften erbitten können (was natürlich eine gute Sache ist).

Operation Red Sea (2018) Film

Nur für’s Protokoll, weil das ein sensibles Thema ist: Ich sehe hier keine rassistischen Anzeichen, sondern interpretiere diese Elemente mehr als offensiv nach außen präsentiertes egozentrisches Selbstbewusstsein Chinas. Allerdings bleibt – angesischts der Kontroll- und Zensurpolitik des Landes – die Frage, wie stark ein Film wie OPERATION RED SEA durch politische Auflagen gelenkt wurde. In jedem Fall muss er als potenzieller Bote einer stets fragwürdigen Nationalstaatsidee mit Vorsicht genossen werden. Politisch sensible Gemüter werden sich wahrscheinlich erschaudert abwenden.

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Alle Anderen dürfen sitzen bleiben. Denn so prekär der propagandistische Unterbau auch ist, so beschränkt er sich weitestgehend auf die oben genannten Szenen. Ansonsten bleibt RED SEA einfach gestrickt, was nur zu seinem Besten ist. Eingebettet in besagten Jemen-Konflikt erzählt er von der Jialong Kommando-Einheit unter Führung von Yang Rui (Zhang Yi, BROTHERHOOD OF BLADES II) begleitet von der toughen Journalistin Xia Nan (Hai Qing) – das sind die Guten – die hinter feindlichen Linien einige hundert unschuldige Zivilisten befreien und Terroristen (die Bösen) davon abhalten müssen, an Material für schmutzige Bomben zu gelangen. Der Rest ist Action.

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Dante Lam schafft kaum eine mehrdimensionale Reflektion über seine zugrunde liegende Thematik. Stattdessen bringt der schiere Dauerbombast eine wohlige Actionfilm-Überhöhung, bei der die politisch kontroversen Elemente (fast) in die Bedeutungslosigkeit gebombt werden. OPERATION RED SEA ist näher an MAD MAX: FURY ROAD als an ZERO DARK THIRTY. Ich möchte Lam auch nur zu gerne die Verschlagenheit zutrauen, sich unter vorgeschobener Regime-Gefälligkeit Budget und Ausstattung gesichert zu haben, um sich einfach nur zügellos an ausladenden Action-Sequenzen auszutoben.

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Denn genau das hat er offensichtlich getan, politische Überzeugung hin oder her. Der Film fährt im wahrsten Sinne des Wortes alle Geschütze auf, um Action-Connoisseuren eine gute Zeit zu machen. Dazu gehören einige der wuchtigsten Straßenschlachten, überhaupt, ein hochdramatischer Angriff auf einen Konvoi, immer willkommene Scharfschützenduelle sowie eine waschechte Verfolgungsjagd mit Panzern! Die Wucht und Erbarmungslosigkeit dieser Szenen erschöpfen den Zuschauer körperlich geradezu. Immer wenn der gegnerische Ansturm bereits überwältigend scheint, müssen noch Bomben entschärft, Wunden genäht, fiese Heckenschützen ausgetrickst, mit Munitionsmangel gekämpft, Sender aktiviert oder verschüttete Kameraden ausgegraben werden. Das Dauerfeuer auf die Sinne, in Verbindung mit den schnellen Schnitten, lässt einen schon mal die Orientierung verlieren, was hier aber eher ein positiver Effekt ist und nur noch stärker ins Geschehen zieht.

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Die Immersion gewinnt zusätzlich durch die authentische Ausstattung und Physis der Darsteller. Diese verkörpern zwar recht oberflächliche Figuren, erzeugen aber genug Sympathie, dass man stets mit ihnen mitfiebert. Man spürt zudem deutlich, dass sie für ihre Rollen eine entsprechend reale Ausbildung genossen haben. Hier wird nicht mit Stirnband um den Kopf aus der Hüfte geballert. Ihr Vorgehen erscheint glaubwürdig, ihr Umgang mit der Ausrüstung versiert. Deren Einsatz trägt ebenfalls den Werbestempels des Militärs, als wollten sie sagen „Guckt mal, wir haben übrigens auch bewaffnete Minidrohnen, Schneidlaser, Greifhaken, Wingsuits, tolle Luftabwehrgeschütze und ein ganzes Loot-Shooter-Arsenal voll an prächtigen Knarren.“ Wenn das allerdings auch eine Vorgabe gewesen sein sollte, hat Dante Lam sie so organisch in seine vielfältigen Action-Szenarien eingewoben, dass man ihm glatt einen Preis für das eleganteste Product Placement überreichen möchte.

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Dem gibt es eigentlich nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Qualität der computergenerierten Effekte erscheint überwiegend etwas flach und generell nicht state-of-the-art, was ihren Einsatz leider auffälliger macht als es förderlich wäre. Ändert aber auch nichts an der Kraft, mit der hier jede Explosion durchs Bild pustet. Ein paar Wortwechsel, die wirken, als würde eine Gruppe enthusiastischer Kinder beim Toben ständig ihre eingebildete Kontextualisierung des Geschehens für die Mitspieler beschreiben, erzeugen gelegentliches Entsetzen, lassen sich aber schnell verdrängen. Im Gegenzug ist das Gemetzel überraschend gorelastig, was die Intensität deutlich erhöht, dabei jedoch auch ganz selten mal ins Voyeuristische abdriftet.

Operation Red Sea (2018) Film

In Rückbetrachtung der oben stehende Worte, sammeln sich durchaus einige nicht zu ignorierende Kritikpunkte, die selbst einige Action-Fanatiker abschrecken könnten. Mich hat OPERATION RED SEA jedoch über zwei Stunden komplett weggeblasen und als einer der nachhaltig beeindruckendsten Actionfilme der letzten Jahre hervorgetan.

Fazit

Moralisch simpler, propagandistischer Militärporno, dessen unnachgiebiger Ansturm bombastischer Action-Setpieces den Zuschauer durchgehend in den Sitz drückt.

Titel, Cast und CrewOperation Red Sea (2019)
OT: Hong hai xing dong
Poster
Releaseab dem 26.10.2018 auf Blu-ray und DVD
Bei Amazon bestellen:
Regisseur Dante Lam (als Lin Chaoxian)
Trailer
BesetzungYi Zhang (Yang Rui)
Johnny Huang als Huang Jingyu (Gu Shun )
Hai-Qing (Xia Nan)
Jiang Du (Xu Hong)
Luxia Jiang (Tong Li)
Sanâa Alaoui (Ina)
Fang Yin (Li Dong)
Yutian Wang (Zhang Tiande)
Jiahao Guo als Guo Yubin (Lu Chen)
Henry Prince Mak als Henry Mai (Zhuang Yu)
DrehbuchZhuzhu Chen
Ji Feng
Eric Lin
KameraYuen Man Fung
Wing-Hang Wong
MusikElliot Leung
Filmlänge139 Minuten
FSKab 18 Jahren

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