One Word (2020) – Filmkritik

Der neuerliche Lockdown im November 2020 mit seiner sehr kurzfristig angekündigten Schließung der Kinos ist besonders für kleine Produktionen bitter, deren nach oft jahrelanger Arbeit entstandenen Filme gerade jetzt, Ende des Jahres, hätten anlaufen sollen. Ihre Werke werden nun wohl nie das Licht der Leinwand erblicken. Zu den Betroffenen zählt die Regisseurin Viviana Uriona, die auf den Marshallinseln im Pazifik die Dokumentation ONE WORD gedreht hat. Der Verleih zeigt den Film nun im Netz, beim Kauf eines virtuellen Tickets für 4,99 Euro wählt man ein Programmkino aus, das die Hälfte des Geldes erhält.

Was soll man zum Thema Erderwärmung noch sagen? Es ist der Menschheit seit den 1960er-Jahren bekannt, spätestens seit den 90ern weiß jedes Kind Bescheid, aber unsere einzige Reaktion war bislang, nicht mehr vom „Treibhauseffekt“, sondern vom „Klimawandel“ zu sprechen – und damit einen Kampfbegriff der Öl-Lobby zu übernehmen, der harmloser klingen soll.

Wir lassen unsere Paradiese untergehen

Die Marshallinseln liegen größtenteils nur 1,80 m über dem Meeresspiegel – die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken bedeutet hier sehr konkret Überleben. Man braucht sich das nicht so vorstellen, dass der Wasserstand täglich steigt (obwohl manche Atolle tatsächlich bereits verschwunden sind), sondern die Fischschwärme wandern ab, Friedhöfe rutschen ins Meer und die Brunnen versalzen. Auf einer Konferenz werden Grafiken für ein, zwei bzw. drei Fuß Meeresspiegelanstieg gezeigt (die letzte zeigt eigentlich nur noch Wasser), ein Bewohner sagt:

„Ich bin kein Wissenschaftler, aber ich sehe mit meinen Augen, wie die Strände verschwinden.“

Tatsächlich gehört zu den Marshallinseln auch das Bikini-Atoll, wo bekanntlich zahlreiche Kernwaffentests durchgeführt wurden und diverse Rück- und erneute Aussiedelungen zur Folge hatten. Nun wird also ein weiteres Mal Zerstörung von außen hereingetragen. Geradezu rührend wirkt es, wie vor Ort Schiffe auf den Betrieb mit klimaneutralem Kokosnussöl umgestellt werden – die Insulaner mögen sich noch so anstrengen, alleine werden sie ihren Untergang nicht verhindern können.

ONE WORD (2020)

Die Leugner leben woanders

Das dürfte der wichtigste Punkt des Films sein: Er zeigt Menschen, die man sonst nicht sieht. Die Regisseure Viviana Uriona und Mark Uriona legen in ihren Arbeiten häufig den Fokus auf die Betroffenen und lässt diese selbst sprechen. Hier prallen die lokale Kultur und der Treibhauseffekt aufeinander.

ONE WORD (2020)

Zum Glück sind Untertitel verfügbar, denn nicht zu Unrecht heißt es am Anfang: „Im Film werden sehr unterschiedliche Klangfarben des Englischen und auch marshallesische Sprache gesprochen.“ Technisch ist ONE WORD einwandfrei gemacht und schön anzuschauen, auch wenn etwas viele talking heads und ein paar eher schlichte Erklärbär-Animationen auftauchen (und natürlich die zur Zeit unvermeidlichen Drohnenaufnahmen). Dann aber finden die Filmemacher immer wieder interessante Bildkompositionen zum Thema – Bäume, die über den Strand gestürzt sind, Bagger, die Felsen auftürmen, Häuschen und darüber sowohl dunkel dräuende Wolken als auch Regenbogen.

Ein wenig stellt sich die Frage, für welches Publikum der Film gedacht ist: nur für diejenigen, die sich sowieso dafür interessieren? Vielleicht sollte man, wenn einem ONE WORD gefallen hat, ihn möglichst breit weiterempfehlen, damit er auch Leute erreicht, die das Thema sonst verdrängen. Wie sagt jemand so zutreffend:

„Bevor man eine Lösung finden kann, muss man zunächst das Problem anerkennen.“

© Franz Indra

Titel, Cast und CrewOne Word (2020)
Poster
RegisseurViviana Uriona
Mark Uriona
Releasezum Streamen unter One-Word.de
Trailer
FilmmusikBoris Löbsack
KameraMark Uriona
SchnittDalia Castel
Filmlänge83 Minuten

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