October Sky (1999) – Filmkritik

Die Jugend von heute kann man echt vergessen. Ständig hängt sie an ihren Smartphones, pflegt ihre digitalen Profile besser als ihr Allgemeinwissen und überhaupt scheint sie viel zu viel Zeit zu haben. Ihr fehlt einfach die Herausforderung, denn die Beschäftigungsmöglichkeiten sind unermesslich.

Diese oder ähnliche Vorwürfe kann man jeder jungen Generation machen und immer wieder werden Filme gedreht, die in der Jugendzeit der Macher und Darsteller spielen, um auch ein bisschen zu beweisen, wie cool es doch „früher“ war. Die Retro-Welle ist vor allem ein Wunsch, die eigene Kindheit noch einmal zu erleben. Gerade jetzt erleben wir mit voller Wucht die Zeit der 1980er-Jahre auf dem Fernseher (STRANGER THINGS, GLOW) oder in den Kinos (SUMMER OF 84, IT). Die Geschichten in der internetfreien Zeit spielen zu lassen, hat nicht nur praktische Vorteile für die Plots, sondern alle Beteiligten kennen dieses Kulturjahrzehnt wie ihre Westentasche, wo Kreativität noch etwas absolut analoges war.

OCTOBER SKY (1999)
© Capelight Pictures

1999 machte Regisseur Joe Johnsten (JUMANJI, CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER) einen ähnlichen Rückblick. Die Jugend zum Ende der 1990er-Jahre war im Griff von MTV und Popkultur. Johnsten setzte mit OCTOBER SKY im Kino einen Kontrapunkt zur damaligen Teenager-Komödien-Welle (z. B. AMERICAN PIE) und erzählte die wahre Geschichte eines Jungen, der vom Hinterwäldlerdorf zu den Sternen reisen will. Vielleicht etwas stark mit Hollywood-Süße gewürzt, aber wenn es sich in der Realität nun einmal so abgespielt hat, können wir uns auch zurücklehnen und uns ins Jahr 1957 treiben lassen.

OCTOBER SKY (1999)
© Capelight Pictures

Inhalt

Zurücklehnen können sich die Menschen in Coalwood nicht. Das Kohlebergwerk ist der einzige Arbeitgeber in dem verschlafenen Nest umringt von Wäldern. Für Jungs gibt es nur eine Berufung nach der Highschool: Die Zeche. Nicht nur, dass die Arbeit untertage Stück für Stück die Gesundheit der Arbeiter angreift, es gibt auch ein extrem hohes Unfallrisiko. Einige gute Footballspieler haben das Glück ein Stipendium an einem teuren College zu bekommen. Der Rest bleibt in der Kleinstadt und zahlt die Kredite seiner Eltern ab. Homer Hickam (Jake Gyllenhaal) ist weder für den Sport talentiert genug, noch hat er den Willen sein Leben dem Bergbau zu verschreiben.

OCTOBER SKY (1999)
© Capelight Pictures

Am schicksalsträchtigen 4. Oktober 1957 blicken alle Einwohner nicht zu dem Rohstoff unter ihrer Stadt, sondern zum Sternenhimmel: Sputnik ist der erste künstliche Erdsatellit, der in dieser Nacht über den nordamerikanischen Kontinent zieht. Die meisten Amerikaner haben Angst vor diesem „Spionage-Gerät“ der Sowjetunion und sehen den Kalten Krieg in eine besorgniserregende Phase wechseln. Nicht so Homer, für ihn ist es ein erleuchtender Moment und er sieht seine Chance, etwas völlig Neues mit seinem Leben anzufangen, nämlich Raketen zu bauen.

OCTOBER SKY (1999)
© Capelight Pictures

Jugendträume

In Filmen die Jugend zu porträtieren, ist immer etwas ganz Besonders. Es ist eine Freude in die Vergangenheit zu blicken, um zu sehen, was man früher nicht hatte oder was noch unschuldig war, bevor es durch technologischen Fortschritt ausrangiert wurde. OCTOBER SKY zeigt vor allem, dass die Jugend in den 1950er-Jahren viel Zeit hatte. Da langweilen sich Homer und seine Freunde im Wald, schießen mit dem Gewehr auf die Karre, die sie im Stich gelassen hat und träumen davon, in einem roten Cabrio die Stadt zu verlassen. Homer kauft man den Wunsch eine Rakete zu bauen, nur um der Stadt den Rücken zu kehren, nicht ab. Man merkt sofort, hier ist der Wunsch nach Fortschritt und Abenteuerlust im Spiel. Sehr schön realitätsnah wird gezeigt, wie wenig Talent Homer für dieses Unterfangen mitbringt. Er ist weder gut in Mathematik, noch hat er Ahnung von Chemie und Physik, aber er hat die Beharrlichkeit seines Vaters. Er holt sich Streber-Unterstützung in Form von Quentin (Chris Owen) heran, auch wenn dadurch sein Ruf an der Schule ordentlich in Mitleidenschaft gerät. Jetzt muss er anfangen zu pauken und die Gruppe „Raketeningenieure“ zu organisieren. Das klappt mehr schlecht als recht und scheitert manchmal am knallharten Vater John Hickam (Chris Cooper).

© Capelight Pictures

Vater-Sohn-Beziehung

Sicher wird recht plakativ dargestellt, dass der Vater eher auf den Football-Spieler-Sohn Jim (Scott Thomas) stolz ist als auf Homer. Für den schlaksigen und weichen Sohn sieht er nur eine Zukunft: die Zeche. Sie wird ihn schon zurechtrücken. Homer will sich einfach nicht diesen Konvention unterordnen und streitet sich permanent mit dem Vater, der leider als Boss des Kohlebergwerks nicht nur viel zu sagen hat, sondern auch immer unter Druck steht. Da ist so ein Streit mit dem Sohn und seinen Hirngespinsten ein gutes Ablassventil. Chris Cooper (AMERICAN BEAUTY) ist für die Rolle des grummeligen Alten wie geschaffen. Aber OCTOBER SKY schafft es, die Fronten zwischen beiden ganz organisch aufzubrechen und immer wieder zu zeigen, dass der Vater das Herz am richtigen Fleck hat. Mutter Elsie trägt zu dieser Beziehung ihren Beitrag bei und ist so gar nicht die unterwürfige Hausfrau, die still ansieht wie sich ein Familienstreit immer weiter ausbreitet.

© Capelight Pictures

Ein Film der Vorbilder

Was in OCTOBER SKY auch schön hervorgehoben wird, sind die Vorbilder, die ein Kind zum Erwachsenwerden benötigt. Neben dem unzerstörbaren Vater, sucht sich Homer den Raketeningenieur Wernher von Braun aus, dem er immer wieder Fanbriefe zukommen lässt, die unterhaltsam gegen die Pannen der Truppe gegengeschnitten werden. Aber auch die Lehrerin Miss Riley (Laura Dern) unterstützt jede Motivation in ihrer Klasse und gibt den Rocket Boys, die nötige Rückendeckung im Schulwesen. Die Geste, bei der sie Homer ein Physikbuch schenkt, beweist nicht nur ihren Glauben an ihre Schüler, sondern hat auch diesen nostalgischen Anstrich, wie wertvoll damals ein solches Buch war, das nicht nur einen Mausklick entfernt ist.

© Capelight Pictures

Der Kohlestaub

Dieser Film wird vor allem durch die Requisiten, die Kostüme und das Szenenbild zu einer gelungenen Zeitreise. Man möchte selbst kaum an diesen Ort, wo es ständig zu regnen scheint, der Kohlestaub an der Kleidung haftet und jeder müde seinem Weg nachgeht. Da ist ein euphorischer Jake Gyllenhaal, der mit seinen Freunden stillgelegte Bahngleise klaut, eine wohlige Abwechslung. Immer wieder tauchen Szenen mit feinen kleinen Details auf: Das Mischen von Raketentreibstoff, die Bretterbude, welche als Schutz vor Explosionen herhalten soll und die niedrige, dunkle Welt des Bergbaus. Man fühlt sofort selbst den Wunsch in der Welt von Coalwood etwas ändern zu wollen, den Schritt nach vorn zu gehen, auch wenn es bedeutet die Stadt hinter sich zu lassen.

© Capelight Pictures

Das Mediabook

Sympathie beweist wieder einmal Capelight Pictures bei der Wahl, OCTOBER SKY zum ersten Mal auf Blu-ray in Deutschland zu veröffentlichen. Nicht nur, dass Jake Gyllenhaal zu einem der talentiertesten Schauspieler unserer Zeit geworden ist und der Film auch sein 20-jähriges Jubiläum feiert: Dieser Filmklassiker führt uns vor Augen, dass es schon immer nostalgische Rückblicke in den Jahrzehnten gab. Wenn heute alle in die Achtziger zurückschauen, wurde Ende der 1990er eben in die 1950er-Jahre geblickt.

Das Mediabook-Cover

Für Filmsammler ist das Mediabook eine schöne Gelegenheit, die erste große Hollywood-Hauptrolle von Jake Gyllenhaal im Regal stehen zu haben. Das Bild der Blu-ray ist ausgezeichnet, lediglich der Ton kommt etwas zu stark bei Umgebungsgeräuschen aus den Lautsprechern, was aber den Vorteil mit sich bringt, die Filmmusik von Mark Isham klangstark zu genießen. Ein Booklet verortet den Film und den echten Homer Hickham in einem kurzweiligem Text und die Extras mit zwei Featurettes fallen übersichtlich aus. Man will jedoch nach dem Abspann eher Geschichtsbücher über die Raumfahrt in die Hand nehmen als das Making-of zu sehen.

Fazit

Eine tolle Gelegenheit, den talentierten Startschuss der Filmkarriere von Jake Gyllenhaal zu erleben. Aber auch einen fröhlichen und unterhaltsamen Familienabend kann OCTOBER SKY bieten. Lange hat man schon nicht mehr das Gefühl gehabt, einen Film jeder Generation empfehlen zu können. Aber OCTOBER SKY bringt Zuschauer jedes Alters mit einem kindlichen Wunsch nach den Sternen zusammen. Feinstes Hollywood-Kino mit bester Besetzung.

© Christoph Müller

Trivia: Der Filmtitel OCTOBER SKY ist eine Anagram für den Buch mit dem Titel ROCKET BOYS, welches als Grundlage für das Drehbuch diente.

Titel, Cast und CrewOctober Sky (1999)
Poster
Releaseab dem 20.09.2019 im Mediabook (Blu-ray+DVD) und DVD
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RegisseurJoe Johnston
Trailer
BesetzungJake Gyllenhaal (Homer Hickam)
Chris Cooper (John Hickam)
Laura Dern (Miss Riley)
Chris Owen (Quentin)
William Lee Scott (Roy Lee)
Chad Lindberg (O'Dell)
Natalie Canerday (Elsie Hickam)
Scott Thomas (Jim Hickam)
Randy Stripling (Leon Bolden)
Chris Ellis (Direktor Turner)
Buchvorlagebasiert auf dem autobiografischem Roman ROCKET BOYS von Homer Hickam
DrehbuchLewis Colick
KameraFred Murphy
MusikMark Isham
SchnittRobert Dalva
Filmlänge108 Minuten
FSKab 6 Jahren

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