Einen Film hab ich fünfmal im Kino gesehen. Diesen einen. Meine Vorführung und meine Sichtungen. Ich hab ihn gleich mehrfach gesehen in den ersten zwei, drei Wochen. Drei Wochen. Das war noch von 35 Millimeter. Zuletzt fühlte er sich immer noch so frisch an wie beim ersten Mal. Ich war fasziniert von dem, was ich da sah, auch wenn ich nicht gleich alles verstand. Texanisch im Original ist was Eigenes, auch die Landschaft auf der Leinwand. Ich schätze, das war der amerikanische Zauber des Kinos: Geschichten über Typen und ihr Schicksal, zäh und auf seine Weise wunderschön. Da war ich einundzwanzig.

Landschaftsmontage des anbrechenden Tages in Texas. Roger Deakins’ Kamera fängt die poetische Ödnis der amerikanischen Steppe ein. Real America. Die kauende Stimme von Tommy Lee Jones, jene perfekt verkörperte Instanz des alten Rechts in dieser Geschichte, erzählt von früher. Sein Monolog, kombiniert und gestrafft aus mehreren Kapiteln der Buchvorlage, wirkt zusammen mit dem sanften Steppenwind als idealer Soundtrack zur ikonischen, zeitlosen Landschaft. Alles trägt bereits Geschichte in sich. Der echte Westen – oder was davon übriggeblieben ist. In seinem Off-Monolog erzählt Sheriff Ed Tom Bell (Jones) von den Herausforderungen der Begegnungen mit einer neuen Form des Verbrechens. Wie teuflische Geister erscheinen sie ihm, ungreifbar. Das sei seine größte Angst: nicht einfach zu sterben, sondern am Ende des Weges etwas zu begegnen, das er nicht versteht.

Bereits zu Beginn der Geschichte schwingt also unverkennbar mit, dass die alten Regeln, die traditionelle Werteordnung, in die Brüche geraten sind. Folglich tritt Sheriff Bell selbst erst nach einer halben Stunde aktiv auf den Plan. Ein missglückter Drogenumschlag und dessen blutige Folgen setzen zwei Handlungsstränge frei, die von zwei eher losen Figuren dominiert werden. Der Psychokiller Chigurh (Javier Bardem) und der gewöhnliche Arbeiter Llewelyn Moss (Josh Broslin) bewegen sich in zwei Schleifen um und auf einen Koffer voll Drogengeld zu. Blutgeld hat seinen Preis. Und beide werden ihn am eigenen Leib spüren.

Die Jagd beginnt, stimmungsvoll, mal ruhig, mal dynamisch, wie man sie selten im Kino erleben darf. Strahlen von Suchscheinwerfern auf Trucks durchschneiden die nächtliche Steppe. Die Lichtkegel akzentuieren (Aus-)Wege und Hindernisse. Die Gehetzten von Texas zeigen ihre gleißend-bleichen Gesichter bei Nacht und schroff gebräunte Visagen bei Tag. In jeder Einstellung sieht man ihnen das (Über-)Leben an, kann es förmlich spüren. Steppenstaub, Blut und Dreck vermischen sich mit der Landschaft zu einem Gemälde in leuchtenden Ockertönen. Spätestens hier wird klar: die Coen-Brüder, unsere Regisseure von NO COUNTRY FOR OLD MEN (2007), sind große Maler. Mit ihren Bildern ziehen sie uns ganz tief in die Welt des Autors der gleichnamigen Romanvorlage, dem vielfach preisgekrönten Cormac McCarthy.

Mein Vater war weg, also suchte ich, seit ich jung war, immer auch Ersatzväter. Werner war einer von ihnen, er lebte und liebte das Kino, und diese Liebe ging auf mich über. Ich hatte auch mal einen Streit mit ihm, aber darüber möchte ich nicht sprechen. Ich hörte den Älteren immer gern bei Ihren Geschichten zu, verpasste kaum eine Gelegenheit. Man kommt nicht umhin, sich mit den alten Hasen zu vergleichen und fragt sich, was sie wohl in der heutigen Zeit tun würden.

NO COUNTRY FOR OLD MEN kann als Hybrid verschiedener filmischer Formen beschrieben werden: Drogenhatz-Film, Thriller, Neo-Western, Horror, auch mit komischen Elementen, dabei zu gleichen Teilen Gangster- und Polizeifilm. Zu gleichen Teilen, weil sich die drei Hauptfiguren zwar tangieren, aber eigentlich keine gemeinsamen Szenen miteinander haben. Drei Suchende auf den Pfaden der Gewalt. Das Herz der Geschichte bildet der alte Sheriff, der einer neuen Form des Verbrechens begegnet. Dinge, die er nicht mehr wirklich fassen kann.

Es geht um den Fortlauf der Zeit, die immerzu spürbar bleibt in diesem meisterlichen Film der Coens. NO COUNTRY FOR OLD MEN ist neben punktuellen Gewaltausbrüchen und dynamischen Sequenzen ein sehr ruhiger, bedrohlich brodelnder Film. Noch in den Szenen mit Bell und seinem Hilfssheriff Wendell (Garett Dillahunt) liegt nebst trockenem Humor immer auch diese tödliche Spannung in der heißen Prärieluft. Die Jagd ist frisch, die Puzzleteile wollen erst noch zusammengesetzt werden. Die beiden Gesetzeshüter finden immer nur Bruchstücke, aber was sie sehen, „macht jedenfalls großen Eindruck“, wie Sheriff Bell sagt.

Es sind denn auch diese zahlreichen Momente des Innehaltens, des bedächtig Beobachtens, des Abwartens und Ausharrens, die NO COUNTRY FOR OLD MEN seinen tiefen Reiz verleihen. Sich schnell bewegt oder gar gerannt wird nur im Notfall. Vielmehr sind alle Figuren permanent auf der Pirsch. Noch in der Bewegungslosigkeit ist ihnen enorme Anspannung in die Leiber eingeschrieben. Dies überträgt sich dank des superben Spiels und der zielgenauen Kamera direkt auf die Zuschauer. Die Gesichter der Protagonisten wirken selbst wie prägnante Landschaften, allen voran das von Tommy Lee Jones, das dem zerklüfteten Krater-Antlitz eines Charles Bronson in nichts nachsteht. Auch hier sehen und spüren wir die Analogien zum Western. Alles erzählt von einem Land, das „hart zu den Leuten gewesen ist“, wie der alte Ellis (Barry Corbin) am Ende seinem Sheriff erzählt. Tommy Lee Jones, die erste und zentrale Besetzung, selbst natürlich Texaner, betont im Interview, wie froh er war, dass die Coens auch wirklich in West-Texas gedreht haben, die Region um ihn also authentisch abgebildet sei. Selbst legendäre Western wie THE SEARCHERS (1956) wurden häufig in Arizona gedreht. Ein großer Film, ja, aber funktioniere für ihn nur bedingt, so Jones.

Die Vorführer bauten früher den Film noch wie eine Waffe auseinander und wieder zusammen. Das glauben viele Leute heut gar nicht mehr. Jetzt haben wir schon seit einigen Jahren diese Hochfrequenz-Dinger. Ich mag immer noch die großen Teller und die Schneidebank, den ratternden Projektor. Mir gefielen die Hebel und Hähne, die man umzulegen hatte, damit alles richtig lief. Ich mag nicht in einer Welt aufwachen und bloß noch auf Knöpfe drücken. Ich bin gerade knapp vierzig und verstehe schon einiges nicht mehr.

NO COUNTRY FOR OLD MEN ist haptisches, viszerales Kino, das man in jedem Moment spüren kann. Das scheint heute nötiger denn je. Das Kino wird immer flacher, verschwommener, künstlich aufgeweicht. Wenn Cormac McCarthy in seinen Büchern etwa Handfeuerwaffen akribisch beschreibt, inszenieren die Coens Körper und Objekte geradezu plastisch. Da sehen wir Josh Brolins sonnengegerbte, aufgerissene Schulter nach einem Treffer mit Schrot. In der gleißenden Tagessonne pult er sich die Metallsplitter aus den Wunden, sein kantiges Gesicht mit skeptischer Mimik verziert. Aber er beschwert sich nicht. Seine Figur erduldet die Situation, in die er sich, weil er’s nicht besser wusste, selbst hineinmanövriert hat. Auch Killer Chigurh, der Unnahbare, wird obgleich aller phantomhaften Qualitäten als verwundbarer Mensch gezeigt. Die Predatoren der amerikanischen Steppe lecken immerzu ihre Wunden. Aber sie bleiben bissig.

Wie wichtig simple Gegenstände in einem Film sein können, zeigt NO COUNTRY FOR OLD MEN par excellence. Eine frische Jacke, um das eigene Blut zu verstecken; eine halbvolle Bierflasche, um die Grenze unauffällig zu passieren. Und Münzen werden gleich mehrfach eingesetzt: Während sich das Drogengeld aus Papier-Dollars als behäbiger und verräterischer Ballast herausstellt, wird das kleine Hartgeld aus der Hosentasche zum echten Werkzeug – oder aber zum alles entscheidenden Schicksalssymbol. Immer wieder werden diese Gegenstände zentral ins Bild gerückt und unterstreichen die Dramaturgie.

NO COUNTRY FOR OLD MEN ist zum einen klassisches Erzählkino, zugleich ein Period Piece – die Handlung spielt im Jahr 1980 – mit postmoderner, feiner Note. Wo Quentin Tarantino sich im postmodernen Dialog ergötzt, weben die Coens hier Ironie und schwarzen Humor subtil und staubtrocken ein. Eine Form der Subversion, die man immer wieder goutieren kann, ohne dabei zu sehr vom harten Kern abgelenkt zu werden.

Die jungen Leute heutzutage haben es nicht mehr so mit dem Kino. Ich weiß nicht, vielleicht liegt’s einfach daran, dass man nicht mehr ins Kino muss. Wir sind mit dem Kino aufgewachsen, und ich bin heilfroh, dass meine Jungs noch gern mit mir ins Kino gehen. Darauf bin ich stolz. Ich habe nie einen Zweifel gehabt, dass das so auch seine Richtigkeit hat. Viele Leute grinsen einen heute nur noch an, was solche Sachen angeht. Aber ich hatte da nie einen Zweifel.

NO COUNTRY FOR OLD MEN handelt neben der Drogenhatz von geradezu existenziellen Dingen. Und auch wenn die Hintergrundgeschichte um Sheriff Bell aus dem Buch zu Gunsten der filmischen Präsenz der anderen Figuren weichen musste, bleiben die philosophischen Elemente aus McCarthys Vorlage erhalten. Von Beginn an geht es um persönlichen Abschied, vom Vergehen der Dinge. Etwa, wenn Moss murmelt, er würde es seiner (schon länger toten) Mutter dann eben selbst sagen; das spielerisch-psychopathische Zufallsprinzip von Chigurh, der keinerlei menschliche Verantwortung für seine Gräuel übernimmt; oder die beginnende Altersruhe von Sheriff Bell, dem sein längst nicht mehr lebender Vater im Traum begegnet.

Als tragikomischer Spiegel auf das brutale Chaos um Chigurh und, wie gesagt wird, weitere Psychokiller, die da draußen so rumlaufen, fungiert die von Woody Harrelson gespielte Nebenfigur des Kopfgeldjägers Carson Wells. Seine süffisante Selbstsicherheit wird ihm von Beginn an zum Verhängnis. Dabei hätte ausgerechnet er es eigentlich besser wissen müssen. Seine Figur ist überschaubar, aber ebenso wichtig. Von Zeit zu Zeit kann man, so murmelt auch Sheriff Bell in einer anderen Szene, über manche Dinge nur noch verhalten lachen.
Am Ende überdauern in NO COUNTRY FOR OLD MEN weniger die jüngeren Leute, während die Alten, das betont auch McCarthy im Buch, immer mehr damit zurechtkommen müssen, dass man ohne die Anderen älter wird. Und damit, dass die Jüngeren konsequent ihre eigenen Erfahrungen mit den Herausforderungen da draußen machen müssen – egal, wie verrückt einem das alles vorkommen mag.

Ich bin froh, meinen Kindern beizubringen, immer die Wahrheit zu sagen. Und wenn man was Unrechtes getan hat, dann steht man einfach dazu und sagt, dass man’s getan hat, und fertig. Man schleppt nichts mit sich herum. Heute hört sich das wohl alles ziemlich einfach an. Umso mehr Grund, darüber nachzudenken. Die Wahrheit kann man im Kino finden, den Blick geöffnet nach vorn. In den Medien wird uns täglich jede Form von Wahrheit verkündet, von Lügnern und solchen, die es werden wollen. Die Leute heutzutage, Jüngere und Ältere, blicken bemüht in ihre Handflächen, ihre Köpfe gesenkt, als wären sie traurig oder würden beten. Ich glaub, die Wahrheit ist immer einfach. Das muss sie auch sein. Sie muss so einfach sein, dass ein Kind sie versteht. Sonst wär’s zu spät. Bis man dahintergestiegen ist, wär’s zu spät.
Liebt Filme und die Bücher dazu / Liest, erzählt und schreibt gern / Schaltet oft sein Handy aus, nicht nur im Kino / Träumt vom neuen Wohnzimmer / Und davon, mal am Meer zu wohnen


