„Der Große Gott Pan, Mensch-Maschinen und der Splatterpunk“
NIGHTMARE ON ELM STREET 5 – DAS TRAUMA (A NIGHTMARE ON ELM STREET 5: THE DREAM CHILD, 1989, Regie: Stephen Hopkins) bildet innerhalb der Filmreihe um den Serienmörder und Traumdämonen Freddy Krueger den Abschluss der – inoffiziellen – Dream-Trilogie. Atmosphärisch deutlich düsterer als die beiden Vorgänger, greift der Film das Thema der ‘dämonischen’ Schwangerschaft aus Polanskis ROSEMARY’S BABY (1968) auf – sogar der schwarze Kinderwagen wird zitiert. Stellenweise wirkt er wie eine moderne Adaption der Erzählung Der Große Gott Pan (The Great God Pan, 1894) von Arthur Machen.

Handlung
Kurz nach ihrem Schulabschluss erlebt Alice Johnson (Lisa Wilcox) in Alpträumen die Zeugung und die Geburt von Freddy Krueger mit: die Ordensschwester Mary Helena, eigentlich Amanda Krueger (Beatrice Boepple) wurde einst im Turm eines Sanatoriums, in dem psychisch kranke Straftäter untergebracht waren, eingeschlossen und von mehreren Insassen vergewaltigt. Amanda entbindet ein deformiertes Kind, das aus dem Kreißsaal flieht[1] und in einer zerfallenden Kirche rasant zu dem erwachsenen Freddy Krueger (Robert Englund) heranwächst. Alices Freund Dan Jordan (Danny Hassel) verunglückt bei einem Verkehrsunfall tödlich. Bald darauf erfährt Alice, dass sie schwanger ist. Krueger nistet sich in die Träume des ungeborenen Kindes ein, um in die Welt der Lebenden zurückkehren zu können.

Interpretation
Machens „Der Große Gott Pan“ ist als Detektivgeschichte konzipiert: auch dieses Element fehlt nicht in NIGHTMARE ON ELM STREET 5: Alice und Mark Gray (Joe Seely) recherchieren in Archiven über den Suizid von Kruegers Mutter, deren Leichnam aber nie gefunden wurde.[2] In Machens Erzählung führt Dr. Raymond an seiner erst siebzehnjährigen Patientin Mary im Rahmen eines mysteriösen Experiments eine Gehirnoperation durch – Mary überlebt diese mit schweren Hirnschäden. Immerhin habe sie den Großen Gott Pan gesehen, kommentiert Raymond sarkastisch. Mary ist schwanger und stirbt bald nach der Entbindung. Ihre Tochter Helen wird mehr als zwei Jahrzehnte später mit einer Reihe seltsamer Todesfälle in Verbindung gebracht – Kruegers Morde werden häufig als Unfälle oder Suizide abgetan.

Der titelgebende Pan – Helens Vater – tritt selbst nicht in Erscheinung, außer möglicherweise als der seltsame, unbekleidete Mann, mit dem Helen einst im Wald gespielt haben soll. Ein Junge erkennt diesen Mann auf einem archäologischen Fund aus der Römerzeit wieder, der einen Faun oder Satyr zeigt. Der griechische Hirtengott Pan gilt „als Verkörperung bedrohlicher und ungezügelter Wildheit und Sexualität“ (Bobby Derie). Antikenrezeption ist innerhalb der Nightmare-on-Elm-Street-Reihe nicht ungewöhnlich: Ulmen werden in der griechischen Mythologie mit Schlaf und Trauer und dem Traumgott Morpheus in Verbindung gebracht. Die seilspringenden Kinder, die auch am Ende von NIGHTMARE ON ELM STREET 5 zu sehen sind, erinnern an einen antiken Tragödienchor.

In den Werken Machens finden sich häufig Bezüge auf keltische Mythen wie die neben der Realität bestehende Anderswelt.[3] Die labyrinthartigen, mit ihren Treppen an Escher-Gemälde erinnernden Traumwelten aus NIGHTMARE ON ELM STREET 5 sind deutlich inspiriert von der Hölle des Leviathan aus HELLBOUND – HELLRAISER II (1988, Regie: Tony Randel), indem die Psychiatrie als repressive Institution ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Mit Body-Horror-Effekten wie Verschmelzungen des menschlichen Körpers mit Technik und extremen Schmerzerfahrungen – die an Bulimie leidende Greta Gibson (Erika Anderson) wird an einem Stuhl gefesselt von Freddy gezwungen, die eigenen Gedärme zu essen – wird ohnehin oft Bezug zu der damals populären Hellraiser-Filmreihe basierend auf den Charakteren von Clive Barker genommen.

Zumindest das Frühwerk Barkers ist dem ‘extremen Horror’ des Splatterpunk zuzuordnen, deren Vertreter Paul M. Sammon als „Outlaws und Ketzer“ in Bezug auf den ‘Mainstream’-Horror der 1980er Jahre bezeichnet. David J. Schow, der 1986 in Anlehnung an Cyberpunk den Begriff Splatterpunk prägte, war am Drehbuch von NIGHTMARE ON ELM STREET 5 beteiligt, ohne allerdings im Abspann genannt zu werden. 1989 verfasste er zu SAFE SEX, einer Episode aus der Fernsehserie FREDDY’S NIGHTMARES, ebenfalls das Skript. Hier handelt es sich wiederum um eine Hommage an den Großen Gott Pan: Dana und ein Freund fühlen sich an der High-School zu der attraktiven, an Okkultismus interessierten Mitschülerin Caitlin hingezogen, die umgekehrt eine Obsession für Krueger entwickelt, an dessen Macht sie teilhaben möchte. Krueger gaukelt Dana vor, Caitlin zu sein und tötet ihn beim Sex. Krueger verkörpert hier erneut die Figur des ‘dämonischen’ Liebhabers,[4] mit dem Caitlin mittels einer Séance in Kontakt treten möchte – als romantisches Rendezvous.

Die Anfangsszenen zeigen Alice und Dan beim Sex. Dan, der für den Kindsvater gehalten wird, verschmilzt im Traum mit einem Motorrad, während Freddy wie ein Cyborg erscheint. NIGHTMARE ON ELM STREET 5 nimmt dabei Anleihen beim Science-Fiction-Genre: Dem Supercomputer Proteus IV aus DES TEUFELS SAAT (DEMON SEED, 1977, Regie: Donald Cammell) gelingt es, nachdem er die Ehefrau seines Konstrukteurs vergewaltigte „in einem externalisierten gigantischen künstlichen Uterus, verkörpert und gesteuert durch ihn als Maschine, eine fruchttragende Schwangerschaft stattfinden zu lassen.“[5] „I am alive!“ sagt das Computerkind mit der metallenen Stimme von Proteus IV. „It’s a Boy!“ verkündet Freddy in den Trümmern der zerstörten Kirche. Der Große Gott Pan schockierte das viktorianische Publikum, weil die Handlung deutlich als Parodie auf die ‘Jungfrauengeburt’ gelesen werden konnte.
Wie es mit Freddy weiterging
In FREDDY’S FINALE – NIGHTMARE ON ELM STREET 6 (FREDDY’S DEAD: THE FINAL NIGHTMARE, 1991, Regie: Rachel Talalay) werden Details aus der verstörenden Biografie Kruegers erzählt. FREDDY’S NEW NIGHTMARE (1994, Regie: Wes Craven) handelt von einer kosmischen Entität, die durch die Filmerzählungen über Freddy Krueger gebannt werden kann. FREDDY VS. JASON (2003, Regie: Ronny Yu) behauptet genau das Gegenteil: weil die Erinnerungen an Freddy Krueger ausgetilgt worden sind und sich niemand vor ihm fürchtet, verliert er seine Macht.[6]
Fazit
Viele themenverwandte Horrorfilme der 1980er Jahre wirken heute schablonenhaft und wenig unterhaltsam. Auf NIGHTMARE ON ELM STREET 5 trifft dies nicht zu – der Hauptantagonist wird selbst als träumendes und zugleich traumatisiertes Wesen gezeigt. Themen aus Der Große Gott Pan – die unheimliche Dimension der Sexualität und Angst vor dem technisch Realisierbaren – werden in surrealen Alptraum-Sequenzen eingefangen. Innerhalb des Franchises ist NIGHTMARE ON ELM STREET 5 vielleicht eines der gelungensten Beiträge.
Literatur
- Derie, Bobby (2017): Sex und Perversion im Cthulhu-Mythos. Ein intimer Blick auf H. P. Lovecraft und sein literarisches Erbe. Leipzig.
- Köhne, Julia Barbara (2018): Absentes Vergegenwärtigen. Schwangerschaftsabbruch und Fötalimagologie in westlichen Filmkulturen seit den 1960er Jahren. In: Basaran, Aylin et. al. (Hrsg.): Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen. Berlin.
- Machen, Arthur (2026): Der Große Gott Pan & Das innerste Licht – Unheimliche Erzählungen des keltischen Horrors. Stuttgart.
- Sammon, Paul M. (Hrsg.) (1992): Splatterpunk – Horror Extrem. München.
- Shippey, Tom A. (2008): Der Weg nach Mittelerde. Wie J. R. R. Tolkien „Der Herr der Ringe“ schuf. Stuttgart.
[1] Diese Sequenz ist eine deutliche Anspielung an DIE WIEGE DES BÖSEN (IT’S ALIVE, 1974, Regie: Larry Cohen) über ein „Killerbaby, das unmittelbar nach seiner Geburt als menschenfressende Bestie auftritt und alle Personen im Kreissaal tötet. Hintergrund für seine Aggressivität sind ›Erinnerungen‹ des Neugeborenen an Gespräche seiner Eltern über eine geplante Abtreibung, die es pränatal durch die Bauchdecke passiv ›mitgehört‹ hat.“ (Julia Köhne)
[2] Bald darauf wird Mark im Traum zu einer Comicfigur aus Papier und von ‘Super Freddy’ (Michael Bailey Smith) zerschnitten.
[3] In Der Große Gott Pan wird der keltische Jagdgott Nodens erwähnt, ein Mythos, der später H. P. Lovecraft und J. R. R. Tolkien beeinflusste. In Lovecrafts Traumlande-Geschichten wird Nodens als Beschützer der Träumenden dargestellt. Der Linguist Tolkien untersuchte die lateinische Inschrift am Nodens-Tempel auf dem Hügel Dwarf’s Hill im englischen Lydney Park (Gloucestershire): dem Text zufolge soll der Dieb eines Ringes mit einem Fluch belegt worden sein.
[4] Helen und Krueger erinnern an Dämonen, die Schlafende in ihren Träumen verführen, sie treten sowohl in weiblicher oder männlicher (Succubi und Incubi), aber auch in nicht-menschlicher Form auf.
[5] Julia Köhne deutet die Handlung als Visualisierung der ‘männlich’ konnotierten Phantasie einer „Schwangerschaft ohne Frauenkörper (…), was der Reproduktionsmedizin bis heute nicht geglückt ist.“
[6] Dieses Konzept ist dem Roman Malpertuis des Surrealisten Jean Ray und der gleichnamigen Verfilmung von Harry Kümel (1971) entlehnt. Die griechischen Gottheiten leben auf einem alten Herrschaftssitz, weil die Menschen nicht mehr an sie glauben und auch sie selbst verlieren immer mehr die Erinnerung an ihre frühere Existenz. Eine moderne Variante dieses Themas ist Candyman von Clive Barker.
„Erste Horror-Begegnung mit der Alptraum-Sequenz aus NEVER CRY WOLF (1983), mag Unheimliches von den Gebrüdern Grimm bis Clive Barker, am liebsten auf der Leinwand, würde gerne einmal Nosferatu in Murnau sehen und Suspiria am Königsplatz, dazu Weißwürste mit süßem Senf, Soziologe und Kriminologe, Abschlussarbeit über SHINING und CANDYMAN (als Buch erschienen unter dem Titel „Zeichen der Gewalt“, Berlin 2015), Studienleiter bei der Interfilm-Akademie München (Projekte u. a. Kriminologische Filmreihe in Hamburg)“


