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Nightborn (2026) – Filmkritik

Du weißt, du bist in einem finnischen Film, wenn es im Supermarkt abgepacktes Kuhblut zu kaufen gibt. Saga (Seidi Haarla) hat es heimlich besorgt, weil der starke Beißreflex ihres Babys sie vermuten lässt, dass Muttermilch nicht ganz reichen wird. Ihr Mann Jon (Rupert Grint aus den Harry-Potter-Filmen) wird es natürlich später entdecken.

Das frisch getraute Paar – er Engländer, sie Finnin – ist in das halb verfallene, einsame Haus ihrer verstorbenen Großmutter gezogen. Voll Zuversicht renovieren sie es in ein heimeliges Zuhause. „Mach‘ mich zur Mutter!“, ruft sie, als sie eng umschlungen zu Boden sinken. Vielleicht war es keine gute Idee, dazu in den verwunschen wirkenden Wald zu gehen. Das Kind kommt stark behaart zur Welt, irgendetwas scheint die Ärzte zu beunruhigen. Sein anstrengendes und seltsames Verhalten lässt auch die Mutter immer absonderlicher werden.

© PietariPeltola, Alamode Film

In NIGHTBORN (Yön Lapsi) ist ähnlich wie in ANTICHRIST (2009) von Lars von Trier die Natur das Unheimliche, ja, das Böse, der Gegenspieler der menschlichen Zivilisation. Ein wenig haut der Film auch in die zurzeit beliebte Kerbe, dass Frauen durch die Mutterschaft einen irgendwie deformierten Körper bekommen. In dieser Hinsicht unerreicht bleibt natürlich ROSEMARY’S BABY (1968) von Roman Polanski, wo es reicht, dass die von Mia Farrow gespielte Titelfigur ihre Frisur ändert, um das Totenkopfhafte ihrer ausgezehrten Figur zu betonen. NIGHTBORN trägt da immer wieder ein bisschen mit dem dicken Pinsel auf, hat aber auch seine feineren Momente.

Regisseurin Hanna Bergholm hat vor ein paar Jahren mit ihrem Erstling HATCHING (Pahanhautoja) beeindruckt, in dem ein Mädchen in seinem Kinderzimmer ein großes Ei versteckt, dem ein monströser Vogel entschlüpft. Nun hatte sie es mit ihrem neuen Film – eine finnische Koproduktion mit Litauen, wo auch gedreht wurde – bis in den Wettbewerb der diesjährigen Berlinale geschafft, wo er als Horrorfilm der Exot war. Gelegentliches Zusammenzucken und Aufstöhnen zeigte, dass einige Zuschauer im Festivalpalast auf so etwas wohl nicht so ganz vorbereitet waren, auch wenn nicht viel Blut und Gewalt gezeigt werden.

© PietariPeltola, Alamode Film

Das Kind sieht man oft nur als Schemen, im Dunkeln. Das funktioniert sehr gut, nur ein paar Szenen würden natürlicher wirken, wenn das Kind zumindest in einer Einstellung normal zu sehen wäre. Aber auch Saga ist kein guter Mensch. Ihre Empathielosigkeit anderen als ihrem Kind gegenüber wird im Lauf der Zeit immer sichtbarer. Jon dagegen ist jemand, der bis zur Selbstverleugnung nachgibt und auf die eigenen Bedürfnisse verzichtet, aber alles in sich hineinfrisst, bis es nicht mehr geht; er bleibt auch komplett ahnungslos. Interessante Nebenfiguren sind die Eltern von beiden. Wie in HATCHING gibt es eine unsympathische Mutter, hier ist es die von Saga, die sehr hart und barsch auftritt.

© PietariPeltola, Alamode Film

Immer wieder macht sie Andeutungen, Saga sei als Kind genau so seltsam gewesen und erzählt von Ereignissen, an die sich Saga nicht erinnern kann. Das ergibt zumindest auf den ersten Blick nicht viel Sinn, denn aus Saga wurde ja ein Mensch. In ihrer Kindheit hätte es dann eigentlich auch noch viel schlimmere Vorfälle geben müssen. Ihr Vater ist freilich auffällig abwesend, über ihn wird nicht einmal gesprochen. Was ist mit ihm geschehen? Aber wäre er damals auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen, müsste Saga dann nicht vorgewarnt sein, oder war sie noch zu jung? Aber warum warnt ihre Mutter sie dann nicht?

© PietariPeltola, Alamode Film

Ja, die Konstruktion ist nicht ganz aus einem Guss, Tonfall und Charakterzeichnung könnten manchmal etwas präziser sein. Doch man merkt, dass hier jemand mit Herzblut bei der Arbeit war. In flottem Tempo eskaliert die Situation, und man ahnt, dass es in einer Katastrophe enden muss – nur welcher Art sie sein wird, bleibt ungewiss. Nach anderthalb Stunden ist schon Schluss – eine ganz angenehme Abwechslung zu den ganzen Zweieinhalb-Stunden-Filmen, die sich alle getrost kürzen ließen. Hier bleiben dagegen so viele Fäden lose liegen, dass man sich fast eine längere Laufzeit gewünscht hätte.

Nichtsdestotrotz kann man NIGHTBORN nicht nur Fans von (body) horror empfehlen, er bringt ein wenig frischen Wind in das Genre. Am Beunruhigendsten sind denn auch die plötzlichen Momente der Verständigung zwischen Mutter und Kind.

© Franz Indra

 

Titel, Cast und CrewNightborn (2026)
OT: Yön Lapsi
Poster
Releaseab 06.08.2026 im Kino
RegieHanna Bergholm
Trailer
BesetzungSeidi Haarla (Saga)
Rupert Grint (Jon)
Pamela Tola (Taru)
Pirkko Saisio (Sagas Mutter)
Rebecca Lacey (Jons Mutter)
John Thomson (Jons Vater)
Silvia Saloranta (Anna)
DrehbuchIlja Rautsi
Hanna Bergholm
MusikEicca Toppinen
KameraPietari Peltola
SchnittJussi Rautaniemi
Filmlänge92 Minuten
FSKab 16 Jahren

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