Nackt unter Leder 1968 Review

Nackt unter Leder (1968) – Filmkritik

„Auf dem Hänger durch Europa“

1968, ein Jahr bei dem so manchem gleich bunte Bildchen durch die Fantasie wabern. Es ist der Beginn der Hippiekultur, eine neue Art von Kunst prägte die Zeit und junge Menschen schienen sich nun endlich Gehör, vor allem in den USA durch die Studenten- und Bürgerrechtsbewegung, verschafft zu haben. Es ist ein Jahr, welches einer ganzen Bewegung ihren Namen verlieh: Die 68er. In diesem Jahr kam auch THE GIRL ON A MOTORCYCLE, der in Deutschland unter seinem viel aufsehenerregenderen Titel NACKT UNTER LEDER erschienen ist, in die Kinos. Der erste Film in den USA, der ein sogenanntes X-Rating (ab 18 Jahren freigegeben) erhielt und dem allein schon durch seine Besetzung mit der Sängerin Marianne Faithfull und dem männlichen Sex-Symbol der 60er Alain Delon einiges an skandalträchtiger Publicity vorauseilte. Dabei handelt der Film doch nur von Rebecca, die zu ihrem Geliebten fahren will oder geht es doch etwa um mehr?

Nackt unter Leder 1968 Review
Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Handlung

Rebecca (Marianne Faithfull) hat ihr Leben in der nebligen Provinz im Elsass satt. Die grauen Häuser, die Friedhöfe und vor allem ihren spießigen Ehemann Raymond (Roger Mutton) kann sie nicht mehr ertragen. Nach einem wilden, wegweisenden Traum wacht Rebecca auf, schleicht sich aus dem Schlafzimmer, steigt – titelgetreu – nackt in ihre hautenge Lederkombi und düst auf ihrem Motorrad davon. Sie will Richtung deutsche Grenze, nach Heidelberg zu ihrem geliebten Daniel (Alain Delon). Gedankenverloren erzählt sie uns von ihrem Leben, dem Wunsch nach Freiheit und natürlich dem Verlangen endlich wieder in den Armen ihres Liebhabers zu liegen.

Nackt unter Leder 1968 Review
Daniel (Alain Delon) & Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Seiner Zeit voraus?

Wenn man als Filmfan an das Jahr 1968 denkt, fallen den meisten sicherlich sofort zwei Filme ein: 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM und SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD. Zwei Genre-Meilensteine mit denen NACKT UNTER LEDER nicht zu vergleichen ist, weder vom Inszenatorischen her noch vom Produktionsaufwand. Dem Film sieht man sein Alter an. Vor allem, dass Marianne Faithfull ausschließlich auf dem Motorrad, welches auf einem Hänger montiert wurde, durch die Bundesstraßen und Städte gekutscht wurde, ist unverkennbar und wird selbst die damaligen Kinozuschauer nicht beeindruckt haben. Aber was so richtig stört, ist, dass Faithfull wohl noch nie auf einem Motorrad gesessen hat. Sie sitzt wie eine Bohnenstange kerzengerade auf dem Sitz, lehnt sich kaum in die Kurven und fasst den Lenker mit kaum mehr als zwei Fingern an. Alain Delon kann man in der einen Szene, er bringt ihr nämlich das Motorradfahren bei, zumindest abkaufen, dass er weiß sich auf einem motorisiertem Zweirad zu bewegen.

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Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Gut, dass man für die Aufnahmen in den Totalen den damaligen Weltmeister Billy Ivy engagiert hatte. Mit seinen 1,60 m Körpergröße und einem angeklebten blonden Haarschopf unter dem Helm, konnte man von weitem, immerhin den Eindruck von etwas Fahrgefühl bei der Protagonistin erwecken. Ivy ist leider bereits ein Jahr nach dem Dreh 1969 bei einem Motorradunfall auf dem Sachsenring ums Leben gekommen. Eine geniale Einstellung sticht in ihrer Einfachheit der Aufnahme hervor: Rebecca, wieder gedoubelt von Ivy, schießt über die Landstraße. Die Kamera hält mit und filmt gleichauf durch Bäume hindurch. Als die Straße den Wald verlässt und über die Felder führt, trennt sich auch die schnurgerade Kameraführung von dem Fahrer. Erst jetzt erkennt man, dass die Kamera in einem Zug steht und durch ein Fenster im Abteil filmt. Aber solche virtuosen Einfälle sind leider rar gesät. Immer wieder müssen wir den Gedanken von Rebecca zuhören, die in ihrer an den Wahnsinn grenzenden Groupie-Art über die Straßen gezogen wird. Für die damalige Zeit werden unglaublich viele Zeitsprünge in die Geschichte verflochten, was man heute mit einem Achselzucken abtun, aber vor 50 Jahren die simple Story bestimmt ordentlich aufgemischt hat.

Nackt unter Leder 1968 Review
Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Sex-Appeal

Kommen wir zu dem, was der Titel verspricht: Erotik. Leider zeigt sich NACKT UNTER LEDER hier nicht so freizügig wie das Denken Ende der 60er Jahre. Wenn die Liebenden übereinander herfallen, auch mit der Hilfe einer Flasche kräftigen Kirsch-Brannts, ergötzt sich der Film an langweiligen Psychodelic-Farbmustern. Was vielleicht avantgardistisch sein soll, eher das Gefühl vermittelt, zu jung für diese Szenen zu sein und es deswegen verschlüsselt werden musste. Dennoch ist das Motorrad-Outfit von Faithfull, entworfen von der Pariser Modedesignerin Jeanne Lanvin, die auch die Garderobe Rebeccas in der Rückblenden entworfen hat, ein Hingucker: 60er-Jahre-Verhüllung trifft auf gewagte Ausschnitte. Vor allem das Outfit mit kurzem Rock und Fischnetz-Strümpfen in dem sie sich zum ersten Mal auf das Geschenk ihrer Freiheit – eine 1965er Harley Davidson Electra Glide – setzt, hat immer noch Potential für einen Kalender in der Schrauber-Werkstätten von heute.

Nackt unter Leder 1968 Review
Raymond (Roger Mutton) und Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Fazit

Für Cineasten von Filmgeschichte ein interessanter Blick wert sowie für Fans von Marianne Faithfull und Alain Delon. Aber diese sollten nicht zu enttäuscht sein, denn der Film verspricht nicht viel in der Richtung, die sich mancher erhofft. Aber dennoch ist es ein eigensinniger, filmischer Betrag zum Kampf um die Freiheit einer Frau, die leider tragisch endet, wie der zweirädrige Gesell EASY RIDER (1969) aus jener Zeit. Wer jedoch nur das haben möchte, was der Titel verspricht, dem sei eher die trashige, üppige 90er-Variante BARB WIRE mit Pamela Anderson empfohlen.

Nackt unter Leder 1968 Review
Daniel (Alain Delon) & Rebecca (Marianne Faithfull) // © Donau Film

Die Blu-ray

Blu-ray-Cover © Donau Film

Donau Film hat aus diesem 50 Jahre alten Erotik-Romantik-Drama ordentlich was herausgeholt. Die Bildqualität ist dem Alter entsprechend zu erkennen, zeigt aber in manchen Szenen einen scharfen Biss, alles abhängig von den Launen des damaligen Kameramanns. Die deutsche Synchro klingt etwas nach Kofferradio, fällt aber nach den ersten Minuten kaum noch auf. Leider sind die Extras auf Diät gesetzt und kommen nur mit einem Trailer und einer Bildergalerie daher. Dafür gibt es ein passendes weißes Blu-ray-Case und ein Wendecover mit dem alten deutschen Kinoplakat.

Titel, Cast und CrewNackt unter Leder (2017)
OT: The Girl On a Motorcycle
Poster

Release
ab dem 22.02.2019 auf Blu-ray erhältlich
Bei Amazon kaufen
RegisseurJack Cardiff
Trailer
DarstellerMarianne Faithfull (Rebecca)
Alain Delon (Daniel)
Roger Mutton (Raymond)
Marius Goring (Rebeccas Vater)
DrehbuchRonald Duncan
BuchvorlageNach dem Buch DAS MOTORRAD von André Pieyre de Mandiargues
MusikLes Reed
KameraJack Cardiff
René Guissart Jr.
SchnittPeter Musgrave
Filmlänge88 Minuten
FSKab 16 Jahren
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20

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