Nachtfalken (1981) Review Mediabook

Nachtfalken (1981) – Filmkritik & Review des Mediabooks

Prolog

NACHTFALKEN habe ich vor meiner Neusichtung das letzte Mal vor ungefähr 25 Jahren gesehen. Ich habe ihn seitdem als einen handwerklich ehrlich gemachten Genrefilm, im sich langsam auflösenden Geist des New Hollywood der 70er Jahre, in positiver Erinnerung. Genau wie die früheren FRENCH CONNECTION (1971), SERPICO (1973), THE TAKING OF PELHAMN 123 (1974), oder auch CRUISING (1980) wurde dieser an Originalschauplätzen in den rauen Straßen New Yorks gedreht. Ein New York was damals noch genau das war, wofür wir es als Filmfreaks lieben: ein faszinierend schmutziger Großstadtdschungel. Ein Kriegsschauplatz für furchtlose Helden gegen skrupellose Maniacs. Auf nächtlichen nach Müll, Zigaretten und Urin stinkenden Straßen werden wir zu Zeugen brutaler Morde und schroffer Dialoge zwischen harten Männern auf ihrer Mission gegen das Böse. Auf echten, CGI-freien Zelluloidbildern gedreht, begleitet von oft ziemlich cool innovativer Filmmusik, verklären sich viele dieser Filme zu Meisterwerken unseres Kinobewusstseins. Genau das alles trifft auch auf NACHTFALKEN zu. Die Macht seiner authentisch wirkenden rohen Bilder, sein rauer Rhythmus, die handgemachte Action und begleitet von einem hämmernden Prog-Rockjazz-Soundtrack von Keith Emerson (Emerson, Lake and Palmer),  machen ihn, speziell in der Rückschau, zu einem viel besseren Film als er eigentlich ist. Doch gerade darin liegt der besondere Reiz dieser spannenden Neuveröffentlichung.

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Mathew Fox (Billy Dee Williams) // © Koch Films

Die Handlung

Die beiden New Yorker Undercover Cops Da Silva (Sylvester Stallone) und Mathew Fox (Billy Dee Williams, ja der Lando Calrissian aus STAR WARS) haben sich mit ihrer sehr eigenen Lockvogel-Methode einen Namen als erfolgreiche Jäger brutaler Straßengangster gemacht. Genau diese direkte und furchtlose Art, gepaart mit ihrer Vietnamkriegserfahrung, macht sie zu perfekten Kandidaten für die neu formierte Antiterror-Sondereinheit A.T.A.C.. Diese wird unter der Leitung des Engländers Peter Hartman (Nigel Davenport) auf den internationalen Top-Terroristen Heymar Wulfgar (was für ein Name für Rutger Hauer!) eingeschworen. Der charismatische Killer ist nach einem besonders opferlastigen Attentat in einem Londoner Kaufhaus bei seinen Auftraggebern in Ungnade gefallen. Da sich auch der Ring seiner polizeilichen Verfolger immer enger zieht, sieht er für sich in Europa keine Zukunft mehr. Mithilfe seiner Verbündeten Shakka Holland (Persis Khambatta, die kahlköpfige Außerirdische in STAR TREK –THE MOVIE), unterzieht er sich einer Gesichts-OP und flieht nach New York. Dort möchte er seine Reputation als Top-Terrorist mit Schlägen gegen das dortige System zurückgewinnen. Schnell wird deutlich, dass er mehr an persönlichen Erfolgen, als an politischen Idealen interessiert ist.

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Da Silva (Sylvester Stallone) und Munafo (Joe Spinelli) // © Koch Films

Das Duo Da Silva/Fox tappt lange im Dunkeln wie sie Wulfgar aufspüren sollen. Doch gerade Da Silvas unkonventionelle Spürnase verändert die Dynamik in diesem Spiel. Nun beginnt eine immer schneller werdende Jagd durch Nachtclubs, die U-Bahn, nächtliche Bausstellen und findet einen dramatischen Höhepunkt in einer Gondel der Roosevelt Island Seilbahn. Während dieser Hatz mit hohem Body Count kommt Da Silva immer wieder sein eigenes Kriegstrauma dazwischen. Nur wenn er dies überwindet, werden sie Wulfgar stoppen können.

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Heymar Wulfgar (Rutger Hauer) // © Koch Films

Die Darsteller und ihre Figuren

Obwohl NIGTHAWKS mit Sylvester Stallone als Star warb, ist Rutger Hauer mit seinem Wulfgar nicht nur die weitaus spannendere Figur, er spielt ihn auch mit einer souveränen Leichtigkeit, als wäre Hollywood sein Wohnzimmer. Tatsächlich war dies die erste US-Produktion für den niederländischen Schauspieler. In Europa hatte er sich bis dato bereits ein recht hoch geachtetes Renommee als Hauptdarsteller für ambivalente Helden in Beziehungsdramen erspielt. Gerade seine fruchtbare Zusammenarbeit mit Paul Verhoeven, besonders in TÜRKISCHE FRÜCHTE (1973, Oscarnominierung als bester ausländischer Film), brachte ihn und das niederländische Kino schnell auch auf internationale Leinwände. So fiel er durch ihr gemeinsames Historiendrama DER SOLDAT VON ORANIEN (1977) Produzent Herb Nanas für NIGHTHAWKS auf. Wie er einen zutiefst verachtenswerten Charakter zum heimlichen Helden formte, ist schon beeindruckend. Tatsächlich war seine Rolle im ursprünglichen Drehbuch noch die Hauptfigur und wurde dann zugunsten von Stallone immer mehr reduziert. Die noch verbliebenen Szenen, in denen der Fokus komplett auf ihm liegt, zeugen von dieser ursprünglichen Konzentration auf die Figur des Terroristen. Es ist auf jeden Fall ein Genuss Rutger Hauer bei seinen scene stealing Auftritten zu bewundern.

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Da Silva (Sylvester Stallone) // © Koch Films

Sylvester Stallone agiert wie immer mit sehr begrenzter Mimik als eine Art Neo-SERPICO mit Vollbart und stylischer 80er-Jahre-Brille (unerklärlicherweise gerade wieder topmodern). Stallone kommt ja grundsätzlich eher über die Physis, also die Art wie er seinen kompletten Körper einsetzt. So wirkt auch hier sein spezieller Gang wie der von ROCKY: immer ein wenig tänzelnd, als wolle er gleich die nächste Rechts-Links-Kombi ansetzen. Das ergibt einen in sich spannenden Gegensatz zu seinem sonst eher introvertiert zurückgenommenen Spiel. Oft hat man sogar den Eindruck, als hätten wir wieder den ewig treu traurigen Boxer vor uns, der vielleicht damals nicht die große Titelchance bekam und stattdessen einen anderen Heldenweg als Cop einschlagen musste. Auch interessant, dass sein Da Silva durch sein Vietnam-Trauma bereits Facetten des späteren John Rambo vorweg nimmt. Überhaupt liegt in diesem Film quasi die Wurzel seiner sich immer weiteren Fokussierung auf Action Prototypen wie den in CITY COBRA, oder CLIFFHANGER.

Wer so gar nichts mit Stallone anfangen kann, wird ihm hier unterstellen, dass gerade in diesem Film sein eher begrenztes schauspielerisches Talent hervorsticht. Das wäre allerdings ungerecht.

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Mathew Fox (Billy Dee Williams) // © Koch Films

Das Studiosystem

Denn viel relevanter wiegt hier die Tatsache, dass wir sehr wenig über die Hintergründe seiner Figur erfahren dürfen. Das liegt zum großen Teil daran, dass das Studio ganze Handlungsstränge aus dem fertigen Film entfernte, um den Fokus rein auf die Action zu legen. Da wäre nämlich noch die Beziehung zu der attraktiven Modedesignerin Irene (Lindsay Wagner, die 7 MILLIONEN DOLLAR FRAU), die im Final-Cut auf zwei Szenen so sträflich zusammen geschnitten wurde, dass man nur erahnen kann, dass sie seine sich ihm entfremdende Ehefrau sein soll. Welche Qualität diese Storyline dem Film noch hätte geben können, erfahren wir in den sehr sehenswerten Extras* (zu denen später noch etwas mehr). Auch die Gründe warum sich Da Silva weigert auf seine Gegner zu schießen, hätte Raum für szenische Lösungen geboten. Stattdessen müssen wir uns mit einem kurzen Dialog begnügen, der mehr behauptet, dass dies in seinem Kriegstrauma zu liegen scheint.

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© Koch Films

Produktion und Inszenierung

Mit Bruce Malmuth war keiner der großen Regiemeister wie Friedkin oder Lumet ganz vorne am Set verantwortlich. Nachdem der ursprüngliche Regisseur Gary Nelson nach Unstimmigkeiten mit Sylvester Stallone gehen musste, inszenierte der sogar zwischenzeitlich einige Szenen selbst. Doch aufgrund einer Regelung der DGA (die amerikanische Gewerkschaft der Filmregisseure) musste schnellstmöglich ein neuer Regisseur engagiert werden. So fiel die Wahl auf den eher unbekannten TV- und Werbespot-Regisseur Bruce Malmuth, der sich Stallone wohl besser unterordnen konnte. Denn der Hauptdarsteller entwickelte sich immer mehr zum künstlerischen Leiter des Projekts. Sein damaliger Status war bereits der eines Superstars. Nach zwei überaus erfolgreichen ROCKY-Filmen, dem hoch angesehenen F.I.S.T. (1978) von Norman Jewison und Stallones eigener Regiearbeit IM VORHOF ZUM PARADIES (1978) war er derjenige dem man diesen Film immer mehr auf den Leib schneiderte. Malmuth fügte sich in das bereits gut zusammen arbeitende Team um Stallone und Kameramann James A. Contner ein. Dieser bezeichnet ihn im Nachhinein als einen sehr akribisch und innovativ arbeitenden Handwerker mit einem guten Gespür für Bilder. Wer nun am Ende dafür sorgte, dass bestimmte Szenen so aussahen wie im fertigen Film, bleibt wohl ein Geheimnis unter den Beteiligten.

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© Koch Films

Das Ergebnis

Warum der finale Film letztendlich nur in Teilen wirklich gut und in einigen sogar sehr ungelenk und unentschieden daher kommt, liegt sicher auch an der nicht ganz eindeutigen Regie aus mehreren Richtungen. Viel mehr aber an der oft alle Kreativität vernichtenden Allmacht der Studios. Denn so sehr sich Stallone für dieses Projekt als Darsteller, ausführender Produzent, Co-Autor und Aushilfsregisseur auch einsetzte, am Ende behielt sich das Studio das Recht auf einen pragmatischen Final Cut vor.

Das Mediabook

Das Mediabook von Koch Films

Kein VHS-Kriseln mehr. Stattdessen ein scharfes und farbsattes Bild. Das ursprüngliche Filmkorn wird dabei selbstbewusst ins Heute mitgenommen. So könnte der Film seinerzeit über die Kinoleinwände seine rau nachhaltige Wirkung entfacht haben. Lediglich der Ton kommt ein wenig gedämpft daher. Die Schüsse und Explosionen kommen eher schallgedämpft aus den Boxen und laufen so in Wirkung den Bildern stark hinterher.

Neben der Blu-ray erwarten uns gleich zwei zusätzliche DVDs. Die eine präsentiert den kompletten Film für den Nicht-HD-Zweitplayer zu Hause. Das ist sympatisch zuvorkommend, aber kein wirklicher Grund zum Jubeln.

Den bietet dagegen die zweite DVD, die mit zwei Besonderheiten erfreut. Zum einen beinhaltet sie die US-TV-Version des Films. Interessant daran ist, dass diese speziell für das fast schon nicht mehr bekannten 4:3 Format umgeschnitten wurde. Auffällig dabei, dass für das minimierte Medium Fernsehen nahezu alle Panorama Shots fehlen, um so dem TV Auge nicht zu viel Konzentration abverlangen zu müssen. So kommt dann dieser Film eher wie ein besseres Fernsehspiel im Stile einer Kojak-Folge daher.

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© Koch Films

*Die Extras

Neben dieser Spielerei für reine Filmverrückte sind die Extras das eigentliche Highlight der gesamten Neuveröffentlichung. Neben einer sehr interessanten französischen TV-Doku zum damaligen Start von ROCKY II über Sylvester Stallone, geben einige Interviews mit Beteiligten der damaligen Produktion sehr informativen Einblick in die Anatomie eines Big-Budget-Films in den finalen Händen eines großen Studios. Besonders hervorzuheben sind dabei Lindsay Wagners Erinnerungen. Ihre herausgeschnittenen und leider auch komplett verschollenen Szenen mit Stallone bargen wohl einige sehr intensive Momente, die besonders Stallones verletzliche Seite gezeigt hätten.

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Da Silva (Sylvester Stallone) und Irene (Lindsay Wagner) // © Koch Films

Ein weiteres Interview lässt Paul Sylbert zu Wort kommen, der das Ursprungs Drehbuch von NACHTFALKEN verfasste. Dieser ist heute eher als Art Director (sogar Oscar prämiert für DER HIMMEL SOLL WARTEN von Warren Beatty) bekannt und befasste sich bei seiner Idee mit der Figur von Carlos dem Schakal, dem damals meistgesuchten Terroristen der Welt. Doch dies schien dem Studio zu gefährlich, da sie fürchteten, dass der echte Carlos aus Rache Anschläge an Kinos während der Vorführung ihres Films verüben könnte. So wurde aus dem südamerikanischen Killer der arische Filmbösewicht Wulfgar. Durch diesen Umstand kommen wir so immerhin in den Genuss von Rutger Hauers Glanzleistung.

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Heymar Wulfgar (Rutger Hauer) // © Koch Films

Witzig ist hierbei, dass, wie schon in DIE HARD, aus einem ursprünglich deutschen Schurken in der deutschen Synchronfassung ein südafrikanischer und, wie in diesem Fall, holländischer Terrorist gemacht wurde. Immerhin nicht ganz unsinnig, da Rutger Hauer ja selbst Holländer ist. Weitere Interviews mit Produzent Herb Nanas, Kameramann James A. Contner und einem während der Produktion gefeuerten technischen Berater geben sehr direkte Einblicke in den damaligen Produktionsprozess. So entsteht ein sehr informatives Bild eines dominant kapitalistischen Studiosystems, dem viele kreative Köpfe und Ideen zum Opfer fielen.

Fazit

Diese Veröffentlichung lohnt ein intensives Studium für all jene, denen neben handgemachter Filmkunst vor allem der Prozess des Filmemachens am Herzen liegt. Durch die Extras relativieren sich unsere legitimen Vorbehalte gegenüber einem Film, der immer noch sehenswert aber deutlich hinter seinem Potential zurückbleiben musste.

TitelNachtfalken (1981)
OT: Nighthawks
RegisseurBruce Malmuth
PosterNachtfalken (1981) Review Mediabook
Releaseab dem 28.03.19 im Mediabook (1 Blu-ray + 2 DVDs)
Bei Amazon kaufen:
Trailer
BesetzungSylvester Stallone (Deke DaSilva)
Billy Dee Williams (Sgt. Matthew Fox)
Lindsay Wagner (Irene)
Persis Khambatta (Shakka Holland)
Nigel Davenport (Peter Hartman)
Rutger Hauer (Heymar 'Wulfgar' Reinhardt)
Hilarie Thompson (Pam)
Joe Spinell (Lt. Munafo)
Walter Mathews (Commissioner)
DrehbuchDavid Shaber
MusikKeith Emerson
KameraJames A. Contner
SchnittStanford C. Allen
Christopher Holmes
Technische DatenBlu-ray und DVD
Bildformat: 1,85:1 (HD 1080p)
Tonformat: Deutsch & Englisch (Dolby Digital 2.0 )
Filmlänge99 min
AltersfreigabeAb 16 Jahren freigegeben

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