Nach einer wahren Geschichte Emmanuelle Seigner Eva Green

Nach einer wahren Geschichte – Filmkritik

„Nicht fürs Kino geeignet“

Wenn man sich als Autor eine fiktive Geschichte ausdenkt, versucht man sich möglichst viel über seine Hauptfiguren auszudenken. Genauer gesagt, es entsteht aus der Fantasie eine komplexe Person, mit Biografie, Eigenarten, Geschichten und Geschmäckern. Guillermo del Toro neigt sogar vor dem Dreh dazu, seinen Hauptdarstellern einen kompletten Lebenslauf der Rollen, die sie spielen, zu geben. Ob alle Details im Film vorkommen ist unwichtig, sie sollen den Schauspielern helfen einen Zugang zu ihren Figuren zu finden. Zurück zum Geschichtenentwickler, dem Autor: Dieser fängt an, wie seine Hauptfiguren zu denken und in gewisser Weise mit ihnen zu leben. Was würde er/sie in dieser Situation tun? Welchen Weg würde er/sie bei dieser Entscheidung einschlagen? In diesem interessanten Spannungsfeld ist der Roman „Nach einer wahren Geschichte“ von Delphine de Vigan geschrieben, dem jetzt eine Verfilmung von Roman Polanski wiederfährt.

Nach einer wahren Geschichte Emmanuelle Seigner Eva Green
© STUDIOCANAL

Inhalt „Nach einer wahren Geschichte“

Die Schriftstellerin Delphine, gespielt von Emanuelle Seigner, ist nach dem Erfolg ihres neuen Buches ausgelaugt von den vielen Autogrammstunden, Auftritten und Feierlichkeiten. Als sie kurz davor ist aufzugeben, was sicherlich auch daran liegt noch kein weiteres Buch in Arbeit zu haben, trifft sie auf die attraktive Elisabeth, gespielt von Eva Green („Penny Dreadful“, „Die Insel der besonderen Kinder“). Sie stellt sich als „Elle“ vor, ist Ghostwriterin für Autobiografien und lebt auch in Paris, sogar in derselben Straße. Beide freunden sich an und Delpine genießt Elles Fähigkeit ihr zuzuhören. Elle beginnt jedoch zunehmend ihr Leben zu kontrollieren und wichtige Aufgaben für sie zu übernehmen oder will sie gleich gänzlich ihre Persönlichkeit stehlen?

Nach einer wahren Geschichte Eva Green
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Unterschätzer Zuschauer

Roman Polanski hat, neben seinen umstrittenen privaten Querelen, Filmklassiker, wie „Rosemary’s Baby“ und sein persönlichstes Werk „Der Pianist“ geschaffen. Wer denkt, dass der nun mittlerweile 84-jährige Regisseur eingestaubt ist, sollte sich seine Filme „Ghostwriter“ und „Der Gott des Gemetzels“ aus dem letzten Jahrzehnt anschauen. Bildgestalterisch ist er vielleicht nicht mehr zeitgemäß, aber das richtige Fingerspitzengefühl für eine gute Geschichte mit dynamischen Dialogen ist ihm definitiv geblieben. Leider kommt ihm in „Nach einer wahren Geschichte“ diese Fähigkeit abhanden. Dies liegt jedoch vor allem an seiner Hauptdarstellerin und Ehefrau, das ewige Filmbusiness-Klischee, Emanuelle Seigner. Sie spielt seit langer Zeit einmal eine Opferrolle, die erschöpfte und gestresste Autorin Delphine. Sie verwechselt bei ihrer Rolleninterpretation jedoch den Begriff Opfer mit Leblosigkeit und rettet sich mit Schlafzimmerblick in den Szenen von einer Sitzmöglichkeit zur nächsten. Sie wirkt seit Filmanfang wie unter enormen Tabletteneinfluss, den sie laut Drehbuch erst ab der Hälfte des Films eigentlich bekommen sollte. Diese entstehende Abneigung des Zuschauers ihr gegenüber, liegt sicherlich auch an der eleganten und interessanten Eva Green, die hier äußerst frisch und bildpräsent aufspielt. Ihre Leinwandpräsenz liegt gar nicht mal an Bildausschnitten oder ihren Drehbuchpassagen. Ihre erste Filmproduktion in ihrer Muttersprache Französisch ist vor allem im Original sehens- und hörenswert. Seigner 0, Green 10. Ein weiteres Problem sind die Thriller-Details bzw. Krimielemente, die man bereits im Geschehen eine Meile gegen den Wind riecht. Lieber Zuschauer, hierauf musst du achten, dies ist auch ein wichtiges Detail und jetzt hat sie ihr Passwort verraten. So etwas muss einfach organischer in ein Drehbuch eingewebt sein bzw. die Kamera und Beleuchtung sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit darauf lenken. Die ganze Handlung durchzieht auch noch das lebende Klischees des Schriftstellers mit seinen Post-its an der Wand, der einschüchternden weißen Seite Papier und dem Suchen nach Inspiration in einem Landhaus in der Natur. Als Delphine nun endlich eine Geschichte gefunden hat, nämlich die von Elle, fragt man sich als Zuschauer, wer denn diese tragischen Kindheitserinnerungen gern lesen möchte, außer vielleicht im Wartesaal der Fahrzeug-Zulassungsstelle.

Nach einer wahren Geschichte Eva Green
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Die Vermutung liegt nahe, dass Polanski dieses Projekt einfach zu schnell angegangen ist. Vom ersten Wort des Drehbuchs vergingen gerade einmal 14 Monate bis zur Premiere in Cannes. Um etwas Mysteriöses und Unheimliches darzustellen, bedarf es eben keiner Szenen in perfekt ausgeleuchteten Pariser Nobelwohnungen oder Wein-Cafés mit Statisten, die vom Soap-Opera-Set gleich sitzen geblieben sind. Zweifacher Oscargewinner Alexandre Desplat („Isle of Dogs“, „Shape of Water“) spielt leider auch nur Stücke aus seinem Tonstudio-Papierkorb, was aber immerhin noch für ein bisschen Spannung sorgt. Bei der oft dargestellten Belanglosigkeit können die allwissenden dunklen Augen der Eva Green diesen Kinofilm leider auch nichts Magisches mehr entlocken.

Nach einer wahren Geschichte Eva Green
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Fazit

Und da sind wir auch beim Thema: Für das Kino reicht es für „Nach einer wahren Geschichte“ leider gar nicht. Allemal für den Sonntagabend-Krimi auf Sat.1. Das ist wirklich sehr schade, weil die Buchgrundlage sicherlich einen spannenden Thriller ergeben hätte. Leider ist Roman Polanski mit der schnellen Produktion, wie auch aktuell sein Kollege Soderbergh mit seinem blitzschnellen Experiment „Unsane“, gescheitert.

Titel, Cast und Crew

Nach einer wahren Geschichte (2017)
OT: D'après une histoire vraie

Poster

Nach einer wahren Geschichte Kinoposter Original

Kinostart/
Veröffentlichung

17.05.18

Regisseur

Roman Polanski

Trailer

Schauspieler

Emmanuelle Seigner (Delphine Dayrieux)
Eva Green (Elle)
Vincent Perez (François)
Dominique Pinon (Raymond)

Drehbuch

Oliver Assayas
Roman Polanski

Romanvorlage

"Nach einer wahren Geschichte" von Delphine de Vigan

Kamera

Pawel Edelman

Musik

Alexandre Desplat

Schnitt

Margot Meynier

Filmlänge

100 Minuten

FSK

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Chefredakteur

Kann bei ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT mitsprechen / Liebt das Kino, aber nicht die Gäste / Hat seinen moralischen Kompass von Jean-Luc Picard erhalten / Soundtracks auf Vinyl-Sammler / Stellt sich gern die Regale mit Filmen voll und rahmt nur noch seine Filmposter

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