My Talk with Florence (2015) – Filmkritik & Review zum Mediabook

MY TALK WITH FLORENCE erzählt die erschütternde Geschichte der damals jungen Florence Burnier (*1949), die drei Höllen des Lebens durchquerte, von wiederkehrendem sexuellem Missbrauch gezeichnet wurde – und schließlich, das umschließt diesen Dokumentarfilm am Rande, durch ihre Aussage für die Inhaftierung des berühmten Wiener Aktionisten Otto Muehl (1925-2013) sorgen konnte. Es gibt viele hervorragende Dokumentarfilme, doch einen derart intensiven und in seiner Form so passenden habe ich in den letzten Jahren nicht mehr gesehen. Es ist das dritte Werk in Spielfilmlänge von Regisseur Paul Poet (AUSLÄNDER RAUS! SCHLINGENSIEFS CONTAINER, 2002; EMPIRE ME – DER STAAT BIN ICH!, 2011).

Taucht mit ein in ein Leben voller Abgründe, voller seelischer und körperlicher Löcher. Das existenzielle Thema in MY TALK WITH FLORENCE ist zeitlos tragisch und packend und verdient größtmögliche Aufmerksamkeit.

Form/vollendet

Kein Schnitt, kein Absatz. Der Zuschauer erlebt mit MY TALK WITH FLORENCE ein Interview aus einer einzigen Einstellung. Wobei, „Interview“ darf man sogleich präzisieren: es ist eher ein durch den Regisseur Paul Poet geführter Monolog, in dem Burnier anfangs vorsichtig und auch stockend, später aber immer offener und flüssiger ihre Vergangenheit entfaltet. Sie beginnt bei ihren Kindheitstagen, in denen sie scheinbar behütet aufwuchs und dann doch durch sexuelle Bedrängung des Stief-Großvaters psychisch bereits völlig zerstört wurde. Da war sie noch ein kleines Mädchen. Das Körperliche, der eigentliche Akt der Vergewaltigung, folgte Jahre später als junge Erwachsene durch den eigenen Vater. Wie offen die Frau mit ihren erschütternden Erlebnissen umgeht, bezeugen Aussagen über Verbrechen und Verderben, zu denen sie sich selbst immer stärker hingezogen fühlte. Ihren Peinigern wünschte sie ganz klar den Tod und die Vergewaltigung des Vaters nutzte sie zum Teil als Mittel, um sich an ihrer Mutter zu rächen, die sie damals als kleines Mädchen mundtot machte.

Florence steht in diesem Film als Name für eine Identität, die mehrfach vom eigenen, engsten menschlichen Umfeld verleumdet, vernachlässigt und vergewaltigt in die Welt entlassen wurde. Einen Schnitt gibt es nicht. Sie erzählt ihr Leben am Stück. Entsprechend lässt Poet das Tape (HD-Video) durchlaufen, montiert innerhalb der festgelegten Zeit des Mediums von 60 Minuten nichts innerhalb des Gesprächs, was den Fluss – und somit unsere immersive Erfahrung als Zuschauer – stören könnte. Einzig in der Mitte, bevor das zweite Band eingelegt wird, verstummt das Bild kurz, Hintergrundgeräusche laufen unbeirrt weiter. Einige Sekunden später setzt Florence ihre Erzählung fort. Zuvor erfuhren wir bereits ihre Flucht mit den Kindern auf die Straße: In ein Gossenleben, geprägt von Diebstahl und auch Prostitution.

Ehe sie sich versah, war sie in der zweiten Hölle angekommen, die ihr zuletzt auch die Kinder entzog, keine finanziellen Pflegemittel zusagte und sie selbst als sozialen Problemfall brandmarkte. Aus dieser (wiederholten) Misere heraus bewegte sich Burnier in Richtung Friedrichshof, dem Hauptsitz von Otto Muehls Kommune der Aktionsanalytischen Organisation (AAO) im Burgenland südöstlich von Wien. Acht Jahre, von 1972 bis 1979 dauerte ihr Lebensabschnitt in selbstgewählter Isolation vor der Außenwelt. Die Dokumentation endet kurz vor Ablauf des zweiten Tapes mit der Anmerkung, dass Muehl doch selbst weniger Künstler aus eigener kreativer Kraft heraus war, sondern vielmehr Nachahmer und Kompensator seiner eigenen Unfähigkeit. Gerade auch in sexueller Hinsicht. Persönlicher und bewegender geht es nicht.

Ein Leben voller Gewalt

Gewalt kann die verschiedensten Formen annehmen. In diesem Fall ist es besonders prekär, weil die Protagonistin durch (wiederholte) Flucht und Freiheitssuche immer stärker in eine Spirale der Unterdrückung geriet. Der Schimmer der Hoffnung färbte sich im Leben von Florence Burnier stets schicksalhaft und programmatisch schwarz. Ihr Leben bleibt eines des Leids. Erst durch die Vorgeschichte lässt sich durch den – hier ja möglicherweise auch weniger belesenen – Zuschauer rund um die Themen Otto Muehl und Friedrichshof eine direkte emotionale Verbindung zu einem individuellen Schicksal herstellen, das in seiner Aufarbeitung nicht nur gelungen zugänglich gemacht wird, sondern aufgrund seiner minimalistischen Form äußerst direkt und nachhaltig auf den Zuschauer übertragen wird.

Bis heute, das erklärt der Abspann kurz, werden die Werke, die im Atelier des Friedrichshofs unter der Leitung Muehls entstanden sind, weltweit für Millionen gehandelt. Sein Name ist bis heute Programm. Doch MY TALK WITH FLORENCE deckt mit der intimen Insider-Geschichte die pechfarbene Realität unter Muehls Künstlermantel auf und erhellt das wahre Leben innerhalb der Kommune. Das sind Einblicke von teils verstörender Präzision, die eine systematisch geführte Diktatur durch Muehl nachspüren lassen, in der „freie Sexualität“ in Wahrheit Unterdrückung, Qual und Resignation bedeutete. Ich kann jedem nur empfehlen, sich dem komplexen Thema zunächst anhand dieses so berührend ehrlichen Films zu nähern und erst im Anschluss Weiterführendes über die AAO zu lesen. So wirkt der Film am intensivsten. Noch Wochen später wird einem immer klarer: durch seine direkte Sprache schafft MY TALK WITH FLORENCE einen essenziellen Beitrag zu einem unserer meistdiskutierten zwischenmenschlichen Themen überhaupt.

Das Mediabook von TROST (AT)

Das österreichische Mediabook kommt zunächst einmal schmal und schlicht daher (1 DVD), beinhaltet aber eine wohlkuratierte Auswahl essenzieller Extras. Zunächst ist da ein interessantes Gespräch (24 Min.) zwischen Regisseur Poet und Lukas Maurer von ‘Oktoskop’, gedreht 2018 fürs österreichische Fernsehen. Man kann es als Einführung zum Film ebenso wie als erläuternde Lektüre danach anschauen. Daraus wird u. a. ersichtlich, wie sehr sich der Filmemacher bereits seit vielen Jahren hinweg zu Menschen mit düsteren bzw. komplexen Hintergrundgeschichten hingezogen fühlt und aktuell auch an einer Verfilmung von Heinz Sobotas autobiografischem Skandalroman DER MINUS-MANN (1978) arbeitet. Als zweites Feature gibt es eine knapp fünfminütige Montage der musikalisch unterlegten Live-Fassung von MY TALK WITH FLORENCE, die 2016 in Salzburg gezeigt wurde. Der minimalistische Soundtrack von Alec Empire ist optional auch als ergänzendes Tonformat für den Film auf der DVD selbst anwählbar.

Regisseur Paul Poet bei der Icon-Exhibition Berlin

Am interessantesten empfand ich die Kurzdoku (6 Min.) über und mit Florence Burnier, in der sie persönlich vor Ort ihre eigenen Werke in einer Wiener Ausstellung im Jahr 2012 vorstellt und erläutert. Das hier Gesehene ergänzt sich nachträglich perfekt zum im Film Gesagten und Erlebten und verbildlicht noch einmal Burniers großen privaten Schmerz. In ihren Kunstwerken verarbeitet Burnier drastisch und nachhaltig ihr Leben voller seelischer und körperlicher Qualen. Ihren Stief-Großvater stilisiert sie darin zum absoluten Monster, dem Quell ihres Leids, was die ohnehin intensiven Eindrücke des Filmgesprächs noch übersteigt. Wer sich übrigens wundert, warum Burnier in dieser Ausstellungs-Doku etwas älter aussieht als in Poets Film, der erst drei Jahre später veröffentlicht wurde, dem sei gesagt, dass Poet das Filmmaterial bereits 2008 produzierte, jedoch erst 2015 in Absprache mit Burnier zur Veröffentlichung freigab. Hintergrund war schlicht und ergreifend die Angst Burniers, zu Lebzeiten Otto Muehls mit erneuter Konfrontation rechnen zu müssen. Als Muehl dann 2013 verstarb, war der Weg frei.

Im Booklet kommen insgesamt sechs Autoren mit eigenen Texten zu Wort, darunter der Regisseur selbst im Interview mit Karin Schiefer sowie ein einführender Text zum Film plus Biografie von Florence Burnier. Die drei Autorinnen der Essays sind allesamt wichtige Stimmen für sexuelle und soziale Selbstbestimmung und gegen deren Unterdrückung durch patriarchale Strukturen:

  • MAKING HerSTORY – The Importance of Deprogramming Rape Culture von der Wiener Autorin Helga Christina Pregesbauer
  • OUR PRECIOUS FLAT CARICATURES von Stoya, internationale Autorin und Schauspielerin sowie dem größten Star der AltPorn-Szene
  • RAW TRUTH IS A DIVINE DEED DONE DIRT CHEAP von Marina D. Richter, Wiener Filmkritikerin und Mitglied von Fipresci Serbia sowie der Alliance of Women Film Journalists (AWFJ)

Die Texte im Booklet sind allesamt auf Englisch. Die Videofeatures sowie der Hauptfilm auf Deutsch mit optionalen englischen Untertiteln. Diese Veröffentlichung ist in jeglicher Hinsicht für ein internationales Publikum gemacht. Die offenen und lobenden Worte von Schauspielerin Rose McGowan auf dem Mediabook-Cover und im Booklet untermauern dies nur.

© Stefan Jung

Titel, Cast und CrewMy Talk With Florence (2015)
Poster
ReleaseKinostart: 15.01.2016
Ab dem 29.03.2019 im Mediabook (DVD)

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RegisseurJeremy Gillespie
Steven Kostanski
Trailer
BesetzungFlorence Burnier-Bauer
Paul Poet
DrehbuchPaul Poet
KameraJohannes Holzhausen
MusikAlec Empire
SchnittPeter Brunner
Andi Winter
Filmlänge129 Minuten
FSKab 12 Jahren

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