Mulan (2020) – Filmkritik

„Eine Kämpferin“

Hass, Ungerechtigkeit, Intoleranz und Unterdrückung wird im Film zu gern der Kampf angesagt. Die Zeichentrickfilme von Disney wollen nicht nur Wohlfühl-Märchen sein, sondern ihren Zuschauern auch einen Weg weisen, was richtig und was falsch ist: DUMBO (1941) zeigt, dass man wegen Andersartigkeit keine Attraktion ist, DAS DSCHUNGELBUCH (1967) verspricht Harmonie zwischen Mensch und Tier und DIE SCHÖNE UND DAS BIEST (1991) macht ein Monster zu einem liebenswerten Außenseiter. Die Zeiten der großen Zeichentrickepen für die ganze Familie des berühmten Animationsstudios sind im 21. Jahrhundert leider Geschichte. Vielleicht gerade deswegen und weil sich gesellschaftliche Perspektiven im Laufe der Zeit ändern, hat das Produktionsstudio beschlossen alle erfolgreichen Zeichentrick-Klassiker als Realverfilmung neu zu produzierten. Vor allem technisch scheint es dank realitätsnaher Computereffekte für die Fantasie der Filmschaffenden keine Grenzen mehr zu geben. Nun ist MULAN aus dem Jahr 1998 an der Reihe vom Zeichenbrett vor die Kamera geholt worden. Wo der Trickfilm noch auf Unterhaltung, asiatische Klischees und Geschlechterwitze – in einer durchaus charmanten Mischung – setzt, ist die Neuverfilmung ernst, leidenschaftlich und emanzipiert von seiner Vorlage. Vor allem wird nicht der große Zeigefinger erhoben, der gleich noch in der gesellschaftlichen Wunde von Ungleichheit der Frau rumbohrt. MULAN ist vor allem eins, eine gut erzählte Geschichte.

© 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Handlung

Die junge Mulan (Yifei Liu) war schon immer ein Wildfang. Die Nachbarn in dem Tulou wissen ihr lieber aus dem Weg zu gehen, wenn sie durch die Gänge des mehrstöckigen, chinesischen Erdhauses tobt. Für ihre Familie Hua ist sie eine Herausforderung, aber es kommt auch für Mulan das Ende der Kindheit, was in Form einer organisierten Ehe vorherbestimmt ist. Nur so kann eine Tochter ihre Familie ehren, als künftige gute Ehefrau. Der Test bei der Heiratsvermittlerin scheitert, aber die Ablenkung kommt in Form eines Einzugbefehls des Kaisers (Jet Li). Wilde aus dem Norden haben unter der Führung von Böri Khan (Jason Scott Lee) begonnen Städte und Dörfer des Landes niederzumetzeln. Jede Familie soll einen Sohn der kaiserlichen Armee zur Verfügung stellen. Mulans Vater Zhou Hua (Tzi Ma) ist aber ausschließlich mit zwei Töchtern gesegnet und muss trotz altem Kriegsleiden zurück an die Front. Mulan beschließt ihn zu retten und sich selbst mit Rüstung und Schwert ihres Vaters bei den Truppen als „Ersatzmann“ einzuschleichen. Das funktioniert mit der massiven Rüstung und etwas Dreck im Gesicht erstaunlich gut, selbst bei Kommandant Tung (Donnie Yen). Doch Mulan ist in der Kampfkunst viel talentierter als der Rest des Heers und das rückt sie ungewollt in den Mittelpunkt.

Mulan (Yifei Liu) Photo: Jasin Boland // © 2019 Disney Enterprises

Freiheit der Frau

Die Grundprämisse bei MULAN ist, dass eine Frau selbst entscheiden kann was sie möchte. Sie ist dem Mann gleichwertig gegenüber. Sogar in den Krieg kann sie ziehen, wenn sie will. Wenn Filme sich an solch sozialer Ungerechtigkeit abarbeiten, wirkt es meist gezwungen. Um wirklich den Horizont ihrer Zuschauer zu erweitern, dürfen sie nicht den Oberlehrer spielen. Es gelingt am besten mit einer guten, emotional packenden Geschichte. MOONLIGHT war kein Drama eines kriminellen Homosexuellen, sondern das Portrait eines Außenseiters, der sich verliebt.

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MULAN erzählt in erster Linie eine Geschichte, die geschlechtsneutral ist. Sie ist aus der Idee geboren durch eine Soldaten-Maskerade den Vater und die Familie zu schützen, nicht, um der devoten Rolle als Ehefrau zu entgehen. Ein Sohn hätte genauso den Einzugbefehls des Vaters an sich nehmen und sein Leben riskieren können. Auch die Bedrohung von Angriffen auf das Kaiserreich entstehen mehr im Galopp der Dramaturgie. Im Mittelpunkt steht ein junger Mensch, der für sich herausfinden muss, welche Werte ihm wichtig sind. In diesem Fall ist es einfach, denn sie stehen sogar auf dem Schwert der Familie: Mut, Loyalität und Ehrlichkeit. Indem Mulan sich als Mann ausgibt scheitert es leider mit Schriftzeichen Nummer drei.

Der Kaiser, Sohn des Himmels (Jet Li) // © 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Die Heldin auf der anderen Seite

Die Drehbuchautoren helfen unserer Heldin in Form einer weiblichen Gegnerin etwas unter die Arme und Beine: Xianniang (Li Gong). Sie ist eine Magierin und entdeckt, wie auch der chinesische Kommandant, das starke Qi (im Daoismus der Energiefluss: Ch’i) in Mulan. Jedoch nur, wenn sie ihr Kostüm ablegt und völlig ehrlich zu sich selbst ist, weder kostümierte Frau noch falscher Soldat, nur Mulan. Auch ihrer Gegnerin Xianniang – Bösewicht Kahn ist leider ein sehr eindimensionaler Bösewicht – wird einige Freiheiten eingeräumt. Sie ist eben nicht gewissenlos böse und die rechte Hand des Schurken wie in vielen Standarddrehbüchern. Durch ihre magischen Kräfte ist sie als Hexe von der Gesellschaft gebrandmarkt und verstoßen. Ihr Können übersteigt, das aller und selbst im Kampf, zeigt sie ihre Fähigkeiten als Falke mit Krallentechnik und langen Gewandärmeln, die sie wie Schwingen einzusetzen weiß. Li Gong (DIE GEISHA, MIAMI VICE) hat sichtlich Freude an der Rolle des vielschichtigen Charakters, wie auch ihre Kostümbildner.

Xianniang (Gong Li) // © 2019 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Weniger, aber insgesamt mehr

Regisseurin Niki Caro (KALTES LAND, WHALE RIDER) tut zu allererst gut daran auf weniger Computereffekte zu setzen. Hier orientiert sie sich ganz an den chinesischen Historienepen, die mit vielen Statisten, aufwändigen Kostümen, edlen Requisiten und kurzen effektiven Kampfchoreografien begeistern. Es wird dennoch in MULAN immer noch die Schwerkraft aus den Angeln hebt und das auf spektakuläre Weise. Das Quäntchen zum Sieg im Kampf liegt in der Intelligenz des Siegers und nicht in dessen Stärke. Auch die finale Schlacht fällt simpler aus als erwartet und es werden nicht hunderte von digitalen Reitern den Hügel hinuntergejagt. Es reicht ein Holzbalken in luftigen Höhen als Symbol für Ying und Yang. Die Szenerien bleiben übersichtlich und vor allem nah an den Figuren, die einem in den zwei Stunden ans Herz wachsen. Natürlich abgesehen von Donnie Yen, den mag man von der ersten Sekunde an.

Kammandant Tung (Donnie Yen) Photo: Jasin Boland // © 2019 Disney Enterprises

Wenn man am Actionspektakel etwas spart, hat man Platz für andere Aspekte: MULAN begeistert vor allem durch die Zeit, die sich der Film nimmt, für die Landschaften dank Kamerafrau Mandy Walker (HIDDEN FIGURES, AUSTRAILIA), die klischeefreie Filmmusik von Harry Gregson-Williams (DER MARSIANER, GONE BABY GONE) und das ausdrucksstarke Spiel der Schauspieler. Insgesamt kommt der Film mit wenig Dialog aus, viel wird über Bilder erzählt oder mit Mimik der Darsteller vorangetrieben. Vor allem Schauspieler Tzi Ma (LADYKILLERS, 24), der Vater Zhou zwischen Liebe zu seiner Tochter und gesellschaftlichen Zwängen perfekt austariert, bleibt nach dem Abspann – leider mit einem Christina-Aguilera-Song zugekleistert – in Erinnerung.

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Mit Yifei Liu als Mulan hat die Besetzung auch ein gutes Händchen bewiesen. Weltweit noch unbekannt, wird sie bestimmt für viele junge Zuschauer zur Identifikationsfigur. Sie spielt hier nicht die zwei Rollen Tochter und Soldat, sondern ist einfach Mulan, die sich im Laufe der Geschichte weiterentwickelt. Auch ihre Verkleidung als Soldat ist gut gelungen. Sicher erkennt man immer noch, dass eine Frau in der Rüstung steckt, aber mit etwas Dreck und Gestank, gelingt es die Illusion aufrechtzuhalten. Der Geruch ist eine wirklich gute Idee: Ihrer Angst vor Blicken auf ihren Körper bei den Duschen in der Armee geschuldet, scheint sie ganz offensichtlich zu müffeln, wie ihr von ihren Kameraden zu Beginn gesagt wird. Eine schlaue Tarnung, um sich noch mehr als Mann zu beweisen, denn Frauen riechen ja bekanntlich immer gut.

Mulan (Yifei Liu) und Honghui (Yoson An) Photo: Jasin Boland // © 2019 Disney Enterprises

Yifei Liu ist auch eine ausgebildete Sängerin und Tänzerin, was ironischer Weise und zum Glück für diese Geschichte in diesem Disney-Film nicht zum Zuge kommt. Ihr Geschick für eingeübte Bewegungsabläufen kommt es für die Kämpfe dennoch zugute. Hoffentlich dürfen wir uns in Zukunft auf mehr Rollen der Darstellerin Yifei Liu freuen, schauspielerisch sind ihre Grenzen noch nicht zu erkennen.

Vergleich zu Mulan (1998)

Der Trickfilm war noch angereichert mit westlichen Sichtweisen auf die historische, chinesische Kultur. MULAN (1998) vermengte noch japanische Symbole und Bauten mit chinesischer, aber auch Klischees kommen immer wieder vor. Der Trickfilm macht vor allem Spaß wegen dem kleinen Drachen Mushu – im Deutschen von Otto Walkes gesprochen – auch er muss sich gegenüber Vorurteilen hinsichtlich seiner Größe beweisen. In der Realverfilmung wird nicht gesungen und wenig gelacht. Es ist die Erzählung einer Legende und bringt den nötigen Ernst mit. Wo der Trickfilm noch eher ein Gespann aus Mulan und Drache Mushu war und es disneytypisch viele schnuffelige Tierchen zu entdecken gab, sind jetzt die Tiere Teil der Umgebung. Der Drache wird gegen einen Phoenix ersetzt, der nicht nur das Familiensymbol ist, sondern zum Leittier für Mulan – eine schöne Parallele zu Xianniangs Falken – nur symbolisch immer wieder auftritt. Des Weiteren vermittelt MULAN (2020) mehr chinesische Werte, ohne nicht altbackene Ansichten von Ehre auszudiskutieren und von einer Prinzessinnengeschichte ist er weit entfernt.

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Fazit

Es wäre ein Leichtes gewesen über die Geschichte feministische Pamphlete und Geschlechterklischees in dicken Schichten drüberzupinseln. Vielleicht zeigt sich in der vor allem weiblichen Besetzung entscheidender Rollen hinter Kamera, dass das gerade nicht geschehen ist. MULAN ist eine einfache, ergreifende und gut erzählte Geschichte. Alle anderen Aspekte kann jeder für sich selbst entdecken. Die Spezialeffekte und digitalen Ammenmärchen treten sichtlich zurück und präsentieren, die wohl bis jetzt besten Realverfilmung der Trickfilmklassiker, ansehen und mitkämpfen.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewMulan (2020)
Poster
ReleaseAb dem 4. September im Stream bei Disney+ verfügbar.
RegisseurNiki Caro
Trailer
BesetzungYifei Liu (Mulan)
Donnie Yen (Kommandant Tung)
Jet Li (Kaiser)
Li Gong (Xian Lang)
Jason Scott Lee (Bori Khan)
Yoson An (Chen Honghui)
Nelson Lee (kaiserlicher Berater)
Jun Yu (Cricket)
Jimmy Wong (Ling)
Doua Moua (Po)
Ron Yuan (Sergeant Qiang)
Tzi Ma (Hua Zhou)
Rosalind Chao (Hua Li)
Xana Tang (Hua Xiu)
DrehbuchRick Jaffa
Amanda Silver
Elizabeth Martin
Lauren Hynek
KameraMandy Walker
FilmmusikHarry Gregson-Williams
SchnittDavid Coulson
Filmlänge115 Minuten
FSKab 12 Jahren

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