Der in kalten Grau- und Blautönen gehaltene MORD AN EINEM REGNERISCHEN SONNTAG (Mort un dimanche de pluie, 1986) beginnt in einem für die damalige Zeit hochmodern ausgestatteten Haus nahe der Schweizer Grenze im stürmischen Regen und endet auf einem Feldweg in der Dämmerung. Joël Santoni verlegte Joan Aikens 1972 erschienenen Roman TOTE REDEN NICHT VOM WETTER (Died on a Rainy Sunday)[1] von England nach Frankreich und inszenierte einen Thriller, der langsam seinen Spannungsbogen aufbaut, wobei auf sehr raffinierte Weise das Publikum in ein „Wechselbad der Gefühle“ getaucht wird.[2]
Handlung
David (Jean-Pierre Bacri) und Élaine Briand (Nicole Garcia) leben mit ihrer siebenjährigen Tochter Cric (Cerise Leclerc) in einem von David konstruierten, einsam gelegenen Haus, dessen Automatiken ein modernes Smart Home vorwegnehmen. Da David häufig auf Reisen ist, beginnt Élaine sich zunehmend isoliert zu fühlen. Außerdem hat das Paar finanzielle Sorgen. Eines Tages stellt David einen körperlich behinderten Mann, Cappy Bronski (Jean-Pierre Bisson), als Gärtner und dessen Frau Hazel (Dominique Lavanant) als Babysitterin ein. Wie die Briands haben auch die Bronskis eine kleine Tochter, Betty (Céline Vauge), die im gleichen Alter wie Cric ist. David war einst ein angesehener Architekt, bis er an einem Bauskandal beteiligt war, bei dem mehrere Menschen getötet oder schwer verletzt wurden. Die Betroffenen und deren Angehörige wurden aufgrund von Korruption nie entschädigt, auch die Bronskis sind ins soziale Abseits geraten, nachdem Cappy bei dem Unglück seinen Arm verloren hat und seine berufliche Tätigkeit nicht mehr ausüben kann. Als Élaine wieder als Musikproduzentin in Paris tätig wird, verbringt Cric viel Zeit bei den Bronskis. Cappy plant, sich an David zu rächen.
Interpretation
MORD AN EINEM REGNERISCHEN SONNTAG handelt von zwei Familien, die sozioökonomisch unterschiedlichen Gesellschaftsschichten angehören. Die Nachnamen ähneln sich, alle befinden sich in verschiedenen prekären Lebenssituationen. Davids ‘Smart Home’ bildet einen unheimlichen Kontrast zu dem hinkenden und eine wenig aufwändig konstruierte Armprothese tragenden Bronski. Technischer Fortschritt erhöht einerseits Wohlstand und Komfort, allerdings trifft es diejenigen, die nicht mit dieser Entwicklung mithalten können oder sogar durch sie geschädigt werden, umso härter. Santoni zeigt nicht nur die physischen, sondern auch die seelischen Verletzungen, die die moderne Arbeitswelt und eine gleichgültige Gesellschaft anrichten können. In einer erschütternden Szene reißt Betty Crics Puppe den Arm aus. Heute ist Santonis vielleicht bester Film fast völlig in Vergessenheit geraten.
Quellen:
- [1] Aiken, Joan (1986): Tote reden nicht vom Wetter. Roman. Zürich.
- [2] Bertler, Andreas und Harry Lieber (1993): Hölle auf Erden. Lexikon des Horror- und Powerfilms. München. S. 296
„Erste Horror-Begegnung mit der Alptraum-Sequenz aus NEVER CRY WOLF (1983), mag Unheimliches von den Gebrüdern Grimm bis Clive Barker, am liebsten auf der Leinwand, würde gerne einmal Nosferatu in Murnau sehen und Suspiria am Königsplatz, dazu Weißwürste mit süßem Senf, Soziologe und Kriminologe, Abschlussarbeit über SHINING und CANDYMAN (als Buch erschienen unter dem Titel „Zeichen der Gewalt“, Berlin 2015), Studienleiter bei der Interfilm-Akademie München (Projekte u. a. Kriminologische Filmreihe in Hamburg)“


