Monster Hunter (2020) – Filmkritik

„(Fast) perfektes Attraktionskino“

Filmrezeption kann beizeiten ein wunderbares Eigenleben entwickeln: Paul W. S. Anderson galt mit seinem Debüt SHOPPING dem Kinopublikum einst als unbedingt im Auge zu behaltender Visualist. Spätestens durch sein Mitwirken an den RESIDENT-EVIL-Videospielverfilmungen verspielte der Brite wohl endgültig die letzten Reste Sympathie und galt seitdem eher als Leinwandsatan, in einem Atemzuge mit Michael Bay oder Til Schweiger genannt. Und dann erscheint aus dem digitalen Nichts plötzlich eine (film)akademisch geprägte Masse (ausgelöst durch einen 2009 erschienenen Artikel von Andrew Tracy), die die politique des auteurs annektierten und mit dem sublimieren des Wortes vulgär nun auch endlich lange übersehene Genreregisseur:innen ins filmische Pantheon heben, als da wären etwa John Carpenter, Walter Hill, Brian DePalma, Rob Zombie und… Paul W.S. Anderson. Gehasst von der einen Front, verehrt von der anderen. Allein diese Dialektik der Rezeption macht das filmische Werk dieses Künstlers (?) ungemein spannend. Mit MONSTER HUNTER erscheint am 01.07.2021 die dritte Videospielverfilmung des Mannes, die wir uns hier etwas genauer ansehen wollen.

© Constantin Film

Ein Routineeinsatz einer Soldateneinheit rund um Rangerin Artemis (Milla Jovovich) gerät zum Desaster, als ein Sandsturm die Autokolonne erfasst und in eine mysteriöse „alte“ Welt transportiert, wo eindeutig feindlich gesinnte Kreaturen (die titelgebenden Monster) den Trupp dezimieren, bis nur noch Artemis übrig ist, die sich nun ganz allein in der unbekannten Welt zurechtfinden muss. Hilfe erhält sie von einem mysteriösen Jäger (Tony Jaa). Die Symbiose aus Artemis neuweltlicher- und des Jägers altweltlicher Kampfkunst könnte sich als entschiedener Vorteil im Kampf mit dem Echsenungetüm Diabolus und dem Weltenwächter Rathalos erweisen…

Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Die Story ist ganz schön dünn und nicht mehr als ein Mittel zum Zweck. Denn bei W.S. Andersons Filmen ging es eigentlich noch nie wirklich um das, WAS erzählt wurde, sondern WIE erzählt wurde. Und WIE MONSTER HUNTER erzählt, das ist schon ne Wucht.

© Constantin Film

Gut möglich, dass hier die erste ästhetisch „echte“ Videospielverfilmung vorliegt. Die Erzählung stagniert für einen großen Teil der Laufzeit, Artemis und der Jäger befinden sich an einem etwas größeren Schauplatz, den sie nach und nach erfassen und erkunden. Dies erinnert dann tatsächlich an die Vorgehensweise in einem Videospiellevel, indem man als Spieler:in zunächst mit einem Problem konfrontiert wird und von der Software dann mit der Lösung allein gelassen wird. Deshalb probieren Artemis und der Jäger auch erstmal eine ganze Menge aus, um zu schauen, wie die bedrohlichen Monster sich verhalten, was die nähere Umgebung an Schutzmechanismen hergibt und, vielleicht am wichtigsten, wie man untereinander kommuniziert, schließlich sprechen beide gänzlich verschiedene Sprachen. Das hat zur Folge, dass man als Zuschauer:in fast schon wie in einem guten Krimi mit den Figuren mitüberlegt: Wie man bezwingt man nun den mürrischen Diabolus? Wo ist man sicher vor ihm? Die Immersion wird hier einzig dadurch gebrochen, dass der/die Zuschauer:in eben keine Kontrolle über die Figuren hat, was einen interessanten Reflexionsprozess über die Vor- und Nachteile eines Videospiels im Kopfe der Zuschauer:innen auslöst.

© Constantin Film

Zwischen Jovovich und Jaa herrscht eine glaubhafte Chemie, die auch enorm wichtig ist, schließlich müssen die beiden fast ausschließlich nonverbal miteinander kommunizieren. Andersons Entscheidung, in MONSTER HUNTER größtenteils auf die Aussagekraft seiner Bilder zu vertrauen und den Filmfluss nicht durch unnötige Expositiondumps zu bremsen gehört in höchstem Maße gelobt. Man vertraut darauf, dass die Zuschauer:innen schon selbst in der Lage sind, eine Kette oder selbstgeschnitzte Figuren aufgrund ihrer bisherigen Seherfahrungen zu kontextualisieren und zu interpretieren. Anderson entpuppt sich damit mal wieder als einer der gerissensten postmodernen Filmemacher:innen. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob das bewusste Ausstellen eben beschriebener Leerstellen, die vom Publikum mit Sinn beladen werden müssen, nun clever oder faul ist, es erschafft aber ein (wenn sicher auch nur placebohaftes) „individuelles“ Sichtungserlebnis. Ein wenig wie das environmental storytelling in den DARK-SOULS-Spielen, in denen die Waffen, Rüstungen und Umgebungen, wenn der/die Spieler:in das denn möchten, ihre ganz eigene, wesentlich tieferer Geschichte als die eigentliche Historie erzählen.

© Constantin Film

Die CGI-Monster schauen wuchtig-bedrohlich aus und wenn der Diabolus sich aus dem Sande erhebt, bleibt einem auch gerne mal kurz der Atem weg. Schön übersichtlich sind auch die Kämpfe der Menschen gegen eben jene Ungetüme geraten, stets ist klar, wer hier wen und wie verkloppen will. Leider ist der ganze Film an sich etwas „blutleer“ (in Deutschland gibt es trotzdem eine FSK-16-Freigabe), was die Kämpfe dann hier und da doch etwas artifizieller wirken lässt, als sie eigentlich müssen.

© Constantin Film

Ein schwieriges Thema, das in jedem Falle angesprochen werden muss, zu dem sich der Autor dieses Textes aber aufgrund seiner Ethnizität nicht bestimmend äußern möchte: Hier und da hagelte es stärkere Rassismusvorwürfe gegen Andersons Film. Die Tatsache, dass Jaa als „edler Wilder“ porträtiert sei und ein Kampf gegen die Monster erst mit dem Auftreten der weißen Mila Jovovich möglich sei, wurde garantiert zurecht kritisiert. Der Autor dieses Textes las die Aussage MONSTER HUNTERS aber gänzlich anders: Anderson propagiert hier eine Völkerverständigung über bloße Marker wie Ethnizitäten, Geschlecht und Herkunft hinweg und stellt diese im Angesicht einer gemeinsamen Bedrohung als unwesentlich da, was vor Allem im Schlussbild ofenkundig wird, welches, so viel sei verraten, die Zuschauer:innen mit einem der breitesten Grinsen dieses Kinosommers aus dem Saale geleiten wird. Dass die Vorwürfe des Rassismus gegenüber MONSTER HUNTER existieren, soll hier aber auf keinen Fall abgesprochen werden, das Urteil darüber dürfte von der Leseweise der Zuschauer:innen abhängig sein.

© Constantin Film

Fazit

Ein besseres Attraktionskino, um das Wiedereröffnen der Lichtspielhäuser zu feiern, kann man sich eigentlich nicht vorstellen. Anderson gelingt mit MONSTER HUNTER die Art von fast schon vergessenem Blockbusterkino in das sowohl primär Unterhaltung suchende Zuschauer:innen, als auch nach tiefen Bedeutungen suchende Akademiker:innen Hand in Hand und jubelnd aus dem Saal stürmen können.

Eine fast reibungslose Kinoachterbahnfahrt, die einen für 100 Minuten den Alltag vergessen macht und seine eigene Produkthaftigkeit so dreist stolz-geschwellt vor sich herträgt, dass es eine wahre Freude ist, sich diesen „Schund“ diebisch grinsend mit einem großen Eimer Popcorn oder einem Reclam-Notizbuch einzuverleiben. Allein gesehen zu haben, wie W.S. Anderson es schafft, in einer antiken und mystischen Welt Product-Placement zu betreiben, lohnt fast schon den Ticketkauf.

Kino, sowohl für abenteuerlustige Kindsköpfe, als auch für studierte Frederic-Jameson-Expert:innen.

© Fynn

Titel, Cast und CrewMonster Hunter (2020)
Poster
RegisseurPaul W.S. Anderson
ReleaseKinostart: 01.07.2021

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Trailer
BesetzungMilla Jovovich (Artemis)
Tony Jaa (Hunter)
Ron Perlman (The Admiral)
T.I. (Lincoln)
Diego Boneta (Marshall)
Meagan Good (Dash)
Josh Helman (Steeler)
Jin Au-Yeung (Axe)
Hirona Yamazaki (Handler)
Jannik Schümann (Aiden)
Nanda Costa (Lea)
DrehbuchPaul W.S. Anderson
Vorlagebasiert auf der Videospielreihe MONSTER HUNTER von Kaname Fujioka
FilmmusikPaul Haslinger
KameraGlen MacPherson
SchnittDoobie White
Filmlänge103 Minuten
FSKAb 16 Jahren

3 Gedanken zu „Monster Hunter (2020) – Filmkritik“

  1. „Spätestens durch sein Mitwirken an den RESIDENT-EVIL-Videospielverfilmungen verspielte der Brite wohl endgültig die letzten Reste Sympathie und galt seitdem eher als Leinwandsatan, in einem Atemzuge mit Michael Bay oder Til Schweiger genannt. “

    Ich finde diese Aussage unsäglich bis unverschämt!

    Ein Fan von Paul wie auch seiner Gattin Milla.

  2. Tolle Review, die voll und ganz meine Meinung wiederspiegelt

    Mit mehr als schlechten Erwartungen bin ich in den film, ich wollte nur paar coole monster aus meinem lieblingsspiel auf großer Leinwand sehen, aber was da geliefert wird:
    Dark souls Erzählweise und auch paar visuelle Reminiszenzen davon
    Handlung auf Niveau der Spiele,
    Die monster sehen super gut aus
    Story hat mir auch richtig gefallen, ging Schlag auf Schlag, paar Denkanstöße in Richtung Umwelt waren auch dabei

    Ich freu mich schon auf die FortsetzungEN.

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