Monsieur Killerstyle (2019) – Filmkritik

Kleider machen bekanntlich Leute. Aber was sagt eine echte Wildlederjacke in unserer aufgeklärten Zeit über ihren Träger aus. Vielleicht, dass er Wert auf Qualität legt und gern ein langlebiges Kleidungsstück tragen möchte? Oder der Besitzer ist ein Jäger, isst gern Fleisch und denkt Tierhaut am Körper würde ihn imposanter erscheinen lassen. In MONSIEUR KILLERSTYLE lässt sich keiner von beiden Typen in der Hauptfigur finden, vielmehr treibt eine Fransen-Wildlederjacke ihren Besitzer in die Schizophrenie und dieser verliert jeglichen Bezug zu Moral. Oder war er schon vorher des Wahnsinns bester Freund?

© Koch Films

Handlung

George (Jean Dujardin) fährt durch halb Frankreich in die Alpen, um eine Hirschlederjacke zu kaufen. Gut 7.500 € legt er für das italienische Stück mit Fransen auf den Tisch. Der Verkäufer ist so glücklich, dass er ihm eine Digitalkamera als Bonus schenkt. George will aber nicht heimfahren, er hat keinen Grund mehr, denn seine Frau will nichts mehr von ihm wissen. Er mietet sich in einer Pension in den Bergen ein und nutzt seinen Ehering als Anzahlung, denn das Ehekonto ist nach dem Jackenkauf gesperrt. In der kleinen Ortskneipe lernt er die Barkeeperin Denis (Adèle Haenel) kennen. George will nicht nur mit der Jacke Eindruck machen, sondern gibt sich als Filmregisseur aus. Denis ist Cutterin und sofort an seiner Arbeit interessiert. Die Lüge ist aber nicht sein größtes Problem, denn seine neue Jacke gibt ihm den Auftrag alle Jacken auf dieser Welt zu vernichten. Sie will die einzige sein. Aber wie soll man die Bewohner in den Bergen überreden ihre Jacke im Spätherbst herzugeben?

© Koch Films

Ein Film seines Meisters

Hinter MONSIEUR KILLERSTYLE steckt das französische Film- und Musiktalent Quentin Dupieux (Mr. Oizo). Es ist schon von Vorteil, einen seiner vorherigen Filme wie zu Beispiel RUBBER (2010) oder WRONG COPS (2013) zu kennen. In stets visuell starken Bildern treffen schräge Figuren auf noch schrägeren Situationen. Immer mit Platz für Interpretationen, aber es wird nie zu sehr mit der Symbolikkeule ausgeholt. Etwas Deutung auf der Metaebene gibt es auch, vor allem hier wird das Filmemachen als solches auf die Schippe genommen. Ein Typ, der sich mit einer Amateur-Hobbykamera selbst filmt, wird gleich ernst genommen. Aber er hat sich die Rolle nicht ausgesucht, die Idee wurde ihm zugespielt, quasi in der Kneipe hat er sich zum Regisseur verwandelt. Noch schnell ein Buch übers Filmemachen klauen und schon kann es losgehen. Vielleicht ist es aber auch sein unverwechselbarer Kleidungsstil, denn zu der Jacke kommen noch die passenden Wildlederstiefel und -handschuhe, der passenden Wildlederhut und eine Fransenhose darf auch nicht fehlt. Georges ganzen Outfit schreit nach Extrovertiertheit und dem Klischee des Künstlers.

© Koch Films

Die Figuren

Die französische Schauspiel- und Sängerlegende Jean Dujardin (THE ARTIST, DER UNBESTECHLICHE) legt die Figur von George pragmatisch, gruselig und immer einen Tick kurz vorm Ausflippen an. Von Sympathieträger kann man nicht sprechen, denn sein Werdegang zum Serienmörder zeigt sich bereits in den ersten Minuten. Für die Rolle ist seine Performance maßgeblich, aber als Zuschauer geht man vor Einschüchterung sofort auf Abstand zu diesem Gesellen. Er wirkt allein, verletzlich und dreht wie ein Raubtier im Käfig seine Runden. Ihm ist nicht zu trauen.

© Koch Films

Zugänglicher ist Adèle Haenel (PORTRAIT EINER JUNGEN FRAU IN FLAMMEN) als Denis, die sich von einer naiven Kellnerin zur selbstbewussten ausführenden Produzentin entwickelt. Die beiden Protagonisten verschwimmen durch ihren Modestil geradezu mit ihrer Umgebung, den Räumen aus Holz und ihren pastellfarbenen Stoffen. Das zeichnet die echten Wildtiere in ihrer Umgebung aus, das Tarnen. Nur, dass es sich hier um den berühmten Wolf im Schafspelz handelt. Wie immer für die Filme von Quentin Dupieux ist auch in MONSIEUR KILLERSTYLE keine Jahreszeit der Handlung auszumachen. Die Technik ist auf dem Stand der 1990er-Jahre, aber die Geschichte könnte sich erst kürzlich in einem Bergdorf zugetragen haben.

© Koch Films

Zugang mit Hindernissen

Abgesehen von den beeindruckenden Bildern, landschaftlich wie auch bei den Innenszenen, stellt MONSIEUR KILLERSTYLE vor allem durch die Filmmusik – dieses Mal nicht von Regisseur Quentin Dupieux, sondern von Janko Nilovic – einen gefühlvollen, fast schon liebevollen Bezug zur Natur her. Was die Haupt- und Nebenfiguren an schräger Distanz ausmachen, gleicht die Kamera und der Score wieder aus. Nicht nur der Protagonist George scheint unter Persönlichkeitsspaltung zu leiden, sondern auch der Jagdgeschichten-Erzähler Dupieux (Regie, Kamera und Filmschnitt). Zum Glück gibt es immer wieder ein paar herzliche Lacher, bei denen man sich etwas entspannen kann. Wenn das Vertrauen zum Film aufgebaut ist, knallt das Ende überraschend aus den Bergen. Über dieses abrupte, aber logische Finish tröstet der Killer-Soul-Song „Don’t Make The Good Girls Go Bad“ von Della Humphrey aus dem Jahr 1968 hinweg.

© Koch Films

Fazit

Fans des Regisseurs könnten vielleicht etwas enttäuscht sein, weil MONSIEUR KILLERSTYLE, der im Original viel treffender LE DAIN (übersetzt DAS REH) heißt, vergleichsweise der Biss fehlt. Und der treffende schwarze Humor setzt auch nur punktuell in diesen kurzweiligen 77 Minuten ein. So eine originelle Serienkillergeschichte kennt wohl niemand: Eine Wildlederjacke, die die Weltjackenherrschaft an sich reißen will. Das kann man ruhig mal gesehen haben und als Prolog zu einem schrägen Filmabend reicht MONSIEUR KILLERSTYLE allemal.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewMonsieur Killerstyle (2019)
OT: Le Daim
Poster
Releaseab dem 24.09.2020 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurQuentin Dupieux
Trailer
BesetzungJean Dujardin (Georges)
Adèle Haenel (Denise)
Albert Delpy (Monsieur B.)
Coralie Russier (Hotelnachbarin)
DrehbuchQuentin Dupieux
KameraQuentin Dupieux
FilmmusikJanko Nilovic
SchnittQuentin Dupieux
Filmlänge77 Minuten
FSKab 16 Jahren

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