Moby Dick (1956) – Filmkritik & Review des Mediabooks

„Das Weiße im Auge“

Archetyp

Die tierische Rohheit, das Animalische, ist seit Menschengedenken Sinnbild für die Urgewalt des Lebens selbst. Wir als Menschen sind ja die Letzten in einer Entwicklungskette, alles andere war vor uns da. Unserem destruktiven Wahn, der Tatsache, dass wir die gefährlichsten aller Lebewesen sind, ist unsere singuläre Sinnsuche und Kunstfertigkeit entgegenzuhalten: etwas wodurch wir Menschen sicherlich am nachhaltigsten die Wahrhaftigkeit der Natur begreifen und in Bildern und Geschichten unermüdlich ihrer Faszination nachspüren… auch wenn es letztlich nichts bringt und wir unser Umfeld immer weiter zerstören. Für das, was wir Menschen (so lange Zeit) nicht verstanden haben, wo wir vom Mysterium des Vitalen eingeschüchtert und verschreckt wurden, haben wir ebenjene Bilder und Geschichten erschaffen: Sagen, (Schauer-)Märchen, allgemein Parabeln auf die größeren Kräfte dieser Welt. In der Naturgewalt fand der Mensch schnell seinen Meister: stärker, gewaltiger, elementarer als er selbst, aus ihr heraus geboren, sich ihr immerzu widersetzend. (Ab-)Bilder des Tierischen dienten dabei seit jeher zur Reflexion unserer eigenen animalischen Triebe. Nicht alle tierischen Metaphern überragen den Menschen an Größe, oftmals sind es einzelne Merkmale, etwa brillantes Sehvermögen bei Nacht, die Fähigkeit, schneller zu laufen, zu schwimmen oder gar zu fliegen, oder sich perfekt zu tarnen. In der Natur findet der Mensch beständig seine Vor-Bilder. Wir lernten schnell, eines der zunächst unspektakulärsten Lebewesen zu sein und kompensierten unsere Gewöhnlichkeit alsbald mit unserer besonderen Fertigkeit und Intelligenz, der Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen und mit unserem Wissen und unseren Werkzeugen den urbanen Raum zu erschaffen und beherrschen.

„Immer wenn ich verzagt und unzufrieden bin, wenn mich die größte Lust packt, auf offener Straße jemanden anzurempeln, wenn es trübe wie ein Novembertag in meiner Seele aussieht, dann weiß ich, es ist Zeit für mich, wieder auf See zu gehen. Welchen Weg man auch einschlägt, er führt einen unfehlbar zum Wasser. Das Wasser hat eine magische Anziehungskraft. “ – Ismael in MOBY DICK

Doch in unserem Herzen treibt es uns immer wieder zum Urgewaltigen, hinein in die Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit der Natur. Existenzielle Geschichten rund um das Recht des Stärkeren sind zur Hauptsendezeit nach wie vor das beste Programm, weit publikumswirksamer als der kommende Mathematikwettbewerb oder die nächste Schachmeisterschaft. Es ist das Tierische in uns selbst, das uns so nah an den Typus dieser Geschichten rückt. Und immer wieder heißt es dann eben doch: size matters! Der sichtbar überlegene Gegner muss her, je größer und gefährlicher, umso virtuoser der Kampf. Jedes Kind weiß: der Wal, das ist ein ganz großer Bursche, der größte, um genau zu sein. Nicht umsonst hieß Herman Melvilles Roman „Moby-Dick“ (1851) im Zusatztitel schlicht und ergreifend „or, The Whale“ (dt.: „oder: Der Wal“). In der Geschichte wird dieser riesige Pottwal immer wieder mit etwas noch Urgewaltigerem verglichen: mit einem Berg, so weit und hoch, schneebedeckt obendrein, gemäß der gespenstischen Farbe des Tieres.

MOBY DICK (1954)

© Capelight Pictures

Ein Archetyp beschreibt die Urform des Seienden. Von den bekannten zwölf Archetypen treffen fast alle auf die Figuren in Melvilles geradezu biblischer Geschichte zu: Der Schöpfer, Der Herrscher, Der Zerstörer, Der Suchende, Der Krieger, Der Narr, Der Magier, Der Gebende, Der Liebende, Der Verwaiste, Der Unschuldige, Der Weise. Vom Schöpfer, dem Herrgott, ist zu jeder Zeit in „Moby-Dick“ die Sprache: alles muss gesegnet sein, kirchlich beauftragt und betreut, Bibeln werden verteilt, donnernde Reden von der Kanzel gelassen, selbst viele Namen sind biblisch. Auf dem Walfänger-Segelschiff „Pequod“ finden sich dann gebündelt sämtliche weiteren Archetypen – mit Ahab selbst als Herrscher, Krieger, Zerstörer, Suchender, Narr und sogar Magier in Personalunion. Letzteres kommt noch in Hustons Film ganz wunderbar heraus, wenn der Kapitän in einer der bemerkenswertesten Szenen seine Mannschaft mit Rum und Gold unwiderruflich verhext. Moby Dick schließlich wird auch im Film immerzu als „der gefährlichste von allen“ bezeichnet, das Bild des Wals eilt seiner manifestierten Erscheinung als rasendes Tier noch in verkleinerten Ab-Bildern voraus: gleich zu Beginn als Wappentier auf einem Schild außerhalb der Gaststätte, in der der Erzähler Ismael (Richard Baseheart) auf die ersten Matrosen trifft, dort sogleich wieder in Form eines düsteren Gemäldes, das im Blitzlicht des Gewitters durch ein Fenster hindurch schauerlich erhellt wird, und schließlich in den Büchern (und ihren Zeichnungen) innerhalb der Geschichte selbst, wenn diese vom Walfang und den vorangegangenen Abenteuern auf hoher See berichten. Dadurch entwickelt sich der Wal zu einem archetypischen Bild im Kopf der Lesenden und Zuschauenden, durch Impressionen und Vorahnungen erwächst in unserem Bewusstsein ein Bildnis, das nur darauf wartet, endlich auszubrechen und physische, lebensgroße Gestalt annehmen zu dürfen. Ganz ähnlich wie Moby Dick wird auch sein menschliches Gegenüber, Kapitän Ahab, etabliert. Zwei (überlebens-)große Rivalen, deren Wege sich früher oder später auf den Punkten einer Seekarte einfach kreuzen müssen. Ahabs Wahn wird dabei schnell offensichtlich: „Ich würde sogar die Sonne angreifen, wenn sie mir etwas zuleide täte!“, raunt er einmal sichtlich beleidigt zu seinem ersten Steuermann Starbuck (Leo Genn), der sogleich zurückweicht und auf einen Fortgang des Gesprächs verzichtet.

© Capelight Pictures

Es ist das schiere existenzielle Ausmaß, das Melvilles Roman und ebenso den hier besprochenen gleichnamigen Farbfilm von John Huston aus dem Jahr 1956 so außergewöhnlich macht (beide wurden bei ihrem Erscheinen jeweils spärlich beachtet). Es geht um das Äußere, Eindrucksvolle, Große sowie zudem – entscheidend – um die inneren Dimensionen: Leidenschaft und Wagemut, Liebe, Hass und Besessenheit und schließlich existenzielle Gewalt, der schiere Kampf auf Leben und Tod. In den Archetypen spiegeln sich all diese elementaren Eigenschaften. Die unendliche Weite des Meeres in MOBY DICK, im Buch wie im Film, ist nichts anderes als die ultimative Metapher für die unermüdliche Leidenschaft und Durchhaltekraft des Menschen, seinem Willen, sich dem puren Abenteuer entgegenzustellen; das blendende Weiß des Wals wiederum, sein tonnenschwerer, meterlanger Körper und sein mit elfenbeinernem „Gitterwerk“ bestücktes riesiges Maul ist das absolute Sinnbild für den Tod in Übergröße. Indem die Dimensionen so klar definiert sind, die Gegensätze zwischen Mensch und Natur, zwischen rachsüchtigem, versehrtem Mann und ungeheuerlichem Tier so eindeutig, kann sich die Geschichte auf einer ganz grundlegenden Ebene entfalten.

MOBY DICK (1954)

© Capelight Pictures

Melvilles Roman und Hustons filmische Adaption zehren von der Unmittelbarkeit des Geschehens, wobei es letztlich keinen Gewinner geben kann. In ihrem Abgesang auf das gewaltsame – unausweichliche – Verhältnis zwischen Mensch und Natur stecken beide Werke wiederum voller Facetten, voller vielfältiger Windstöße und Strömungen in Bezug auf das Leben selbst. Im Rahmen der an sich überschaubaren Grundgeschichte vermögen diese Details, sich immer weiter zu entfalten und immer wieder eine neue Richtung einzuschlagen, ganz ähnlich der Pequod, auf der Ahab seither Jagd auf den Wal macht, der ihm einst ein Bein vom Körper gerissen hatte. 900 Seiten umfasst Melvilles „Moby-Dick“; im von Ray Bradbury mitverfassten Drehbuch wurde die Geschichte „auf wesentliche Kernmomente reduziert und lange, erklärende Passagen mussten in kurzen, prägnanten Dialogen zusammengefasst werden. Bradbury und Huston konzentrierten sich deshalb auf die inneren Konflikte, die die Hauptfiguren aushalten mussten, auf die wachsende Spannung der Jagd und die Atmosphäre auf dem Walfänger“ (Ines Walk im Booklet dieser Mediabook-Edition).

© Capelight Pictures

Eindrückliche Bilder

Doch nicht nur die Arbeit am Drehbuch dauerte mit sechs Monaten außerordentlich lange. Um dem Geist der Romanvorlage zu entsprechen, mussten entsprechende Bilder kreiert werden, um die Intensität der Geschichte bestmöglich zu vermitteln. Drei Jahre drehte John Huston MOBY DICK, das für damalige Verhältnisse bombastische Budget von 3 Millionen Dollar schwoll auf 4,5 Millionen an. MOBY DICK wurde immer größer. Doch der Reiz, die besondere Qualität, wonach wir noch heute derart von Hustons filmischer Adaption fasziniert sind, ist die künstlerisch hochwertige Bildsprache. Zusammen mit Kameramann Owald Morris erschuf Huston eindrückliche Bilder von wahrhaft malerischer Qualität, beide sind zusätzlich im Vorspann als Schöpfer des Farbstils des Films genannt („Color Style created by…“). Egal ob die spektakulären, weiten Naturbilder oder imposante Porträts in (Halb-)Nahen – eigentlich jeden Bildausschnitt aus MOBY DICK könnte man sich einrahmen und ins Wohnzimmer an die Wand hängen. So ist auch Orson Welles’ prägnante Rede als Pfarrer von der Kanzel in Form eines Schiffsbugs unvergessen. Wenn er, den Kopf leicht zur Seite gedreht, in vollem Profil samt langem, grauem Rauschebart zu seinen „Kindern“ spricht, so scheint seine Darstellung direkt einem Gemälde der Hoch- oder Spätromantik zu entspringen.

MOBY DICK (1954)

© Capelight Pictures

Der ganze Film ist entsprechend symbolhaft-bildlich aufgeladen. Durch das Technicolor-Verfahren ragen einzelne Elemente – das Blau des Ozeans, das tiefrote Blut beim Walfang oder eine blendend-güldene Münze in der Mittagssonne – besonders Kontrastreich unter dem ansonsten chromatischen Farbkonzept hervor. Huston übersetzt den zuvor angesprochenen Umfang von Melvilles Vorlage in eine Selektion markanter Bilder. Dokumentarische Inspiration (die authentische Darstellung des Walfangs, die Prozesse auf Deck der Pequod) wechselt sich ab mit theatralischer Intensität, nicht zuletzt in den beängstigenden Nahaufnahmen von Gregory Pecks unsterblicher Physis als Ahab: seine weit aufgerissenen Augen, die breite Narbe über seiner linken Gesichtshälfte, die bereits den Ansatz seines an Landes-Urvater Abraham Lincoln erinnernden Bart ergrauen lässt – in seinen Kernmomenten verdichten sich die Bilder in MOBY DICK zu etwas zutiefst Ikonischem. Unvergessen sind die bildlichen und tonalen Metaphern für Wahn, Hass und Gier: Queequegs (Friedrich von Ledebur) vorzeitiger Wunsch nach einem Sarg, der vom Zimmermann aus dem gleichen Holz gemacht werden soll wie das Schiff selbst; das unheilvolle Klopfen bei Nacht, wenn der schlaflose Kapitän mit seinem Walknochen-Bein über Deck schreitet und die Besatzung – und wir – unter vollster Anspannung seinem hörbaren Gang folgen; die goldene Dublone, die Ahab als mögliche Belohnung an den Schiffsmast nagelt und somit die Raffsucht und den Todeswunsch seiner Männer auf Moby Dick diabolisch anheizt; und nicht zuletzt das finale Duell zwischen beiden Ungeheuern, Ahab und „seinem“ Wal, wenn sich beide zuletzt Auge in Auge anblicken und in ihrem Gegenüber nichts anderes als sich selbst erkennen. Das Weiße im Auge reflektiert jeweils die ultimative Todessehnsucht, Ahabs und Moby Dicks äußere Merkmale (die weiße Narbe, der Wal „so weiß wie der Schnee“) sind einmal mehr Metaphern für ihre bereits zerfetzten, leichenhaften Seelen. Die zahlreichen Actionszenen waren dabei in ihrer Dynamik lange unübertroffen, es war ein Wunder, dass bei den Dreharbeiten Niemand umkam, ist im Booklet zu lesen. MOBY DICK ist ein Film über die Unausweichlichkeit der Natur, einen eternal conflict, den Kampf ums Recht des Stärkeren, gemeißelt in höchst originelle Bilder, die noch heute in ihren Bann ziehen.

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Das Mediabook von capelight pictures

Mit dem hierzulande erstmals erhältlichen HD-Remaster von MOBY DICK liegt durchaus eine Referenz-Edition für den deutschen Heimkinomarkt vor, die im sorgfältig kuratierten Mediabook ihre würdige Entsprechung findet. Nach einigen eher weniger spektakulären Filmen, die in letzter Zeit im Mediabook-Format (zusätzlich) ausgewertet wurden, findet capelight mit MOBY DICK zu alter Stärke zurück und dürfte Klassiker-Fans und Sammler aller Genres gleichermaßen beglücken. Der Film liegt, wie bereits erwähnt, remastered auf Blu-ray-Disc vor, in Originalsprache auf Englisch sowie auf Deutsch, und hier gleich in zwei verschiedenen Tonfassungen („Mono“ und „Mono Alternativer Mix“, letzterer als voluminöserer Upmix der deutschen Kinosynchronisation, wodurch dieser noch etwas besser klingt als die englische OV). Die isolierte Tonspur nur mit Musik zähle ich nicht als Extra, sondern lediglich als separates Tonformat. Untertitel zum Hauptfilm gibt es auf Deutsch und Englisch, auch wenn die englischen UT nicht auf dem Datenblatt des Backcovers erwähnt werden.

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Im 3-Disc-Mediabook ist der Hauptfilm zusätzlich auf DVD enthalten… das einzige Manko, wenn man so möchte, da dieses Medium seit Jahren veraltet ist und sich dessen Mehrwert nicht mehr erschließt. Wer den Film auf DVD schauen möchte/muss, wird sich den Kauf des Mediabooks ohnehin überlegen, da die dritte (Bonus-)Disc wieder eine Blu-ray ist. Auf letzterer, um den Kreis zunächst zu schließen, ist die hervorragende Dokumentation MYTHOS WAL (90 Min., 2018) in bestechender Qualität enthalten – neben der HD-Version des Kinofilms definitiv das Hauptargument für den Kauf dieser Edition. Hier begleiten wir zunächst den australischen Walschützer Doug Coughran bei seiner wichtigen und auch gefährlichen Arbeit, sitzen mit seinem Team mitten auf hoher See in einem kleinen Boot und schwimmen und tauchen Seite an Seite mit den tonnenschweren Meeressäugern im Wasser. Doch MYTHOS WAL ist nicht bloße Naturdoku mit schönen Bildern (und die Bilder sind wirklich sehr beeindruckend), es wird sich auch intensiv mit der Geschichte des Walfangs auseinandergesetzt, Herman Melvilles Erbe beleuchtet und die berühmte Fischerstadt New Bedford (USA) besucht, wo der Autor selbst gelebt und gearbeitet und seine Inspiration für „Moby-Dick“ am eigenen Leib erfahren hatte. Und dann tauchen wir noch tiefer in die Welt der Wale ein und hören u. a. dem Bioakustiker Roger Payne aufmerksam zu, der seit Jahrzehnten die Kommunikationsform der Wale untersucht und berichtet, wie Walgesänge die Menschen immer häufiger zum Weinen brachten. Immer wieder werden zudem Parallelen zu Mythos und Literaturgeschichte eingestreut: Jona und der Wal aus der Bibel, der sich wandelnde Ruf der Tiere, das Ende des Walfangs, einmal mehr MOBY DICK und die populärkulturelle Aufarbeitung. Es wird also über die gesamte Doku hinweg tief ins Herz der See geschaut und zahlreiche interessante Aspekte der Wale, zoologisch sowie soziohistorisch und kulturell, in Verbindung mit dem Menschen, beleuchtet. Diese Dokumentation ist ein überaus gelungenes Extra! Sie rechtfertigt in vollem Maße das Format des Mediabooks für diese Edition.

© Capelight Pictures

Als weiteres Extra ist auf den Filmdiscs noch ein englischer Audiokommentar zu MOBY DICK enthalten (tatsächlich mit dt. UT, auch das hätte man auf dem Datenblatt des Backcovers durchaus erwähnen können, die Option findet sich dann im Menü). Dieser wurde eingesprochen von den US-amerikanischen Filmexpert*innen Julie Kirgo, Paul Seydor und Nick Redman und bietet kompetenten Mehrwert, mit Fokus auf etliche Aspekte rund um das Werk (Romanvorlage, Bildgestaltung, Darsteller u. v. m.) und regelmäßig szenenspezifisch, auch analytisch und mit wissenschaftlichem Hintergrund, dabei aber stets verständlich und auch unterhaltsam. Insgesamt haben die Kommentierenden einen guten Rhythmus, wirken solide, dabei entspannt und ergänzen sich sehr gut in Bezug auf das jeweilige Fachwissen. Das wunderschön gestaltete Booklet mit einem Text von der filmhistorisch versierten Autorin Ines Walk weiß ebenfalls zu überzeugen, berücksichtigt hier in acht kleinen Unterkapiteln die wichtigsten Facetten von Adaption/Drehbuch, Regie, Kameraarbeit und Hauptdarsteller, auch wenn hierbei für meinen Geschmack der „Mythos Wal“ etwas zu wenig zur Sprache kommt – aber dafür gibt es ja die bereits erwähnte, tolle Bonus-Blu-ray mit der entsprechenden Dokumentation. Einzig die Featurette „A Bleached Whale: Recreating the Unique Color of Moby Dick“ von der Twilight Blu-ray (USA, 2016) wäre noch eine würdige Ergänzung gewesen; schade, dass man dieses Extra über das Remastering bzw. die Farbwiederherstellung von Hustons Film nicht lizenzieren konnte.

MOBY DICK (1954)

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Alles in allem liegt hier ein Rundum-sorglos-Paket vor, auch wenn ich mir bei der Bildqualität noch nicht zu 100% sicher bin: generell beeindruckend und dem ersten Anschein nach eine deutliche Verbesserung zu den bisherigen Blu-rays/DVDs, schieben sich doch immer wieder auch digitale Artefakte ins Bild – einmal besonders auffällig bei einer Abblende und darauf folgender Aufblende, wo die Simulation einer filmisch-analogen Haptik leichte Risse bekommt. Auch scheint bei wenigen Stellen (Close-ups der Protagonisten) ein wenig nachgeschärft worden zu sein. Aber diese Momente bilden eher die Ausnahme und tun dem schönen Gesamterlebnis kaum Abbruch: insgesamt überzeugt der Eindruck einer filmischen Sehqualität, das Filmkorn ist durchweg sichtbar und versprüht zusammen mit den rekonstruierten Farbtönen der Originalpalette von Technicolor (Druckkopien) bzw. Eastman Color (Filmnegativ) einen filmhistorisch akkuraten Look. Die Farben erscheinen ja auf Wunsch des Regisseurs zumeist chromatisch bzw. verwaschen, das sollte man bei Sichtung des Films unbedingt wissen. Auf die Farbrekonstruktion wird auch in einer kleinen Texttafel zu Beginn hingewiesen, jedoch erschließt sich erst relativ versteckt im englischen Audiokommentar, wie genau bzw. wer die Farbrekonstruktion bzw. das Remastering durchgeführt hat, nicht jedoch, was für den deutschen Markt hierzu ggf. noch zusätzlich gemacht wurde – bei einem solchen Erbe der Filmkunst wäre etwas mehr Transparenz schön: schnelle, direkte Informationen über das verbesserte Format, am besten mit ein paar Zeilen im Booklet. Auch wenn es sich um die derzeit wohl beste HD-Auswertung weltweit handelt, liegt hier – ich selbst habe die Blu-ray zweimal kurz hintereinander auf zwei verschiedenen TV-Geräten (Samsung LED 55” sowie LG Plasma 42”) geschaut – keine vollständig neue Restaurierung vom Originalnegativ vor. Vielmehr wurde das bisher verfügbare HD-Master überarbeitet und insgesamt möglichst genau an den Look der ursprünglichen Kinoversion angeglichen. Eine ähnlich aufwändige Restauration/Rekonstruktion wie zuvor bei ROLLERBALL sollte man also in keinem Fall erwarten.

© Capelight Pictures

Zuletzt noch ein Wort zur Haptik des Books selbst: hier hat man wieder, und höchst passend, auf jene strukturierte Oberfläche zurückgegriffen, die bereits bei den Mediabook-Editionen zu HEAVEN’S GATE und DIE LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE Anwendung fand. In kräftigen Farben prangt vorne ein auf Deutsch neu gestaltetes Artwork auf Basis des monumentalen belgischen Plakatmotivs, auf der Rückseite der eindrückliche Ausschnitt des zerstörerischen Wals auf Basis des US-Wiederaufführungsplakats („United Artists“) aus dem Jahr 1976 – in erweiterter Form auch sehr gut erkennbar auf dem Deckblatt des Booklets, mit klarem Bezug zum ein Jahr zuvor veröffentlichten DER WEISSE HAI (JAWS): „Before the Shark there was the Whale“.

Fazit

Alles in allem liegt hier eine vorbildliche, liebevoll gestaltete Sammleredition eines der größten Filme überhaupt vor. Der weiße Wal peitscht seinen wuchtigen Körper erstmals in beeindruckendem HD über unsere heimischen Bildschirme. Mit verbessertem Bild und Ton sowie mit gelungenem Bonusmaterial stellt diese Edition von John Hustons Klassiker MOBY DICK eine klare Empfehlung für alle Sammler und Fans dar. Die Bonus-Dokumentation „Mythos Wal“ auf separater Blu-ray-Disc hebt die Edition in unserer Flux-Gesamtbewertung vom guten Mittelfeld auf Top-Niveau. Hier bekommt man für sein Geld ein umfassend ausgestattetes, wertiges Produkt. MOBY DICK reiht sich mit Wucht in das aktuell etwa ein Drittel der wirklich überzeugenden Mediabook-Editionen des Labels ein – bitte (wieder) mehr davon!

© Stefan Jung

 

Verlosung

In Kooperation mit 35 Millimeter – Das Retro Filmmagazin verlosen wir 3x die brandneue Ausgabe (Nr. 43) des Magazins, welche MOBY DICK bzw. „Tiere im Film“ zum Titelthema hat. Beantworten müsst Ihr uns dafür folgende Frage: Mit welchem Satz beginnt der Roman (nicht der Film) des hier besprochenen Werks? Gefragt wird nach der gängigen deutschen Übersetzung. Hinweis: diese Frage war vor Jahren einmal Millionenfrage bei „Wer wird Millionär?“ – da wir aber taffer sind als Günther Jauch und Kapitän Ahab zusammen, geben wir keine Antwortoptionen vor. Ihr müsst es einfach wissen. Die richtige Antwort sendet Ihr uns bitte bis 12. September per E-Mail an info@blog-fluxkompensator.de oder schreibt sie uns einfach in die Kommentarspalte. Die Gewinner werden per Zufallsgenerator bis 15. September benachrichtigt, der Versand der Hefte erfolgt wenige Werktage später (Auslieferung ab 20. September). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen und unsere Teilnahmebedingungen gelten.

 

Titel, Cast und CrewMoby Dick (1956)
Poster
Releaseab dem 27.08.2021 im Mediabook (Blu-ray + Bonus-Blu-ray + DVD)

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RegisseurJohn Huston
Trailer
BesetzungGregory Peck (Captain Ahab)
Richard Basehart (Ishmael)
Leo Genn (Starbuck)
James Robertson Justice (Capt. Boomer)
Harry Andrews (Stubb)
Bernard Miles (The Manxman)
Noel Purcell (Ship's Carpenter)
Edric Connor (Daggoo)
Mervyn Johns (Peleg)
Joseph Tomelty (Peter Coffin)
Orson Welles (Vater Mapple)
DrehbuchRay Bradbury
John Huston
KameraOswald Morris
MusikPhilip Sainton
SchnittRussell Lloyd
Filmlänge115 Minuten
FSKab 12 Jahren

2 Gedanken zu „Moby Dick (1956) – Filmkritik & Review des Mediabooks“

  1. Nennt mich Ishmael.

    Sehr schöner und interessanter Text zur besten Verfilmung von einem der besten Bücher überhaupt. Kann mir nicht vorstellen, dass es eine bessere Verfilmung geben könnte, außer Denis Villeneuve würde seine Leidenschaft für den Stoff entdecken. Die Dokumentation und der untertitelte Audiokommentar sind für mich hauptkaufargument. Danke!

  2. Gewinnspiel
    Bei der E-Mail-Adresse kam eine Fehlermeldung
    Der erste Satz lautet: “Nennt mich Ishmael”
    Vielen Dank für die Gewinnchance

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