MID90s Kritik zum Film

MID90s – Filmkritik

„Betonträume“

Was macht man, wenn man als Schauspieler mit Anfang 30 bereits mit jeder Menge Regisseure, die Genies in ihrem Bereich sind, zusammengearbeitet hat? Genau, man dreht selbst ein Film und noch besser, man schreibt auch das Drehbuch dazu. Jonah Hill hatte schon einige Unterrichtsstunden bei großen Filmemachern wie Martin Scorsese (THE WOLF OF WALL STREET), Quentin Tarantino (DJANGO UNCHAINED), Joel und Ethan Coen (HAIL, CEASAR!) und Bennett Miller (MONEYBALL) genommen. Es war nun an der Zeit selbst eine Geschichte zu entwickeln. Aber er strebte nicht den großen Genrefilmen hinterher, sondern setzte sich mit seiner Jugend als Skater auseinander und schrieb eine Geschichte über Freundschaft, das Erwachsenwerden und die Motivationen der eigenen Jugend: MID90s.

MID90s Kritik zum Film
vorn: Ray (Na-kel Smith), Fuckshit (Olan Prenatt) hinten: Fourth Grade (Ryder McLaughlin), Ruben (Gio Galicia) // © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC

Handlung

Der elfjährige Stevie (Sunny Suljic) wird von seinem älteren Bruder Ian (Lucas Hedges) drangsaliert und seine Mutter (Katherine Waterston) ist mit ihrer Aufgabe zwei Jungs aufzuziehen überfordert. Was die Mutter aber nicht davon abhält, weiter Männer zu treffen und dem Zuhause möglichst fernzubleiben. Stevie schaut sich nach einer Ersatzfamilie um und findet sie in einer Skaterclique. Nach den ureigensten Riten einer Männerbande, wird er bei den älteren Skatern von Stevie zu „Sunburn“ und gibt in der neu erschlossenen Welt (Skaten, Drogen und Mädchen) Vollgas.

MID90s Kritik zum Film
Stevie (Sunny Suljic) // © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC

Regiedebüt

Jonah Hill hält sich an die wichtigste Regel für ein Erstlingswerk: „Schreib über das, womit du dich auskennst“. Auch wenn sein junges Ich in den Figuren aus MID90s kaum zu finden ist, hat Hill seine Jugend auf dem Skateboard verbracht. Sogar direkt an dem Gerichtsgebäude in L.A., wo es auch in diesem Film eine Szene gibt. Dorthin kehrte er zurück und begann eine Geschichte über die Jugend in den 90er Jahren zu schreiben. Der Filmbeginn ist bereits eine Verehrung dieses Jahrzehnts: Stevie – im STREET FIGHTER II T-Shirt – schleicht unerlaubt in das Zimmer seines älteren Bruders, schreitet dessen heilige Turnschuhe und Basecaps ab, notiert sich Alben aus dem CD-Regal und stemmt ein paar Gewichte. Aber der größere Bruder eignet sich nicht gerade als Idol. Zu starke Launen und eine seltsame Fassade, die nicht er zu sein scheint, lassen ihn für diese Rolle ausscheiden. Stevie findet aber Vorbilder in einem bunten Haufen von Skatern, die ein paar Jahre älter sind als er. Sie scheren sich nicht um ihre ethnisch verschiedene Herkunft und träumen davon einmal wie Profi-Skater um die Welt zu reisen. Selbst Fuckshit, der als einziger aus einem wohlhabenden Elternhaus kommt, wird deswegen nicht verspottet. Hier hänselt keiner den anderen und die Rebellion findet im Vollpöbeln von Sicherheitsmännern und Drogen ihre Ventile.

MID90s Kritik zum Film
Ray (Na-kel Smith), Fuckshit (Olan Prenatt) // © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC

Die richtige Wahl

Der Film ist kein Abklatsch von KIDS (1995). Das macht schon die Optik klar: Streng im 4:3-Format auf 16 mm Film gedreht, wirkt er doch zuallererst wie ein Skatevideo aus den 90er Jahren. Aber die Geschichte zeichnet komplexe Figuren und die Gespräche untereinander verraten mehr über die Protagonisten. Die Filme von Gus van Sant könnten wohl hierfür die größte Inspirationsquelle gewesen sein. Vor allem PARANOIA PARK, nicht nur wegen der Skater-Thematik, scheint Einfluss auf Jonah Hill gehabt zu haben. Dies liegt auch an der Wahl der Hauptdarsteller, die außer Sunny Suljic keine Schauspielerfahrung für dieses Filmprojekt mitbrachten und von Hill mehr oder weniger vom Skaterplatz wegecastet wurden. Auffallend ist auch, wie er die Präsenz der Profi-Schauspieler Katherine Waterston (PHANTASTISCHE TIERWESEN, ALIEN COVENANT) und Lucas Hedges (MANCHESTER BY THE SEA, ERASED BOY) gekonnt in den Hintergrund setzt, damit die Freundschaft der Fünf authentisch bleibt.

MID90s Kritik zum Film
Ian (Lucas Hedges), Stevie (Sunny Suljic) // © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC

Trotz des fürs Kino ungewöhnlichen, fast quadratischen Bildformats finden Hill und sein Kameramann Christopher Blauvelt stimmige Bilder, abseits der bekannten Großstadt-Szenarien. Fast ausschließlich Beton scheint die Welt der Jungs zu umhüllen und nur, wenn sie im Sonnenuntergang die Hauptstraße auf dem Mittelstreifen hinunterrollen, scheinen sie wirklich frei zu sein. Ein geschicktes Händchen bewies Hill auch bei der Auswahl des Soundtracks. So finden sich neben Cypress Hill auch Songs von Morrissey wieder und dieses Mixtape pegelt sich abseits der üblichen 90er-Hits stimmig ein. Für die Zwischentöne sorgen Trent Reznor und Atticus Ross, die zum Glück immer wieder kleinere Produktionen mit Filmmusik bespielen.

MID90s Kritik zum Film
Jonah Hill beim Dreh von MID90S // © 2018 JAYHAWKER HOLDINGS, LLC

Fazit

Ohne den Namen Jonah Hill hinter der Kamera ist es schwer vorstellbar, dass MID90s so das Licht der Filmöffentlichkeit erlangt hätte. Aber man ist dann doch dankbar, dieser Zeitkapsel der amerikanischen Jugend der 90er Jahre beiwohnen zu dürfen. Den ersten Schritt neben einer glänzenden Schauspielkarriere hat Hill hiermit gewagt. Talent, Mut zu eigensinnigen Themen und die Vision eines Autorenfilmers sind bei ihm vorhanden. Wir dürfen gespannt sein, mit welchem Thema er sich als nächstes so feinfühlig auseinandersetzt.

 

Titel, Cast und CrewMid90s(2018)
Poster

Release
ab dem 07.03.2019 im Kino
ab dem 12.04.19 auf Blu-ray
RegisseurJonah Hill
Trailer
DarstellerSunny Suljic (Stevie)
Katherine Waterston (Dabney)
Lucas Hedges (Ian)
Na-kel Smith (Ray)
Olan Prenatt (Fuckshit)
Gio Galicia (Ruben)
Ryder McLaughlin (Fourth Grade)
Alexa Demie (Estee)
DrehbuchJonah Hill
MusikTrent Reznor
Atticus Ross
KameraChristopher Blauvelt
SchnittPlummy Tucker
Filmlänge85 Minuten
FSKab 16 Jahren

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