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Markheim (1971) – Filmkritik

„Dunkle Weihnachten“

„(…) er stellte sich vor, wie jetzt in allen Nachbarhäusern Menschen regungslos und mit gespitzten Ohren dasäßen, einsame Menschen, die am Weihnachtsfest nur ihre Erinnerungen an die Vergangenheit hätten und in dieser lieben Beschäftigung plötzlich gestört wären; glückliche Familiengesellschaften, die rund um den Tisch herum auf einmal verstummten, als die Mutter den Finger erhob: Menschen jedes Standes und Alters und Temperaments – aber alle saßen sie in ihrem eigenen Heim und horchten und lauschten und bewegten den Strick, an dem er hangen sollte.“ Robert Louis Stevenson: Markheim

Bereits vor dem Erscheinen seiner legendären Doppelgänger-Geschichte um Dr. Jekyll und Mr. Hyde (The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde, 1886) verfasste Robert Louis Stevenson eine Reihe unheimlicher Erzählungen, die sich thematisch mit den Abgründen der menschlichen Psyche auseinandersetzen. Während eine unüberschaubare Anzahl von Verfilmungen, Parodien und Neuinterpretationen über Jekyll/Hyde existieren, trifft dies auf düstere Meisterwerke wie „Die krumme Janet“ (Thrawn Janet, 1881) nicht zu. So gibt es von der erstmals am 24. Dezember 1885 erschienenen Kurzgeschichte „Markheim“ bislang nur einige wenige Fernseh-Adaptionen. Die Fassung des polnischen Regisseurs Janusz Majewski dauert knapp 25 Minuten und folgt im Wesentlichen der Vorlage. Sie wurde am 17. Dezember 1971 in der Reihe „Christopher Lee Presents Theatre Macabre“ ausgestrahlt.

Handlung

Eine Kutsche fährt durch eine winterliche Stadt. Markheim (Jerzy Kamas) steht längere Zeit vor einem Schaufenster. An diesem Weihnachtsabend sucht er unter dem Vorwand, er benötige ein Geschenk für seine Geliebte, einen alten Antiquitätenhändler (Aleksander Bardini) auf und ersticht ihn mit einem langen Dolch, den er im Laden findet. Als er das Haus nach Geld durchsucht, trifft er auf einen im Dunkeln sitzenden Mann, der Markheim mit seinem Namen anspricht und behauptet, ihn seit seiner Geburt begleitet zu haben.

Interpretation

„Vor fünfzehn Jahren würden Sie vor den Gedanken an einen Diebstahl zurückgeschaudert sein; vor drei Jahren würden Sie gestutzt haben bei dem Klange des Wortes ›Mord‹. Gibt es ein Verbrechen, gibt es eine Grausamkeit oder eine Niedrigkeit, vor der Sie noch zurückschrecken?“

Die literarische Figur Markheim erinnert an Edgar Allan Poes William Wilson (1839), dessen unheimlicher Doppelgänger sich als moralische Instanz und Gewissen interpretieren ließe und noch mehr an den Studenten Raskolnikow aus Dostojewskijs Verbrechen und Strafe (1866). Die Pfandleiherin wird von Raskolnikow in einem Zustand der völligen Wehrlosigkeit getötet: Er erschlägt sie, als sie sich über einen Gegenstand beugt, um ihn zu begutachten. Auch Markheim sticht mit dem Dolch zu, als der Händler ein Geschenk zum Verkauf in der Hand hält. Die Mörder handeln, da sich ihre Opfer arglos in eigentlich typischen Geschäftssituationen befinden, letztlich in völliger Freiheit. In Majewskis Version ist der Ladenbesitzer aber durchaus misstrauisch und will einmal sogar zu seinem Revolver greifen.

Wie bei Stevenson wird hier der Händler als puritanischer Kaufmann gezeigt, der Markheim ankündigt, dieser würde für seinen Zeitverlust zahlen, ihn andererseits aber auch als Hehler regelmäßig gestohlene Gegenstände abkauft – aus diesem Grund kennt er den ärmlich wirkenden Markheim, den er sofort bei Betreten des Ladens mit Namen anspricht. Die im Laden angestellte Karolinka (Grazyna Dlugolecka) – die potenziell als Zeugin ebenfalls durch Markheim bedroht ist – nimmt einen deutlich größeren Raum in der Verfilmung ein, während sie in der Vorlage erst gegen Ende auftritt – bei Majewski begleitet von ihrem Liebhaber (Aleksander Iwaniec).

Kurz vor seiner Ermordung wird der Ladenbesitzer in fahlem, grünem Licht gezeigt, während unmittelbar bevor Markheim den seltsamen Mann im Stuhl begegnet, rotes Licht zum Einsatz kommt. Farbdramaturgisch erinnert dies an Roger Cormans Poe-Verfilmungen. Stevensons Erzählungen wären ausgezeichnete Vorlagen für einen Episodenfilm im Stile Cormans. Ebenfalls im Jahr 1971 erschien die originelle Jekyll/Hyde-Interpretation DR. JEKYLL AND SISTER HYDE (Regie: Roy Ward Baker), der diese Thematik mit Elementen aus Stevensons Kurzgeschichte „Der Leichenräuber“ (The Body Snatcher) verbindet. Die genannten Beispiele verdeutlichen, wie schwierig es ist, literarische Vorlagen adäquat zu verfilmen. Majewski zeigt das Geschehen in breiten Räumen, während der Laden bei Stevenson eng wirkt. Die Erzählung beginnt mit einem Dialog zwischen dem Händler und Markheim, während Majewski eine Rahmenhandlung hinzufügt. Atmosphärische Dichte gewinnt Stevensons Geschichte zusätzlich durch Kindheitserinnerungen Markheims von einem düsteren Fischmarkt, was bei Majewski völlig fehlt.

Wer ist der unheimliche Mann, den Markheim sogar fragt, ob er der Teufel sei? Bei Majewski trägt er deutlich die Züge von Markheim selbst. Ist er sein Gewissen, das an ihn appelliert, Verantwortung für die begangene Tat zu übernehmen? Oder ist er wirklich ein dämonisches Wesen, mit denen Stevensons Charaktere immer wieder konfrontiert werden? In Stevensons Die krumme Janet begegnet ein Pastor immer wieder dem Teufel, der sich nach Auffassung einer abergläubischen Dorfgemeinschaft im Körper seiner Haushälterin manifestiert. 1995 drehte Majewski DER TEUFEL UND DIE JUNGFRAU (Diabelska edukacja), der sich dieser Thematik nähert.

Fazit

Majewskis Markheim ist insgesamt eine gelungene Adaption von Stevensons Geschichte, auch wenn nicht alle Aspekte der Vorlage erfasst wurden. Man fühlt trotzdem förmlich die Kälte des nassen Schnees und neben dem inneren Konflikt Markheims zeigt der Kurzfilm die Schattenseiten der modernen Welt: Gleichgültigkeit gegenüber den Ärmeren oder die Einsamkeit, den Weihnachtsabend alleine zu verbringen.

© Stefan Preis

Literatur

Gerigk, Horst-Jürgen (2010): Dostojewskijs Tatorte. In: Goes, Gudrun (Hrsg.): Die Geschichte eines Verbrechens… Über den Mord in der Romanwelt Dostojewskijs. München – Berlin. S. 16-31.

Stevenson, Robert Louis (1991): Die krumme Janet. In: Kircher, Bertram (Hrsg.): Gespenster-Geschichten. München. S. 147-156.

Stevenson, Robert Louis (1986): Markheim. In: Baustian, Liselott (Hrsg.): Loewes phantastische Geschichten. Bindlach. S. 52-73.

 

 

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