Marie Curie (2019) – Filmkritik

„Elemente des Lebens“

Die Welt ohne die Wissenschaftlerin Marie Curie (1967-1934) wäre eine andere. Von ihr stammt der Begriff Radioaktivität, was ihr den Nobelpreis brachte. Hier endet leider schon das Allgemeinwissen der meisten. Persönlichkeiten, die extrem großen Einfluss auf die Zivilisation hatten, sind schwer in Worte zu fassen. Bücher versuchen es dennoch, aber vollständig gelingt es ihnen nie. Zuallererst, Marie Curie wurde nicht nur ein Nobelpreis verliehen, sondern gleich zwei, einer in Physik (1903) und einer in Chemie (1911). In Polen geboren, reiste sie in jungen Jahren nach Paris, um überhaupt studieren zu dürfen. Sie entdeckte zusammen mit ihrem späteren Mann Pierre die Elemente Polonium und Radium und prägte den Begriff „radioaktive Strahlung“. Sie war die erste Professorin an der Sorbonne in Paris, entwickelte die erste mobile Röntgenstation, um verwundete Soldaten im Ersten Weltkrieg besser diagnostizieren zu können und zog zwei Mädchen nach dem frühen Tod ihres Mannes allein auf. Was für eine Power-Frau und das vor über hundert Jahren, als Freiheit und Rechte für Frauen kaum vorhanden waren. Aber was für ein Mensch war Marie Curie? Was beschäftigte sie? Was für eine Persönlichkeit hatte sie wirklich? Kein Wikipedia-Artikel und keine Biografie können darauf antworten. Überraschenderweise kann der Film MARIE CURIE – ELEMENTE DES LEBENS (OT: RADIOACTIVE) Antworten geben, von Regisseurin Marjane Satrapi visuell beeindruckend inszeniert und von Rosamund Pike mit viel Leben erfüllt.

© Studiocanal

Handlung

Marie Skłodowska (Rosamund Pike) läuft nachdenklich durch die grauen Gassen von Paris. Sie stößt mit einem Mann zusammen, der interessiert nachfragt, als er ihr Buch von Henri Becquerel wieder aufhebt, ob sie Wissenschaftlerin sei. Schüchtern und stur verlässt sie sofort den Platz. Wie es im Leben so ist, trifft man sich bekanntlich zwei Mal. Bei einer Tanzperformance treffen sie wieder aufeinander. Jetzt wissen jedoch beide, wer dem anderen gegenübersteht: Die Wissenschaftlerin Marie Skłodowska und der Physik-Professor an der Sorbonne Pierre Curie (Sam Riley). Pierre ist von der Forschungsarbeit Maries begeistert und lädt sie in seinem Gemeinschaftslabor zur Weiterführung ihrer Arbeit ein. Jedoch ist die egoistische und sozial unbegabte Marie schwer zu überzeugen. Hartnäckig gelingt es ihm dennoch und nach einigen Monaten entdecken beide nicht nur zwei gänzlich neue Elemente, die die damaligen Paradigmen auf den Kopf stellen, sondern sie verlieben sich ineinander und heiraten. Jedoch hat das Schicksal noch einige Prüfsteine für Marie Curie, Forscherin, Ehefrau und Mutter parat.

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Kein Standard-Biopic

Die iranische Regisseurin Marjane Satrapi (PERSEPOLIS, THE VOICE) muss eigentlich nicht mehr beweisen zu welchen inszenatorischen Kniffen sie fähig ist. Sie tut es hier dennoch und es gelingt ihr, dem starren Genre Biopic neue Perspektiven abzugewinnen. Vor allem das schnelle Erzähltempo fordert den Zuschauer heraus. Mit minimalem Wissen vor dem Filmbeginn wird man in MARIE CURIE recht unsanft durch die wechselhafte Karriere der berühmten Nobelpreisträgerin gezogen. Vor allem dem Bereich der Auszeichnungen verwehrt sich der Film wie ein bockender Esel. Selbst zur Dankesrede in Schweden kommen wir zu spät und erleben „nur“ noch den Applaus. Wer sich auf eine solche Erzählperspektive einlassen kann, wird zwei Vorteile erhalten: Zum einen kann man sich mehr auf das exzellente Spiel von Rosamund Pike konzentrieren und Curie als Frau kennenlernen, die mit der ihr aufgebürdeten Rolle, schwer zu kämpfen hatte. Zum anderen hat man nach dem Abspann enorme Lust das Geschichtsbuch in die Hand zu nehmen, um mehr über das öffentliche Leben von Marie Curie zu erfahren. Eine private Version von ihr wird von Rosamund Pike glaubhaft und mit viel schauspielerischem Feingefühl auf die Leinwand gebracht

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Der Wunsch nach geschichtlicher Auffrischung verstärkt sich noch. Die Handlung von MARIE CURIE springt immer wieder in die Zukunft und zeigt Momente, die beweisen, welchen Einfluss Curies Entdeckung hatte, zum Guten wie zum Schlechten: Die erste erfolgreiche Strahlentherapie von Krebstumoren, die Vernichtung Hiroshimas durch die Atombombe, die Zerstörung einer nachgebauten Siedlung während der Atombombentests in Nevada und der Kernkraftwerksunfall in Tschernobyl 1986. Bei diesen Zukunftsvisionen schwingt nie ein belehrender oder anklagender Ton mit. Es bleibt trotz ausgedachter Figuren in einem geschichtlichen Ereignis urteilsfrei. Das bringt uns zu der größten Stärke des Films, die die Entdeckungen von Marie Curie nicht als Hexenwerk verteufelt. Jede große wissenschaftliche Erfindung kann für gute wie auch schlechte Zwecke eingesetzt werden. Wie Ehemann Pierre es so treffend sagt: „Du hast den Stein ins Wasser geworfen, die Wellen kannst du nicht kontrollieren.“

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Es gibt aber auch Momente, die dem interpretationsfreudigen Zuschauer auch etwas fürs Heute und Jetzt mitgeben. Der Umgang mit radioaktiven Elementen ist um 1900 ohne jede Skepsis und Angst geschehen. Es gibt kaum Schutzmaßnahmen und selbst Marie Curie hatte ein Fläschchen leuchtende Materie auf dem Nachtschrank stehen. Heute darf man nicht einmal das echte Kochbuch von Curie ohne Schutzkleidung im Archiv anfassen, weil dessen Strahlung zu hoch ist. Dies soll jetzt kein Aufruf sein, die wissenschaftliche Entwicklung ohne Sicherheit voranzutreiben, aber es zeigt wie sehr Ängste und Aberglaube unsere wissenschaftliche Entwicklung ausgebremst haben. Man denke nur an die Diskussion über den Teilchenbeschleuniger in Cern.

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Aber mit Gegenwind hatte eine Nobelpreisträgerin vor einem Jahrhundert bereits zu kämpfen. Ende des 19. Jahrhunderts war Wissenschaft noch Magie und viele „Künstler“ konnten mit Wissen in Chemie und Physik Menschen zum Staunen bringen, weswegen die Glaubwürdigkeit echter Wissenschaftler stark gelitten hat. Auch das Geschäftsmodell Geisterbeschwörung mit religiösem Anstrich findet seinen Weg in MARIE CURIE, aber nur als Randnotiz und leider auch unnütz für die Handlung. Allein dieser Aspekt kann ein filmisches Meisterwerk ausfüllen. Man denke da an THE PRESTIGE (2006).

Fazit

In MARIE CURIE wird aus einer alten, unscharfen Schwarz-Weiß-Fotografie ein farbenprächtiges dreidimensionales Erlebnis. Die Gestaltung weicht angenehm von Portraits ab und selbst das niedrige Budget sieht man dem Film nur stellenweise an. Das ist der überzeugenden Darstellung von Rosamund Pike zu verdanken sowie der unkonventionellen Inszenierung von Marjane Satrapi. Von staubtrockenem Geschichtsunterricht keine Spur und durch das flotte Erzähltempo sowie die Zeitsprünge fordert der Film Aufmerksamkeit. Ein Film so lebendig wie Marie Curie es selbst war.

© Christoph Müller

Titel, Cast und CrewMarie Curie (2019)
OT: Radioactive
Poster
ReleaseKinostart: verschoben
RegisseurMarjane Satrapi
Trailer
BesetzungRosamund Pike (Marie Curie)
Sam Riley (Pierre Curie)
Aneurin Barnard (Paul Langevin)
Anya Taylor-Joy (Irene Curie)
Sian Brooke (Bronia)
Jonathan Aris (Hetreed)
Corey Johnson (Adam Warner)
Simon Russell Beale (Professor Lippmann)
Tim Woodward (Alexandre Millerand)
DrehbuchJack Thorne
KameraAnthony Dod Mantle
FilmmusikEvgueni Galperine
Sacha Galperine
SchnittStéphane Roche
Filmlänge109 Minuten
FSKab 12 Jahren

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