Maniac – Serienempfehlung auf NETFLIX

„Wenn die Irren die Verrückten heilen“

Forscher und Wissenschaftler treiben sich selbst immer weiter voran, um unentdeckte Bereiche unserer Welt zu erkunden. Geografisch ist so gut wie alles erschlossen und auch neue Tierarten gibt es kaum noch zu entdecken. Das menschliche Bewusstsein stellt jedoch für die Wissenschaft noch ein Buch mit sieben Siegeln dar. Früher wurde sich noch philosophisch an das Thema gewagt, danach auf biologisch-chemischem Weg und aktuell wirft das Thema künstliche Intelligenz einen Blick darauf, wie unser Denken funktioniert. Die neue NETFLIX-Mini-Serie MANIAC stellt mit jenen Disziplinen als Heilung  psychischer Krankheiten einen ideenreichen und packenden Kreativbeitrag. Eine Serie war lange nicht mehr so anspruchsvoll und unterhaltsam zugleich und wäre sicherlich ohne die amerikanischen Geldgeber des Videostreamdienstes undenkbar gewesen.

MANIAC NETFLIX Jonah Hill Emma Stone
Auf Tanzeinlagen darf nicht verzichtet werden // © NETFLIX

Inhalt

Owen Milgrim (Jonah Hill) hat Probleme in seiner Welt klarzukommen. Dies würde uns auch so gehen, denn MANIAC spielt in einer Art Paralleluniversum unserer Zeit. Es unterscheidet sich nicht sonderlich stark, aber die technologische Entwicklung scheint einen anderen Weg gegangen zu sein, einen rückständigeren. Flachbild-Fernseher und Smartphones gibt es zum Beispiel nicht. Alles wirkt noch etwas schwerfälliger und elektronischer. Es könnte eine Zukunftsvision aus den 70er Jahren sein. Die Welt von MANIAC hat auch ziemlich seltsame Geschäftsmodelle: Wenn man knapp bei Kasse ist, kann man sich von dem sogenannten ad-Buddy zum eigenen Konsumverhalten befragen lassen oder Werbung vorgetragen bekommen. So bekommt man auch mal die U-Bahn-Fahrt spendiert, während man vollgequasselt wird. Man kann auch sein Gesicht zu Werbezwecken verkaufen oder sich als Freund auf Anfrage ausgeben, eine unkomplizierte Art seine Freizeit zu verbringen.

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Annie (Emma Stone) und Owen (Jonah Hill) // © NETFLIX

Owen braucht jedoch etwas mehr Geld und deswegen macht er bei einer Medikamentenstudie mit. Voraussetzung hierfür ist es jedoch, eine psychische Krankheit zu haben, aber damit kann Owen mit seiner Schizophrenie auf jeden Fall dienen. Bei der sogenannten Neberdine-Studie trifft er auf Annie Landsberg (Emma Stone), die sich als Medikamentenabhängige einen ganz anderen Vorteil von dem Test erhofft und hineinschmuggelt.  Wenn man denkt, es kann nicht noch verrückter werden, setzen die Wissenschaftler Azumi Fujita und James K. Mantleray noch einen drauf, denn sie versuchen mit Hilfe ihrer künstlichen Intelligenz GRTA und starken halluzinierenden Medikamenten die Menschheit von jeder Art von Dachschaden zu therapieren.

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Dr. James K. Mantleray (Justin Theroux) // © NETFLIX

Ungewollt neu

Was die Miniserie – die auch von Jonah Hill und Emma Stone mitproduziert wurde – ausmacht, ist die kreative Art des ganzen Settings. Alles ist bunt und ein bisschen surreal, was etwas an die Filme von Michel Gondry (VERGISS MEIN NICHT!, ABGEDREHT) erinnert. Es wirkt aber nie künstlich, auch wenn mal ein lilafarbener Koala Bär-Roboter etwas Schach um Geld spielt. Zugegeben, die ersten beiden Episoden erfordern viel Bereitschaft sich auf diese seltsame Welt einzulassen.

MANIAC NETFLIX Emma Stone
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Die erste Episode erzählt das Leben von Owen, mit seinen autistischen und wahnhaften Problemen, der von Jonah Hill (MONEYBALL, WOLF OF WALL STREET) schauspielerisch auf hohem Niveau gemeistert wird. Aber an die „dünne Version“ von Hill muss man sich erst einmal gewöhnen. In der zweiten Episode wird die Geschichte hinter Annie, gespielt von Emma Stone (LA LA LAND, BIRDMAN), erzählt. Annie ist mit ihrer Drogensucht und ihrem recht harschen Auftreten eine ungewöhnlich unsympathische Rolle für den Publikumsliebling Stone. Aber sie spielt, vor allem die starken emotionalen Szenen, in MANIAC sehr menschlich und schert sich um verlaufendes Makeup einen Dreck. Stone bleibt trotz ihrem unsozialen Auftreten immer noch so nah an uns dran, dass man dennoch mit ihr um die Häuser ziehen könnte. Die beiden Hauptfiguren, die durchweg für uns identifizierbar bleiben, begeben sich durch die Studie in eine Fantasiewelt. Diese Halb-Matrix- und Halb-Drogentrip-Welt ergreift uns Zuschauer in bestimmten Momenten so gefühlvoll, dass wir manchmal gar nicht wissen, was gerade passiert, aber dennoch mit den Protagonisten eine Achterbahn der Gefühle erleben.

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Dr. Azumi Fujita (Sonoya Mizuno) und Dr. James K. Mantleray (Justin Theroux) // © NETFLIX

GRTA und seine Helfer

Die beiden leitenden Forscher der Versuchsreihe, Dr. Azumi Fujita (Sonoya Mizuno) und Dr. James K. Mantleray (Justin Theroux) bringen ihre eigenen psychologischen Probleme mit in die Studie. Auch sie bilden bis zum Ende realistische Identifikationsfiguren für uns Mitreisende ab, welche nicht nur die Menschheit heilen wollen, sondern auch sich selbst. Wenn sie sich gegenseitig die Psychoanalysen um die Ohren hauen, machen die Dialoge ungemein Spaß und wenn dann noch James’ Mutter, gespielt von Sally Field (FORREST GUMP, LINCOLN), mit ihrer Esoterik-Analyse hinzukommt, fliegen die Neurosen-Fetzen.
Die Einrichtung der Medikamentenstudie ist im Stile einer Raumschiffbasis im 70er Jahre-Look gestaltet. Da die Mutterfirma japanisch ist, finden Elemente wie ein Bonsai, ein Sake-Automat oder die berühmten Schlafröhren ihren Platz im Interieur. Viele blinkende Schalttafeln und auch die Astronauten-Einteiler der Probanden runden diesen Eindruck ab.

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Keine Therapie, sondern Wissenschaft // © NETFLIX

Die Welt der Fantasie

Ab Folge 3 dreht MANIAC dann richtig auf und wir tauchen ab in die Ideenwelt der menschlichen Versuchs-Kaninchen Annie und Owen, die vom Computer-Psychiater GRTA weiter angestachelt wird. Jetzt bekommt der Serienjunkie vor dem Fernseher ein paar tolle Kurzgeschichten aus unterschiedlichen Genres geboten und das Team Stone-Hill kann beweisen, welche Figuren sie noch in ihrem Schauspiel-Inventar haben.


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Auch bei diesen Geschichten steht die Originalität im Vordergrund. Es gibt gewisse Metaphern, Symboliken oder Figuren, die immer wieder auftauchen, aber nie in dem Umfang, dass mit dem erzählerischen Finger darauf gedeutet werden muss. Außerdem sind diese Fantasie-Episoden so unkonventionell erzählt, dass man auf der Hut sein muss, was als nächstes passiert. Die Inhalte der Simulationen hätten problemlos eigenständige Filme abgeben können, wandeln jedoch auf bekannten filmgeschichtlichen Pfaden, ohne zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Eines möchte jedoch kurz erwähnt werden, denn die Forschergruppe spricht des Öfteren davon einen „McMurphy“ zu verhindern. Dies ist ein Verweis auf Randal McMurphy, gespielt von Jack Nicholson in EINER FLOG ÜBER DAS KUCKUCKSNEST (1975), der zum Filmende nach einer Lobotomie in einem vegetativen Leben dahinsiecht. Diesen Zustand gilt es zu verhindern, was bei den großen Mikrowellen-Kopfhörern schwer sein wird.

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Spionage-Krimi auf skandinavisch // © NETFLIX

Hintergrund

Die 10-teilige Mini-Serie MANIAC basiert in groben Zügen auf der gleichnamigen norwegischen Comedyserie von Espen P. A. Lervaag. Dort taucht ein Patient in einer geschlossenen Einrichtung immer wieder in eine Welt voller Abenteuer in seinem Bewusstsein ab und mischt mit seinem Verhalten ganz nebenbei die Realität auf. MANIAC von 2018 ist jedoch viel anspruchsvoller und weiß auch mit emotionalem Einfühlungsvermögen zu glänzen. Das liegt auch an den beiden Kreativen hinter der Serie. Zum einen ist es Patrick Somerville, der sich als Autor für THE LEFTOVERS einen Namen gemacht hat und zum anderen an dem cleveren Autorenfilmer Cary Joji Fukunaga. Sein Meisterwerk der letzten Jahre ist die Serie TRUE DETECTIVE, aber auch die Filme SIN NOMBRE und JANE EYRE sind gefühlsintensives Kino. Man darf gespannt sein, was er mit Bond Nr. 25 im Jahr 2019 anstellen wird. Dem Agenten-Franchise wird ein frischer Kopf inhaltlich sicherlich auf die Beine helfen.


© NETFLIX

Was bei MANIAC unbedingt noch lobend erwähnt werden muss, ist der Soundtrack von dem Komponisten DAN ROMER (BEASTS OF THE SOUTHERN WILD, ZOE). Was auf die ersten Töne wie eine Mischung aus Hans Zimmer und Max Richter wirkt, ist vielseitig ausgespielt. Die Musikstücke lösen bei den wichtigen Szenen unerwartet Emotionen aus und schaffen es dennoch die Handlung spannend voranzutreiben. Dieses Talent sollte man auf jeden Fall in Filmmusik-Kreisen im Auge bzw. Ohr behalten.
Die Serie ist nach 10 Folgen sinnvoll abgeschlossen und lässt wenige unbeantwortete Fragen zurück. Was MANIAC auch so gehaltvoll macht, ist, dass man nach der letzten Folge gleich wieder mit der ersten Folge beginnen kann, um viele unbemerkte Details zu entdecken. Eine zweite Staffel ist fraglich und es würde sich als schwierig erweisen, diese Spannung noch einmal zu erzeugen. Es bleibt zu hoffen, dass es bei diesem Abschluss bleibt.

Fazit

Unglaublich, dass es in diesem Überangebot aus dem Hause NETFLIX ORIGINAL doch noch eine Serie schafft, sich so individuell abzusetzen. Wer MANIAC seine volle Aufmerksamkeit widmet, wird ins Zauberland der Psychoanalyse entführt und definitiv verändert zurückkehren.

Titel, Cast und CrewMANIAC Netflix Original Serie
PosterMANIAC NETFLIX Originals Serienempfehlung
ReleaseStaffel 1 NETFLIX
CreatorsCary Joji Fukunaga
Patrick Somerville
RegisseurCary Joji Fukunaga
Trailer
BesetzungJonah Hill (Owen Milgrim)
Emma Stone (Annie Landsberg)
Sonoya Mizuno (Dr. Azumi Fujita)
Justin Theroux (Dr. James K. Mantleray)
Sally Field (Dr. Greta Mantleray)
James Monroe Iglehart (Carl)
Billy Magnussen (Jed Milgrim)
Gabriel Byrne (Porter Milgrim)
Julia Garner (Ellie Landsberg)
Rome Kanada (Dr. Robert Muramoto)
Hank Azaria (Hank Landsberg)
DrehbuchOle Marius Araldsen
Cary Joji Fukunaga
Danielle Henderson
Kjetil Indregard
Espen Petrus Andersen Lervaag
Håkon Bast Mossige
Sam L. Roberts
Patrick Somerville
KameraDarren Lew
MusikDan Romer
SchnittPete Beaudreau
Tim Streeto
Episoden10 Folgen
FSKab 16 Jahren

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