Maniac (1980) vs. Maniac (2012)

Maniac (1980)

Starten möchte ich meine Film-Challenge im Jahre 1980, welches für das Horror-Genre einige herausragende Filme bereithielt. Man denke nur an SHINING (THE SHINING), FREITAG DER 13. (FRIDAY THE 13TH), THE FOG – NEBEL DES GRAUENS (THE FOG), EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (PAURA NELLA CITTÀ DEI MORTI VIVENTI), DER HÖLLENTRIP (ALTERED SATES) oder MUTTERTAG (MOTHERʼS DAY). Der Film, um den es hier und heute geht, MANIAC, sorgte bei seiner Erscheinung für einen mächtigen Aufruhr und unzähligen Rufen nach Zensur und Verboten.

Trotz der Tatsache, dass der Slasher durch HALLOWEEN – DIE NACHT DES GRAUENS (HALLOWEEN, 1978) gerade hoch im Kurs stand und die Genre-Welle so richtig durch FREITAG DER 13. ins Rollen kam, der etwa ein halbes Jahr vor MANIAC in den US-Kinos erschien, erwischte MANIAC sein Publikum auf dem komplett falschen Fuß. Der Film überrascht gegenüber seinen Konkurrenten mit zum Teil sehr heftigen und extremen Gewaltausbrüchen gegenüber Frauen. Er legte die Messlatte für Brutalität auf ein neues Rekordhoch, mit der sich alle nachfolgenden Produktionen messen lassen mussten. Während in vielen Filmen dieser Zeit der Killer hinter einer Maske versteckt bleibt, ist hier von Beginn an klar, wer der Mörder ist. Aber die Gewalt ist niemals nur Selbstzweck, sie ist einerseits ein Hilfeschrei und andererseits ein Ausdruck dessen, was Frank Zito (Joe Spinell) wirklich sucht: Liebe. Denn Frank ist ein Mann, der nur im Schmerz und Tod die Zuneigung und Liebe findet, die ihm seine Mutter im Kindesalter immer wieder verweigert hat und ihn stattdessen aufs Übelste misshandelte.

© Magnum Motion Pictures Inc.

Immer wieder die Mutter

Franks Tatwaffen, mal ein Messer, mal ein Rasiermesser, sind nichts anderes als Phallus-Symbole und der bestialische Mord an der Frau, seine Art der Penetration und Zuneigung zu ihr. Eros und Thanatos waren noch nie so eng beisammen. Frank liebt die Schönheit der Frauen, deren perfekte Körper und ihr tadelloses Aussehen (Anfang der 80er-Jahre begann der Schönheits- und Fitnesskult so richtig Fahrt aufzunehmen). Doch gleichzeitig hasst er sie dafür, da er genau weiß, dass sie für ihn unerreichbar sind. Die Schaufensterpuppen, die Frank in seiner Wohnung stellvertretend versammelt hat, vereinen diese unvergängliche Schönheit. In ihnen ist das komprimiert, was Werbung und Hollywood unter Ideal- und Traummaße der Frau verstehen.

© Magnum Motion Pictures Inc.

In intensiven Bildern wird eine intime Nähe zum Täter Frank aufgebaut, wir schauen in sein tiefstes Inneres und sehen seine gestörte Beziehung zu Frauen, körperlicher Nähe und Sexualität. Regisseur William Lustig wagt sich sogar so weit vor, dass Frank nicht nur der Killer ist, sondern auch ein Opfer. Frank ist sich durchaus bewusst, was er mit „seinen“ Frauen macht. Nach dem Massaker kommt die Erkenntnis und das Wissen über die Tat als solche, doch dieser kurze Moment der Klarheit wird schnell verdrängt und seine Mutter übernimmt kurzzeitig die Kontrolle. Das erinnert sofort an Norman Bates aus PSYCHO (1960), denn so wie Norman trägt auch Frank seine gespaltene Persönlichkeit wie einen Schild des Todes vor sich her.

© Magnum Motion Pictures Inc.

Das, was den Super-Killern Jason Voorhees oder Michael Myers komplett abgeht und unnahbar für uns Zuschauer macht, das besitzt Frank von Grund auf und das erzeugt diese schreckliche Verbindung, eine Nähe zu uns „normalen“ Menschen: Er ist trotz all dem Wahnsinn und der Gewalt immer noch ein Mensch. Wir erleben auch den einsamen von der Gesellschaft isolierten Mann. Wir sehen das genaue Gegenteil, einen Frank, der durchaus in der Lage ist, eine normale Konversation zu führen oder gar mit Frauen zu flirten. MANIAC ist mittlerweile nicht nur ein Klassiker im Horror-Genre, sondern auch ein Meilenstein für die weitere Entwicklung des Slashers im Allgemeinen. MANIAC ist William Lustigs dritte Arbeit als Regisseur. Sein kleiner, schmutziger Film wurde mit solch einer Dynamik und Intensität in Szene gesetzt, dass er den Betrachter von Anfang an in seinen Bann zieht. Düster ist auch das Bild der Stadt New York, das Lustig hier zeichnet. Seine Protagonisten, egal ob Opfer oder Killer, wandeln ziellos zwischen Prostitution, Gewalt und Drogen auf der Suche nach Geborgenheit und Liebe in diesem Moloch umher.

© Magnum Motion Pictures Inc.

Zusammen mit dem charismatischen Star des Filmes, Joe Spinell, schuf Lustig eine Symphonie aus Wahnsinn und Blut, wie es bis dahin noch nicht zu sehen war. Selbst heute noch schockiert der Film durch seine ausgefallene Inszenierung, dem höchst beklemmenden und teils verstörenden Spiel von Spinell und der unbarmherzigen Kamera, die sich kein blutiges Detail entgehen lässt. Die Spezial-Effekte stammen von Tom Savini [ZOMBIE (DAWN OF THE DEAD, 1978), DIE FORKE DES TODES (THE PROWLER, 1981) oder FREITAG DER 13. TEIL 4 – DAS LETZTE KAPITEL (FRIDAY THE 13TH: THE FINAL CHAPTER, 1984) und Rob Bottin (PIRANHAS, 1978), DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (THE THING, 1982) oder SIEBEN (SE7EN, 1995)]. Savini bekommt auch seinen kleinen Auftritt im Film und darf umso spektakulärer nach wenigen Minuten wieder abtreten.

© Magnum Motion Pictures Inc.

Joe Spinell

Der Charakter-Schauspieler Joe Spinell, im richtigen Leben Joseph J. Spagnuolo, verstarb leider sehr früh mit 53 Jahren 1989. Er spielte in seiner Karriere in vielen Filmen mit, jedoch meistens in den etwas kleineren Rollen und öfters musste er als Bösewicht herhalten, was wohl hauptsächlich seiner äußeren Erscheinung geschuldet ist. Umso mehr begeistert es, dass Spinell zu solch einer faszinierenden Leistung wie derjenigen in MANIAC fähig ist. Von Beginn an steht ihm der Wahnsinn ins Gesicht geschrieben, auch in den ruhigen Momenten des Films rechnen wir jede Sekunde mit einem weiteren Ausbruch der Gewalt. Diese intensive Studie über Selbstzerstörung, Fanatismus, kranke Ideen und wahnsinnigem Verhalten überzeugend auf die Leinwand zu transportieren, das schaffen nicht viele Schauspieler. Spinell, der auch am Drehbuch zu MANIAC beteiligt war, wollte immer mit Regisseur Buddy Giovinazzo eine Fortsetzung drehen, doch es kam nie dazu. Neben Spinell agiert der Hammer-Star Caroline Munro – unter anderem in DRACULA JAGT MINI-MÄDCHEN (DRACULA A.D. 1972, 1972) und CAPTAIN KRONOS – VAMPIRJÄGER (CAPTAIN KRONOS – VAMPIRE HUNTER, 1974), sowie auch in JAMES BOND 007 – DER SPION, DER MICH LIEBTE (THE SPY WHO LOVED ME, 1977) – sehr überzeugend als Fotografin Anna.

Titel, Cast und CrewManiac (1980)
ReleaseKinostart USA 06.03.1981
Die ungeschnittene Version ist seit 1983 in Deutschland beschlagnahmt.
RegisseurWilliam Lustig
BesetzungJoe Spinell (Frank Zito)
Caroline Munro (Anna D‘Antoni)
Abigail Clayton (Rita)
Nelia Bacmeister (Carmen Zito)
DrehbuchC. A. Rosenberg
Joe Spinell
KameraRobert Lindsay
MusikJay Chattaway
SchnittLarry Marinelli
Filmlänge88 Minuten
FSKab 18 Jahren
© Ascot Elite Home Entertainment

Maniac (2012)

30 Jahre später ist es soweit und Alexandre Aja (HIGH TENSION (HAUTE TENSION, 2003), THE HILLS HAVE EYES – HÜGEL DER BLUTIGEN AUGEN (THE HILLS HAVE EYES, 2006)) meint, es wäre Zeit für ein Remake von MANIAC. Die zwei größten Änderungen gegenüber dem Original sind gleich zu Beginn erkennbar. Zum einen wurde der Schauplatz von New York nach Los Angeles verlegt. Zum anderen wird der komplette Film aus der Ego-Perspektive erzählt. Wir verfolgen das Geschehen vollständig durch das Auge der Kamera, die subjektiv Franks Blickwinkel einnimmt. Lediglich in wenigen Szenen mit Spiegeln oder spiegelnden Oberflächen erhaschen wir einen kurzen Blick auf den Killer, dieses Mal dargestellt von Elijah Wood (HERR DER RINGE-Trilogie (THE LORD OF THE RINGS, 2001-2003), SIN CITY (2005)). Die Ego-Perspektive oder auch PoV (Point-of-View-Shot) genannt, ist eine interessante Idee, aber auch gewöhnungsbedürftig. Diese ungewöhnliche Perspektive, konsequent und weiterführend in ihrer Stilistik, schafft ganz neue An- wie auch Aussichten und macht den Zuschauer praktisch zum Mittäter, ob er das nun will oder nicht. Der Betrachter führt zusammen mit Frank die Klinge und tötet – eine Vergewaltigung der Augen des Rezipienten.

© Ascot Elite Home Entertainment

New York vs. L.A.

Zum Wechsel des Schauplatzes meinte Aja in einem Interview, dass es nicht mehr möglich war, dass alte New York der 1980er auferstehen zu lassen. Das heutige New York ist das genaue Gegenteil – sauber, aufgeräumt und mit deutlich weniger Kriminalität. Also musste ein neuer, gleichwertiger Ort gefunden werden. Da bot sich Downtown L.A. an, dass heute das ist, was New York vor 40 Jahren war: dreckig und dunkel, Drogen, Prostitution und Gewalt allerorts, dazu zahllose Obdachlose und unzählige, verfallene Gebäude. Trotz all dem Dreck und Verfall, den wir aber nur in einigen kurzen Szenen erspähen, erscheint mir der Film zu sauber und aufgeräumt. Egal wo Frank ist, bis auf sein Geschäft / Wohnung, ist alles klinisch rein, modern und ordentlich. Er bewegt sich ganz selbstverständlich im Glamour der Stadt, egal ob bei einer Ausstellung oder bei einem Essen mit Anna, gespielt von der Französin Nora Arnezeder. Im Original war Frank mit Anna ebenfalls in einem Restaurant, das passte aber optisch zu den Akteuren und ihrem Milieu. Hier, wie oben schon erwähnt, kommt es mir so vor, als besuchen sie ein Fünf-Sterne-Restaurant. Es macht fast den Eindruck, als wenn ein Adeliger oder ein Mitglied der Königsfamilie Franks Job übernommen hat.

© Ascot Elite Home Entertainment

Die Story wurde in unsere Zeit verlegt, etwas aufgepeppt und an die aktuellen Gegebenheiten angepasst: Es gibt Handys und das Internet, Frank ist nun Restaurator von antiken Schaufensterpuppen und selbst sein bester Kunde, mit einem eigenen Geschäft. Er sucht sich seine Opfer gerne über Dating-Seiten am Computer.

Elijah Wood vs. Joe Spinell

Jedoch kann ich mich nicht so recht mit dem „Hobbit Frodo“ in der Rolle des Psychopathen Frank anfreunden. Damit wir uns nicht falsch verstehen, Elijah Wood macht das wirklich gut. Ich schätze, er wollte sich durch MANIAC von seinem Good-Boy-Image entfernen und allen zeigen, dass er auch noch ganz andere schauspielerischen Talente hat. Jedoch, der letzte Funke Glaubwürdigkeit will einfach nicht überspringen. Der neue Frank erscheint mir zu verkrampft, zu unfertig, zu künstlich. Die Misshandlungen seiner Mutter in der Kindheit werden auch hier verhandelt, passen aber weniger in das Gesamtbild.

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Der neue Frank versucht den tiefsitzenden Wahnsinn, die Angst, die Demütigungen, die Verletzungen der Mutter und seiner Suche nach Liebe mit aller Kraft und Leidenschaft auf die Leinwand zu projizieren, was aber nicht sehr überzeugend gelingt. Die Zerrissenheit seiner Figur, wie sie Joe Spinell meisterhaft darstellte, sucht man hier vergebens. Somit unterscheidet den neuen Frank nichts mehr von den vielen anderen, zahllosen Psychos, die die Kinofilme heutzutage bevölkern. Wo Spinell roh und etwas verwahrlost daherkommt, schleicht ein Elijah Wood wie aus dem Ei gepellt als heulendes und bettelndes Etwas herum, ich denke da nur an den finalen Kampf mit der verschlossenen Tür.

© Ascot Elite Home Entertainment

Der Score von Robin Coudert dudelt unmotiviert im Hintergrund und vermag eher selten, die passenden Akzente im Film setzen – meiner Meinung nach in seiner Wirkung das komplette Gegenteil des imposanten 1980er-Soundtrack. Zudem sind viele Szenen einfach nur moderne Kopien des Originals, siehe die oben erwähnte Restaurant-Szene. Schade, denn Aja und sein Team haben Vieles richtig gemacht. Die Dramaturgie des Ganzen hat jedoch gelitten, Spannung kommt nur selten auf.

In der Mitte des Films gibt es allerdings einen wunderbaren Moment, den ich noch kurz erwähnen möchte: Franks Spiegelbild auf der Autotür, mit dem Kopf eines Opfers in der einen Hand und dem Messer in der anderen. Eine Referenz an das Original Kinoplakat von Lustigs MANIAC und für mich der Höhepunkt des Remakes.

© Ascot Elite Home Entertainment

In meiner Filmwahrnehmung nehmen die Morde etwas weniger Screentime ein als bei seinem Vorbild, was aber nicht bedeutet, dass sie harmloser sind. Nein, ganz im Gegenteil, sie werden schockierend und teilweise äußerst brutal in Szene gesetzt. Regisseur Franck Khalfoun ist ein eher unbeschriebenes Blatt. Vor MANIAC hatte Khalfoun schon etwas Erfahrung im Horror-Genre als Regisseur sammeln dürfen mit dem eher unauffälligen P2 – SCHREIE IM PARKHAUS (P2, 2007) und als Schauspieler in Ajas PIRANHA 3D (2010).

Fazit

Im Slasher-Genre würde ich dem neuem MANIAC einen soliden Platz zugestehen. Denn als eigenständiger Film funktioniert er durchaus und hat seine Berechtigung. Mit einigen außergewöhnlichen Ideen und seinem hohen Härtegrad hat er so einige Schauwerte zu bieten und schafft es seine Serienkiller-Geschichte zu erzählen. Elijah Wood und sein Love Interest, Nora Arnezeder machen einen vernünftigen Job, ebenso wie Regisseur Khalfoun. Jedoch im direkten Vergleich mit dem Original von 1980 schneidet er für meinen Geschmack deutlich schlechter ab. Das ganze Ambiente des Filmes ist mir zu artifiziell, zu unausgewogen, zu aufgeräumt. Elijah Wood gibt sich zwar alle Mühe als psychisch kranker Frauen-Killer wahrgenommen zu werden, jedoch bleibt sein gesamtes Spiel diffus und seine Probleme kommen nur vage zu Wort. Oder besser gesagt, sie sind nur eine schlechte Kopie des Originals. Da hätte ich mir einen neuen, moderneren Ansatz gewünscht. Genau hier liegt für mich auch der Hund begraben. Drehbuchautor Aja und Regisseur Khalfoun wussten wohl nicht so genau, ob sie nur eine Kopie machen wollen oder doch lieber etwas ganz Neues. Das Durcheinander von neuen und alten Ideen behindert das Remake zu sehr in seiner Entfaltung und verhindert schlussendlich, dass der neue MANIAC in der gleichen Liga spielt wie sein großes Vorbild. Für mich bleibt das Original von 1980 mit Joe Spinell der echte und einzige MANIAC.

Gesehen im Zuge meiner #FluxHorrorfilmRemakes-Filmchallenge

© Stefan_F

Titel, Cast und CrewManiac (2012)
Alternativtitel: Alexandre Ajas Maniac
ReleaseKinostart Deutschland 27.12.2012
keine ungeschnittene Version in Deutschland auf Blu-ray verfügbar
Die ungeschnittene Version ist seit 02.05.2015 bundesweit beschlagnahmt
RegisseurFranck Khalfoun
BesetzungElijah Wood (Frank)
America Olivo (Franks Mutter)
Nora Arnezeder (Anna)
Genevieve Alexandra (Jessica)
DrehbuchAlexandre Aja
Grégory Levasseur
Budget6.000.000 US-Dollar
KameraMaxime Alexandre
MusikRobin Coudert
SchnittBaxter
Franck Khalfoun
Filmlänge87 Minuten
FSKab 18 Jahren (geschnitten)

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