Malasana 32 – Haus des Bösen (2020) | Filmkritik

In Diskussionen um Horrorfilme nehmen spanische Produktionen immer wieder eine Außenseiterposition ein. Zu Unrecht, wenn man sich die Mühe macht und einen Blick in die umfangreiche Geschichte des Genres wirft. Viele denken beim spanischen Genrefilm zuerst an den umstrittenen Exploitation-Profi Jesús Franco (1930-2013), anderen kommt der Kult-Darsteller Jacinto Molina Alvarez, besser bekannt als Paul Naschy (1934-2009), in den Sinn. Einige wenige erinnern sich sogar noch an die 1931er Version von DRÁCULA, die parallel mit dem legendären Bela Lugosi DRACULA der Universal-Studios gedreht wurde. Wieder andere denken eher an DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN (LA NOCHE DEL TERROR CIEGO, 1971), VAMPYRES (1974), EIN KIND ZU TÖTEN (QUIÈN PUEDE MATAR A UN NINO?, 1976) oder gar an PIECES (MIL GRITOS TIENE LA NOCHE, 1980). Ein Großteil allerdings wird den Mexikaner Guillermo del Toro erwähnen, der Anfang der 2000er mit THE DEVIL‘S BACKBONE (EL ESPINAZO DEL DIABLO, 2001) den spanischen Genrefilm zurück in den Mainstream brachte. Was folgte, war eine Vielzahl an Produktionen aus dem beliebten Urlaubsland: DAGON (2001), DAS WEISENHAUS (EL ORFANATO, 2007), [REC] (2007), JULIA‘S EYES (LOS OJOS DE JULIA, 2010), SLEEP TIGHT (MIENTRAS DUERMES, 2011), MAMA (2013), SHREW‘S NEST (MUSARANAS, 2014), DIE LEICHE DER ANNA FRITZ (EL CADAVER DE ANNA FRITZ, 2015), EL BAR – FRÜHSTÜCK MIT LEICHE (THE BAR, 2017) und das war nur eine kleine Auswahl. Wir sehen, der Horror im „Land der Paella“ lebt und ist so vielfältig wie das Genre selbst. MALASANA 32 reiht sich dabei nahtlos in diese Tradition ein. Das böse Haus, oder auch „Haunted-House“, ist ein zeitloses Thema, das wohl nie seinen Reiz verlieren wird. Die Muster des hier vorliegenden Films, die zur Anwendung kommen, sind eine Mischung auch bekannter Haunted-House-, Home-Invasion- und Exorzismus-Topoi: Einfacher gesagt, es geht um einen bösen Geist, der sich in einem Gebäude eingenistet hat und dort sein Unwesen treibt.

© Studiocanal

Handlung

Madrid 1976: Familie Olmedo zieht aus ihrem kleinen Heimatdorf in die spanische Hauptstadt, in der Hoffnung, dort ihr privates Glück wie auch eine sichere berufliche Zukunft zu finden, um endlich unabhängig von Eltern und Bekannten zu werden. Kurzerhand wurde vom gesparten Geld ein großzügiges Apartment in der Calle de Manuela Malasaña 32 gekauft. Doch schon kurz nach dem Einzug geschehen unerklärliche Dinge, die sich immer weiter zuspitzen. Was niemand von ihnen ahnt, etwas Böses hat sich in ihre Mitte eingeschlichen und es hat einen furchtbaren Plan.

© Studiocanal

Neue Stadt, neues Glück?

Von Beginn an herrscht eine extrem düstere Atmosphäre, vor allem am Ort des Geschehens und ganz besonders im neuen Apartment der Familie Olmedo. Man kann den Mief förmlich riechen und den Staub in der Luft auf der verschwitzten Haut spüren, wenn die Kamera mit Bedacht durch die finstere Wohnung wandert. Die Bauweise erinnert sofort an einen anderen modernen spanischen Klassiker: [REC]. Eng, verwinkelt, unübersichtlich und sehr düster. Es gibt nur wenig Punkte innerhalb der Wohnung, die vom Tageslicht ausreichend erfasst werden.

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Die Handlung startet schon im Jahre 1972 mit zwei Jungen im Treppenhaus, am eigentlichen Handlungsort unseres Films. Wenige Minuten später wird der Beelzebub eingeführt. Doch so klar, wie sein erstes Auftreten auch sein mag, es umgibt ihn noch ein letztes Geheimnis, dass erst im Finale gelüftet wird. Sein Erscheinen und Aussehen orientierten sich dabei an den Vorlagen japanischer Produktionen, weniger an westliche Prototypen. Charakteristisch ist mittlerweile, dass die finstere Macht nicht mehr ausschließlich in der Dunkelheit agiert, sondern rund um die Uhr präsent ist. Vorbei sind die starren Zeiten, als Geister und Dämonen erst um Mitternacht ihren großen Auftritt hatten, so auch in MALASANA 32. Die Story ist weder neu noch überraschend sogar sehr gewöhnlich, bis eben auf das Finale. Aber so wie sie Regisseur Albert Pintó präsentiert ist sie durchaus unterhaltsam und spannend. Im Verlauf des Films finden aufmerksame Zuschauer zahlreiche Hinweise auf bekannte Genre-Klassiker, die hier erneut zur Anwendung kommen. Am ehesten dürften dem Rezipienten POLTERGEIST (1982), RING – DAS ORIGINAL (RINGU, 1998), BLUTIGER SOMMER (SLEEPAWAY CAMP, 1983) und WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (DON‘T LOOK NOW, 1973) in den Sinn kommen. Und genau auf diesen letzten Film hat sich Albert Pinto ganz besonders in der Darstellung seiner Schwerbehinderten Lola und ihrer Mutter bezogen. Ihre Ähnlichkeit mit dem mysteriösen Schwesternpaar Heather und Wendy aus Nicolas Roegs Klassiker ist überdeutlich. Nicht nur in ihrer Funktion innerhalb der Handlung, sondern auch in ihrem Auftreten und Benehmen ähneln sie den beiden.

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Letzte Ausfahrt: Madrid

Gerade im Horrorgenre und ganz besonders bei den zahlreichen Geisterfilmen gibt es ein sich wiederholendes Element, welches immer wieder Verwendung findet: Große Probleme innerhalb der Familienstruktur, die zur Auflösung von Zusammenhalt, Vertrauen und Liebe führen. So auch hier, denn die Olmedos sind schon im Vorfeld mit tiefgreifenden Problemen belastet und die Stimmung ist alles andere als harmonisch. Es herrschen große Geldsorgen, damit einhergehend auch entsprechende Zukunftsängste. Denn der Umzug nach Madrid war mehr eine Flucht und markiert eine letzte Chance auf Unabhängigkeit. Doch Verbundenheit sieht anders aus, denn fortwährende Streitereien und Probleme prägen den Alltag. Der Sinn und Zweck dieses sich wiederholenden Musters ist, dass genau dort das Böse seinen Nährboden findet. Denn einzeln sind wir schwach und nur gemeinsam schaffen wir selbst das Unmögliche.

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Die weitestgehend unbekannten Darsteller machen durch die Bank einen guten Job und können in ihren Rollen überzeugen. Es gibt einige sehr gruselige Momente und das Erscheinen des Geistes in mehreren unterschiedlichen Versionen ist wohl dosiert, gleiches gilt auch für die wenigen Effekte. Markant ist die an Gift erinnernde Farbpalette, der sich Regisseur Pinto in MALASANA 32 bedient. Über weite Strecken beschränkt er sich auf verwaschene Braun-, Grün- und Gelbtöne. Zusammen mit präzisen Aufnahmen seines Kameramannes Daniel Sosa Segura unterstreicht er damit von der ersten Minute an die Verdorbenheit der Atmosphäre und des Bösen, dass an diesem Ort haust. Der finstere Soundtrack von Frank Montasell und Lucas Peire überzeugt und verstärkt mit Nachdruck die feindselige Grundstimmung von Pintós Werk.

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Fazit

In einer Zeit, in der in Hollywood nur Fließbandproduktionen die Studios verlassen, die irgendwo festsitzen zwischen Remakes und Reboots und nur noch mit blinder Konformität glänzen, zeigt MALASANA 32, wie es richtig gemacht wird. Kein weiterer Klon, keine erneute Wiederholung oder Aufbereitung einer verbrauchten Story. Auch wenn Albert Pintós Werk die Klasse seiner großen Vorbilder nicht erreicht, was niemals das Ziel war, ist es ein überdurchschnittlich guter Horrorfilm geworden. Denn er versteht es geschickt den Zuschauer zu unterhalten und ihm immer wieder neue Überraschungen vorzusetzen.

© Stefan F.

Titel, Cast und CrewMalasana 32 – Haus des Bösen (2020)
OT: Malasana 32
Poster
Releaseab dem 28.10.2021 auf Blu-ray und DVD

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RegisseurAlbert Pintó
Trailer
BesetzungBegona Vargas (Amparo)
Iván Marcos (Manolo)
Bea Segura (Candela)
Sergio Castellanos (Pepe)
José Luis de Madariaga (Fermin)
Iván Renedo (Rafael)
María Ballesteros (Lola)
DrehbuchRamón Campos
Gema R. Neira
David Orea
Salvador S. Molina
KameraDaniel Sosa Segura
MusikFrank Montasell
Lucas Peire
SchnittAndrés Federico González
Filmlänge105 Minuten
FSKab 16 Jahren

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