Märchen im Medienwechsel Buchcover J. B. Metzler Verlag

Märchen im Medienwechsel – Buchvorstellung

Zur Geschichte und Gegenwart des Märchenfilms. (J.B. Metzler, 2018)

Die kürzliche Neuveröffentlichung von PANS LABYRINTH im Mediabook war ein Musterbeispiel dafür, wie sorgfältig und liebevoll auch noch junge Klassiker der Filmgeschichte wiederaufbereitet und hierzulande verfügbar gemacht werden können. In unserer Besprechung zur Ultimate Edition dürfte auch ersichtlich werden, wie viel thematisch angrenzendes Material um den Hauptfilm herum zusammengetragen und wie das Gesamtpaket schließlich präsentiert wurde. Steht die neue Fassung von capelight bei uns im Regal, mutet sie bereits wie ein zeitloses Märchenbuch an und spiegelt in seiner Haptik deutlich die thematische Verwurzelung von Guillermo del Toros Film nach außen hin wider.

Pan's Labyrinth Ultimate Edition Review
PANS LABYRINTH // © capelight pictures

Wenn die kleine Ofelia vom Faun/Pan drei magische Prüfungen auferlegt bekommt, verschwimmen in PANS LABYRINTH beständig die Grenzen zwischen der brutalen Kriegsrealität eines faschistischen Regimes und der Materialisierung einer düster-anmutigen Fabelwelt. Die bei del Toro beständig vorkommenden Elemente um Zauber, düstere Magie und schließlich Heldentum spiegeln das (kindliche) Abenteuer von Märchengeschichten wider; ergänzt werden sie stets um weitere Spezifika wie religiöse Symbolik und familiäre Strukturen. Doch gerade die bei ihm gestalterisch oftmals opulente Betonung auf den Horror(film) verwurzelt del Toros Œuvre fest in der Welt klassischer Märchen, die ursprünglich ja nicht für ein ganz junges Publikum konzipiert wurden und denen Motive des Terrors fest eingeschrieben sind.

Märchen im Medienwechsel Buch Seite 1-2
Einblick in Märchen im Medienwechsel (Seite 13-14) // © Springer Nature Switzerland

Del Toros Filme sind nur ein Beispiel für den (sehr) erfolgreichen Medienwechsel von Märchen. Das hier besprochene Buch dürfte für jeden Filmliebhaber interessant sein, legt es doch nachhaltig den Fokus auf die schönste aller Künste: So „waren es vor allem auch Filme mit populären Märchensujets, deren phantastische Dimensionen und effektvolle Inszenierungen dem Bedürfnis des zeitgenössischen Publikums nach Unterhaltung entsprachen. Einerseits waren Märchen einer breiten Masse aus der bis dato vorherrschenden oralen, literalen und visuellen Erzähltradition bekannt, andererseits brach sich im Medium Film eine neue Tradierungsform von großer Reichweite Bahn, die bis in die heutige Zeit das Märchenbild und -erleben vieler kindlicher und erwachsener Rezipientinnen und Rezipienten prägt.“ (Die Herausgeber Ute Dettmar, Claudia Maria Pecher und Ron Schlesinger in ihrem Vorwort zum Buch, S. VII)

LA BELLE ET LA BÊTE Kinoposter
LA BELLE ET LA BÊTE (1946) Kinoposter

„Märchen im Medienwechsel“ (J.B. Metzler, 433 Seiten) ist eine Expedition von der Vergangenheit bis zur Gegenwart des Märchenfilms. Diverse formelle und stilistische Strömungen werden berücksichtigt, insgesamt 21 Autoren liefern 19 eigenständige Kapitel zum Thema ab. Von der frühen Realisation berühmter (französischer) Volksmärchen und phantastischer Erzählungen durch Georges Méliès oder später Jean Cocteau (LA BELLE ET LA BÊTE, 1946) führt uns die Reise anfänglich zu noch oftmals verkannten und vergessenen Märchen-Stummfilmen aus Deutschland. Horst Schäfer entführt uns auf 25 intensiven Seiten in eine entscheidende Phase filmisch-künstlerischen Schaffens, die parallel zur Zeit des deutschen Expressionismus stattfand und sich gleichwohl stark daraus nährte. Er erläutert die Bedeutung des Märchens für Erwachsene wie auch für Kinder, zeigt dessen Gemeinsamkeiten und Gegensätze auf; anschließend leitet er mit dem Kino von Paul Wegener, Carl Koch und Lotte Reiniger zu den Scherenschnitt-Abenteuern à la DIE ABENTEUER DES PRINZEN ACHMED (D 1926) über, deren Schöpferin Reiniger in der Folge noch zwei weitere Buchkapitel gewidmet sind.

Märchen im Medienwechsel Buch Seite 101-102
Einblick in „Märchen im Medienwechsel“ (Seite 101-102) // © Springer Nature Switzerland

Die folgenden Kapitel beschäftigen sich mit der fast 100-jährigen Geschichte der Produktionsfirma Disney sowie, dann ausgeprägt territorial, mit Märchenfilmen im „Dritten Reich“, in der BRD und DDR – allein hier mit über 50 Seiten ein Schlüsselkapitel aus der Feder von Ko-Herausgeber Ron Schlesinger – sowie mit sowjetischen, romanischen und tschechoslowakischen Märchenspielfilmen. Bei diesen (über)regionalen Themen wird nicht selten eine Mediengeschichte von über 70 Jahren illustriert.

Ab den Seiten 300+ wird der medienübergreifende Diskurs anhand zeitgenössischer Beispiele vertieft. Von deutschen und US-amerikanischen TV-Serien-Produktionen wie Sechs auf einen Streich (ARD), Märchenperlen (ZDF) oder Grimm und Once Upon A Time (ab 2011) leitet eine bemerkenswerte Abhandlung über „das parodistische Spiel mit dem Erzählfundus“ bei den Simpsons zu einem weiteren eigenständigen Kapitel über die jüngere filmische Märchenkomödie über. Abschließend wird über „Aktuelle Tendenzen des Märchenfilms“, über diese „erweiterte[n] Gratifikationen und Adressierungen am Beispiel Schneewittchen“ geschrieben bevor zuletzt mit dem Computerspiel The Wolf Among Us ein weiteres Medium und dessen Erzählstrategie Einzug in den Diskurs hält. Abgerundet wird der eindrucksvolle Band durch eine 20-seitige chronologische Gesamtfilmographie, die etwa 800 Titel aufführt.

The Wolf among us Vertigo Comics
Vom Comic zum Game THE WOLF AMONG US // © DC Entertainment

Märchenfilme sind ein asymmetrisches Konstrukt und changieren in der Regel zwischen den drei Eckpfeilern Kinderfilm, Literaturfilm und Fantasyfilm; doch dieses Buch zeigt nachhaltig und wirkungsvoll auf, aus welchen vielfältigen Rezepturen sich der Medienwechsel des Märchens speist. Märchen erfreuen sich nach wie vor einer universellen Beliebtheit und sind entlang der spannenden, medialen Transformationen auffällig zeitlos in ihrer erzählerischen Kraft. Dieses Buch hilft zu verstehen und weiß dank seiner zahlreichen gelungenen Beispiele nachhaltig zu begeistern.

Das Buch ist nicht ganz günstig (UVP 79,99), doch ist hierbei zu betonen, dass es sich um ein film-/medienwissenschaftliches Fachbuch mit lückenloser Nachweisführung handelt. Der Preis bietet demnach höchst fundiertes und zeitgenössisch-professionell aufgearbeitetes Wissen über die mediale Transformation einer der bedeutendsten Erzählformen überhaupt. Dass auf gut 400 Seiten auch hier nicht alles gesagt sein kann, impliziert die bewusste Eingrenzung auf europäische und US-amerikanische Modelle filmischer Märchenerzählung. Ich persönlich hätte gerne auch ein Kapitel gelesen, das sich en detail mit südostasiatischen Märchen beschäftigen, besitzen diese doch die längste Tradition von allen. Doch das entspricht vorrangig meiner subjektiven Erwartungshaltung und soll der Lesefreude dieses wichtigen Buchs keinerlei Abbruch tun.

Märchen im Medienwechsel JB Metzler BuchcoverDettmar, Ute/Pecher, Claudia Maria/Schlesinger, Ron (Hrsg.)
Märchen im Medienwechsel – Zur Geschichte und Gegenwart des Märchenfilms

Unter Mitarbeit von Martin Anker
1. Auflage 2017 (2018)

Preis (Hardcover): 79,99 €
Preis (eBook): 62,99 €
Seitenanzahl: 436
Abbildungen: 67
Bestellung: Springer Shop oder Amazon
Blick ins Buch: Google Books
ISBN: 978-3-476-04593-5

Inhalt

  • Marcus Stiglegger: Märchenfilm und Filmmärchen. Der beschwerliche Weg zum Happyend
  • Claudia Maria Pecher: Georges Méliès (1861–1938) – Pionier des Märchenfilms
  • Jan Sahli: Das schöne Biest. Jean Cocteaus Märchenverfilmung „La Belle et la Bête“ (F 1946)
  • Horst Schäfer: Verkannt, vergessen, verschollen: Märchen-Stummfilme in Deutschland
  • Andrea Hartmann (et al.): „Scissors on a Screen“. Lotte Reinigers Silhouetten-Märchenfilme
  • Hannes Rall: Lange Schatten einer Pionierin. Der Einfluss von Lotte Reiniger auf nachfolgende Trickfilmer-Generationen
  • Ingrid Tomkowiak: Capture the Imagination – 100 Jahre Disney-Märchenanimationsfilme
  • Ron Schlesinger: Märchenfilm im „Dritten Reich“
  • Dieter Wiedemann: Es war einmal … Märchenfilme in der Bundesrepublik Deutschland und in der DDR
  • Steffen Retzlaff: Der tschechoslowakische Märchenspielfilm (1920–1989)
  • Lubomír Sůva: Auf der Suche nach dem neuen Aschenbrödel. Entwicklungstendenzen der tschechischen Nachwende-Märchenkinematografie
  • Olena Kuprina: Terra incognita: Sowjetischer Märchenfilm (1917–1990)
  • Ludger Scherer: Metamorphosen des Monströsen. Rezente romanische Märchenfilme
  • Christine Lötscher: Teenagernöte im Freilichtmuseum. Die Märchenspielfilmreihen „Sechs auf einen Streich“ (ARD) und „Märchenperlen“ (ZDF)
  • Sabrina Geilert/Juliane Voorgang: Serielles Märchen-Erzählen am Beispiel neuerer US-TV-Produktionen
  • Anna Stemmann: Märchenspuren in Springfield. „Die Simpsons“ und das parodistische Spiel mit dem Erzählfundus
  • Tobias Kurwinkel: Von 7 Zwergen, grünen Ogern und einer Prinzessin auf dem Times Square: Der komische Märchenfilm
  • Klaus Maiwald: Aktuelle Tendenzen des Märchenfilms: Erweiterte Gratifikationen und Adressierungen am Beispiel „Schneewittchen“
  • Thomas Scholz: Von Wölfen und Detektiven: Erzählstrategien im Computerspiel „The Wolf among us“
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