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Madame Web (2024) – Filmkritik

„Vernetzung der Sinnlosigkeit“

Den inneren Warnungen und dem eigenen Bauchgefühl zum Trotz sitzt man manchmal mitten im Schlamassel drin. In diesem Fall keine lebensbedrohliche Situation, aber eine höchst fragwürdige, wie man seine Zeit verbringt. Die Besetzung, die Comicvorlage und vor allem der Trailer haben Warnsignale aufheulen lassen, dass MADAME WEB kein guter Film ist. Wer hat da seine Fäden gezogen? Es mag die Neugierde darauf gewesen sein, wie schlimm der Film denn nun wirklich sei. Aber nun ist es an der Zeit alle anderen davor zu bewahren, weder Zeit noch Geld für die neuste Marvel-Comicverfilmung aus dem Hause Sony zu opfern. Aber dazu später mehr, jetzt erst einmal das Handlungsgerüst.

Handlung

1973 im Amazonas, die Forscherin Dr. Webb ist auf der Suche nach einer äußerst seltenen Spinnenart. Ihr Gift verleiht nicht nur enorme Stärke, sondern heilt auch Krankheiten. Die hochschwangere Webb wird aber von ihrem Assistenten Ezekiel Sims (Tahar Rahim) hintergangen und angeschossen. Nur mit Hilfe der einheimischen „Spinnenmenschen“ und einem Biss der besagten Spinne, kann sie ihre Tochter zur Welt bringen. Doch für die junge Mutter selbst kommt jede Hilfe zu spät.

© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

30 Jahre später ist Cassandra Webb (Dakota Johnson) eine Notfallsanitäterin in New York und ahnt von ihren besonderen Fähigkeiten nichts. Erst als sie beinahe selbst bei einem Einsatz ums Leben kommt und ihr Kollege und Freund Ben Parker (Adam Scott) sie wiederbelebt, kann sie punktuell in die Zukunft sehen. Mit kryptischen Hinweisen und Visionen gelingt es ihr, lebensbedrohliche Situationen vorherzusehen und darauf zu reagieren. Diesen Sechsten Sinn hat Ezekiel – der Verräter aus dem Dschungel, jetzt mit Superspinnenkräften – teilweise auch und der sieht seinen Tod im Traum voraus. Drei Superheldinnen werden ihn in zehn Jahren aus seinem schicken Bösewicht-Appartement-Fenster werfen. Ezekiel will aber nicht darauf warten, bis sie ihre Kräfte ausbilden, denn jetzt sind sie noch Teenagerinnen: Julia (Sydney Sweeney), Mattie (Celeste O’Connor) und Anya (Isabela Merced), die Cassandra ungewollt retten muss.

Zeitschleifen und andere Probleme

Multiversen und Zeitreisen werden gerade inflationär im Science-Fiction-Genre benutzt, ohne dass sie verstanden werden. Weder als Spannungsbogen noch als philosophischer Gedankenanstoß fallen sie auch hier auf keinen nahrhaften Boden. Dabei ist die Idee, der Hauptrolle einer Rettungssanitäterin Zukunftsvisionen zu verpassen, keine schlechte. Die ganze Welt steht zur Abwechslung mal nicht gleich auf der Kippe und das Ganze bekommt etwas bodenständig Menschliches. Jedoch weiß MADAME WEB es nicht zu nutzen bzw. verbaut sich den Film mit drei jungen Teenagerinnen.

© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

Ein hauptsächlich weiblicher Cast ist in der Comicverfilmungswelt längst überfällig, aber wenn dabei nur Stereotypen abgebildet werden, hilft das dem Feminismus nicht weiter. Die drei zukünftigen Spider-Women wirken wie für eine Pop-Band zusammengecastet. Persönlichkeitsprofile werden durch schlechte Beziehungen zu ihren Eltern definiert und es stört einfach, dass die Schauspielerinnen viel zu alt für ihre Rollen sind. Zum Beispiel geht die 26-jährige Sydney Sweeney nicht mehr als Schülerin durch, da hilft auch eine Schulmädchenuniform nicht weiter, sie ist sogar kontraproduktiv. Es ist bis zum Ende auch unklar, warum das Ganze im Jahr 2003 spielt – die Antwort, damit es ins Cinematic Universe passt, zählt nicht. Vor allem, wenn dem Publikum STAATSFEIND-NR.-1-Technik als der neue coole Scheiß verkauft werden soll. Das führt zu einem der großen Probleme des Films: dem Bösewicht.

© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

Dark Spider-Man

Ezekiel Sims ist eine Art böser Spider-Man, der seine Kräfte anscheinend nur dafür nutzt, um Frauen abzuschleppen und sich eine schicke Wohnung leisten zu können. Aber die Alpträume mit einer düsteren Zukunft plagen ihn und deswegen besorgt er sich von einer CIA-Agentin den Zugang zu geheimer Supertechnologie, mit der man jeden Menschen in der digital vernetzten Welt von 2003 finden kann. Das Ganze ist ein bisschen weit hergeholt, in dieser Zeit gab es kaum Kameras im Alltag. Irgendwie bekommt er es hin, auch dank seiner tech-affinen Assistentin Amaria (Zosia Mamet), seine zukünftigen Killerinnen aufzuspüren. Ihr merkt schon, der Film ist fast komplett weiblich besetzt, aber der Schurke muss nun mal ein Mann sein. Das wäre völlig okay, wenn er denn wirklich bösartig und unaufhaltsam stark wäre. Hier liegt jedoch das Problem, dass man seine Kräfte so gut wie gar nicht versteht und die einzige Vorbereitung der jungen Heldinnen auf den Kampf ein kurzer Erste-Hilfe-Kurs ist. Der natürlich – Achtung, jetzt haben wir auch Zukunftsvisionen – im Finale zur Anwendung kommt. Zudem scheint der Schauspieler Tahar Rahim komplett nachsynchronisiert worden zu sein, denn in Dialogszenen ist sein Mund fast nie zu sehen. Das fällt trotz der gewollt schnellen Montage und hin und wieder coolen Kamerafahrten im Spinnenmodus unangenehm auf. Wer weiß, was die Gründe dafür sind.

Comicverfilmungen leben von den Kräften der Widersacherinnen und Widersacher. Wer hat welche Stärke und wie kann sie gegeneinander eingesetzt werden? In MADAME WEB läuft alles wie auf Telenovela-Schienen und vom Aufbrechen der Geschlechterrollen ist der Film so weit entfernt wie wir vom Jahr 2003.

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Neues Spider-Verse?

Mit MADAME WEB wollte Sony noch etwas extra Geld aus der Lizenz rausquetschen, aber Spinnen gibt es in der Filmwelt aktuell schon zu viele, sei es animiert oder real. Der Einsatz des Produktionsstudios ist sich auch nicht hoch, denn abgesehen von der Hauptdarstellerin Johnson, die hier auch so gar nicht weiß, wie sie die Rolle anlegen soll, wurden keine großen Schecks unterschrieben. Das beginnt bei der Serien-Regisseurin S. J. Clarkson und endet beim digitalen Effekt-Matsch-Finale. Nach diesem Flop wird die Idee von MADAME WEB und ihren Spider-Women bestimmt in der Archivkiste verstaut, denn mehr als eine extralange Webserienfolge war das nicht. Offiziell gehört der Film jedoch zu Sony’s Spider-Man-Universe, wie auch VENOM oder MORBIUS – qualitativ also genau in der richtigen Gesellschaft.

Fazit

Endlich kann man die Superkräfte der Titelheldin selbst erlangen: MADAME WEB macht aus ihrem Publikum Hellsehende. Wem wird es gelingen, beim Vorhersagen der Handlung und ganzer Dialogzeilen genug Mut aufzubringen, diesem Abenteuer den Rücken zu kehren? Dir, Dir oder Dir?

© Christoph Müller

//Gesehen auf einer Pressevorstellung am 13.02.2024

Titel, Cast und CrewMadame Web (2024)
Poster
ReleaseKinostart: 14.02.2024
RegieS. J. Clarkson
Trailer
BesetzungDakota Johnson (Cassandra Webb / Madame Web)
Sydney Sweeney (Julia Cornwall)
Celeste O’Connor (Mattie Franklin)
Isabela Merced (Anya Corazon)
Tahar Rahim (Ezekiel Sims)
Adam Scott (Ben Parker)
Emma Roberts (Mary Parker)
Mike Epps (O'Neil)
José María Yazpik (Santiago)
Zosia Mamet (Amaria)
Kerry Bishé (Constance)
DrehbuchMatt Sazama
Burk Sharpless
Claire Parker
S. J. Clarkson
KameraMauro Fiore
MusikJohan Söderqvist
SchnittLeigh Folsom Boyd
Filmlänge117 Minuten
FSKab 12 Jahren

Ein Gedanke zu „Madame Web (2024) – Filmkritik“

  1. Ich lese eure Beiträge meistens nur unkommentiert (aber immer interessiert). In diesem Fall habe ich aber das Bedürfnis, andere (mit) zu warnen: ich hätte auf euch hören sollen. Diese Filmkritik trifft wirklich ins Schwarze. Mehr gibt es eigentlich gar nicht zu sagen: Wer den Film schaut, obwohl er vorher euren Beitrag gelesen hat, verschwendet, so wie ich, wohl wissend Lebenszeit.

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